Von Hasnain Kazim - Duzen und siezen / Knopf im Ohr / Ossi-Crossies / „AfD“ / Joghurt
Theuerste Leserin, werther Leser,
eine mir persönlich nicht bekannte Janine R. schreibt: „Hallo Hasnain, warum siezt du die Leute eigentlich in deinem Newsletter? Warum siezt du überhaupt?“ Es sei doch viel besser, gänzlich auf das Siezen zu verzichten; man schaffe damit eine „Kommunikation auf Augenhöhe“ und „flache Hierarchien“.
Nun, diese Argumentation ist mir bewusst. In manchen Ländern, wie zum Beispiel Schweden, hat das ja schon vor Jahrzehnten derart zu einem Kulturwandel geführt, dass jeder jeden duzt. Mit Ausnahme des Königs und seiner Familie vielleicht.
Allein: Ich halte überhaupt nichts davon. Ich bin ein Fan des Siezens. Grundsätzlich bin ich dafür, dass man anständig miteinander umgeht und vernünftig miteinander kommuniziert. Aber Augenhöhe? Also, mir fallen auf Anhieb ein paar Leute ein, mit denen ich absolut keine Augenhöhe möchte. Und bei denen ich schon ziemlich tief sinken müsste, um auf Augenhöhe zu kommen. Das ist so ähnlich wie die Forderung nach „Wertschätzung“. Mitmenschlicher Umgang? Na klar. Aber Wertschätzung? Die muss man sich verdienen. Die bekommt nicht jeder von jedem. Es gibt einige Leute, die ich keineswegs wertschätze. Beziehungsweise, um es mathematisch auszudrücken: bei denen der zugemessene Wert negativ ist.
Ich kann das Datum nicht mehr nennen, erinnere mich aber haargenau an den Tag, seit dem ich das ungefragte Duzen ablehne. Ich muss sieben oder acht Jahre alt gewesen sein und war mit meinem Vater unterwegs. In einer Situation, in der es völlig unangebracht war, duzte ihn ein Fremder. Es war ein klar abfälliges Duzen, von oben herab, nach dem Motto: „Du blöder Ausländer kannst doch eh kein Deutsch.“
Seither mag ich es nicht, ungefragt geduzt zu werden. Ich verstehe den erhofften „Wir sind alle gleich“-Effekt des Duzens, die damit erwartete Offenheit und Lockerheit, aber für mich hat es oft auch etwas Abwertendes, Respektloses, Distanzloses. In den „sozialen Medien“ ist Duzen üblich; da hat sich das — leider — von vornherein durchgesetzt. Tamam. Akzeptiere ich, handhabe ich dort manchmal auch so. Aber jenseits davon, also im Schriftverkehr, am Telefon oder bei echten Begegnungen — man stelle sich vor, so etwas soll es noch geben! — mag ich es nicht.
„Wir duzen uns ja auf Facebook, deshalb sag ich jetzt einfach mal du!“, sagte mir kürzlich eine deutlich ältere Frau. Ähm, na ja … Oder neulich beim Kleidungskauf in Deutschland, wo mich eine vielleicht 25-Jährige an der Kasse fragte: „Möchtest du eine Tüte?“ Bei Letzterem erreichte mich das Du emotional schon nicht mehr, da ich von „Tüte“ niedergestreckt worden war. Als Wahl-Wiener sage ich natürlich „Sackerl“. Und als Schwabe des Herzens „Gugg“. Dort fragte mich mal jemand an der Kasse: „Wellet Se a Gugg?“ Wunderbar! Oder, wenn schon duzen, dann: „Brauchsch no a Säckle?“ Hab ich in Heilbronn auch mal gehört.
Bemerkenswert finde ich übrigens, dass ausgerechnet jene Leute, die besonders großen Wert auf „wertschätzende“ Sprache legen, darauf, dass man bestimmte Wörter ja nicht ausspricht oder dass man bestimmte Pronomen nutzt, einen ganz selbstverständlich duzen und keinerlei Verständnis dafür aufbringen, wenn man sagt, dass man das ungefragt nicht mag. Wer Sprache wirklich respektvoll verwenden möchte, müsste konsequenterweise auch respektieren, wenn Menschen nicht ohne Zustimmung geduzt werden wollen.
