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Oida! Moch die Tschick aus!

Von Hasnain Kazim - Charmantes Wienerisch / Erlebnisse im ICE / Buch über KI / Grüße von Böhnchen

Liebe Leserin, lieber Leser,

vergangene Woche war ich in Deutschland unterwegs. Als ich jemandem erzählte, dass ich in Wien lebe, sagte diese Person zu mir: „Oh, Wien! Diese charmante, höfliche Sprache! Ich liebe das Wienerische!“

Zum Wochenende bin ich wieder nach Wien zurückgekommen. Auf dem letzten Stück nach Hause, in der U-Bahn, raucht ein Typ. In der U-Bahn. Der Fahrer sieht das wohl über die Kamera. Seine Durchsage: „Oida! Ham's dir ins Hirn gschissa? Moch die Tschick aus, Volltrottel, depperter!“

Charmant. Höflich. Soso.

Aber ganz ehrlich: Ich liebe dieses Wienerische. Und zielgruppengerechte Ansprache eh. Und ernsthaft: Man kann in dieser Sprache wirklich sehr charmant klingen. Und auf charmante Art Bösartigkeiten von sich geben. Es fällt einem manchmal gar nicht auf – oder man merkt erst später, wenn man über das Gesagte nachdenkt, dass man in Wahrheit beleidigt wurde.

Ich mag das sehr.

Oida!

Regeln? Welche Regeln?

Im ICE sitzen Menschen auf den reservierten Plätzen eines Rentnerpaars. Nicht aus Versehen, nicht aus Unwissenheit, sondern mit jener selbstverständlichen Anspruchshaltung, die heute offenbar als Charaktereigenschaft durchgeht. Als die beiden Senioren ihre Plätze einfordern, reagieren die Besetzer nicht etwa mit einer Entschuldigung und dem naheliegenden Aufstehen, nein, sondern mit Weigerung. Die Alten ziehen schließlich weiter und suchen sich andere Plätze. Rücksicht hat gegen Dreistigkeit verloren – mal wieder.

Im Ruheabteil führt derweil ein Geschäftsmann ein Telefonat über einen Geschäftsbericht. Laut. Ausführlich. Offenbar gehört zu seinem Berufsbild die Überzeugung, dass seine terminlichen Herausforderungen für sämtliche Mitreisenden von brennendem Interesse sind. „Ruheabteil“ interpretiert er vermutlich als unverbindliche Gestaltungsempfehlung.

Warum fällt es manchen Menschen, die offensichtlich jahrelang ein deutsches Bildungssystem durchlaufen haben, so schwer, elementare Regeln zu kapieren? Reservierte Plätze gehören denjenigen, die sie reserviert haben. Im Ruheabteil hält man die Klappe. Das sind keine komplexen philosophischen Konzepte, keine Quantenmechanik und keine höhere Mathematik. Es sind Regeln, die sprachlich ungefähr auf dem Niveau einer Shampoo-Anleitung formuliert sind.

Vielleicht liegt das Problem gar nicht im Verstehen. Vielleicht verstehen sie alles ganz genau. Vielleicht haben sie lediglich beschlossen, dass Regeln immer für die anderen gelten. Für jene seltsamen Menschen, die noch glauben, Rücksichtnahme sei mehr als eine nostalgische Erinnerung aus einer untergegangenen Zivilisation. Mich nervt das. Musste heute schon zweimal erwachsene Menschen erziehen. Das Rentnerpaar hat die reservierten Plätze bekommen. Der Anzugtyp hat aufgehört zu telefonieren.

Große Güte.

P. S.: Ankündigung: Gespräche in Ruheabteilen werde ich künftig posten. Inklusive Namen von Personen, Firmennamen, der Probleme im Unternehmen und wer’s mit wem treibt. Und die Namen, die im Gespräch nicht fallen, finde ich auch noch raus – glauben Sie’s mir.

„Künstliche Intelligenz“

Immer mehr Menschen nutzen „künstliche Intelligenz“ – teils unbewusst, weil sie in irgendwelchen Geräten verbaut ist, teils bewusst, am Handy oder am Rechner. Da sie unsere Welt verändert und noch weiter verändern wird, manche sie bejubeln und andere furchtbare Angst vor ihr haben, gibt es – natürlich – eine Menge Literatur darüber.

