
Dreieinhalb Jahre ist es nun her, dass wir Leonard für sein erstes MENTLING-Interview (Abre numa nova janela) besucht haben. Inzwischen ist er 18, die Schulzeit vorbei und auch die Filmreihe Die Schule der magischen Tiere, in der er eine der Hauptrollen spielt, scheint mit dem vierten Teil zu Ende zu gehen. Im Interview mit Lili (Abre numa nova janela) hat er kürzlich erzählt, wie es ihm damit geht. Zu dem Zeitpunkt standen ihm die großen Filmpremieren noch bevor. Ein paar Wochen später besuchen wir ihn nun zu Hause in Mülheim an der Ruhr und fragen ihn, mit welchen Gedanken und Gefühlen er jetzt auf seinen weiteren Weg schaut.
Interview Johanna Winter Fotos Florian Saeling
(Abre numa nova janela)MENTLING ist Community-finanziert. Dein Beitrag hilft uns, weitere Interviews und Ideen auf den Weg zu bringen.
Es passiert gerade richtig viel und du hast viel zu verarbeiten. Wie gehst du damit um und wie verarbeitest du die aufregenden Filmpremieren?
Die Premieren sind immer eine super intensive Zeit und ich bin noch dran, das alles zu verarbeiten. Dort sind alle immer so aufgeregt und die Fans sind so toll. Die haben so viel Energie und es ist so eine unfassbare Bestätigung. Aber es ist auch schon wieder vorbei und jetzt lassen wir uns überraschen, ob ein fünfter Teil kommt oder nicht.
Ich fühle mich gerade zurückgesetzt in unser Interview, in dem ich nach dem ersten Teil auch dachte: Das war‘s jetzt. Da gab es ja noch keine Pläne für den zweiten Teil. Und jetzt habe ich auch wieder das Gefühl, dass ich gar nicht weiß, wie es jetzt weitergeht. Ich glaube, da passiert sehr viel unterbewusst und ich glaube, dass ich aber das richtige Umfeld und den richtigen Support habe, um das langsam verarbeiten und mich neu aufstellen zu können.
Du hast jetzt schon gesagt, es gibt noch Ungewissheit, ob es weitergeht mit dem Film. Aber hast du eine Idee, wie es jetzt für dich persönlich weitergeht?
Ich kann nichts voraussehen. Es ist nichts planbar.
Das ist meine größte Herausforderung im Schauspiel, weil ich eigentlich eine Person bin, die gerne plant. Aber ich will das weitermachen, also ist es mir das Wert.
Ich habe gerade Castings laufen, die sehr spannend sind. Aber es ist so ein Alles-oder-Nichts-Ding. Ich versuche gerade, auf Social Media aktiver zu sein und ein Following aufzubauen, das auch nach Die Schule der magischen Tiere noch Interesse an mir hat. Ich arbeite an einem Jugend-Fantasy-Roman, seit ich zwölf bin, habe ein paar Kurzfilme geschrieben und schreibe seit Jahren Gedichte. Das möchte ich gerne weiter verfolgen.
Wenn du ein Interview mit dir selbst führen dürftest, was wäre eine Frage, die du dir stellen würdest?
Ich habe den inneren Konflikt zwischen Hoffnung auf der einen Seite und so eine Art Gewissenskonflikt auf der anderen. Weil ich bin jetzt 18 und komme schnell in so eine Euphorie. Die Welt steht mir offen. Ich habe Lust und die Energie, was zu machen. Ich bin unfassbar privilegiert in allen Lebensbereichen und habe auch von mir selbst die Erwartung, was daraus zu machen.
Ich will mein Leben auf’s Vollste genießen und alles dafür geben, was ich kann.
Auf der anderen Seite beschäftigt mich wie auch viele andere in meinem Alter, was gerade in der Welt abgeht und wie viele Proteste zu Recht immer wieder sind. Ich mache mir deshalb Gedanken darüber, ob es egoistisch ist, das Leben zu führen, das ich mir erträume, wenn es unter anderem bedeutet, viel reisen und fliegen zu müssen, um Filme zu produzieren oder auf Tour zu gehen. Die Fragen, die ich mir also stelle, sind:
Wie weit trage ich Verantwortung für das, was gerade in der Welt vorgeht? Wie weit trage ich die Verantwortung, etwas dafür zu machen, was mir wichtig ist und etwas dagegen zu machen, was ich nicht richtig finde? Und inwieweit ist das möglich, ohne meine Träume aufzugeben?