Man kann natürlich auch duzen und trotzdem distanziert sein, man kann jemanden siezen und sehr eng befreundet sein — Menschen und die Beziehungen zueinander sind nun mal sehr verschieden und vielschichtig. Ich bin daher gegen Gleichmacherei. Ich duze nicht jeden und mag nicht von jedem geduzt werden. Besonders mag ich „Sie“ in Verbindung mit Vornamen: Möchten Sie noch einen Kaffee, Christiane? Manche mögen das affektiert finden, ich finde es elegant. In Urdu, der Muttersprache meiner Eltern, gibt es sogar drei Abstufungen in der Anrede. Finde ich gar nicht so schlecht.
Ich fragte mal eine Kollegin, mit der ich längst befreundet bin, ob wir uns duzen wollen. „Oh, ich dachte, du magst das nicht“, antwortete sie, weil ich schon einmal darüber geschrieben hatte. Doch, mag ich. Ich habe nichts dagegen, im Gegenteil. Ich mag es nur nicht ungefragt. Und die Frage kann gerne schon in den ersten Minuten des Kennenlernens kommen, wenn es passt, man einander sympathisch ist, der erste Eindruck stimmt, wenn es vibt, wie man neudeutsch sagt. Aber nicht einfach so. Manchmal vibt es eben nicht.
Überhaupt finde ich, dass wir viel mehr respektvolle, gepflegte, okay: wertschätzende Sprache verwenden sollten. Was meinen Sie?
Knopf im Ohr
Mit der Kommunikation von Angesicht zu Angesicht wird es ja leider immer schwieriger. Wenn man jemanden fragt, woher er kommt, empfinden das manche sofort als rassistisch. Wenn man als Mann eine Frau anspricht, steht bei einigen gleich der Sexismus-Verdacht im Raum. Dabei hängt es natürlich immer von der Situation ab: Wer spricht? Mit wem wird gesprochen, in welcher Situation, in welchem Ton? Und so weiter. In manchen Fällen ist die Kritik ja völlig berechtigt, oft finde ich sie aber einfach nur: Quatsch. Geboren aus dem Willen, anderen die denkbar schlimmste Interpretation des Gesagten zu unterstellen und einen Grund zu haben, ihnen etwas vorzuwerfen.
Leider führt das dazu, dass viele sich nicht mehr trauen, miteinander ins Gespräch zu kommen. Und klar, natürlich will man nicht ständig und überall mit jedem reden. Aber ein bisschen mehr Austausch fände ich schon toll — und zwar nicht nur senden, senden, senden in „sozialen“ Medien, sondern auch zuhören, Neues erfahren, das echte Gespräch suchen mit dem Menschen gegenüber oder neben einem.
Diese Woche saß mir in einem Zug ein Mann gegenüber, der einen riesigen, also wirklich: riesigen Hund dabeihatte. Der rollte sich am Boden zusammen, seufzte zufrieden und machte schmatzende Geräusche, während er mich anstarrte. Genau wie Frau Dr. Bohne, nur zehnmal größer und zehnmal lauter. Ich hätte gern gewusst, was das für ein Hund ist, und mehr über seine Geschichte erfahren. Aber der Mann hatte zwei Knöpfe im Ohr und signalisierte durch seine Körpersprache: keine Lust auf Kommunikation!
Neben mir saß ein Leutnant des Heeres in Flecktarnuniform. An ihn hätte ich so viele Fragen gehabt! Was genau er macht, wie das heute so ist als junger Offizier in der Bundeswehr, warum er sich dafür entschieden hat und was er für seine Zukunft plant. Aber auch er: Knopf im Ohr. Er signalisierte zwar keine Unlust am Gespräch, aber ich wollte ihn dann doch nicht stören.
Schade eigentlich. Die Leute hören ständig irgendwas per Knopf im Ohr und starren auf ihr Handy. Ich kann das verstehen, denn die Zeit im Zug kann man auf diese Weise ja gut nutzen. Und auf keinen Fall möchte man sich von irgendwelchen nervigen Typen wie mir volllabern lassen. Aber wie gesagt: Manchmal wünschte ich mir einfach ein bisschen mehr Austausch. Auch und gerade mit Fremden.
Knusper-Ostalgie
Kürzlich hat mich ein Freund aus Leipzig besucht, und er hat mir einige regionale Geschenke mitgebracht. Unter anderem: Knusperflocken. Ohne es zu ahnen, hat er mir damit eine große Freude gemacht, denn ich habe diese Süßigkeit 1994 auf der „Gorch Fock“ kennengelernt. Damals brachten einige Kameraden aus Ostdeutschland sie mit. Es waren die „Choco Crossies“ der DDR, und natürlich gaben mir einige etwas davon zum Probieren. Zunächst fand ich sie gewöhnungsbedürftig, denn sie bestehen aus Vollmilchschokolade und zerbröseltem Knäckebrot. Aber es ist wie beim Bamberger Rauchbier: Wenn man erst einmal ein paar davon konsumiert hat, sind sie ganz hervorragend!