Wenn Sie nur ein Buch darüber lesen wollen, dann dieses: „Sprachmaschinen. Eine Philosophie der künstlichen Intelligenz“ von Roberto Simanowski, erschienen bei C. H. Beck, München 2025. Dieses Buch war für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert und beschreibt allgemein verständlich, was „künstliche Intelligenz“ eigentlich ist, wie sie funktioniert, was sie mit uns macht, welche Gefahren, Risiken, Probleme und Herausforderungen sie mit sich bringt und welche Vorteile, Erleichterungen, Verbesserungen und Fortschritte sie uns eröffnet. Es warnt zudem davor, algorithmischen Systemen zu viel gesellschaftliche Autorität zu übertragen, ohne ihre kulturellen und ideologischen Voraussetzungen zu kennen und kritisch zu hinterfragen.

Es ist keine „Wie nutze ich KI?“-Anleitung, sondern, wie der Untertitel schon sagt, eine philosophische Betrachtung. Aber, wie gesagt: allgemeinverständlich. Dabei spannend und durchaus erheiternd geschrieben.

Klare Leseempfehlung.

Grüße von Frau Dr. Bohne

Mich erreichen einige Zuschriften, die nach dem Wohlbefinden von Frau Dr. Bohne fragen. Ich hätte so lange nichts mehr über meinen Hund geschrieben beziehungsweise sie selbst habe sich schon so lange nicht mehr zu Wort gemeldet.

Es geht ihr gut. Sehr gut sogar. Die Operation nach dem Biss durch einen anderen Hund vor ein paar Wochen hat sie zum Glück ohne Schaden überstanden.

Kürzlich, als es gewitterte, verzog sie sich kurz unter das Sofa, denn das Donnern mag sie gar nicht. Doch wenig später kam sie wieder hervorgekrochen und wollte spielen.

Was ich seit bald vier Jahren – denn so lange lebt Böhnchen bei uns – immer wieder faszinierend finde, ist, wie gut sie menschliche Sprache versteht. Und wie gut sie sich selbst auf ihre Weise, ganz ohne Sprache, verständlich machen kann.

Sie kann uns mitteilen, wenn sie mal muss. Sie kann klar machen, dass sie einfach nur zum Toben und Rennen hinausmöchte. Sie kann uns sagen, dass sie Angst hat und unseren Schutz braucht. Sie kann uns wissen lassen, dass sie gerne spielen oder einfach nur gekrault werden möchte. Und wenn ich sie irgendeinen Unsinn frage, reagiert sie nicht oder schaut mich einfach nur mit diesem „Was redest du für einen Tünkram?“-Blick an. Aber wenn ich sie frage: „Möchtest du Äpfelchen?“, dann ist aber Leben in der Bude.

Äpfelchen! Natürlich! Man muss nämlich wissen: Frau Dr. Bohne liebt Apfelstücke. Gerne einfach so als Snack, aber auch, um sie in der Wohnung oder draußen zu suchen. Sie bleibt dann sitzen und wartet geduldig, bis wir die Apfelstücke versteckt haben. Und wenn dann das Kommando „Such das Äpfelchen!“ kommt, saust sie wie eine Rakete durch die Gegend und findet ihre geliebten Äpfelchen.

Hier sehen Sie, wie sie Äpfelchen verspeist:

https://www.youtube.com/shorts/h9NReWggJmg (Abre numa nova janela)

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag und eine angenehme Woche. Ich werde wieder auf Lesereise sein, am Donnerstag in Marburg (Abre numa nova janela), am Freitag in Heilbronn (Abre numa nova janela) und am Samstag in Bad König (Abre numa nova janela). Ich freue mich, die eine oder den anderen von Ihnen zu sehen!

Herzliche Grüße aus Wien,

Ihr Hasnain Kazim

P. S.: Ich freue mich, wenn Sie mir helfen, die Zeit für das Schreiben der „Erbaulichen Unterredungen“ freizuhalten, indem Sie dies mit einer Mitgliedschaft unterstützen:

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