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5 hartnäckige Mythen über Opfer

Redaktion free.fem.minds MAGAZIN

Immer wieder wird Frauen erklärt, wie sie sich zu verhalten haben, damit sie kein Opfer von Übergriffen werden. Ungebetene Tipps gibt es in allen Lebensbereichen. Für den Nachhauseweg, für den Umgang mit Drinks beim Ausgehen und vor allem beim Daten und in Beziehungen. Sogar für Gerichtsverfahren danach. Die These: Wenn Frau sich korrekt verhält, passiert ihr nichts. Doch dieses vermeintliche Korrekt existiert nicht. Die Idee, dass das eigene Verhalten vor der Gewalt eines Mannes schützt, ist ein Trugschluss.

Die fünf hartnäckigsten Mythen darüber, wer Opfer von Gewalt wird – und warum sie völlig falsch sind.

  1. Was du anziehst ziehst du an. Will sagen, die Frau im Ledermini muss sich halt auch nicht wundern, wenn einer zupackt. Diese Idee sitzt sogar bei Frauen tief. Im letzten Jahr war so zum Beispiel besonders bei jungen Mädchen, das weite Oversize-Shirt für den Nachhauseweg in Bus und U-Bahn ein Ding. Ein riesiges weißes T-Shirt wurde über das knappe Ausgehoutfit gezogen, damit das nicht zu sexy und damit gefährlich in der Öffentlichkeit war. Echter Schutz oder ein psychologischer Trugschluss, der Sicherheit und vermeintlich richtiges Handeln vermitteln soll? Untersuchungen zeigen, dass die Bereitschaft von Männern, Frauen anzugreifen, nicht mit der getragenen Kleidung zusammenhängt. Gelegenheit und mentaler Zustand des Täters entscheiden. Männer, die Frauen in knappen Outfits als Einladung verstehen, sehen auch Frauen alleine auf der Straße als Geschenk an sie an. Keine Frau lädt Gewalt ein. Keine Frau legt mit ihrer gewählten Kleidung den Grundstein für Gewalt. Das gilt ebenso für Lippenstift, für Make-up, für High Heels. Frauen, die das für sich nicht möchten, sollten sich nicht als moralischer aufwerten. Kleidung und Style sind Freiheit, Ausdruck der Identität, Lebensfreude, Abbild der Stimmung und des Anlasses. Männer dürfen in der Wahl der Bekleidung von Frauen keine Rolle spielen und damit auch nicht die Frage, welches Outfit sie als Einladung verstehen. Diese Perspektive entschuldigt Täter. Teilweise reicht sie bis in Gerichte. Keine Frau bittet um Belästigung und keine Rocklänge vermittelt Bereitschaft. Keine Frau zieht sich für Catcalling und plumpe Anmachen an. Diese Idee ist unter anderem ein Produkt der Filmindustrie, die Frauen früh als schmückendes Beiwerk und sexy Tool für einen dürftigen Plot inszenierte. Selbstbestimmte Frauen, die nicht als gesellschaftliche Projektionsflächen und produzierte Männerfantasien inszeniert werden, sind bis heute in Filmen (von Männern) selten. Die reale Frau hat damit nichts zu tun. Sie steht nicht in der Pflicht, Klischees zu bedienen. Noch, sie strikt abzulehnen. Sie kann sich kleiden, wie sie sich fühlt, und Männern muss beigebracht werden, dass sie das in keinster Weise betrifft.

  2. Wer mitgeht, muss sich nicht wundern. Insbesondere Opfer sexueller Übergriffe hören diese Argumentation häufig als Legitimation von Gewalt. Wer freiwillig mitgeht, etwa in ein Auto, eine Wohnung, ein Hinterzimmer, darf sich nicht wundern. Auch die Gesellschaft dreht sich weg. Selbst schuld, wenn sie so eine ist, die einfach mitgeht. Selbst schuld, die Frauen, die die Rammstein-Aftershow-Party besuchen, selbst schuld die Frauen, die trinken und dann zu zwei Freunden nach Hause gehen. Welches Bild wird hier vermittelt? In erster Linie eines davon, dass Frauen sich scheinbar bewusst machen müssen, dass Männer zu jeder Zeit nur auf eine Gelegenheit warten, sich an ihnen zu vergehen. Genau das wird hier impliziert. Als wäre eine Welt, in der Männer sich nun mal immer an betrunkenen Frauen vergehen, eine allbekannte Wahrheit. Und dummen Frauen, die das nicht wissen, wird nicht verziehen. Dummheit schützt vor Strafe nicht. Oder bekommt vor Gericht eben nicht Recht. Und so sollen sie mit den Traumafolgen leben, während Täter freigesprochen werden. Schließlich ist sie ja freiwillig mitgegangen. Was hier nicht zum Tragen kommt, sind Machtgefälle. Der Vorgesetzte, der die Praktikantin zu sich nach Hause oder ins Auto bittet. Der Star, der zur Party auswählt, der vermeintlich sichere Kollege, der anbietet, sie nach Hause zu fahren. Diese Männer nutzen Macht und Vertrauen aus. Warum sollten Frauen für ihr Vertrauen und erfolgte Täuschung bestraft werden?


