
Wenn es um unser im September stattfindendes Mutual Aid HEAT (Abre numa nova janela) geht, gibt es einerseits ganz viel zu erzählen, weil wir Dinge neu und anders versuchen und deshalb immer wieder darüber reden. Was es andererseits noch nicht zu erzählen gibt, sind Erfolgsgeschichten und Erlebnisberichte. Der Grund ist derselbe – es ist neu, es ist – wie das erste Kollapscamp 2025 – ein Versuchsballon und im besten Fall ein Auftakt für Weiteres, angepasst, weiterentwickelt und verändert nach dem Ausprobieren – wie es eben das HEAT im Verhältnis zum Kollapscamp ist.
Mit dem HEAT wollen wir nicht nur die entstehende, aber gerade sehr stagnierende Kollapsbewegung um einen wichtigen Punkt erweitern und mehr Angebote schaffen, die über die emotionale Auseinandersetzung und theoretischen Austausch über Begriffe hinausreichen. Das braucht es, denn in Zeiten von Kollaps sind das Handeln und somit Handlungsfähigkeit die wesentlichen Aspekte, ohne die es keine Bewegung geben kann. Wir wollen ebenfalls einen Punkt setzen in der Diskussion über „Aktivismus“, denn auch wenn es dafür keine einheitliche Checkliste und Definition gibt, sind wir der Meinung, dass wir hier mindestens eine Erweiterung des Spektrums brauchen, weil „Aktivismus“, wie er gerade ist, an Grenzen stößt und deshalb nicht mehr funktioniert. Wir brauchen eine neue Form von Aktivismus und das ist ein wesentlicher Punkt, der hinter der Idee und der Umsetzung des HEAT steckt und der dafür verantwortlich ist, dass wir über mehr als ein Wochenende reden, dass Teilnehmende und Trainer*innen 7 Tage vor Ort sein müssen und dass die Ticketpreise bei 300 – 400 € liegen.
Warum etwas Neues machen?
Aktivismus, wie ihn die meisten von uns praktizieren und kennen, findet am Wochenende statt, mit großer Mobi-Arbeit im Vorfeld und vorgeplanten Aktionen, auf die sich neben uns auch Cops und eventuell bedrohte Konzerne und Firmen vorbereiten. Diese Form hat für mich weiterhin ihre Berechtigung und durchaus eine Relevanz – wenn wir ein paar Dinge ändern. Es braucht ehrlichen Austausch über Sinn und Unsinn, Möglichkeiten und Grenzen von Aktionsformen. Strategiediskussionen sollten auf der Realität basieren, ergebnisoffen sein, was Mittel und Möglichkeiten betrifft. Kommunikation muss aufhören, Luftschlösser in den Hopiumvernebelten Himmel zu schreiben. Solange das nicht passiert, ist der aktuelle Aktivismus für mich größtenteils lediglich noch Aktionismus um seiner selbst willen. Ich bin jederzeit gerne bereit, Infrastruktur und Nazis zu blockieren, weil es sich verdammt nochmal gut anfühlt. Ich möchte das aber nicht mehr tun, wenn wir unsere selbstgesteckten Ziele nicht erreichen können, weil sie von Anfang an unmöglich zu realisieren sind. Komme ich mit in eine Blockade, wenn wir mit 50 Menschen 1 Tag die Panzerproduktion bei Firma X blockieren wollen? Natürlich!Wenn wir mit 3961 Leuten Nazis die Anreise so schwer wie möglich machen und sie gehörig nerven wollen? Jederzeit! (Widersetzen, 4.7. Erfurt (Abre numa nova janela) – den Parteitag können wir vermutlich nicht verhindern, aber ihn zum beschwerlichen Desaster machen.) Denn beides ist möglich, beides sind Erfolgserlebnisse, die wir gemeinsam erreichen können und nach beiden Aktionen nehmen wir eine gewisse Euphorie mit und Bock, das zu wiederholen, statt uns unterkriegen zu lassen. In beiden Fällen können wir ohne Selbstbetrug davon reden, unser Ziel erreicht zu haben.
Mache ich das, wenn wir den Gaseinstieg oder die Neugründung der Hitlerjugend verhindern wollen? Nein, weil wir nicht über Mittel und Wege reden, die das tatsächlich erreichen oder zumindest wahrscheinlicher machen könnten! Weil wir uns mit solchen Vorgaben selbst verarschen, so lange wir weitermachen wie bisher und daran nur scheitern können, egal wie viel Kraft wir aufwenden und welche Konsequenzen wir eventuell auf uns nehmen. Ich möchte nicht mehr scheitern, nicht mehr für ein Symbolbild von Cops verprügelt werden (denn auch diese Bilder haben inzwischen ihre Wirkung verloren) und nach 1 Jahr Knast keine einzige Nacht mehr hinter Gittern verbringen, wenn es nicht wirklich zählt und Konsequenz von etwas ist, das einen Unterschied gemacht hat! Und ich möchte mich auch im Anschluss an solche Aktionen nicht mehr selbst belügen und das Ganze als Erfolg feiern, obwohl der Gaseinstieg unbeeindruckt weiterläuft, weil die Verzierung einer zukünftigen Baustelle für ein Gaskraftwerk mit Solarpaneelen dieses Gaskraftwerk eben nicht verhindert und weil uns die Hitlerjugend lediglich zwei Stunden verzögert heimsuchen kann.
