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Unrast #8: Unterwegs im Valle Leventina

Über langsame Tage im Tessin.

Das Leventina ist das erste Tal im Tessin, das man von Zürich aus erreicht, wenn man nach Süden fährt. Ich habe nicht gezählt, wie oft ich hier in meinem Leben schon durchgerauscht bin, mit dem Zug oder im Auto.

Dieses Mal haben wir angehalten. Nach der Fahrt über den Pass biegen wir in Faido ab und fahren ein paar Serpentinen nach oben, bis in ein kleines Dorf mit Blick auf das Tal und die Berge rundherum. Auf den höchsten Berggipfeln, die man von hier aus sieht, lag bei unserer Ankunft schon der erste Schnee.

Eine leere Bank auf einer Veranda und der Blick ins Tal und auf die Berge.

Man hört sie hier noch, die Autobahn. Aber das monotone Dröhnen wird bald zum Hintergrundgeräusch. Wir sagen uns einfach, es sei der Wasserfall am Hang gegenüber. Nach ihm hat man den Tunnel benannt, aus dem kurz dahinter Auto um Auto auf das Viadukt rollt. «Wo wollt ihr denn alle hin?»

Das Haus, in dem wir hier für ein paar Tage wohnen, war einst ein Stall. Architekten haben ihn in den 70ern zum Wohnhaus umgebaut. Der spätere Besitzer hat es mit Möbeln aus der Zeit ausgestattet, einige davon hat er selbst gebaut. Vor dem Haus eine Wiese, dann das Tal. Um uns herum Kastanien- und Walnussbäume. Eines Abends finden wir kleine Fussabdrücke am offenen Küchenfenster. Ein anderes Mal knuspert es in der Decke zwischen den Holzbalken.

Morgens, wenn ich auf der Veranda sitze, in eine Decke gehüllt und mit einer Tasse Kaffee in der Hand, ist es noch kühl. Später wird es so warm, dass wir den Schatten suchen. An einem Regentag schieben sich Wolken über die Berge und bleiben in Fetzen an den Nadelbäumen hängen. Abends scheint die Sonne noch einmal auf die Gipfel, dahinter verschwindet der Mond. Drinnen knistert der Kamin. Kurz bevor wir fahren, weht ein kalter Wind von den Bergen.

Wohnzimmer mit Sofa und Kamin und eine Aussenansicht eines umgebauten Stallhauses.

Während unserer ersten Tage hier begegnen wir kaum jemandem. Das Dorf wirkt wie ausgestorben. Nur ein paar Gartenstühle, die ihren Platz wechseln, und eine Schubkarre mit Heu, die plötzlich auftaucht, zeigen, dass hier Menschen leben. Später sehen wir immer wieder zwei Hunde, die auf der grossen Wiese vor unserem Haus miteinander spielen. Ihre Besitzer halten Distanz, rufen manchmal Befehle auf Italienisch.

Dafür begegnen wir umso mehr Eidechsen. Wenn wir oberhalb der kleinen Mauern vorbeilaufen, springen sie ins Gras. Manchmal, wenn ich still auf der Bank sitze, kommen sie ganz nah. Wir betrachten uns aus den Augenwinkeln, bis sich eine von uns bewegt. Sie geniessen die Wärme der ersten Sonnenstrahlen des Tages genauso wie ich.

Gegen Mittag flattern die Schwalben durch das Tal, tauchen ab zwischen den Bäumen und fliegen knapp bis an unsere Veranda.

Die Tage, die wir hier verbringen, sind einfach. Wir lesen, reden oder spielen ein paar Runden Kniffel. Auf einer Wanderung entlang der Strada Alta finden wir eine alte Mühle. «Vendesi» – zu verkaufen – steht auf einem Schild. Später, als wir an einem Wasserfall sitzen und unsere Füsse im kalten Wasser baden, male ich mir kurz aus, wie das wohl wäre.

Einer unserer wenigen Ausflüge führt uns nach Giornico, um das Museo La Congiunta zu besuchen. Den Schlüssel für den fensterlosen Betonbau, der auf einer Wiese am Ende des Dorfes steht, sammeln wir in der Osteria im Ort ein. Als wir die Tür öffnen, erwarte ich Dunkelheit. Stattdessen fällt helles Tageslicht aus den Oberlichtern auf die Architektur von Peter Märkli und die Skulpturen von Hans Josephsohn.

Betonraum im Museo La Congiunta mit Skulpturen von Hans Josephsohn. Tessiner Gebirgsfluss mit grossen hellen Felsen.

Zuvor waren wir im «Grotto Pescatori» zum Mittagessen. Die Fahrt dorthin ging immer entlang des Gebirgsbachs, nach dem man den Kanton benannt hat. Sein Lauf führt an Betonpfeilern und Viadukten der Autobahn vorbei, die man brutal durch das Tal gezogen hat. Rund um das Grotto dann unglaubliche Ruhe, der türkisblaue Fluss, helle, ausgewaschene Felsen und feiner Sand. Wir bestellten Forelle aus dem Nachbardorf. Davor teilten wir uns eine Portion Gnocchi. Dazu Wasser und ein Glas Hauswein.

An einem anderen Tag fahren wir nach Ascona. Wir mieten ein kleines Boot und fahren damit zur Mitte des Sees. Da drüben ist gleich die Grenze zu Italien. Der Cava, den wir mitgebracht haben, ist noch kalt. Gelegentlich kommt ein anderes Boot vorbei – und immer wieder Haubentaucher.

Kleines Boot auf dem Lago Maggiore, Berge im Hintergrund. Hausfassade in Ascona mit geschlossenem weissen Gardienen.

Erst als wir abreisen, bemerke ich, dass wir die ganze Woche lang keine Musik gehört haben.

Tópico Unterwegs