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schreiben gegen ohnmacht, märz 26 /write against, march 26

nahaufnahme einer leuchtend pink blühenden zwergazalee in einem blumenbeet / close-up of a tiny azalea in a flowerbed, blossoming in a vibrant pink

(english below)

seit mehreren wochen singt die amsel vor dem fenster dieselbe melodie. singt einen jingle oder klingelton. sie erinnert mich an ein kunstprojekt, von dem ich letztes jahr gelesen habe: eine vogelschar im park sollte ein gemeinsames lied lernen, das ihnen mittels ki-generierten “vogelstimmen” vorgesungen wurde - bella ciao? ich weiss es nicht mehr. ich weiss noch, dass ich dachte, warum nicht einfach die musik spielen. ohne ki. die amsel vor meinem fenster hätte sie nachgesungen.

wieder wachen wir zu einem neuen krieg auf. ich habe keine angehörigen, in deren zuhause einmarschiert wird, ich erlebe alles aus zweiter hand oder dritter. und ich schreibe weiter, lese weiter, schäle weiter knoblauch, um das abendessen zuzubereiten. als wäre nichts. auch, weil es nichts ändert, keinen knoblauch zu schälen. ich lese ein interview mit einer kriegsreporterin. immer wieder und in verschiedensten ländern sagen die menschen, mit denen sie spricht: vergesst uns nicht.

alles ist nur einen zufall von unserem eigenen leben entfernt.

mit dem frühling kommt die frühjahrsdürre. wir erhitzen die welt wie nie zuvor, derweil unsere regierung ihr mögliches tut, um fossile energien zu fördern und klimaschutz einzugrenzen. ich beobachte den boden (noch nicht ausgetrocknet, aber das wird bald passieren), das gemüseangebot im supermarkt (das meiste hat keine saison) und die ersten mauerbienen auf dem balkon.

diesen märz sorge ich mich nicht gleich nach dem aufstehen, wie ich ohne den brunnen, der noch im winterschlaf liegt, die möhrensaat bewässere. diesen märz bin ich nicht auf dem acker.

diesen märz erscheint mein romandebüt. ich habe mir das sehr lange gewünscht und hätte nicht gedacht, dass es wirklichkeit wird.

“seit ich denken kann, schreibe ich. dass das mal mein beruf werden könnte, wusste ich nicht. wie man daraus einen beruf machen könnte, auch nicht.”, schreibt mareice kaiser. das gefühl, nicht dazuzugehören, zu diesem betrieb, kommt nicht von ungefähr: “wer hat zugang zu büchern? wer hält es für möglich, dass schreiben ein beruf sein kann? wessen eltern unterstützen eine schreibende person dabei, autor*in zu werden? wer kann sich überhaupt leisten zu schreiben? wer hat die zeit dafür oder kann sie sich nehmen?"

an “ultramarin” habe ich im urlaub geschrieben, an freien tagen, häufig morgens um fünf, vor der lohnarbeit. der verlag fragt mich, wie es sich anfühlt, der ganze rummel um das buch. ich schreibe: das ist nach wie vor überwältigend.

marijane meaker, im rahmen einer dokumentation gefragt, ob es für patricia highsmith wichtig gewesen sei, einen lesbischen roman (carol) zu schreiben, antwortet: “klar. sie war lesbisch. und eine schriftstellerin.” meaker sagt, sie hätten carol damals alle gelesen. das einzige buch über lesbische frauen, das ein happy end hatte. ich bemerke, wie positiv highsmith in der doku dargestellt wird, wie solche zitate ihrer tagebücher, ihrer notizbücher gewählt werden, die sie im besten licht erscheinen lassen. erst zum ende hin geht es um ihre diskriminierenden äußerungen - und nie darum, wie grausam sie ihre geliebten oft behandelte. mir fällt zugleich auf, wie sehr sie von insbesondere männern in interviews gequält, bloßgestellt wird. die intimsten fragen. das herumwühlen darin. schwer zu ertragen. ein zitat aus ihren tagebüchern bleibt mir hängen: dass queere menschen einander finden, weil sie durch dieselbe hölle gegangen seien.

