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ORF: Live ist (nicht gleich) Life

In der Diskussion um die digitale Transformation im Medienbereich wird immer noch häufig zwischen ‘linearen’ und ‘nicht-linearen’ Angeboten unterschieden. Als linear werden dabei in der Regel klassische Radio- und TV-Programme unabhängig vom Verbreitungsweg - also Antenne, Kabel, Satellit oder Stream - bezeichnet, während nicht-linear oft synonym mit ‘online’ verwendet wird und sich auf Mediatheken, Streaming- und Social-Media-Plattformen bezieht.

Tatsächlich ist diese Trennung aber in den letzten Jahren immer mehr verschwommen. Einerseits sind Inhalte von Radio- und TV-Programmen fast schon selbstverständlich auch nicht-linear online über Mediatheken verfügbar. Andererseits bieten Social-Media-Plattformen von Instagram über YouTube bis TikTok schon lange die Möglichkeit für Livestreams. Auch manche Podcasts werden live - bisweilen auch vor Publikum - gestreamt und aufgezeichnet.

Angesichts dieser Entwicklung ist es doch erstaunlich, dass öffentlich-rechtliche Angebote mit ihren primär linearen Angeboten und zahlreichen Live-Formaten bislang kaum live über Social-Media-Plattformen verbreiten. Selbst unter den dutzenden Formaten des Jugendangebots Funk (Abre numa nova janela) von ARD und ZDF, die gezielt für Drittplattformen entwickelt werden, gibt es kein einziges Live-Format.

Keine öffentlich-rechtlichen Live-Formate auf Insta, TikTok oder YouTube

Ein Grund dafür ist sicher, dass Livestreams des linearen Programms und ganz besonders teure Sportübertragungen zu den wichtigsten Pull-Faktoren zählen, die Publikum zur Nutzung öffentlich-rechtlicher Mediatheken bringen. Unabhängig von lizenzrechtlichen Schwierigkeiten wäre es deshalb nicht sinnvoll, Sport-Streams zum Beispiel via YouTube live zu verbreiten.

Hinzu kommt aber auch, dass Insta-Live oder YouTube-Live einen völlig anderen Charakter haben, als klassisch lineare Programme im Radio oder Fernsehen. Im Zentrum steht dabei nämlich die kontinuierliche Publikumsinteraktion, angefangen von Likes und Herzchen bis zum regelmäßigen Aufgreifen von Publikumskommentaren direkt in der Sendung. Einfach nur klassisches Programm zusätzlich über Drittplattformen live zu streamen, ist auch deshalb nur bedingt sinnvoll.

Allerdings gibt es durchaus Formate, für die sich die Nutzung von Plattform-Live-Streams gut eignen, ja sich geradezu aufdrängen. Ein Beispiel ist die Call-in-Sendung “Punkt Eins” (Abre numa nova janela), die werktäglich auf Ö1 direkt nach dem Mittagsjournal gesendet wird. Zuhörer:innen können sich dort live einbringen und den Studiogästen Fragen stellen - allerdings nur via Telefon oder per E-Mail. Partizipation für Boomer, quasi.

Diese Sendung mit den inzwischen im Studio vorhandenen Kameras auch per Videostream auszustrahlen und via YouTube-Live zu verbreiten, sollte längst selbstverständlich sein. Vor allem auch, weil der unsägliche § 4f Abs 2 Lit 23 ORF-Gesetz dem ORF verbietet, selbst Foren für Publikumsinteraktion zu hosten. Bei Sendungsformaten, in denen Publikumsinteraktion im Vordergrund steht, spricht angesichts der aktuellen rechtlichen Einschränkungen noch weniger dagegen, über Drittplattformen zu verbreiten und auf diese Weise Publikumsinteraktion zu ermöglichen. 

Neue Wege für alte Formate

Neben Punkt Eins auf Ö1 oder der FM4 Call-in-Show “Auf Laut” (Abre numa nova janela) (Mittwochs von 19-20 Uhr) stellt sich darüber hinaus die Frage, ob sich auch andere Sendungen für Plattform-Livestreams mit Publikumsinteraktion adaptieren ließen. Warum nicht zum Beispiel beim Ö1-Quiz “Gehört. Gewusst” (Abre numa nova janela) das Publikum gemeinsam im Chat mitraten lassen? Ebenso bei “Frag das ganze Land” auf Ö3 (Abre numa nova janela)?

Die Erweiterung und Öffnung dieser etablierten Formate für Publikumsinteraktion via Drittplattformen würde ermöglichen, Erfahrungen zu sammeln und Kompetenzen aufzubauen, die in einem nächsten Schritt auch zu völlig neuen Formaten führen könnten, die stärker von Online-Live-Formaten her gedacht sind.

Warum nicht auf FM4 ein nächtliches YouTube-Live-Format ausstrahlen, in dem über Livestreams von US-Cable-News-Sendern drübergequatscht wird? Die Zeitverschiebung würde hier vom Bug zum Feature und es wäre eine kreative Form, den gesetzlich vorgesehenen englischen Sprachanteil einzuhalten. Warum FM4 die beste Bühne für solche innovativen Ansätze wäre, habe ich ja in der letzten Folge von “Neues aus dem ORF” ausgeführt (Abre numa nova janela).

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