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Labern und lispeln

Von Hasnain Kazim - Merz / Tierarzt / Zahnverlust

Liebe Leserin, lieber Leser,

inzwischen könnte man gefühlt jede Woche etwas über ein Wort, eine Formulierung, eine Aussage von Friedrich Merz schreiben. Über etwas, das er mal wieder rausgehauen hat. Gelabert, nicht geredet, denn er spricht erst und denkt danach. Ich sage nur: kleine Paschas, Zahnarzttermine, Sozialtourismus, Stadtbild, jetzt: Brasilien.

Es war ja mal wieder kaum zu ignorieren: Merz hatte sich nach seinem Besuch der Klimakonferenz im brasilianischen Belém zu seinen Eindrücken geäußert, bei einer Veranstaltung in Berlin. “Ich habe einige Journalisten, die mit mir in Brasilien waren, letzte Woche gefragt: Wer von euch würde denn gerne hierbleiben? Da hat keiner die Hand gehoben. Die waren alle froh, dass wir vor allen Dingen von diesem Ort, an dem wir da waren, in der Nacht von Freitag auf Samstag wieder nach Deutschland zurückgekehrt sind. Man lebe in Deutschland “in einem der schönsten Länder der Welt”.

Entschuldigung, aber noch blöder kann man’s kaum sagen!

Ich kann zwar, wie bei den kleinen Paschas und wie beim Stadtbild, nachvollziehen, was er eigentlich sagen will. Aber warum schon wieder so trampeltierhaft und dummbräsig, warum nicht präzise und differenziert? Und in diesem Falle: Warum überhaupt? Denn es ist doch klar, dass die meisten Menschen ihre Heimat, ihren Ort am schönsten finden oder zumindest am vertrautesten. Warum redet er so, wie es nur die etwas weniger Hellen besoffen in der Kneipe tun, im Austausch mit ihren Saufbrüdern? Glaubt er, so Stimmen gewinnen zu können?

So redet man nicht als Bundeskanzler. Entsprechend reagierten viele, zum Beispiel auch der Bürgermeister von Belém, der die Worte Merz’ als “unglücklich, arrogant und voreingenommen” bezeichnete.

Was Heinrich Lübke sprachlich unter den Bundespräsidenten war, ist Friedrich Merz unter den Bundeskanzlern. Wobei man Lübke zugute halten muss, dass einige seiner verbalen Fehltritte, für die er bis heute berühmt ist, nicht belegt sind; wahrscheinlich wurden sie ihm zum Teil in den Mund gelegt, und der “Spiegel” war daran wohl damals nicht ganz unschuldig. Merz’ Sprünge in die Fettnäpfchen, man muss sagen: Fettfässer, finden hingegen mit Anlauf statt und sind gut dokumentiert und nachles- und nachhörbar.

Nach einer Indienreise habe ich bei meiner Rückkehr nach Deutschland übrigens mal gedacht: Home, sweet home! Es war chaotisch gewesen in Indien, ich war krank geworden, die Hitze hatte mir zugesetzt und dann war ich auch noch in einer hierzulande wenig bekannten Stadt gewesen, die ich als den schrecklichsten Ort der Welt bezeichnen würde. Aus Respekt gegenüber den Bewohnern verzichte ich auf die Nennung des Namens, man kennt sie, wie gesagt, hierzulande eh kaum. Wäre ich Bundeskanzler, würde ich all das überhaupt nicht erwähnen.

Ich kann aber auch jeden Inder verstehen, der nach einem Besuch in Deutschland sagt, hier sei es viel zu kalt, immer grau und regnerisch, die Leute so griesgrämig, die Läden machen schon um 18 Uhr dicht, wieso öffnen die überhaupt erst?, und dann dieses komplett ungewürzte Essen - schön, wieder in Indien zu sein, einem der schönsten Länder der Welt! Wäre ich indischer Premierminister, würde ich das allerdings nicht sagen.

Mir fällt auf, dass sowohl Merz als auch Lübke aus dem Sauerland kommen. Hat das… Kann es sein, dass… Ist möglicherweise… Aber nein, ich will ja nicht reden wie Merz. Also alles gut. Ich mag Sauerländer!

Demnächst reist Merz nach Südafrika. Ich hoffe, er denkt dort zuerst nach, bevor er seinen Mund aufmacht.

Böhnchen und die Impfung

Diese Woche war ich mit Böhnchen beim Tierarzt, sie bekam eine Auffrischung ihrer Tollwutimpfung. Da wir mit ihr ab und zu nach Deutschland oder in andere benachbarte Länder reisen, achten wir darauf, dass sie alle erforderlichen Impfungen rechtzeitig bekommt.

Die Spritze stört Bohni nicht. Aber die Atmosphäre beim Tierarzt, der Metalltisch, der Blick in die Ohren und ins Maul, das Krallenschneiden, das Abtasten - furchtbar! Böhnchen erkennt mehrere Straßen vorher, wohin es geht, und wehrt sich mit allen Vieren. Ich muss sie buchstäblich zum Tierarzt tragen.