wir gehen wieder demonstrieren, für die prüfung von parteien mit verfassungsfeindlichen werten, in solidarität mit armutsbetroffenen, in solidarität mit mieter*innen, denen seit jahren unrecht widerfährt. in der letzten februarwoche in solidarität mit der ukraine. es sind so viele gekommen, dass wir nicht alle auf den vorgesehenen platz zur abschlusskundgebung gelassen werden.

im netz das alljährliche diskutieren um den feministischen kampftag herum, den viele frauentag nennen. weiße cis frauen sagen: wir können nicht für alle marginalisierten kämpfen. sagen: unser anliegen ist wichtig. und sagen damit zugleich: eure anliegen sind uns nicht wichtig.

wer so denkt, weiß nicht, was intersektionalität ist oder will es nicht wissen.

wer so denkt, hält solidarität für luxus, für eine art hobby, dem wir nachgehen können, wenn gerade einmal zeit dafür ist.

"weiße frauen eignen sich die stimmen weißer männer an, und das wird dann als fortschritt angesehen. institutionen, die früher von männern und heute von frauen geleitet werden, schließen weiter aus, machen unsichtbar und verhalten sich herablassend. und doch beglückwünschen sich alle, dass sie einen sieg für den feminismus, für alle frauen, verbuchen können." (rafia zakaria)

solidarität ist kein luxus. solidarität ist der einzige weg, das patriarchat zu bekämpfen, statt nur für einige wenige “auserwählte” leicht erträglichere bedingungen zu schaffen. wir brauchen einander.

ich lese über die buchläden zur schwankenden weltkugel, the golden shop und rote straße. über die nennenwiresmal eingriffe des kulturstaatsministers. über den zusammenhalt in der buchbranche, der sich hier zeigt. ich sehe ein foto von einem aushang bei uslar&rai: “wir solidarisieren uns mit unseren kolleg*innen”. und dass diesen drei buchläden die auszeichnung ebenso gebühre. ich lese aufrufe, bei den betroffenen läden bücher zu kaufen, auch via onlineshop, ich lese den gastbeitrag eines verlegers und die berichte in großen tageszeitungen, ich höre interviews im radio. ich lese die statements von anderen buchhandlungen im internet. sie wollen zusammenlegen, um den drei buchhandlungen den vorenthaltenen preis doch auszuzahlen, der für kleine läden keine unerhebliche summe darstellt. und nachdem der minister die preisverleihung absagt, laden sowohl der börsenverein des deutschen buchhandels als auch der verbrecherverlag und der hanserverlag alle buchhandlungen zur party ein. die solidarität untereinander ist wichtig und macht mut. denn die szene weiß: dies ist kein angriff auf einzelne. es ist ein angriff auf alle.

im park hat sich auf der wiese ein meer von krokussen ausgebreitet.

einige haben sich entschieden, in einer pflasterritze am weg zu wachsen. auszubrechen. neues terrain für sich in anspruch zu nehmen - gemeinsam.

was kleines tun:

wenn es dir körperlich und psychisch möglich ist, geh mal wieder demonstrieren - prüf-demos zum beispiel finden jeden monat in verschiedenen städten statt. erzähle anderen davon. teile demo-aufrufe auf social media. demonstrieren heißt zeigen. zeigen, dass es dir nicht egal ist.

literatur:

mareice kaiser, SGLB. in: hatice açıkgöz (hg.): literarisch solidarisch. perspektiven auf einen neuen literaturbetrieb

rafia zakaria: against white feminism. wie 'weißer' feminismus gleichberechtigung verhindert. übersetzt von simoné goldschmidt-lechner

film:

loving patricia highsmith, regie eva vitija, 2020

for weeks now, a blackbird is singing the same melody in front of my window. a jingle or a ring tone. i am reminded of an art project i’ve read about last year: a flock of birds in a park was supposed to learn a song together, sung to them by ai generated “bird voices” - bella ciao? i can’t remember. i do remember that i thought, why don’t you just play the music to them. without ai. the blackbird in front of my window would have sung along.

again, we wake up to a new war. i don’t have loved ones whose home is invaded, i experience it all second or third hand. and i continue writing, reading, peeling the garlic for dinner. as if nothing had happended. but also because nothing will change by not peeling the garlic, not reading a book. i read an interview with a war reporter. again and again and in different countries the people whom she talks to will say: don’t forget us.

everything is just a coincidence away from our own life.

along with spring comes spring drought we heat up the world as much as never before while our government does it’s bit to to support fossile fuels and limit climate protection. i observe the soil (not dried out yet, but will be soon), the vegetables at the supermarket (most of them out of season) and the first mason bees on the balcony.

this march, i don’t worry right after getting out of bed how to water the carrot seedlings without the well which is still in hibernation. this march, i am not out on the field.

this march, my debut novel is released. i have wished for this for a long time, i wouldn’t have thought it would become real.

