
TEIL 47: HIMMELFAHRT
Gestern, am Abend von Himmelfahrt, war ich in Wien Teil einer gemeinsamen Kunst-Performance, die auf den ersten Blick vielleicht wenig mit dem christlichen Narrativ, das diesem Tag zugrunde liegt zu tun hatte und dennoch für mich ganz viel von dem transportiert und beinhaltet hat, was ich mit eben diesem Feiertag verbinde.
Das Event stand unter der Überschrift Too short to share. Dem vorausgegangen war ein Open-Call an Kunstschaffende aus unterschiedlichen Sparten, unfertige Werke, Fragmente oder eben Ideen einzureichen, die vielleicht schon irgendwie als Entwurf oder Anfang von irgendwas im Notizbuch existieren, bei denen man aber bisher noch nicht weiter gekommen ist. Das allein ist ja bereits gar nicht selbstverständlich. Ich weiß sowohl von mir selbst, als auch von Freund*innen, die künstlerisch arbeiten, dass das Teilen von scheinbar unperfekten Entwürfen und unfertigen Arbeiten etwas ist, das viel Vertrauen und Mut erfordert und fast immer mit Angst und Unsicherheit verbunden ist. Trotzdem folgten erstaunlich viele Künstler*innen diesem Aufruf. Aus all diesen Einsendungen wurde dann eine etwa 40-minütige gemeinsame Gesamtperformance kuratiert und vor Publikum aufgeführt. Dazu gehörten Filmkunst, Gedichte, Kurz-Prosa, Sound- und Musikperformances, die direkt und ohne Zwischenmoderation aufeinander folgten. Es war besonders schön mitzuerleben, wie aus der Summe dieser unperfekten Teile auf einmal etwas unglaublich schönes und dichtes und berührendes entstand, das plötzlich rund wurde und eine Geschichte erzählte, von denen die einzelnen Fragmente anfangs nicht mal ahnen konnten, das sie Teil davon werden. Die meisten beteilligten Künstler*innen kannten sich gegenseitig vorher nicht mal persönlich und werden vermutlich in dieser Konstellation auch nie wieder gemeinsam performen. Aber für diese paar Minuten, an diesem Abend und in diesem Raum entstand etwas miteinander, das mich sehr an Himmelfahrt denken ließ.

Ich dachte nämlich darüber nach, ob nicht gerade in dieser Idee der Himmelfahrt Jesu eine ganz größe Schönheit und Errungenschaft des christlichen Glaubens liegen könnte. Zu erzählen, dass dessen zentrale Figur von der Bildfläche verschwindet. Ohne zuvor ein irdisches Königreich, ein Machtsystem oder auch nur ein Manifest zu hinterlassen. Und zurück bleibt diese kleine Gemeinschaft von Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, mit ihren Erinnerungen an das, was sie diesen Jesus sagen hörten und tun sahen: Folgt mir nach. Liebt einander. Seid sanftmütig. Bleibt barmherzig. Ohne Guru, ohne Königsfigur, ohne Throne oder Zentren der Macht, sondern überall, wo zwei oder drei zusammenkommen und in diesem Geist eine Gemeinschaft bilden.
Vielleicht ist das die Idee: Dieser Community verängstigter, trauernder, trotzig-hoffender und so unterschiedlicher Menschen zuzutrauen, dass sie mit dem Unperfekten, das sie besitzen, in sich tragen und beitragen können, am Ende ein großes Ganzes entstehen lassen können, das schön ist und dicht und berührend und etwas wahrhaftiges erzählt, das weit über die einzelnen Teile und Stimmen hinausgeht. Vielleicht ist übrigens ein Wort, das ich sehr mag.
Meinen Beitrag, den ich zwischen zwei fantastischen Filmkunst-Sequenzen lesen durfte, kannst du hier lesen und zumindest einen Teil davon auch im nachfolgenden Video anschauen oder anhören:
die worte wurden knapp ohne von warum zu wissen
und in einmal getrockneten betten liegend ist erinnern
an ein fließen ähnlich furchterregend wie die annahme
eines anrufs mit unterdrückter gefühlsregung
halte dich im hohlraum hinter den augen hoch, herzlich
auf unsichtbare weise, die zuviel raten vorraussetzt
und deren zahlung zur stunde gemonatet bleibt bis
sie sich gänzlich verjährt haben wird.
wandere den verlauf rückwärts ab,
um den ursprung zu betrachten,
finde den moosigen felsen am ufer,
über den gewohnheit gewachsen ist,
aber kein gras im umfeld
vermutlich sind fehlende worte vielleichter
als versehentlich (oder vorsätzlich) zum versiegen
gebrachte verbindungsversuche
//
wir müssen den anfang anders erinnern und die spuren entmuten,
die in den offenen daten der spracheaufnahme vorhanden sind.
wir müssen die mythen metaphern und die müden metaphern begraben und warten, ob sie von sich aus wieder auferstehen
https://youtube.com/shorts/0zZeJoTLNLY?feature=share (Abre numa nova janela)Liebe Grüße aus Wien und bleib barmherzig

Auch diese Texte, Gedichte und Audioformate werden durch die Unterstützung von Menschen aus der Community möglich gemacht. Ich freue mich, wenn Du dabei bist.
PS. Ich arbeite gerade schon fleißig an neuen Texten zu Himmelfahrt und Pfingsten. Dieser Monat wird also vermutlich etwas weniger ruhig als der April an dieser Stelle.