
Ein frei laufender Elch in Baden-Württemberg? Kaum vorstellbar, schließlich werden die Tiere eher im kalten Norden verortet. Trotzdem wurde Anfang Oktober 2025 einer der Paarhufer in „freier Wildbahn“ beobachtet und kam sogar in die Schlagzeilen (etwa im SWR BW (Abre numa nova janela)).
Zunächst wurde vermutet, dass sich der Jungbulle verlaufen hatte oder nur auf der Durchreise war. Nach kurzer Zeit stand jedoch fest: Es stammt aus dem Wildpark Pforzheim, sollte eigentlich ins niederbayerische Passau umgesiedelt werden. Auf dem Weg dorthin büxte Erwin unter bisher ungeklärten Umständen aus dem Tiertransporter aus und sah sich erst einmal in der Ortenau am Westrand des Schwarzwaldes um.
Fun Fact:
Der Name Erwin ergab sich aus einer Online-Umfrage, als noch nicht bekannt war, woher das Tier stammt. Doch eigentlich heißt Erwin seit seiner Geburt im Jahr 2024 Lord Fynn. So hatte der Wildpark Pforzheim den Jungbullen ursprünglich getauft.
Ein Zootierarzt betäubte das Tier schließlich am 11. Oktober und man brachte es zurück nach Pforzheim in sein angestammtes Wildpark-Gehege. Doch wie geht es Erwin aktuell?
Ein Interview mit Carsten Schwarz, Förster und seit vielen Jahren Leiter des Wildpark-Teams in Pforzheim:
1. Wissen Sie inzwischen, wie Elch Erwin auf dem Transport entkommen ist?
Nein, weder die polizeilichen Ermittlungen noch die direkte Kommunikation mit dem Transporteur konnten den tatsächlichen Hergang ans Tageslicht bringen.
2. Wie geht es Erwin aktuell? Hat er sich nach seinem unfreiwilligen Freigang wieder gut in Pforzheim eingelebt?
Lord Fynn (Erwin) sowie seinen drei Artgenossen geht es fein. Glücklicherweise kamen weder Menschen noch Tiere zu Schaden.
3. Vermutlich werden nicht alle LeserInnen den Wildpark Pforzheim kennen. Können Sie kurz beschreiben, warum Sie dort auch Elche halten?
Die Elchhaltung im Wildpark Pforzheim reicht bis zur Gründungszeit Ende der 60er Jahre zurück. Damals mit dem Ziel, eine möglichst große Vielzahl von Geweihträgern der Familie der Hirsche zu halten. Damit schloss der Wildpark eine Nische zwischen den beiden großen Zoos in Stuttgart und Karlsruhe.
4. Aus dem Nähkästchen geplaudert: Ist Erwin, der auch den „adeligen“ Titel Lord Fynn trägt, in der Haltung sehr anspruchsvoll? Gibt es eine Anekdote von Seiten der TierpflegerInnen?
In der Tat sind Elche aus tierpflegerischer Sicht sehr anspruchsvoll in Bezug auf Nahrung, Sauberkeit und Gehegeeinrichtung. Deshalb finden sich Elche in Gehegehaltung eher selten.
Der Umgang mit den Tieren birgt Gefahren. Ihr blitzschnelles Ausschlagen mit den Vorderbeinen ist außergewöhnlich. Das haben auch schon Füchse spüren müssen, die beim Durchstreifen der Elchanlage auf diese Weise zu Tode kamen.
5. Elche gehören zu den Hirschen (Cervidae), sind unter anderem mit unseren heimischen Rothirschen, Rehen und den nordischen Rentieren verwandt. Weltweit umfasst die Hirschfamilie sogar über 80 verschiedene Arten. Ihre Meinung: Wieso hat sich evolutionär eine derart große Vielfalt entwickelt?
Diese Artenvielzahl hängt mit den vielfältigen Lebensräumen, Nahrungsgrundlagen, Konkurrenzsituationen und Feinden auf unserer Erde zusammen. Die Pflanzenfresser haben/mussten sich im Laufe der Evolution den mitunter wechselnden Rahmenbedingungen stets anpassen und spezialisieren. Dies hatte Auswirkungen z. B. auf die Nahrungswahl, Wehrhaftigkeit, Schnelligkeit, Ausdauer und beeinflusste damit die Körperentwicklungen der einzelnen Hirscharten.

6. Ihre großen Geweihschaufeln, die dünnen und langen Beine, der massige Körper und die verlängerte Schnauzen-Region (Elchmuffel) lassen Elche wie Erwin sehr speziell aussehen. Warum dieser Körperbau? Hängt das mit ihrem Lebensraum zusammen?