Hast du eine Antwort?
Nein, aber was ich einfach Leuten damit sagen will, die das genauso beschäftigt: Ihr seid nicht allein! Ich sehe auch, wie meine Mitmenschen damit umgehen. Manche ignorieren alles und andere versinken total in Drama oder werden extremistisch in die eine oder andere Richtung. Alle suchen irgendwie ihren Weg – eine Lösung, um sich selbst und ihre Existenz irgendwie zu begründen, aber auch zu berechtigen.
In den Ruhephasen nach den Filmdrehs und Premieren kommt bei mir immer wieder so ein Gedanke von „Ja, und jetzt?“ und so ein Gefühl von Zukunftsangst. Also, ich habe eine unfassbare Angst vor Krieg und auch die Wehrpflicht ist ein Thema, was mich sehr, sehr stark emotional trifft. Da verschärft sich so viel, aber eigentlich will ich nur mein bestes Leben leben und frage mich dabei: Hintergehe ich dann nicht meine Pflicht? Müsste ich meine Reichweite nicht für Besseres nutzen? Das ist ein Konflikt, für den ich gerade noch keine Antwort habe, aber mit dem ich und andere in meiner Generation irgendwie klarkommen müssen.
Wie gehst du mit solchen Gefühlen und Gedanken um?
Ich schreibe darüber. Das hilft mir. Und ich rede mit meiner Familie und mit meinen Freunden darüber.
Wir nennen das »Base« bei uns in der Familie – die Basis, sozusagen der Zement unter dem Haus, das alles stabil hält.
Das ist etwas, worauf ich immer zurückfallen kann, um nicht von so etwas überwältigt zu werden.

Voll spannend. Ich finde auch, dass das Thema total präsent ist und dass es einerseits dieses Verdrängen und andererseits diese Auseinandersetzung damit gibt, an der man sich im Zweifelsfall verliert.
Genau. Aber um zu entscheiden, welcher Weg der richtige ist, habe ich auch noch Zeit. Ich bin ja gerade erst 18 und die Zeit gebe ich mir. Da habe ich jetzt auch noch nicht so viel Druck auf mir.
Bist du selbstbewusst?
Ja und teilweise bin ich mir auch selbst viel zu bewusst. Das heißt, ich sehe mich viel zu klar und dann sehe ich nur das, was ich nicht an mir mag. In der Öffentlichkeit nehme ich so eine Art Zwischenpersona an und trete sehr selbstbewusst auf. Aber es ist nicht so, dass ich da eine Rolle spiele. Das bin auch ich.
Mein Vater und ich, wir hatten dazu mal die Metapher von einem Mischpult. Das hat ganz, ganz viele kleine Regler, die man hoch- und runterschieben kann. Und ich glaube, je nachdem, wo ich bin und je nachdem, wie viel Energie und Motivation ich habe, schiebe ich manche Regler höher und manche tiefer. Manchmal bewusst, manchmal unbewusst.
Aber ich weiß, dass ich bei den Premieren diese Regler auf 100 drehe, weil ich das Gefühl habe, wenn ich dieses Lächeln und diese Präsenz habe, wenn ich mit voller Energie da reingehe, dann bin ich unverwundbar. Und dann kommt eben auch wieder der Moment, in dem ich hier zu Hause bin und keine Energie mehr beziehungsweise auch keinen Grund mehr habe, diese Regler so hoch zu haben.
Wenn du jetzt neuen Leuten begegnest, wie möchtest du von ihnen wahrgenommen werden?
