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Feuer dem Patriarchat und Raum der Wut

Das wird ein wütender rant, wäre es kein Text, würde ich den mit ganz vielen Frage- und Ausrufezeichen in ein Mikro schreien. Es ist keine Strategiediskussion, kein Debattenbeitrag, es ist und bleibt ein wütender rant, der ein paar Dinge „vor den Latz knallen“ möchte, der Fragen und Mittelfinger ohne Punkt, Komma und Zwischenüberschriften in den Raum wirft um ihrer selbst willen, wohl wissend, dass er keine Antworten liefert und diese auch nicht wirklich erwartet, weil es sie nicht gibt, schon gar nicht kurzfristig und direkt umsetzbar. Eine Triggerwarnung sei vorangestellt, dieser Text thematisiert und benennt Gewalt gegen Frauen.

Es ist ein wütender Text geschuldet der letzten Woche, der „Fall Collien Fernandez“ als Auslöser, fortgeführt in Überlegungen zum Sinn und Zweck oder besser gesagt dem Nutzen und den Erfolgsaussichten meiner laufenden Verhaltenstherapie – warum soll ich eigentlich mein Verhalten ändern, um mich besser in die Schei*e einzufügen, statt dass mal alle mithelfen, die Schei*e zu ändern, damit sie besser zu uns passt?!

Aber fangen wir am Anfang an bzw. am aktuellen Aufhänger, denn der Anfang liegt inzwischen in so weiter Entfernung wie ein potenzielles Ende. Diese Woche ist es also Collien Fernandez, die es schafft, das Schweigen zu Gewalt gegen Frauen zu brechen und es in die Scheinwerfer zu ziehen. Das gelingt ihr nach Jahren öffentlichem Kampf zum Thema inklusive einer Doku. Es gelingt ihr, als der Name des Täters, des Mannes genannt wird, der ein C- D- oder F-Promi ist. Es gelingt also nicht durch das Thema „Gewalt gegen Frauen“, es gelingt durch die Benennung des Mannes. Allein das reicht aus – und das sollte es nicht nur für mich und andere Frauen – damit ich eigentlich alles in Flammen aufgehen sehen möchte. Ich möchte die ganze patriarchale Schei*e in Brand setzen und sie bis auf die Grundmauern niederbrennen sehen. Gleiches gilt auch für die kapitalistische Schei*e, die enger Verbündeter, Urheber von und/oder Bedingung für Patriarchat & Co. [insert alles, was weg muss] ist. Bleiben wir heute aber mal beim Patriarchat, bei der Gewalt gegen Frauen. Seitdem Collien Fernandez in der öffentlichen Wahrnehmung gelandet ist, schwingt wieder einmal eine Schwere, Wut und Müdigkeit in jedem Gespräch zu egal welchem Thema mit einer Frau mit, die greifbar ist und es ist klar, woher die kommt. Es braucht keine Nachfrage und keine Erklärung. Es ist uns (Frauen) allen klar. Es ist immer so, wenn alltägliche Gewalt gegen Frauen ein Echo in der Öffentlichkeit und in den Medien findet. Es ist so, weil wir alle Betroffene sind, weil wir wissen, der nächste Fall passiert gerade in diesem Moment jenseits der öffentlichen Wahrnehmung und weil wir wissen, es werden noch ganz viele Fälle im Licht der Öffentlichkeit und abseits davon passieren, ohne dass sich irgendetwas Grundsätzliches ändert und Frauen endlich sicher sind. Es wird alles nur noch dramatischer, wenn zum Fakt „ich bin eine Frau“ noch irgendeine Marginalisierung, eine Schublade hinzukommt, die per se schon mal nichts Gutes bedeutet: queer, non-binär, trans, migrantisch, obdachlos, körperlich beeinträchtigt, (Lohn-)arbeitslos, chronisch krank, alt…

Ich sehe die Auswirkungen und die Scham dieses verfluchten Systems Patriarchat überall, wir Frauen sehen sie überall, im Alltag, in der sogenannten Normalität. Das macht uns wütend, es macht Angst, es schüchtert ein, es lässt verzweifeln, es macht betroffen, es macht hilflos. Aber wir sehen sie, immer. Ich sehe sie, immer. Ich sehe sie im Verhalten meiner Mutter, wenn sie beinahe flüsternd und relativierend Jahrzehnte später von einem Vorfall mit meinem Großvater, ihrem Schwiegervater, erzählt und vom erst kürzlich erfolgten übergriffigen Verhalten eines Nachbarn. Davon hat sie mir übrigens nur sehr ungern und erst 2-3 Wochen später erzählt, weil „Du gehst dann immer gleich los und machst was“ – ja, verdammt nochmal! Was soll ich denn sonst tun? Natürlich muss da etwas getan werden, natürlich muss der Täter zur Rede gestellt werden, wenigstens das! Nein, es ist nicht der Moment zu überlegen, wer das dann alles mitkriegt und „was die Leute denken“. Kaum etwas ist wahrer als der Satz „Die Scham muss die Seite wechseln“! Ich sehe es in den verklärten Rückblicken nach dem Tod meines Vaters, wo alle Konflikte auf einmal keine Rolle mehr spielen. Und es macht mich so wütend, weil ich diesen verklärten Blick nicht habe und mich schuldig fühle, weil ich nicht „richtig“ trauere oder noch immer auch seine Fehler anspreche.