Diese Form von Aktivismus muss meiner Meinung nach ehrlich gemacht werden und die Realität als Ausgangspunkt und Erfolgsmaßstab nehmen, denn dann kommt Sinn und Relevanz zurück. Aktivismus, der dafür kämpft, dass manches besser und vieles vielleicht weniger schlimm wird, ist nötig, heute mehr denn je, denn aufgeben ist für mich weiterhin keine Option. Diese Ansprüche erfüllt ein Großteil der aktuellen Praxis aber leider nicht mehr.
Was ist neu?
Da ich mir aber des Kollaps bewusst bin, in dem wir bereits auf viele große und kleine Arten stecken und dessen Fortschreiten auch nicht mehr zu verhindern sein wird (NEIN, den Knopf oder die Weggabelung, die uns zu einer heilen Welt und dem guten Leben für alle führt, existiert nicht mehr), braucht es mindestens eine weitere Form von Aktivismus. Diese zielt nicht zwangsläufig auf das Verhindern von Szenario X ab, sondern auf das Ermöglichen und Erhalten von Handlungsoptionen, wenn Szenario X eintritt. Das ist die Form, die wir mit dem HEAT umsetzen wollen: Menschen Wissen und Fähigkeiten vermitteln, dass einsetzbar ist.
Die Vorteile liegen für mich auf der Hand. Wenn das Studium vorbei ist, wir im Job stecken und/oder Familie haben, wird es oft schwer, in Aktionen zu gehen, weil eventuell GESA von unbekannter Dauer droht, vielleicht juristische Konsequenzen oder prügelnde Cops, weil das Risiko stetig wächst und wir immer schwerer abschätzen können, was passiert, wenn wir offen und angekündigt irgendwas blockieren usw. Wir verlieren auch deshalb Menschen, weil eine bestimmte Form von Aktivismus für viele irgendwann nicht mehr passt, nicht mehr möglich ist. Es ist einfacher, sich 1 Woche Urlaub zu nehmen, um ein Training zu besuchen und es ist möglich, dass dort Erlernte im Alltag anzuwenden, an allen 365 Tagen im Jahr und nicht nur an 2 Aktionstagen, zu Hause, ohne Anreise und auch ohne Rüstungsfabrik oder Gaskraftwerk vor der Tür. Diese Form von Aktivismus kann ihren Raum finden in den Gruppen, in denen Menschen bereits engagiert und organisiert sind – ob es die lokale Leserunde, der Verein der Blumenzüchterinnen, die Klima- oder Antifa-Struktur ist. Es braucht keine weiteren Gruppen, die Zeit im Terminkalender erfordern und Menschen, die sie ins Leben rufen und am Laufen halten. Bei drei Treffen im Monat könnt ihr weiter Bücher lesen oder Blumen pflanzen, beim vierten befasst ihr euch mit 1.Hilfe oder Sprechfunk und im Notfall könnt ihr etwas tun und erreicht damit ohne Mobi und Social Media – Kampagne ganz viele Menschen, die euch Bücherwürmer bisher belächelt haben und um nichts in der Welt irgendwas vom Klima hören wollten. Ihr erreicht sie, weil ihr helfen und konkret etwas tun könnt, wenn es nötig wird, weil ihr das entsprechende Wissen habt und Dinge vorher geübt habt.
Die Realität zwingt uns ebenfalls zu anderem Aktivismus. Denn die Realität mit ihren diversen Kollapsszenarien tritt ein und es bleibt keine Zeit für eine Mobi-Kampagne, Aktionstrainings und Anreisen vom anderen Ende des Landes. Wenn der Strom ausfällt, Nazis durch die Straßen ziehen, queere Menschen bedroht und angegriffen werden, passiert das überall und ständig. Wenn wir reagieren oder gar agieren wollen, können wir das nur, wenn wir bereits vorbereitet sind und direkt handeln können. Wenn ich zu den aktuellen Pogromen in Belfast schaue, hoffe ich, dass es Menschen gibt, die sich schützend vor Häuser stellen, um Angriffe zu verhindern, Menschen, die Leuten raushelfen, wenn es brennt, die sie mit Essen versorgen können usw. Damit das möglich ist, müssen Menschen wissen, wie Schutz und Essensversorgung funktionieren. Wenn ich durch meine Heimatstadt in Thüringen laufe und inzwischen immer mal wieder beschimpft und bedroht werde, MUSS ich wissen, wie Selbstverteidigung funktioniert und wenn ich weiß, dass das nächste Hochwasser nur eine Frage der Zeit ist, würde ich mich zumindest ein wenig besser damit fühlen, wenn ich wüsste, was ich beitragen kann, um im Fall der Fälle nicht im Weg zu stehen, sondern zu helfen. Das alles braucht aber keine Aktionstrainings, es braucht Trainings und Strukturen, wie wir sie im Sinn haben, wenn wir gerade rund um die Uhr versuchen, das Mutual Aid HEAT zu organisieren. Vor dem, was kommt und teilweise bereits IST, schützen uns leider keine Baggerblockaden und keine Solarpaneele auf einer zukünftigen Baustelle mehr (und glaubt mir, ich wünschte, es wäre anders).
Falls ihr mir in dieser Analyse zustimmt und jetzt Bock habt, mit uns gemeinsam eine neue Form von Aktivismus zu versuchen, meldet euch bei uns und kommt zum HEAT (Abre numa nova janela). Wir kriegen es nur gemeinsam hin.