Wenn mich Leute noch nicht kennen und mir ganz ohne Vorannahmen begegnen, möchte ich schon gerne, dass sie mich als eine sehr energetische, offene und tolerante Person kennenlernen, mit der man schnell ins Gespräch kommt und sich dadurch auch schnell öffnet, weil das bin ich auch. Dadurch, dass ich mich als Kind schon damit auseinandersetzen musste, wie ich darauf reagiere, wenn Leute mir schräg kommen, aufgrund dessen, was ich mache oder wie ich bin, habe ich Selbstsicherheit entwickelt und das Gefühl, dass ich nicht abhängig bin von Meinungen oder Kommentaren von Leuten, die mir nicht nahestehen.
Trotzdem bin ich in einem konstanten Prozess von Reevaluation: Was mache ich? Was mache ich nicht? War das die richtige Entscheidung? Warum habe ich so entschieden?
Manchmal ist das unnötig. Manchmal sagen meine Eltern: „Du bist ein Teenager. Du darfst Fehler machen, dir keinen Kopf machen, nicht so viel Rücksicht nehmen und einfach dein Ding durchziehen“. Da versuche ich einen Weg zu finden, um mich nicht zu viel zu hinterfragen und mir zu sagen:
»Ich kann heute wieder eine Entscheidung treffen, um die Person zu werden, die ich sein will.«
Ich versuche mir auch immer wieder zu sagen, dass ich stolz sein kann auf die Dinge, die ich gut gemacht habe und in die ich sehr viel Energie reingesteckt habe: Mein Abi, den Führerschein, natürlich auch meine Filme und alles, was ich abschließe.
Fühlst du dich am Anfang deiner Reise oder mittendrin?
Ich bin nicht mehr am Anfang. Aber es ist auf jeden Fall der Anfang eines neuen Kapitels. Ich meine, wie toll ist das denn, dass ich jetzt einfach die Zeit habe und die Möglichkeit, alles zu machen, was ich will? Ich kann reisen, wohin ich will und die Projekte verfolgen, die ich machen will. Ich habe die Zeit für alles.
In deinem ersten Mentling Interview hast du darüber gesprochen, dass es wichtig ist, sich Ziele zu setzen und am Ende die Frage gestellt „Wie finde ich Sinn?“ – Hast du ihn schon für dich gefunden?
Die Grundidee hat sich nicht geändert, aber es wird schwieriger, wenn man älter wird. Ich denke, als Kind träumt man eher groß, und das heißt im Gegensatz nicht, dass man als Erwachsener nicht groß träumen kann oder sollte. Im Gegenteil:
Ich finde, es ist so wichtig, weiter daran zu glauben, dass man diese absurd großen Träume erreichen kann.


Wenn ich irgendwann da bin, wo ich sein will, dann ist es da, wo die Filme gemacht werden.
Das ist mittlerweile mein Ziel. Ich habe mir gesagt, dass es nicht Hollywood sein muss. Aber wenn es da ist, wo ich ganz ich sein kann und Erfolg haben darf mit dem, was ich mache, dann will ich da sein. Also, meine Idee von Sinn ist eben nicht mehr nur stur einem Ziel hinterher zu rennen, sondern auch den Weg zu genießen: Kleinere Ziele, kleinere Schritte, jeden Tag, jede Stunde auf‘s Neue und jedem, wirklich jedem Schritt, den ich mache, irgendwie auch einen Sinn zu geben: In den Beziehungen mit meiner Familie, mit meinen Freunden und in dem, was ich tue. Ich glaube, das gibt mir Halt und nur so schaffe ich es, mich nach vorne zu bewegen.
Wenn ich mir ein zu großes Ziel setze, dann wirkt das für mich wie ein riesiger Berg, vor dem ich stehe und von dem ich mir nur erträumen kann, dass ich den jemals erklimme. Es gibt ein japanisches Sprichwort, das ganz gut dazu passt:
»Wenn du auf einen Berg steigst, sollst du auf deine Füße schauen, einen Schritt nach dem anderen machen und bevor du es weißt, bist du an der Spitze.«
Das nehmen wir mit auf den Weg. Danke, Leonard!


Silent Running
Der Zweck ist nicht das Rennen selbst
Nicht das Prahlen
Nicht der Post, die Inszenierung
Es ist leise zu laufen
Möchte man sie finden
Möchte man wahrhaftig leben
– Leonard
(Abre numa nova janela)