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Schlechtes Deutsch und der Wal Hameedullah

Von Hasnain Kazim - Wundersame Bahnreise / „AfD“ und Sprachkenntnisse / Antisemitismus / Wal Hamidullah / Karikaturen / Anaïs Mitchell

Liebe Leser,

ich erzähle Ihnen jetzt eine Geschichte, die mir kein Mensch glauben wird.

Ich bin gestern Morgen in Wien in einen Zug der Deutschen Bahn gestiegen, der pünktlich losfuhr. Im Zug: lauter freundliche Menschen, heitere Stimmung, gut, die Junggesellen-Abschiedstruppe war ein bisschen laut, aber mein Gott, sie waren (relativ) jung, freuten sich des Lebens und hatten Spaß. Auf der gesamten Strecke: Sonnenschein, schöne Landschaft. Im Zug: nicht zu kalt, nicht zu warm. Niemand, der penetrant roch. Das Bordrestaurant funktionierte, ich bekam einen frischen, heißen Kaffee. Der Zug kam pünktlich in München an.

Kurzer Aufenthalt in der Lounge, sehr freundlich begrüßt worden, noch einen Kaffee, dann zum Zug nach Berlin, der schon zwanzig Minuten vor Abfahrt bereitstand. Alle Reservierungen wurden angezeigt.

Pünktlicher Start in München, auf die Minute genau. Auf der gesamten Strecke: Sonnenschein. Der ICE glitt durch die Landschaft, im Ruheabteil war es wirklich ruhig. Und dann kam ich auch noch pünktlich und gutgelaunt in Berlin an.

Gutgelaunt!

In Berlin!

Das wird mir kein Mensch glauben.

Deutsche Sprache, schwere Sprache

Vergangene Woche bin ich zufällig auf eine Werbung der „AfD“ gestoßen, in den „sozialen“ Medien. Zu sehen ist das verschwommene Bild einer Frau mit Kopftuch; ihr Gesicht bleibt unkenntlich. Eine Hand hält einen bordeauxroten deutschen Pass in die Kamera. Dazu der Slogan: „Nur wer flüssiges Deutsch spricht darf die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten!“ So wirbt die „AfD“-Fraktion Sachsen.

Ein Elfmeter, den man verwandeln muss. Ich habe das Bild also geteilt und kommentiert: „Krass, wie die ‚AfD‘ ihre eigene Wählerschaft beschimpft.“ Denn eines lässt sich wirklich feststellen: Die größten selbsternannten deutschen Patrioten sprechen und schreiben mitunter das unerquicklichste Deutsch.

Manchmal ist es tatsächlich zum Verzweifeln, wie schon dieser Werbespruch zeigt. Was bitte soll „flüssiges“ Deutsch sein? Gibt es auch festes oder gar gasförmiges? Gemeint ist wohl „fließendes“ Deutsch. Und wo hat sich eigentlich das Komma nach „spricht“ hinverflüchtigt? Von der „AfD“ abgeschoben worden?

Ich habe mir diese „AfD“-Werbung vorsorglich abgespeichert. Sie eignet sich hervorragend, um Deutschlernenden den Satz „Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen“ zu erläutern. Ein Spruch übrigens, der bereits im 14. Jahrhundert bei dem englischen Dichter Geoffrey Chaucer auftaucht, mithin kein ausschließlich deutsches Kulturgut ist.

An dieser Forderung der „AfD“ zeigt sich, wie ich finde, ihr ganzes Dilemma. Ständig ist man gezwungen, ihre Aussagen zu übersetzen, zu interpretieren, sprachlich zu glätten – kurz: sie in eine Form zu bringen, die irgendwie in eine zivilisierte, kultivierte, anständige Gesellschaft passt. Nimmt man diese Übersetzungsarbeit ernst, lautet die Botschaft wohl: „Wir möchten, dass Menschen, die in Deutschland leben und Staatsbürger werden wollen, die Sprache gut beherrschen.“

Meistens stimme ich auch nach Übersetzungs- und Korrekturarbeit nicht mit ihr überein, aber diese Aussage vertrete ich tatsächlich seit Jahren, und zwar ganz unabhängig von Parteien, erst recht von dieser.

Wer in Japan leben und japanischer Staatsbürger werden möchte, muss fließend Japanisch sprechen. (Dass man dort dennoch nicht immer als Japaner anerkannt wird, ist eine andere Geschichte.) Wer Franzose werden will, sollte Französisch beherrschen. Wer in Schweden lebt und Schwede werden möchte, kommt um Schwedisch nicht herum. Und so weiter.

Wenn ich im Berliner KaDeWe in der Schreibwarenabteilung auf Verkäufer treffe, die kein Wort Deutsch sprechen, oder wenn ich in Wien ein Geschäft betrete, in dem mir die französische Besitzerin seit Jahren freundlich erklärt: „Sorry, I don’t speak German!“, dann finde ich das, nun ja, nur mäßig überzeugend.

