Hi, hier schreibt Laura! Heute kommt ein besonderer und wichtiger Film in die Kinos: Fassaden von Regisseurin Alina Cyranek. Und ihr könnt zwei Karten gewinnen.
Was bedeutet es, in einer von Gewalt geprägten Beziehung zu leben – und wie gelingt der Ausbruch? In ihrem Dokumentarfilm Fassaden macht Alina Cyranek die Realität betroffener Frauen sichtbar. Vier reale Erfahrungsberichte werden zu einer Geschichte verdichtet. Erzählt werden diese von Schauspielerin Sandra Hüller. Die Gewalt wird im Film nicht explizit gezeigt, stattdessen übersetzt ein Tanzpaar in einer Blackbox die Gewaltdynamik in ästhetisch-poetische, körperliche Bilder.

Animierte, bearbeitete Einzelbilder machen Manipulation und innere Prozesse visuell erfahrbar. Expert*inneninterviews rahmen den Film und ordnen die Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse analytisch ein. Fassaden ist kein leichter Stoff. Der Film konfrontiert sein Publikum kompromisslos mit der Brutalität häuslicher Gewalt.
https://youtu.be/_0Br9nfDPX8?si=JfWZ5Nt4bb1M59_r (Abre numa nova janela)In der aktuellen Folge vom Lila Podcast beschäftigt sich auch meine Kollegin Özge mit dem Thema häusliche Gewalt. Dafür hat sie mit Miriam Peters von der Beratungsstelle Land-Grazien (Abre numa nova janela) gesprochen.
▶️ Lila Podcast hören: Was tun bei häuslicher Gewalt? (Abre numa nova janela)
Özge durfte Fassaden schon vor dem Kinostart anschauen – und ist nachhaltig bewegt von dem Film. Im Podcast bekommt ihr einen ersten Einblick, was euch bei Fassaden erwartet. Und Regisseurin Alina Cyranek hat Özge für unseren Newsletter ein paar Fragen beantwortet.
Interview mit Alina Cyranek
Özge: Du hast dich bewusst für einen bestimmten Blickwinkel entschieden: den der Betroffenen. Warum?
Alina Cyranek: Der Film ist eine klare Solidaritätsbekundung mit den Frauen: mit den Betroffenen, den Opfern, den Verletzten. Sich mit Tätern zu beschäftigen, mit Täterstrategien oder mit der Frage, warum Männer zu Gewalttätern werden, wäre ein anderer Film gewesen. Das ist nicht mein Thema. Mir ging es um den Blick auf die Frauen – um Empathie und Solidarität. Und auch darum, dass sie eine Form der Selbstermächtigung erfahren. Das war mir sehr wichtig.
Im Film sind keine expliziten Gewaltszenen zu sehen. Stattdessen wird die zerstörerische Wirkung auf Betroffene über Tanz ausgedrückt. Wieso hast du diesen Weg gewählt?
Explizite Gewaltszenen sehen wir jeden Tag im Primetime-TV und weit darüber hinaus. Bei allen Streaminganbietern ist Gewalt präsent und oft sehr explizit dargestellt. Ich wollte jedoch einen Kinofilm machen – und Kino ist für mich immer eine sinnliche, eine ästhetische Erfahrung. Deshalb war für mich klar, dass der Tanz und diese zusätzliche Ebene auch eine gewisse Schönheit haben müssen, damit man das Thema über 90 Minuten hinweg ertragen kann. In einem dunklen Saal, mit hoher Konzentration. Das ist etwas anderes, als auf dem Sofa zu sitzen. Kino funktioniert anders.
Mir war es wichtig, mit den filmischen Mitteln – Bild, Ton, Musik, Text – auf mehreren Ebenen etwas Organisches, Ästhetisches, vielleicht sogar Schönes zu schaffen, obwohl es um ein sehr hässliches Thema geht.
Die beiden Tänzer, Gesa Volland und Damian Gmür, habe ich auch ganz bewusst ausgewählt. Ich wollte keine sehr jungen Tänzer, keine Anfang- oder Mittezwanzigjährigen. Die beiden sind um die 50. Es sind gelebte Körper. Sie sehen immer noch unfassbar gut aus, aber ihre Körper tragen Spuren des Lebens. Und das erzählt ebenfalls etwas: Gewalt in Partnerschaften betrifft nicht nur junge Frauen, sondern Frauen bis ins mittlere, höhere und sehr hohe Alter. Sie ist leider absolut verbreitet.

Was hat dich dazu bewogen, dich sechs Jahre lang so intensiv mit diesem hässlichen Thema, wie du sagst, zu beschäftigen?