Wenn man sich die Dinger anschaut, sehen sie ehrlich gesagt ziemlich furchtbar aus: staubig, krümelig, alt. Aber wenn man dann den Text auf der Verpackung liest, lernt man wieder: Gute Kommunikation kann vieles wettmachen. Dort steht nämlich: „Das Original. So muss eine original Knusperflocke aussehen. Nur natürliche Zutaten sorgen durch Reibung im Beutel für eine raue und matte Oberfläche. Mit einer zuckersüßen Glasur könnten wir sie auch glänzend machen, aber nur auf Kosten des guten Geschmacks. Und das kommt für uns nicht in Frage.“

Jedenfalls esse ich nun diese Schokolade, die es in der DDR schon in den 1970er Jahren gab, hergestellt im VEB Kombinat Süßwaren. „Ostalgie“ empfinde ich dabei nicht, ich bin ja Kind des Westens und war nie in der DDR. Aber ich erinnere mich an die ersten Begegnungen mit bestimmten Menschen im Jahr 1994, die dieses Zeug tütenweise an Bord schleppten – für die lange Seereise.
Bei meinem Besuch in Magdeburg im Juni muss ich einen Supermarkt finden, in dem ich einen Vorrat für den Import nach Wien einkaufen kann.
P. S.: Erst Eierschecke, jetzt Knusperflocken – ich glaube, das ist ein sächsischer Komplott, mich umzubringen.
P. P. S.: Tipp für die Politik: Sie könnte zum Beispiel die unsägliche Neuverschuldung reduzieren und vergleichbar sagen: „So muss ordentliche Politik aussehen. Nur eine Politik, die entsprechend der erwirtschafteten und eingenommenen Mittel Geld ausgibt, ist nachhaltig. Mit neuen Schulden in hohem Maße könnten wir sie auch angenehmer gestalten, aber nur auf Kosten künftiger Generationen. Und das kommt für uns nicht in Frage.“
Aber ich befürchte, das fällt in der Bundesregierung nicht allzu vielen ein.
Meine Güte!
Die Zustimmung zur „AfD“ wächst und wächst – und wir alle wissen längst nicht mehr, wie wir damit umgehen sollen. Eigentlich schon seit Jahren nicht. Dazu wollte ich an dieser Stelle etwas schreiben, werde das nun aber erst nächste Woche für den „Spiegel“ tun.
Mir bereitet jedenfalls Sorge, wie naiv viele sind. Und wie ihre hilflosen Versuche, eine Lösung zu finden, die Extremisten immer stärker machen. Vor allem aber erkennen wir das wesentliche Problem nicht.
Joghurt geht immer

Frau Dr. Bohne, meine Hündin, Assistentin und Lebensbegleiterin, liebt Joghurt. Sie mag auch Frischkäse und Apfelstücke und, oh ja!, Reis, ihr Futter sowieso, aber Joghurt ist etwas ganz Feines.
Und so schleckt sie gerne einen fast leeren Becher aus, hält ihn mit ihren etwas groß geratenen Pfoten fest, schlabbert und schlonzt – und am Ende ist der Becher blitzblank sauber.
Vergangene Woche habe ich drei Notizbücher verlost, die wie deutsche Pässe aussehen. Die Gewinner wurden benachrichtigt; die Bücher sind bereits auf dem Postweg.
Nun ist wieder Pfingsten, und wie jedes Jahr (!) muss ich erneut nachschauen, was Pfingsten überhaupt ist. Ich vergesse es immer wieder und kann es mir einfach nicht merken – ganz ähnlich wie bei Fronleichnam. Ich glaube, das ist das sogenannte Pfingstwunder. Nächstes Jahr werde ich erneut nachschlagen müssen. Übernächstes auch. Überübernächstes wieder. Und so weiter.
Ich habe mich eingangs für ein anständiges Miteinander und eine gepflegte Sprache ausgesprochen, und dabei soll es auch bleiben. So wünsche ich Ihnen einen schönen Sonntag, angenehme Pfingsten und eine erbauliche Woche und gestatte mir den Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung,
Ihr Hasnain Kazim