    Der andere Faktor, der unberücksichtigt bleibt, ist die Tatsache, dass Frauen nicht in Gefahr sind, wenn sie nach einer Party mit anderen Frauen oder ihren Freundinnen nach Hause gehen. Sie sind dann gefährdet, wenn sie mit Männern nach Hause gehen. Darüber müssen wir sprechen. Alles andere ist Schuldumkehr. Wenn Männer überall scheinbar nur darauf lauern, dass eine Frau zuviel trinkt, abends alleine mit ins Auto steigt oder zu ihnen nach Hause mitgeht, dann ist unser Problem ein Männerproblem. Sprechen wir darüber! Dann braucht es Maßnahmen. Höhere Steuern für Männer, um davon Sicherheitsvorkehrungen oder kostenlose Shuttles, mit denen Frauen nachts nach Hause kommen, zu finanzieren. Oder Notfall-Hotlines mit Einsatzkräften. Brauchen wir am Ende gar Ausgangssperren für Männer nachts alleine? Das ist übertrieben? Frauen sollen Männer nicht grundsätzlich über einen Kamm scheren und als potentielle Gefahr sehen, aber wenn etwas passiert, dann tragen Frauen die Konsequenzen und sollen auch noch schuld sein. Hier gilt es hinzusehen und die eigene Haltung zu hinterfragen.

  3. Täter suchen nach Opfertypen. Opfertypus, was ist das überhaupt? Wenn es nach Selbsthilfe-Coaches geht, dann gibt es einen besonderen Typ Frau, der Täter anzieht. Und der Markt will, dass gerade diese Frauen alles buchen, damit sie stärker, unabhängiger und damit weniger anziehend auf Täter wirken. Die Wahrheit ist eine ganz andere. Täter haben ein Egoproblem. Männer, die Frauen misshandeln, abwerten, einschränken, tun das, um sich selbst aufzuwerten. Diese Not haben sie schon vor der Beziehung. Zu geringen Selbstwert, der nach Auftrieb sucht. Den finden sie vor allem in Frauen, die besonders viel zu bieten haben. Nicht wenig. Viel Ausstrahlung, Charisma, Schönheit, Karriere, Bildung, soziale Bindungen, Empathie, viel Leben. Diese Frauen sind es, die gerade narzisstische Männer anziehen, wie Motten das Licht. Denn er will haben, was von ihr abfärben kann. Mit ihr an seiner Seite kann er sich aufwerten, mehr glänzen, an Status gewinnen. Männer wählen diese Frauen, doch das Gefühl, ihrer nicht würdig zu sein, bleibt. Dann beginnt die Kontrolle. Sie wird herabgewürdigt, unsicherer gemacht. Schleichend. Sie wird kritisiert und andere Frauen werden in den höchsten Tönen gelobt. Ihre Karriere wird belächelt, klein geredet oder sogar sabotiert. Ihr wird vermittelt, sie braucht ihn, denn sonst ist sie nichts. Dabei ist es er, der nicht ohne sie kann. Täter halten Frauen klein, damit sie selbst größer wirken. Sie schränken die Freiheit von Frauen ein, weil sie sprichwörtlich Angst haben, dass sie ihnen abhanden kommt. Täter lügen, denn sie wissen, ihre kluge Frau wäre weg, wenn sie die Wahrheit wüsste. Sie schlagen, weil ihr kleines, unbeherrschtes Ego nie gelernt hat, gleichwertig mit einer starken Frau zu diskutieren.


    Der Mythos, dass sich Täter schwache Frauen suchen, ist vielleicht der, der in der Gesellschaft am stärksten verbreitet ist. Genau umgekehrt ist es korrekt. Die größten Versager blenden unbeschreiblich großartige Frauen und dann versuchen sie alles, um sie zu brechen. Nur wer Love bombing versteht und Täterstrategien kennt, weiß, warum das so gut funktioniert. Frauen werden nicht Opfer, weil sie falsch und zu wenig sind. Sie werden Opfer, weil Männer sich entscheiden, Täter zu werden. Wer Frauen vermittelt, was sie werden müssen, damit sie (nicht wieder) Täter anziehen, macht sich mitschuldig. Täter suchen Verfügbarkeit. Sie blenden mit einer idealisierten, fein getunten Version von sich, die nicht existiert. Bis Frauen das merken, ist es manchmal zu spät. Frauen können diese Muster erkennen lernen. Jedoch liegt es nicht an einem zu geringen Selbstwert, dass Täter sie wählen. Stattdessen sind sie überqualifiziert. Oft treibt genau diese Tatsache Männer besonders schnell in Rage und zu Tathandlungen.