Auslöser waren die Statistiken des Bundeskriminalamtes. Ich fand sie unfassbar und absolut schockierend. Zunächst dachte ich, ich kenne keine Betroffenen. Doch als ich begann, über meine Recherche zu sprechen und erzählte, womit ich mich beschäftige, stellte ich fest: Ich kenne doch Betroffene – ich wusste nur nichts davon.
Mir wurde auch klar, dass ich selbst nicht wüsste, was ich in einer solchen Situation tun würde. Wo bekomme ich Hilfe? Was passiert, wenn ich die Polizei rufe? Was kann eine Beratungsstelle leisten? Warum brauche ich eine ärztliche Befunddokumentation? Wozu ist sie wichtig? Was geschieht dann eigentlich?
Ich habe in diesen Jahren wahnsinnig viel gelernt. Gleichzeitig verspürte ich große Wut. Aber auch eine Verantwortung gegenüber den Frauen, die mir ihre Geschichten anvertraut haben. Sie selbst spüren eine enorme Verantwortung gegenüber anderen Frauen, die vielleicht noch geschützt werden können.
Eine Protagonistin sagte zu mir: Wenn meine Geschichte dazu beiträgt, dass auch nur eine Frau früher Hilfe sucht, dann ist das das einzig Positive daran. Dieser Gedanke hat mich über all die Jahre begleitet. Wir haben diesen Film gemeinsam gemacht. Und wir sind alle sehr froh, dass dieses Thema nun an die Öffentlichkeit kommt.
🎫 Wir verlosen 2 Tickets für Fassaden in einem Kino deiner Wahl. Um teilzunehmen, sende uns eine E-Mail an gewinnen@lila-podcast.de (Abre numa nova janela), nenne uns deine Stadt und mit wem du den Film gerne sehen möchtest. Die Verlosung endet nach sieben Tagen. Die Gewinner*in wird per Mail benachrichtigt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Gedanken zum Begriff „häusliche Gewalt“
Ich weiß nicht, wie es euch geht. Aber ich zucke bei dem Begriff „häusliche Gewalt“ immer ein wenig zusammen. Na klar, das ist allemal besser als „Liebesdrama“ und andere irreführende Euphemismen, die bis heute in den Medien kursieren. Aber „häusliche Gewalt“ – klingt das nicht irgendwie … neutral? Und warum eigentlich häuslich? Immerhin sind das ja keine Häuser, die Frauen schlagen. Sondern Männer. Männergewalt? Vielen zu pauschalisierend. Gewalt gegenüber Frauen? Ja, das trifft es. Aber die Täter werden sprachlich aus der Verantwortung und in die Unsichtbarkeit entlassen. Gewalt, die vom Partner ausgeht, findet außerdem nicht nur im eigenen Zuhause statt. Es gibt viele, unzählige Tatorte. Und klingt „häuslich” nicht auch irgendwie nach Privatsache? Dabei geht es doch um Strukturen. Und um ein Thema, das uns alle angeht!
Apropos Partner: „Partnerschaftsgewalt” ist noch so ein Begriff. Ebenfalls kein falscher. Aber: Partnerschaft und Gewalt – das schließt sich doch eigentlich aus, oder? Sollte nicht Gewaltfreiheit, mehr noch, das Streben nach Frieden, Konsens und Autonomie, die Grundlage einer Partnerschaft sein? Wie dann über Gewalt sprechen, die Männer ihnen nahestehenden Frauen antun? Sollten wir von „Gewalt im Schutzraum“ sprechen? Im Englischen gibt es den Begriff „Coercive Control“. Er beschreibt präzise das System aus Kontrolle, Isolation und Machtausübung. Am Ende weiß ich auch nicht, welcher Begriff der beste ist. Ich weiß nur: Wir müssen dringend weiter und mehr über dieses Thema reden. Und wenn wir über Gewalt sprechen, sollten wir auch den Mut haben, sie klar zu benennen. Denn Worte entscheiden mit darüber, ob wir hinschauen – oder eben wegsehen.
Mehr dazu in diesem Beitrag von Deutschlandfunk Kultur (Abre numa nova janela).
Habt ihr genug? Wollt ihr etwas ändern?
Dann schaut doch mal bei der Initiative Enough! (Abre numa nova janela) vorbei. Die Gruppe organisiert für den globalen Frauenstreik am 9. März verschiedene Protest-Aktionen. Jede*r kann mitmachen – unabhängig vom Wohnort oder Ressourcen. Mehr dazu auch bald bei uns im Lila Podcast.
Und unsere Arbeit könnt ihr natürlich auch unterstützen! Feministischer Journalismus hat es schwer, also freuen wir uns über jede noch so kleine Finanzspritze. Alle Infos findet ihr hier (Abre numa nova janela).
Bis bald im Podcast – oder im Postfach!
Jin, Jiyan, Azadî (Abre numa nova janela) ✊💜
Laura
Fotos: Rotzfrech Cinema/Felix Adler