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Unrast #3: Erinnerungen an Island

Über eine Wohnung in einer Strasse in Berlin, die ich nur kurz mein Zuhause nennen durfte.

Vase mit bunten Blumen auf einer Fensterbank, dahinter der Blick auf Bahngleise.

Als wir damals den Zuschlag für die Wohnung bekamen, erzählten wir allen: «Wir ziehen nach Island». Manche haben es uns sogar geglaubt. Gemeint war eine Wohnung in der Isländischen Strasse, in die wir uns sofort verliebt hatten.

Vor dem Umzug sassen wir nächtelang in der engen Küche in unserer alten Wohnung – Friedrichshain, Hinterhaus – und träumten vom lichtdurchfluteten Wohnzimmer mit Blick über das Gleisbett. Dass wir meistens trotzdem wieder in der Küche sitzen würden, wussten wir nicht. Auch dem Nachbarn, der nachts gerne über meinem Schlafzimmer Gitarre spielen und dabei auf seinem Bürostuhl hin und herrollen würde, begegneten wir erst später. Genauso wie den cholerischen Hobby-Bienenzüchtern aus dem Hinterhaus.

Schlichtes Schlafzimmer mit ungemachtem Bett, Leselampe und Fotografien an der Wand.

Ich habe kaum Erinnerungen an unseren Umzug, aber ich weiss noch, wie auf einmal alles Platz hatte, ja, fast verloren wirkte. Wie unsere Gesichter und Dinge abends im goldenen Abendlicht leuchteten, während wir vom Balkon aus die Flugzeuge im Landeanflug nach Tegel beobachteten. Das erste Lied, das wir hier hörten, war This is the Beginning von Boy (Abre numa nova janela).

Open the boxes, unpack what you own
Hang up some posters and make this a home
Walk down the stairs and open the door
Look at the things you've never seen before
This is the beginning, of anything you want

Wir dekorierten die Wände mit unseren Fotos und Kunstwerken unserer Freunde. Du hattest uns ein Plakat gekauft, auf dem stand: «Home is wherever I am with you». Den kleinen Balkon bepflanzen wir mit Wiesenblumen. Möbel dafür besorgten wir nie. An die vorbeifahrenden Züge gewöhnten wir uns schnell. Der Nachtzug nach Malmö kam immer zur gleichen Zeit. Statt Fernweh zu bekommen, wussten wir: Wir waren genau richtig hier.

Esstisch mit welkenden Tulpen, Wasserflasche, -glas und Laptop vor einem Fenster mit Blick nach draussen.

Wir weinten und lachten zusammen, manchmal bis uns alles wehtat. Du hast am Esstisch im Wohnzimmer deinen zweiten Roman geschrieben. Wir haben uns verliebt, entliebt und wieder verliebt. Haben Entscheidungen getroffen, die bis heute nachhallen. Gestritten haben wir selten. So manches Paar hat uns vermutlich für unsere platonische, eheähnliche Beziehung beneidet.

Das Haus stand direkt dort, wo früher die Mauer Berlin in zwei Teile teilte. Beim Blick aus meinem Fenster dachte ich manchmal darüber nach, wie hier jemand mit derselben Aussicht gewohnt haben muss. Über die Gleise auf das Schulhaus am Rand des Wedding, damals in einem anderen, unerreichbarem Land. Im Keller, der so dunkel und verwinkelt war, dass wir ihn bis zu unserem Auszug möglichst mieden, fanden wir später Parolen gegen das DDR-Regime – mit Kreide auf die Backsteinwand gekritzelt.

Wir hingegen überquerten jeden Morgen die erst 2002 fertiggestellte Brücke an der Behmstrasse, um mit der U8 nach Kreuzberg in die Agentur zu fahren. Abends waren wir meistens zu erledigt und unser Zuhause zu gemütlich, um es noch einmal zu verlassen: Wir lagen lieber gemeinsam im Bett, erzählten uns Geschichten oder schauten Serien und Filme. Die Wochenenden verbrachten wir im Viertel. Spaziergänge über den Mauerpark, zum Arkonaplatz, Kaffee in der Kohlenquelle, Käsebrot im Sgaminegg . Manchmal machten wir Ausflüge nach Mitte, zu The Barn oder zu Do You Read Me?!

Cafészene mit Holzstuhl, Zeitungen und warmem Licht.

Nach einer Party würden wir noch monatelang Konfetti zwischen den Dielen finden. Und als wir eines Tages die Regale der Vormieter im Flur abnahmen, bröselte uns die halbe Wand entgegen. Die verspachtelten Löcher sahen aus wie kleine Gespenster.

Wenn es draussen stürmte, knarrten die Decken und Dielen. Im Winter pfiff der Wind durch die Ritzen zwischen den alten Doppelfenstern. Lüften mussten wir eigentlich nie. Der Flur schien unendlich, war aber gerade lang genug für unsere Schuhsammlung. Die Zimmer hingegen konnten wir nur so spärlich möblieren, man hätte uns für Minimalisten halten können.

Wir waren ein lebendes Klischee unserer Zeit und dokumentierten unser Leben auf Instagram, weil man das damals so gemacht hat. Ein Jahr voller Erinnerungen und kleiner Anekdoten, die wir uns bis heute erzählen, gefärbt in den warmen, leicht verblassten Tönen des «Valencia»-Filters.

Geöffnete Balkontür. Frische rosa Tulpen in einer Glasvase auf einem alten Fensterbrett.

Wenn ich in Berlin bin und dich besuchen fahre, setze ich mich am Gesundbrunnen immer so in die S-Bahn, dass ich einen kurzen Blick auf das Haus erhasche. Ich weiss, du tust das auch.

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Tópico Erinnerungen