Im Wartezimmer hat sie sich fest an mich gedrückt und am ganzen Körper gezittert vor Angst. Die Arme! Sie tat mir wirklich leid, immerhin halfen Zureden, Streicheln, ein paar Leckerlis. Der Termin beim Tierarzt war dann schnell vorbei, und kaum waren wir draußen, war zum Glück alles wieder vergessen.

Lispeln und Pfeifen

Für mich war dies eine wortreiche Woche. Zunächst durfte ich die Laudatio auf Karoline Preisler halten, die in Wien den Arik-Brauer-Sonderpreis erhielt für ihr Engagement gegen Antisemitismus. Wahrscheinlich haben Sie sie schon mal gesehen in den Nachrichten, jene Frau, die bei “pro-palästinensischen” Demos dasteht mit einem Schild in der Hand, auf dem steht: “Rape is not resistance!”, also: “Vergewaltigung ist kein Widerstand!”, oder die an die von der Hamas entführten Geiseln erinnerte. Immer suchte Preisler das Gespräch mit den Demonstranten, aber die wollten nicht reden, sie wollten pöbeln und beleidigen und bedrohen, und mehrfach wurde Preisler angerempelt oder geschlagen. Dabei hielt sie in der anderen Hand stets einen Blumenstrauß, weil das deeskalierend wirke.

Ich kannte Karoline vorher nur virtuell, und es war mir eine Freude und eine Ehre, sie kennenzulernen und die Laudatio halten zu dürfen in Wien.

Auf dem Weg zur Preisverleihung stand ein Grüppchen versprengter “pro-palästinensischer” Demonstranten. Sie sahen mich und den früheren Sprecher der israelischen Armee, Arye, Shahruz Shalicar, der als früherer Preisträger eingeladen war und den ich nun auch erstmals persönlich getroffen habe (er hat mich dann auch gleich in seinen Podcast eingeladen, den Sie hier nachhören können (Abre numa nova janela)). Sie schrien uns an: “You should be arrested by Austrian law!”

Nun ja.

Am Donnerstag bin ich nach Linz gefahren, um dort die Keynote bei der Verleihung des Oberösterreichischen Landespreises für Integration zu halten. Ausgezeichnet wurden insgesamt zehn Gruppen, Organisationen, Einzelpersonen, die sich auf unterschiedliche Weise um Integration kümmern.

Im Zug nach Linz biss ich in einen Apfel - und vorne brach ein Stück Zahn ab. Das war, leider, abzusehen, denn ich hatte vor einigen Jahren einen Fahrradunfall, und es war klar, dass dort seither eine Sollbruchstelle war. Dass er ausgerechnet jetzt, kurz vor der Rede, brach - dumm gelaufen.

Zum Glück tat es nicht weh, der Nerv war nicht betroffen. Und nach einem kleinen Schockmoment entschied ich, weiter nach Linz zu fahren und die Rede zu halten. Der Vortrag war dann nach dem Zahnverlust auch das erste Sprechen, sodass es sich ein wenig ungewohnt anfühlte, das Lispeln, das Pfeifen beim Sprechen, aber egal - ich denke, die Leute haben mich verstanden.

Am Tag darauf bin ich dann nach Berlin gereist, um dort an einer Podiumsdiskussion zum Thema Sicherheit und Freiheit teilzunehmen, veranstaltet von der Heinrich-Böll-Stiftung. Auch dort lispelte ich mich durch das Gespräch. Ein Herr im Publikum sagte im Anschluss, er sei “erschüttert” ob dessen, was wir - die bayerische Grünen-Politikerin Katharina Schulze, die Moderatorin und Journalistin Helene Bubrowksi und ich - dort von uns gegeben hätten. Von den Veranstaltern hatte ich zuvor gehört, man habe mich auch eingeladen, um genau das zu tun: ein wenig gegen den Strich zu bürsten. Nun ja, gegen den Strich bürsten mag ich sehr gerne. Es war also, finde ich, eine sehr schöne Veranstaltung! Auch, weil ich dort - noch eine erste persönliche Begegnung - den Politikwissenschaftler Peter R. Neumann kennengelernt habe. Schauen Sie mal nach seinen Büchern, das sind alles Leseempfehlungen von mir!

Auch mein Freund Igor Levit bürstet übrigens gerne gegen den Strich, und wir trafen uns in Berlin am Abend noch kurz zum Essen (ich konnte nur Suppe essen, wegen Zahnproblemen, Sie wissen schon…), und ich erzählte von den Aufregungen und Igor meinte, man müsse noch viel mehr gegen den Strich bürsten, und er machte ein Selfie und verbreitete es mit diesem Kommentar:

Gut so. Wobei, ich trage das, wenn er im Gegenzug eine Burka trägt. (Sie sehen: Ich lache auf dem Foto nicht, wegen Zahnlücke.)

Jetzt bin ich also nach vielem Reden und Reisen wieder zu Hause und freue mich auf einen hoffentlich entspannten Sonntag, höre dieses Lied, das ich sehr mag:

https://www.youtube.com/watch?v=2Qs1J612nZs&list=RD2Qs1J612nZs&start_radio=1 (Abre numa nova janela)

Und Montag: Besuch beim Zahnarzt.

Ihnen eine schöne, zahnarztfreie Woche, herzliche Grüße aus Wien,

Ihr Hasnain Kazim

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