  4. Wer sich nicht wehrt, ist kein echtes Opfer. Auch im letzten Jahr gab es immer wieder Schlagzeilen von Frauen, die empfindlich hohe Haftstrafen erhalten haben für Gewalt oder Morde an ihren Tätern. Strafmaße, die die Täter selbst für die vorausgegangene Tat so nie erhalten hätten. Frauen, die sich wehren, werden deutlich härter bestraft, als Männer, die Frauen grundlos Gewalt antun. Wenn Männer morden, wird von verminderter Schuldfähigkeit durch Eifersucht und Wut gesprochen. Wenn Frauen ihr Leben oder das ihrer Kinder schützen, wird von Kalkül und Kaltblütigkeit gesprochen. Wer sich nicht wehrt, weiß meist genau warum. Und das Strafmaß ist dabei nicht einmal einer der Hauptgründe. Täter vermitteln Opfern, dass sie schweigen müssen, denn sonst sind sie tot. Täter setzen Opfer unter Druck und drohen darüber hinaus mit Selbstmord oder damit, gemeinsame Kinder oder Haustiere zu töten. Täter drohen mit Rufmord oder der Veröffentlichung von intimen Fotos und Beziehungsdetails. Sie schüchtern ihre Opfer ein und lassen sie wissen, dass sie dafür sorgen werden, dass ihnen niemand glaubt. Sie lassen sie verstehen, dass sie am Ende auf der Straße stehen und ihre Existenz verlieren. Sich wehren können Frauen sich nur juristisch. Dann treffen sie auf ein Rechtssystem, das nicht für sie gemacht ist. Ihnen wird unterstellt, sie könnten lügen, hätten verborgene Interessen wie Rache und Ruhm. Täter müssen nur ohne Zeugen handeln und ihnen wird Unschuld unterstellt. Frauen müssen selbst nach schwerster Gewalt gemäßigt auftreten, denn wer emotional wird, der hat’s wahrscheinlich doch selbst provoziert. Frauen verlieren bislang meist, ob sie sich zur Wehr setzen oder stillhalten. Echte Opfer wehren sich? Es sollte heißen, was tun wir für die Frauen, die sich zur Wehr gesetzt haben? Glauben wir ihnen und stärken wir ihnen den Rücken oder lassen wir sie fallen und schützen die Täter?

  5. Frauen, die bleiben sind schwach. Das Gegenteil ist der Fall. In der überwiegenden Mehrheit bleiben Frauen, weil sie besonders stark sind. Häufig bleiben Frauen, weil sie sich zutrauen, die Situation zu verbessern, weil sie die Familie wertschätzen und hohe moralische Ansprüche an sich selbst haben. Häufig hält sie Empathie beim Täter, wo unempathische Menschen längst die Reißleine gezogen hätten. Oft sind es Frauen, die sich dessen bewusst sind, dass jeder Mensch Fehler mitbringt, die mehrfach Chancen geben. Sie sehen die Perspektiven ihres Gegenübers, wo andere nur schwarz und weiß sehen. Frauen, die fair kommunizieren, sind häufiger bereit, andere Sichtweisen anzuerkennen und Frauen, die sich verletzlich zeigen, sind häufiger bereit, die Gründe und Traumata des Partners zu berücksichtigen. Diese Frauen sind nicht schwach, denn ihre Fähigkeiten sind in einer Gesellschaft, die weniger denn je Diskurs kann, die Gewalt verherrlicht und die Gegenseite beschuldigt, wegbereitende Vorteile. Auch hier ist die Ausbeutung dieser Vulnerabilität durch den Täter das eigentliche Problem. Ein gesunder Partner, der nicht Täter sein will, profitiert von all diesen gesunden Fähigkeiten in einer Partnerin. Unabhängig vom Geschlecht sind Fairness und Miteinander positiv und wertvoll.


    Fehlendes Wissen über Täterstrategien, die strukturelle Begünstigung von Tätern und die sonstigen Machtmittel führen zum Desaster bei Gewalt. Die Verletzlichkeit und der Humanismus der betroffenen Frauen ist weder Grund noch Trigger für die Gewalt. Zwar stimmt es, dass Täter dort scheitern, wo Frauen einfach direkt gehen. Doch strukturell ist das oft nicht möglich. Und täglich sterben Frauen, die es versuchen in Femiziden, manchmal mit ihren Kindern. Der Mythos von schwachen Frauen muss enden. Männergewalt definiert nicht Stärke und Schwäche von Frauen. Die Gewalt ist isoliert zu betrachten, als das was sie ist: absichtliche Tat.

    Was wir verlernen müssen, ist Schuldumkehr. Stattdessen gilt es, die Täter zu betrachten.

Tópico Gewalt gegen Frauen

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