“ever since i can remember i write. i didn’t know that writing could become my profession. i didn’t know either how you could make a profession out of it.”, mareice kaiser writes (translation by me). the feeling that you don’t belong to the literary scene is no accident. “who has access to books? who deems it possible that writing may become a career? whom’s parents support a writing person to become an author? who can afford to write? who has the time or can make time?” (translation by me)

i worked on “ultramarin” on holidays, often at five o’clock in the morning, before my day job started. my publisher asks: how does it feel, all this fuss about the book. i write: it’s still overwhelming.

asked for a documentary if it has been important for patricia highsmith to write a gay novel (carol), marijane meaker answers: “sure. i mean, she was gay. and she was a writer.”

they all read carol back then, meaker says. the only novel about gay women with a happy ending. watching the documentary, i can’t help noticing how sympathic highsmith is presented here. how only those quotes from her diaries, her notebooks are chosen that depict her at her best. only at the end of the documentary her discriminating statements are mentioned - the cruelty with which highsmith has often treated her lovers is never brought up. at the same time, i notice how she is vexed, exposed by interviewers, especially male ones. the most intimate questions, poking around. it is hard to bear.

one quote from her diaries sticks to me: that gay people find one another because they’ve gone through the same hell.

we go protesting, again. in support of a prüfung (validation) of political parties with anti-institutional values. in solidarity with people impacted by poverty, with tenants experiencing injustice since years and years. in the last week of february: in solidarity with ukraine. we are so many people that not all of us are allowed to enter the scheduled square for the final speeches.

on the internet the annual discussion about the international feminist day, called international women’s day by many. white ci women say: we cannot fight for all marginalised people. they say: our matter is important. saying likewise: your matter doesn’t matter to us.

a person thinking this way doesn’t know about intersectionality or doesn’t want to know.

a person thinking this way deems solidarity a luxury, a kind of hobby which we can pursue when we happen to have time for it.

“white women take on the voices of white men. and that is considered progress. institutions that were once male-led institutions and are now female-led continue to practise the same kinds of exclusions, derisions and erasures. yet everyone congratulates themselves on having chalked up a win for feminism, for all women.” (rafia zakaria)

solidarity is not a luxury. solidarity is the only way to fight patriarchy instead of creating more tolerable conditions for some “chosen ones”. we do need each other.

i read about the german bookshops zur schwankenden weltkugel, the golden shop und rote straße. about the letscallit interference of the minister of state for culture. about the solidarity among the book trade shown on this occasion. i see a picture taken of a poster at the bookshop uslar&rai: “we declare our solidarity with our colleagues” (translation by me). and that these three bookshops deserve the award as well as themselves. i read calls for supporting the canceled bookshops by buying there, also via online shop, i read a publisher’s contribution and the reports in big daily papers, i listen to interviews on the radio. i read other bookshops’ statements online, they intend to pool their award money in order to give the withheld prize to the three bookshops nevertheless, not a trifle for small shops like those. and after the minister has canceled the award ceremony, the german publishers and booksellers association as well as the german publishers verbrecherverlag and hanser verlag invite all nominated bookshops to their partys to celebrate. the solidarity for each other is important and encouraging. because the book scene knows one thing very well: this is not an attack on individuals. this is an attack on everybody.

in the park a sea of crocuses has spread out over the meadow.

some of them decided to grow in a crack close to the pathway. to break out. to occupy new terrain - together.

tiny call to action:

if you are physically and mentally able go and join a protest - for example, in germany, prüf-demos (protests asking for validation of political partys) take place every month in several cities. tell others about a protest, share calls on social media. to demonstrate means to show: to show that you care.

books:

mareice kaiser, SGLB. in: hatice açıkgöz (ed.): literarisch solidarisch. perspektiven auf einen neuen literaturbetrieb

patricia highsmith: carol

rafia zakaria: against white feminism

film:

loving patricia highsmith, directed by eva vitija, 2020