Ein gutes Essaythema, so Autorin und Schauspielerin Samira El Ouassil, spüre man als Kribbeln am Körper. Beim Schreiben des Kurzessays für das heutige Mailing kribbelte es gewaltig. In diesem Text geht es unter anderem um Frauenhass und sexualisierte Gewalt. Wer das (heute) nicht lesen möchte oder kann (oder die Serie Adolescence noch sehen möchte) – ich habe auch andere „Frauentexte“, beispielsweise Frauen, die auf Männer starren (Abre numa nova janela).)

Köln, Januar 2025 © Kristina Klecko
Ein Exkurs vorab: Als Schülerin hatte ich keinen Musikunterricht, auch der Kunstunterricht fiel oft aus. Meine Beziehung zu Kulturprodukten war lange von der Fehlannahme geprägt und geschädigt, es handle sich dabei um etwas Übermächtiges, etwas, das manche können und machen – andere nicht; dass selbst der Konsum von Kultur eine Vorbildung erfordere. Bei Museumsbesuchen schaute ich mir jedes ausgestellte Kunstwerk genau an, las die Bildunterschriften und versuchte zu verstehen. Oft verstand ich es nicht. Ich orientierte mich an anderen Besucher*innen. Es fühlte sich nach Arbeit an.
Haben sich die anderen an mir orientiert? Haben wir gemeinsam ahnungslos Kunstpublikum performt?
Heute gehe ich zügig an Menschen vorbei, die sich bedeutsam vor Kunstwerken aufbauen, und bleibe stehen, wenn mich etwas interessiert. Ich muss nicht alles, was Kultur sein will, verstehen.
“Man muss sich vielgerühmten Werken nicht auf Knien nähern.” Kae Tempest, Verbundensein
Dann kam Adolescence. Eine Serie über einen Dreizehnjährigen, der, so die Netflix-Beschreibung, “des Mordes an einer Mitschülerin verdächtigt wird”, während “seine Familie, seine Psychologin und der leitende Ermittler herausfinden [wollen], was passiert ist.” Die Serie brach Streaming-Rekorde und motivierte begeisterte Empfehlungen. Ich schaute sie mir an.
Zuerst hat sie mich bloß gelangweilt oder wie Jude Doyle es in seiner Kritik formuliert:
“im Laufe der Serie gefiel sie mir immer weniger.” Jude Doyle, A Difficult Phase
Wäre es ein ästhetisches Problem, hätte ich keins, siehe obigen Exkurs. Zudem ist die Schauspielleistung des Hauptdarstellers wirklich beeindruckend und die Kameraführung spannend.*
Darum geht es nicht.
Ich verstand nicht, warum so viele die Verarbeitung des Themas lobten. Je mehr begeisterte Empfehlungen ich las, desto unwohler fühlte ich mich, ohne festmachen zu können, woran es lag. Dann aber las ich es bei Doyle: Es ist möglicherweise eben nicht die längst überfällige mediale Auseinandersetzung mit Frauenhass, die es sein möchte.
Die Wahl des Protagonisten
Stephen Graham, der die Idee zur Serie hatte, am Drehbuch mitschrieb und den Vater des Jungen spielte, hatte nach eigener Aussage von ähnlichen Verbrechen gehört und wollte der Frage nachgehen, wie es dazu kommen konnte. Das ist sein gutes Recht, doch:
“‘Jamie Miller’ ist kein Kind; er ist eine fiktive Figur, und ich denke, es ist fair zu fragen, warum Adolescence diese fiktive Figur geschaffen hat, um eine Geschichte über Online-Radikalisierung und Hassverbrechen zu erzählen.” Jude Doyle, A Difficult Phase
Die Wahl des Protagonisten, so Doyle, lenke von der Tatsache ab, dass solche Verbrechen mehrheitlich nicht von Kindern, sondern von erwachsenen Männern verübt werden, die moralisch und juristisch für ihre Taten verantwortlich gemacht werden können. Zwar gelten in England, dem Handlungsort der Serie, Kinder mit der Vollendung des zehnten Lebensjahrs als strafmündig und können für schwere Verbrechen zu Haftstrafen verurteilt werden, in Deutschland wäre der dreizehnjährige Jamie nicht strafbar.
Die Erklärung des Motivs, ähm, der Manosphäre
Die Wahl des Protagonisten zieht die Erklärung des Motivs nach sich. In einer seltsam kryptischen Szene erzählt der Sohn des ermittelnden Polizisten, der die gleiche Schule wie Jamie besucht, seinem Vater, dem er ansonsten nie etwas erzählt, von roten Pillen und Prozentangaben in Kommentaren sozialer Netzwerke – und alle wissen Bescheid.
Wirklich?
