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Unrast #1 – Beobachtungen und Notizen der letzten Monate

Le Français en Practique #3

Zuerst kamen die kleinen Baugespanne auf dem Dach, ein Zeichen, dass hier bald etwas passieren würde. Dann vor ein paar Tagen die ersten Teile der Baustelleninstallation: Pfosten für den Strom auf dem Trottoir gegenüber, Parkverbotsschilder, Absperrungen.

Unterdessen sind alle Bewohner:innen ausgezogen: Der korpulente Mann, der auf dem Weg zum Supermarkt und retour immer eine Verschnaufpause auf einem Mäuerchen einlegen musste. Die indische Familie mit den Räucherstäbchen. Der junge Typ, der jeden Sommer glaubte, ein Virtuose auf der Gitarre zu sein.

Vor dem Haus stapeln sich ihre Überbleibsel: ein leerer Getränkekasten, eine alte Radkappe, Reste von Pressspanmöbeln, ein Hut, eine Strandmatte, ein paar Pfannen, viele alte Zeitungen, Pappe und anderer Müll.

Was mich innehalten lässt, ist ein Aktenkoffer, der offen auf einem hässlichen 80er-Jahre-Stuhl steht. Darin liegt, sorgfältig mittig platziert, eine einzige Kassette: Le Français en Practique, Teil 3.

Inmitten des zurückgelassenen Chaos wirkt das Arrangement wie eine Skulptur. Was will der oder die Kunstschaffende uns damit sagen? Wo sind die Kassetten mit Teil 1–2? Ist der Koffer eine Einladung, ein Portal in eine andere Welt?

Kassette mittig in einem alten, aufgeklappten Aktenkoffer liegend.

Piscina das Marés, Porto

Kurz stockt mir der Atem, als ich mich in die Wellen werfe. Salzwasser umspült meinen Körper; es wird später noch in meinen Haarspitzen kleben. Lange halte ich es nicht aus, nur vierzehn oder fünfzehn Grad hat der Atlantik hier.

Wir sind nördlich von Porto in einem Schwimmbad, das Álvaro Siza Vieira in den Sechzigerjahren entworfen hat. Der Strandabschnitt ist klein, vorgelagerte Felsen brechen die grössten Wellen, bevor sie die Uferzone erreichen.

Das Wasser im grossen Becken, das zum Meer hin durchlässig gebaut ist, wirkt deutlich wärmer. Ich ziehe langsam meine Bahnen. Später werde ich die kleinen Details, die mir dabei auffallen, mit der Kamera festhalten: die weissen Sonnenschirme, die übergrossen Leitern, die ins Wasser führen, und die filigranen Duschen. Der Beton, der sich brutal und organisch gleichzeitig in die Landschaft einfügt. Und natürlich: ein einsamer, leerer Plastikstuhl, der stoisch die Szenerie überblickt.

Ein Plastikstuhl vor einer Betonwand im Piscina das Marés von Alvaro Sizar bei Porto.

Wichtige Wegpunkte im Dorf, in dem ich aufwuchs:

Die Vorhänge mit Fussballmotiven im alten Vereinsheim. Der Tennisplatz, der sich am Ende des Ortes versteckt. In grasgrünes Plastik gewickelte Heuballen beim Pferdestall. Zwei unter Planen verrottende Autos auf dem Weg ans Wehr. Ein Kaugummiautomat, der seit meiner Kindheit immer wieder von irgendjemandem aufgefüllt wird. Das Haus mit dem Efeu, der hinter der Fassade rankt. Der verwilderte Garten gegenüber, aus dem meine Mutter Beeren stibitzt.

Juli

Da ist er also, der Juli. Ein Monat, der sich immer ein wenig so anfühlt, als würde das Jahr vornüber kippen. Der Sommer ist endlich da, die Tage werden wieder kürzer. Obwohl sich die erste Hitzewelle über Europa zieht, oder vielleicht gerade, weil es sich schon wie Hochsommer anfühlt, spuken im Hinterkopf erste Gedanken an den Winter.