Der frühere Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Hans-Peter Meidinger, forderte wiederholt, Deutsch solle im Schulalltag gesprochen werden, auch auf dem Pausenhof. Das löste erwartungsgemäß Kontroversen aus. Kritiker nannten seine Position „ausgrenzend“, manche bezeichneten ihn, leider ganz im Ton unserer Zeit, sogar als „Nazi“ oder als „rechtsextrem“. Völliger Unsinn. Seine Forderung halte ich für absolut richtig. Wo, wenn nicht in der Schule, sollen Kinder und Jugendliche eine gemeinsame Sprache erlernen?

So klicke ich mich also aus sprachlicher Neugier durch die „AfD“-Seiten in den „sozialen“ Medien und komme zu einem bemerkenswerten Befund: Auf dem Bildungsmarkt klafft eine riesengroße Lücke. Es braucht dringend Kurse mit dem Titel: „Deutsch für Doitsche“.

Man fragt sich…

Im Februar 2024 wurde der jüdische Student Lahav Shapira in Berlin brutal angegriffen und schwer verletzt. Er musste wegen mehrerer Knochenbrüche im Gesicht und einer Hirnblutung mehrmals operiert werden. Der Täter war ein Kommilitone. Er wurde wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt.

Das Amtsgericht Berlin-Tiergarten erkannte in der Tat einen antisemitischen Gewaltexzess, ein Befund, der ebenso klar wie folgerichtig erschien. Doch in der nächsten Instanz verschob sich die Perspektive: Das Berliner Landgericht mochte ein antisemitisches Motiv nicht mehr als erwiesen ansehen und reduzierte entsprechend die Haftstrafe. Aus Gewissheit wurde Zweifel, aus Einordnung Zurückhaltung.

Dabei hatte sich Lahav Shapira zuvor unmissverständlich gegen antisemitische Vorfälle an seiner Universität positioniert. Sein Engagement war öffentlich, deutlich, unbequem. Und die Tat geschah nicht im luftleeren Raum, sondern im unmittelbaren Zusammenhang mit eben diesem Einsatz.

Man fragt sich, was hier eigentlich nicht erwiesen sein soll. Und was es braucht, damit offenkundige Zusammenhänge auch als solche beurteilt werden.

Der Name des Wals

Über den Wal, der wiederholt an der Ostseeküste gestrandet ist, ist inzwischen so gut wie alles gesagt worden — nur eben noch nicht von allen. Ich gehöre bislang zu jenen, die sich dazu noch nicht geäußert haben. Und viel mehr möchte ich auch jetzt nicht hinzufügen.

Eines ist mir jedoch aufgefallen: Besonders eifrig und auffallend emotional haben sich Anhänger der „AfD“ sowie Freunde einschlägiger Verschwörungserzählungen des Themas angenommen und Partei für den Wal ergriffen. Zu meiner nicht geringen Verwunderung wurde er in einigen deutschen Medien „Timmy“ genannt. Das erscheint mir unangemessen, geradezu übergriffig.

Denn in Wahrheit heißt der Wal Hamidullah Abdulaziz. Frau Dr. Bohne und ich haben ihn selbst gefragt!

Und ich frage mich, ob jene, die sich derzeit so engagiert für ihn einsetzen, dies in gleicher Weise täten, wüssten sie um seinen wirklichen Namen. Man gewinnt ja bisweilen den Eindruck, dass diese Typen bei gewissen Leuten Unterschiede machen, nach Herkunft, nach Namen, nach Religion, nach Ethnie und anderem mehr. Ob sie auch Wale unterschiedlich behandeln?

Ich würde mich jedenfalls amüsieren, wenn Hamidullah Abdulaziz sich aus der Ostsee befreite und die Straße von Hormus blockierte.

Name, Buch und Witze

Es ist so: Vor zwei Jahren hat die Karikaturistin Nadia Menze ein Buch mit ihren Zeichnungen veröffentlicht. „Zur Anatomie der Karikatur“ heißt es, und schon der Titel verspricht eine kleine Sezierung des Humors. Darin versammeln sich einige ihrer Arbeiten, klug beobachtet, präzise zugespitzt, und außerdem ein paar Gedanken von ihr über Witz, Humor, Satire und die Kunst der Karikatur selbst.

Nadia ist die Lebensgefährtin des leider viel zu früh verstorbenen Zeichners Martin Perscheid (Abre numa nova janela), dessen Fan ich war, nein, bin. Man muss hier in der Gegenwartsform sprechen, denn Martin lebt in seinen Zeichnungen fort. Und die sind immer noch unfassbar aktuell. Für mich gehört Martin zu den größten Karikaturisten überhaupt.

Umso größer war die Ehre, als Nadia mich fragte, ob ich das Vorwort für ihr Buch schreiben würde. Ich habe das sehr gerne getan. Das Buch erschien, wie gesagt, 2024, und Nadia schickte mir, kaum waren die ersten Exemplare aus der Druckerei gekommen, ein signiertes Buch. Allerdings, kleine Volte des Schicksals, an die falsche Adresse. Das Buch kam nie bei mir an.