Die langen Beine der Elche sind ihre Lebensversicherung sowohl bei der Abwehr von Prädatoren als auch beim Bewegen in unwägbarem Gelände, sumpfigen Gebieten oder bei hohen Schneelagen. Sie garantieren ein zügiges und sicheres Vorankommen. Nicht grundlos werden Elche auch als Kamele des Nordens bezeichnet
7. Haben Elche auch eine ökologische Bedeutung?
Wie alle anderen Pflanzenfresser sind Elche trotz ihrer Größe auch Teil einer Beutegreifer-Beute Beziehung. Vor allem Bären und Wölfe nutzen Elche als Nahrungsquelle. Mit dem Fraßverhalten beeinflussen Elche ihre Lebensräume (übrigens auch unter Wasser, denn Elche lieben Wasserpflanzen) und können der Landschaftsoffenhaltung dienen. Zu hoher Fraßdruck kann aber auch zur Artenverarmung führen. Dort wo Prädatoren fehlen, werden Elche zur Regulierung bejagt.
8. Elche kennt man vor allem aus Kanada, Nordamerika und Skandinavien. Kommen die Geweihträger aktuell auch in Deutschland vor?
Nachdem der „Eiserne Vorhang“ Anfang der 90er Jahre fiel, nutzen viele Tierarten den nun freien Weg von Ost nach West. Die Elchsichtungen in den Grenzgebieten zu Polen, Tschechien und Österreich mehren sich stets. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis Elche sich in Deutschland wieder ansiedeln. Vorausgesetzt, unsere Gesellschaft duldet die größte Hirschart und ist in der Lage sich ihr anzupassen. Zu Spannungen aufgrund gesicherten Elchpopulationen würde es vor allem in der Land- und Forstwirtschaft sowie im Straßenverkehr führen.
9. Das Interview wird im Dezember veröffentlicht. Wir alle träumen von einer weißen Weihnacht 🎄. Wie verbringt Familie Elch bei Ihnen den Winter?
Wir Menschen feiern Weihnachten und die Elche im Wildpark feiern die kalte Jahreszeit. Als nordische Tierart kommen Elche mit niedrigen Temperaturen bestens klar. Wissenschaftlich wird dies von der „Bergmannschen Regel“ belegt. Weit und breit keine Stechmücken und die Ernährung in Gehegehaltung ähnelt einem Besuch im Gourmetrestaurant.
10. Wie geht es im Jahr 2026 mit Erwin weiter?
Weder während seinem einwöchigen Ausflug im Schwarzwald noch im Wildpark Pforzheim zeigt sich Lord Fynn als Problemelch. Ganz im Gegenteil! Hier wie dort gilt der Elchtest also für bestanden. Aktuell laufen Überlegungen, wie wir Lord Fynn samt seinem Zwillingsbruder (Kleiner Lord) im Wildpark halten können. Dazu sind wir im Austausch mit einem Zootierarzt. Weiterhin wird es im Frühjahr bauliche Anpassungen im Elchgehege geben. Spätestens bis zur nächsten Brunft im September wird eine Lösung gefunden sein.
Die Bergmannsche Regel bezieht sich auf die meisten Vögel und Säugetiere.
Je größer die Körperoberfläche, desto mehr Wärme geben diese Tiere ab (etwa über die Haut).
Je größer ihr Körpervolumen, desto mehr Wärme produzieren sie (über den Stoffwechsel in ihren Zellen).
Große Tiere wie Elche haben zwar ein großes Körpervolumen, aber eine im Verhältnis dazu geringere Körperoberfläche. Das heißt, sie produzieren mehr Wärme, als sie abgeben können. Daher bevorzugen sie kältere Lebensräume.
Umgekehrt formuliert: Vogel- und Säugetierarten, die in kälteren Regionen leben, sind oft größer, als ihre nahen Verwandten in wärmeren Regionen.
Transparenzhinweis:
Alle im Text gezeigten Bilder (auch Teaserbild) wurden vom Wildpark Pforzheim speziell für diesen Artikel zur Verfügung gestellt und zum Abdruck freigegeben. Bildrechte und Copyright liegen ausschließlich beim Wildpark Pforzheim.
TiVi! Filmtipp zum Thema
Re: Elchalarm, die Waldriesen sind zurück (Abre numa nova janela): In dieser 30-minütigen Dokumentation von J. Michael Schumacher (RS-Film) geht es um Elch Bert, der sich seit einigen Jahren in Brandenburg aufhält - und um einen Wildbiologen, der das Leben und die Wanderungen der mächtigen Hirsche erforscht (MDR/Arte 2025, abrufbar in der ARD-Mediathek, online verfügbar bis 26. November 2026).
Ausblick
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Und danach geht es um den Braunbrustigel (Abre numa nova janela): Was macht er im Winter? Und wie können NaturfreundInnen ihren Garten bereits in den kalten Wintermonaten igelfit gestalten?
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