Erinnerst du dich noch an das Video zu Das absolute Glück von Peter Licht (Abre numa nova janela)?
In einer dieser Nächte habe ich geträumt, ich laufe barfuss über leere Autobahnen. Es war Sommer, der Asphalt heiss.

Als ich aufwache, bläst mir der Ventilator warmen Wind ins Gesicht.
Die Luft im Schlafzimmer ist feucht und stickig. Wir haben die Doppelbettdecke im Schlaf zwischen uns geschoben – nicht als Platzhalter, sondern weil sie irgendwo hin muss. Tropennächte.

Unter den Dielen

Ich fotografiere eine Baustelle, balanciere über Balken und lehne mich über Brüstungen. Der überdimensionierte Staubsauger, der die Dämmung, die Jahrzehnte unter den Holzdielen geschlummert hat, in den Bauch eines Lasters saugt, macht einen ohrenbetäubenden Lärm.

Dort, wo die Dämmung noch zwischen den Balken liegt, gehen wir auf Schatzsuche. Wir finden alte Streichholzschachteln, einen roten Knopf, eine Fahrkarte für die Strecke Giesshübel – Sihlwald, abgestempelt am 21. September 1941, eine Woche vor der Geburt meines Vaters. Eine italienische Münze von 1922, ein vergilbtes Bonbonpapier, eine Briefmarke aus den 1960ern, einen Pinsel (Stärke 4, nicht ausgewaschen).

Dinge, die durch die Ritzen im Parkett gefallen sein müssen. Für ihre Besitzer unwiederbringlich verloren. Gleichzeitig so klein und unwichtig, dass sie den Verlust vielleicht gar nicht gemerkt haben. Dazwischen Scherben von Porzellan, Stücke alter Tapete, Putz mit blauer Bemalung – kleine Schätze im Bauschutt, den man zur Zeit des Baus als Dämmung benutzt hat.

Ich sammle diese kleinen Fetzen in einer Plastiktüte und wähne mich für einen Moment als Archäologin.

Fundstücke von unter den Dielen in einem alten Haus zufällig arrangiert in einer Blechdose.

Bücher, die ich im ersten Halbjahr 2025 gelesen habe und unbedingt empfehle:

  • Schimmernder Dunst über Coby Country – Leif Randt

  • The Outrun – Amy Liptrot

  • Gewässer im Ziplock – Dana Vowinckel

  • Scaffolding – Lauren Elkin

  • Pudels Kern – Rocko Schamoni

  • Walzer für Niemand – Sophie Hunger

  • Und alle so still – Mareike Fallwickl

  • Swimming Home – Deborah Levy

  • Doch – Drangsal (Max Gruber)

Ausserdem:

  • Rebel Girl – Kathleen Hannah

  • Good Girl – Aria Aber

  • No. 91/92: A Diary of a Year on the Bus – Lauren Elkin

  • Stories I forgot to tell you – Dorothy Gallagher

  • Palo Santo – Sascha Ehlert

  • Bad Regina – David Schalko

Musik, die wichtig war

Isolation Berlin, live in Zürich, später noch einmal in Leipzig und in Dauerschleife auf meinen Ohren, wenn ich unterwegs bin. Die Lieder über das Sitzen in Kneipen (Abre numa nova janela), die ganze Schwermut (Abre numa nova janela). Manchmal meine ich, sie könnten Tocotronic noch den Rang in meiner persönlichen Bestenliste ablaufen.

Isolation Berlin im Conne Island in Leipzig.

Ja klar, auch Tocotronic, ein neues Album, fünf Konzerte im ersten Halbjahr, dann noch eins spontan Anfang Juli – und immer wieder: Wie ich mir selbst entkam (Abre numa nova janela).

Die Heiterkeit live in München, ein schöner Zufall, es dorthin zu schaffen. Ein wunderbarer Abend im Strom. Ein paar Wochen später ein Bonaparte-Konzert im Volkstheater München, das dem verregneten, kalten Sommerwochenende einen Sinn gibt.

Dann haben sich noch Trümmer in die Playlisten geschummelt: Strassen voller Schmutz (Abre numa nova janela) und vor allem Wo ist die Euphorie (Abre numa nova janela) passen gerade so unfassbar gut zu allem.

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Tópico Digitale Notizen