Ich sehe die Auswirkungen und die Scham bei mir, wenn ich nichts sage zum Verhalten des Sohnes einer befreundeten Familie. Ich habe nichts gesagt, als er getan hat, was er getan hat und mich das Klingeln des Lieferdienstes aus dieser extrem unangenehmen Situation herausgeholt hat und ich sage auch jetzt nichts bei den Lobgesängen auf ihn nach seinem plötzlichen Tod. Ich schweige und atme und schlucke die Wut hinunter. Ich sehe bzw. fühle, was es noch immer mit mir macht, nur an das falsche und bedrängende Verhalten eines Genossen vor ein paar Jahren zu denken. An eine sehr toxische Ex - Beziehung, die in einer Schwangerschaft und Adoption endete. Ich erlebe Gewalt gegen Frauen, gegen mich, jedes Mal, wenn Fremde einen Rempler auf überfüllten Bahnhöfen zum Anlass nehmen, mich Fotze, Bitch oder sonst etwas zu nennen. Ich erinnere mich an Kommentare in der Schule zu meinem Gewicht, an Daniel, der trotz eines NEIN vor meiner Tür stand, von meinen Eltern abgewimmelt werden musste und wo ich am Ende die Böse war, weil ich mich weiteren Gesprächen nach meinem NEIN entzogen habe. Ich denke an Nico, den Polizisten, der, unterstützt von zwei seiner Kollegen, an Weihnachten auf der Mission war, seine Ex (meine Nachbarin und Freundin) zu erschießen und mich gleich mit, weil er mich für ihren Neuen (bewusst so gegendert) hielt, nachdem er schon dafür gesorgt hat, dass wir selbst in der Wohnung meiner Mutter Weihnachten mir runter gelassenen Jalousien verbracht haben.

Wir erleben Gewalt gegen uns mit jedem „Süße“, „Kleine“, „ich erklär Dir das jetzt mal“ eines Mannes. Ich denke an viel zu viele Freundinnen und ihre viel zu vielen Erlebnisse, an ihre viel zu vielfältigen Gewalterfahrungen, an die Auswirkungen für sie ganz persönlich und oft für uns alle, wenn Freundeskreise und Politgruppen implodieren, wenn wir als Betroffene es sind, die damit umgehen und Unterstützungsgruppen für uns selbst starten, Ansprechgruppen für Fälle sexualisierter Gewalt in unseren Politstrukturen starten und diese bis heute am Leben halten. Das es das z.B. bei Ende Gelände gibt, liegt an einem Fall in meiner Ortsgruppe in Würzburg und es war die Betroffene, die mit uns, ihren Freundinnen und Genossinnen diese Struktur gestartet hat und sich gleichzeitig dem Thema transformative Gerechtigkeit angenommen hat mit der Etablierung einer Supportstruktur auch für den Täter. Das alles ist normal und das alles sollte nicht normal sein!

Gewalt ist es übrigens auch, wenn ein älterer Herr mich an der Kasse mit den Worten „gehen sie ruhig vor, junger Mann“ anspricht und auf meine scherzhafte und freundlich vorgebrachte Antwort „Ich bin zwar kein junger Mann, aber Danke“ mit einer flammenden Rede reagiert, die thematisiert, wie Frauen auszusehen haben.

Knast – an sich natürlich schon Verkörperung und Inbegriff von Gewalt – wird für Frauen nochmal verschärft, wenn es nachts oft männliche Beamte sind, die mit freilaufenden Drogenhunden auf den Gängen Kontrollen laufen und dann eben ohne Vorwarnung die Zelle betreten, sollte der Hund reagieren. Es wird katastrophaler für Frauen, wenn im Knast keine Auswahl an Ärzt:innen zur Verfügung steht und Frau auch im Fall einer psychischen Krise oder bei gynäkologischen Untersuchungen einem Mann vorgeführt wird. Und auch bei Hofgängen gibt es nicht zwingend Schutz vor den Augen und verbalen Übergriffen der männlichen Inhaftierten, die zwar durch Zaun und Stacheldraht abgegrenzt sind, aber durchaus jeden Schritt beobachten und kommentieren können.

Gewalt gegen uns Frauen ist für uns immer präsent, immer real und jederzeit möglich, in x Formen und jede davon ist eine Gefahr. Sie fängt nicht erst an mit dem Schlüssel in der Hand, Blicken über die Schulter, dem Hören auf Schritte und ständiger Alarmbereitschaft auf dem Weg nach Hause, sobald es dunkel ist, sondern mit Pfiffen, Blicken, Bemerkungen und Witzen und dem lauten Schweigen dazu. Sie geht weiter mit dem alltäglichen Hinweis an Freundinnen „meld Dich, wenn Du zu Hause bist“ und mit zu vielen Abenden und Gesprächen über traumatisierende Erlebnisse im Freundinnenkreis, völlig egal, ob die gerade erst passiert sind oder schon lange zurückliegen. Irgendwann brechen sie durch und dann sind es auch wieder Frauen, für die die Arbeit auf ganz vielen Ebenen anfängt.

Und während ich heute meine Therapiesitzung in Angriff genommen habe, war ich völlig überfordert mit der Frage „wie geht es Ihnen heute?“. Beschissen lautete die Antwort und das obwohl ich dieses Mal nicht akut und aktuell selbst Betroffene war und es mir deshalb ja eigentlich irgendwie gut geht, gut gehen sollte, das aber eben doch nicht der Fall ist, weil ich eben doch schon zu oft und jeden Tag direkt und persönlich Betroffene bin vom „großen Thema“ Patriarchat und Gewalt gegen Frauen und das lässt sich nicht (weg)therapieren, dagegen hilft kein imaginärer sicherer Ort, kein Tagebuch, keine Strategie und kein erlerntes Verhalten . Und verdammt nochmal warum bin ich es denn, die sich Tipps und Tricks antrainiert, um mein Verhalten dem Alltag anzupassen und mit dem Alltag besser klarzukommen, wenn der verdammte Alltag und die Normalität das Problem ist!?

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