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Wenn Flucht weiblich ist

Die Realitäten von Frauen bleiben auch in der Migration unsichtbar

Text von Alara Yilmaz

Die dreijährige Lara rennt lachend ihrer Mutter davon. Zwischen Containern und Zäunen manövriert sie gekonnt, alle betrachten sie liebevoll. Das kleine Mädchen ist die Prinzessin dieses trostlosen Ortes, ein kleiner Lichtblick an schweren Tagen. Schließlich fängt ihre Mutter sie auf, tadelt sie und nimmt sie auf den Arm.

Lara und ihre Eltern befinden sich seit acht Monaten im Flüchtlingscamp Lipa, einem Auffanglager 25 Kilometer von der bosnischen Stadt Bihać entfernt, unweit der kroatischen Grenze. Das Lager vor den EU-Außengrenzen ging 2020 in Betrieb und war damals nur für Männer gedacht. Heute trifft man dort auch auf Frauen und Familien, besonders seit der Schließung des nahegelegenen Familiencamps Borici. Im Camp Lipa leben momentan ungefähr 200 Menschen. Fast alle haben ihre Heimatländer verlassen, um sich auf die Suche nach einem besseren Leben in der europäischen Union zu machen.

Eine davon ist Ferda, Laras Mutter. Sie hat sich mit ihrer Familie vor fast einem Jahr auf den Weg aus der Türkei nach Deutschland gemacht. Seit ungefähr acht Monaten steckt das Paar mit seiner Tochter in der bosnischen Grenzstadt fest. Den gefährlichen Weg über die kroatische Grenze zu bestreiten, scheint unmöglich mit einem dreijährigen Kind an der Hand. „Wir kommen nicht über die Grenze, die Kleine kann nicht so schnell gehen“, erzählt Ferda. Sie beschreibt die Lage an den EU-Außengrenzen und die extreme Gewalt, die von der kroatischen Grenzpolizei ausgeht. „Uns als Familie brechen sie zum Glück nur die Handys entzwei. Meinem Bruder haben sie die Rippen gebrochen.“

Vor ihrer Flucht lebte Ferda 20 Jahre lang mit ihrem Ehemann in Istanbul. Der Grund für ihre Flucht waren extreme Streitigkeiten zwischen ihren Familien, teils auch über die religiöse Erziehung ihrer Tochter. Die junge Mutter möchte ihr Kind christlich erziehen, ihre Verwandtschaft akzeptierte dies nicht. Ferda erzählt, sie mussten fliehen, bevor ihre Familien anfingen, sich gegenseitig zu töten. Sie verkaufte ihre Wohnung und zahlten einem Schlepper 10.000 Euro, um sie in die EU zu bringen. Jetzt steckt sie aussichtslos seit Monaten in Bosnien fest.

Im April 2025 waren laut Zahlen der UNO-Flüchtlingshilfe 122,1 Millionen Menschen auf der Flucht, Schätzungen zufolge ist die Hälfte davon Frauen. Diese leiden meist unter besonderen Risiken, die oft unsichtbar bleiben, sagt Aimée Stuflesser, Asyl- und Migrationsexpertin bei Amnesty International Österreich. Tausende von Frauen erleiden auf ihrem Weg nach Europa physische und sexuelle Gewalt und Ausbeutung, außerdem können sie Opfer von Menschenhandel werden. Besonders gefährdet seien Frauen die alleine, oder nur mit ihren Kindern reisen, so Stuflesser.

Auch Berivan ist seit einigen Wochen im Camp Lipa untergebracht. „Alleine als Frau ist es sehr schwer auf der Flucht“, erzählt sie. „Überall gibt es Männer die sich ungut verhalten – andere Migranten oder Polizisten.“ Die Kurdin wuchs in einem Flüchtlingscamp im Nordirak auf, nachdem ihre Familie in den 90er-Jahren aus ihrem Dorf in der Türkei vertrieben wurde. Dort wurde ihr irgendwann der Zugang zur Universität und damit zu Außenwelt von dortigen Behörden abgeschnitten, gleichzeitig war sie regelmäßig unter Beschuss türkischer Bomben. Jetzt ist Berivan wieder auf der Flucht und per Zufall in Bosnien gelandet. Das Camp finde sie grundsätzlich hygienisch und angenehm, problematisch sei die Lage: „Man braucht Stunden um in die nächste Stadt zu gehen. Einen Transport gibt es nicht, und auf dem Weg kann man Bären und kriminellen Gangs im Wald begegnen.“ Berivan hat vor nach Sarajevo zu übersiedeln, um dort wenigstens mehr Unabhängigkeit im Alltag zu haben.

Obwohl das Camp Lipa, geleitet von der Internationalen Organisation für Migration (IOM), angibt, den Bedürfnissen von Frauen und Kindern auf der Flucht nachzugehen, bleibt viel an der Arbeit von Nichtregierungsorganisationen hängen. Die österreichische NGO SOS Balkanroute setzt sich für einen Shuttlebus aus dem Lager in die Stadt Bihac ein und versorgt Geflüchtete im Camp Lipa regelmäßig mit angemessenen Kleidungs- und Lebensmittelpaketen. Erfreulich für Ferda und ihre Tochter, die das Essen im Camp nicht anrühre und sich bei jeder Lieferung überschwänglich freut.

Die italienische Organisation IPSIA betreibt ein Schutzhaus für Minderjährige in der Region. Dieses bietet vor allem allein reisenden Kinder und Jugendliche einen Ort, an dem sie verweilen können, während sich um Arzt- und Schulbesuche sowie Freizeitaktivitäten gekümmert wird. Leider steht das Haus jedoch halbleer, auch wenn einige Kinder aus Lipa übersiedeln könnten. Der Grund hierfür bleibt in der Recherche unklar. Lokale Stimmen vermuten, dass Behörden ihre Zuständigkeiten nicht vollständig an NGOs verlieren wollen.

Stuflesser bewertet die Arbeit der internationalen Behörden im Bereich des Schutzes von migrierenden Frauen in ganz Europa als unzureichend. „Die Gefahren für Frauen und Mädchen auf der Flucht werden durch die Abschottungspolitik Europas sowie durch Maßnahmen wie den Stopp der Familienzusammenführung in Österreich verschärft.“ Staaten müssten laut der Asyl- und Migrationsexpertin die Menschenrechte und den Schutz von weiblichen Personen auf der Flucht gewährleisten sowie sichere Fluchtrouten schaffen.

Auch Berivan und Ferda hätten gerne auf legalem Weg die Reise nach Europa angetreten. Doch nach zahlreichen Visumsabsagen von Behörden, erschwerten Zugangsmöglichkeiten und lebensgefährlichen Situationen in der Heimat ist ihnen das temporäre Leben im Camp Lipa lieber, als wieder nach Hause zurückzukehren.

 *Die Namen aller Geflüchteten wurden der Sicherheit halber anonymisiert

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