Irgendwann fragte ich vorsichtig nach, ob sie mir vielleicht eines schicken würde, und dabei stellte sich heraus, dass sie eine veraltete Anschrift verwendet hatte. Nun ja, das Buch blieb verschwunden. Es war weder an der alten Adresse aufzutreiben – ich bin tatsächlich extra hingefahren, um nachzusehen –, noch fand es den Weg zurück zu Nadia. Ein literarisches Bermudadreieck.

Also bekam ich ein neues Exemplar. Monate später – weiß der Himmel, wo die Sendung zwischenzeitlich Station gemacht hatte – tauchte das verschollene Buch wieder bei Nadia auf. Und sie schickte es mir erneut. Ich bin nun also im Besitz von zwei Exemplaren von „Zur Anatomie der Karikatur“. Beide mit Widmung für mich.

Das Problem: Ich heiße nun einmal Hasnain. Und im Buch steht: „Für Hasnain! Danke für das wundervolle Vorwort!“ Kenne ich aber einen anderen Hasnain, dem ich das Buch schenken könnte? „Blöd, dass du nicht Jürgen heißt“, schrieb mir Nadia diese Woche, und ich kann ihr da schwer widersprechen.

Also mache ich es so: Dieses zweite Exemplar mit der Hasnain-Widmung verlose ich in der kommenden Woche unter allen Mitgliedern der „Erbaulichen Unterredungen“, also unter allen Leserinnen und Lesern, die diese Publikation mit ihrem Beitrag ermöglichen. Berücksichtigt werden auch alle, die im Laufe der Woche bis Samstag, den 2. Mai 2026, noch Mitglied werden.

Das Buch ist wunderschön und Gewinn genug, aber trotzdem lege ich, quasi als eine Form von Begrüßungsgeld, ein Exemplar von „Der Islam und ich“ oben drauf. Das signiere ich dann und widme es ausnahmsweise nicht mir selbst, sondern dem Gewinner oder der Gewinnerin. Und ein paar Postkarten mit Zeichnungen von Nadia Menze kommen ebenfalls noch dazu. Verlost wird per Zufallsgenerator. Frau Dr. Bohne, nach eigenen Angaben „Volljuristin“, überwacht die Ermittlung des Gewinners und bürgt mit ihrem Namen und ihren Leckerlis für ein korrektes Vorgehen. Die Adresse frage ich beim Gewinner per E-Mail ab. Der Rechtsweg, sagt Frau Dr. Bohne, ist ausgeschlossen.

Musik zum Ausklang

Sie kennen das vielleicht: ein Lied, das man immer wieder hört. Kinder tun das, Jugendliche sowieso und viele Erwachsene auch.

Dieses Lied ist genau so eines. Seit Jahren höre ich es immer wieder, manchmal sogar vielfach an einem einzigen Tag. Ich mag es nicht nur, ich liebe es: Shepherd. Hier ist eine Aufführung bei den von mir – ebenfalls sehr geschätzten – „NPR Music Tiny Desk Concerts“:

https://www.youtube.com/watch?v=Shr47LVcA5I&list=RDShr47LVcA5I&start_radio=1 (Abre numa nova janela)

Anaïs Mitchell begleitet mich nun schon seit vielen Jahren, so, wie einen bestimmte Musiker, Schriftsteller, Maler oder andere Künstler durchs Leben begleiten. Es wundert mich, dass sie in Deutschland kaum bekannt ist. Nicht einmal einen deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag gibt es, nur einen auf Englisch (Abre numa nova janela).

Das sollte sich ändern. Und vor allem sollte man viel mehr Musik dieser Künstlerin hören. Hier das Lied in der Album-Version:

https://www.youtube.com/watch?v=2E2be56jIso&list=RD2E2be56jIso&start_radio=1 (Abre numa nova janela)

Und damit wünsche ich Ihnen einen schönen Sonntag und eine erbauliche Woche. Bleiben Sie gesund, streitlustig, fröhlich und den Menschen zugewandt!

Herzliche Grüße aus Berlin, wo ich am Samstagabend beim „taz.lab“ sprechen durfte,

Ihr
Hasnain Kazim

P. S.: Vergangene Woche sind die „Erbaulichen Unterredungen“ ausgefallen, weil ich sehr beschäftigt war und unter anderem noch diesen Text über Islam und Witze beziehungsweise Kritik für den „Spiegel“ fertigstellen musste – zur Frage, ob man über den Islam Witze machen darf (Abre numa nova janela). Sämtliche „Erbaulichen Unterredungen“, auch die aktuellen, finden Sie hier (Abre numa nova janela).

P. P. S.: Wenn Sie Mitglied werden und dazu beitragen möchten, dass die „Erbaulichen Unterredungen“ weiterhin erscheinen, und außerdem das „Für Hasnain!“-signierte Exemplar des Karikaturenbuchs von Nadia Menze gewinnen möchten, können Sie das hier tun:

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