“Schaut man sich Adolescence im Vakuum an, kommt man zu dem Schluss, dass ‘Frauenfeindlichkeit’ ein Jugendwahn ist, der vor ein paar Jahren im Internet aufgetaucht ist, (…) und nicht das Fundament, auf dem die westliche Gesellschaft seit Jahrtausenden aufgebaut ist.” Jude Doyle, A Difficult Phase
Auch wenn wir nicht im Vakuum leben: Was wissen wir wirklich über Frauenfeindlichkeit und den Ursprung von Frauenhass? Wie viel wollen wir wissen? Es mangelt nicht an Kriminalstatistiken, die belegen, dass es keine Rolle spielt, was Frauen anhatten oder wo sie unterwegs waren, als sie Opfer von Gewalt wurden, und dass der Täter mehrheitlich ihr Nächster war. Es mangelt nicht an Frauen, die darum bitten, sprachlich nicht zu verharmlosen (“das meint er nicht so, er ist ein guter Freund”) und nicht zu akzeptieren (“als Frau würde ich da nicht lang gehen”). Adolescence aber entlässt uns mit dem beschwichtigenden Gefühl in den Alltag, dass Gefahr im klar umrissenen Feld lauert.
Der Polizist stürmt, von seinem Sohn aufgeklärt, ins Büro und verkündet: Das Mädchen habe den Jungen gemobbt und ihn abblitzen lassen, er wurde in skurrilen Onlinegruppen aufgestachelt und hat sich an ihr gerächt. Schwingen nicht die zu bekannten Fragen mit, hatte sie nicht Mitschuld, handelte es sich dabei nicht um einen bedauerlichen Einzelfall? Entsprechend sind die realen politischen Folgen, die die Serie ausgelöst hat, erwartbar: Diskutiert werden Handyverbote an Schulen und die Sperre von Sozialen Netzwerken für Minderjährige. Problem gelöst.
Die fehlende Perspektive
“Es gibt praktisch keine Frauen in diesem Ding (…).” Jude Doyle, A Difficult Phase
Vor fünfzig Jahren beschrieb die Filmtheoretikerin Laura Mulvey in einem Essay den männlichen Blick im Film und zitierte den Filmregisseur und Drehbuchautor Budd Boetticher mit den Worten, die Frau an sich habe [im Film] nicht die geringste Bedeutung. Bis heute herrscht ein Mangel an authentischen weiblichen Geschichten. Auch in Adolescence sind weibliche Charaktere, so Doyle, so schlecht ausgearbeitet, haben so wenig eigene Geschichte, dass wir sie kaum wahrnehmen. Wir haben eine Polizistin, die keine Lust hat, in der Schule zu ermitteln; eine Schulleitung, die überspannt wirkt; eine beste Freundin des ermordeten Mädchens, die bei der Vernehmung wütend wird, weil der Polizist nicht verstehen will, dass sie nun vollkommen allein ist (?), unklar, und egal, denn wir sehen sie nie wieder. Dafür Männer, Jungs, Männer, Jungs, Männer.
“Das Desinteresse der Serie an Mädchen und Frauen ist so tiefgreifend, dass selbst das Mädchen, mit dessen Ermordung die Serie begann, irgendwie nebensächlich ist. Ihr Leben, ihr Tod sind nur die Kulisse für die Geschichte, die Adolescence erzählen will, eine Geschichte über Väter und Söhne, Jungen und Männer, die Natur der Männlichkeit – Männer, die über Männer diskutieren (…).” Jude Doyle, A Difficult Phase
Nun gut, die Serie nimmt Männer in den Blick, spricht sie direkt an. Was ist so schlimm daran, sie sind schließlich beteiligt?
Schlimm ist, dass wir auf der Stelle treten, weil wir immer den Gleichen zuhören, weil immer die Gleichen den Raum einnehmen, ihr Leid klagen, mit einem Minimum an Empathie für die Opfer davonkommen. Fallen Strafen für Gewaltverbrechen an Frauen regelmäßig so mild aus, weil Richter*innen sehr genau wissen, wie sich Täter*innen fühlen, weil ihnen jedes zweite Kulturprodukt davon erzählt, aber nicht was die Opfer (und ihre Familien) durchleben?**
Schlimm ist, dass wir Serien brauchen, die Frauenhass aus männlicher Perspektive erklären, weil Frauen zu selten zugehört und geglaubt wird. Dass unterdessen bei vielen das Gefühl entsteht, es wurde nun genug gesprochen.
Dass wir das alles langsam nicht mehr hören wollen.
Hast du die Serie gesehen? Wie fandest du sie? Ich freue mich über deine Meinung, auch und gerade dann, wenn sie nicht mit meiner übereinstimmt.
Schöne Grüße und bis in zwei Wochen!
Kristina
PS: Ich freue mich immer, wenn du meine Newsletter an andere Menschen weiterleitest.
*Auch wenn ich es bei Victoria (Abre numa nova janela) gelungener fand.
**In der Woche, in der ich diesen Text schreibe, wird ein Student der Gynäkologie für die Vergewaltigung einer Kommilitonin zu 3.500 Euro Geldstrafe verurteilt. Der Richter begründet die milde Strafe damit, dass er dem jungen begabten Mann nicht die Zukunft verbauen möchte. Ende 2024 wurde ein Feuerwehrmann für das gleiche Verbrechen ebenfalls milder bestraft, damit er seine Verbeamtung nicht verliert.
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Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.