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Segen und Fluch der “blauen Seite”

Im europäischen Vergleich betrachtet ist ORF.at (Abre numa nova janela) eine Ausnahme: Österreich ist das einzige EU-Land, wo ein öffentlich-rechtliches Nachrichtenangebot Marktführer unter Online-Nachrichtenangeboten ist. In Europa schaffen das sonst nur die britische BBC und die norwegische NRK (Abre numa nova janela)

Die Gründe für die starke Stellung sind primär Publikumsgewohnheiten. Der ORF positionierte ORF.at bereits 1997 als eigenständiges Online-Nachrichtenangebot anstatt als bloßes Anhängsel linear ausgestrahlter Sendungen. Seither liefert ORF.at einen schnellen, übersichtlichen und kompakten Nachrichtenüberblick, der sich auch knapp 30 Jahre später immer noch großer Beliebtheit erfreut.

Reichweitenstatistik von Einzel-Onlineangeboten österreichischer Nachrichtenmedien
Online-Reichweite Einzel-Angebote (Quelle: ÖWA, Stand: März 2026)

Die große Reichweite von ORF.at ist nicht nur wegen der damit verbundenen Werbeeinnahmen für den ORF relevant. Weil ORF.at bei vielen User:innen als Browser-Startseite eingestellt ist, fungiert der ORF quasi als Default-Nachrichtenquelle für weite Teile der Bevölkerung. Hinzu kommt: zumindest potenziell lassen sich über Verlinkungen auch andere Online-Angebote im ORF-Kosmos über die ‘blaue Seite’ hebeln.

Fokus auf das Online-Flaggschiff

Trotzdem ist die starke Position der “blauen Seite” nicht nur ein Segen für den ORF. Historisch war und ist die starke Marktposition von ORF.at zentraler Bezugspunkt für Debatten über die (vermeintlich unfaire (Abre numa nova janela)) Konkurrenz zwischen beitragsfinanzierten, öffentlich-rechtlichen und privaten Nachrichtenangeboten im Netz. Vor allem der Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ) und viele seiner Mitgliedsmedien arbeiten sich regelmäßig an der ‘blauen Seite’ ab (Abre numa nova janela)

Auch auf deren Druck hin wurde in der letzten Novelle des ORF-Gesetzes die Zahl der maximal erlaubten Beiträge auf ORF.at halbiert und ein höherer Videoanteil vorgeschrieben. Trotzdem wurde erst letztes Jahr wieder Kritik an zu vielen Texten auf der Seite laut (Abre numa nova janela)

Dieser inzwischen jahrzehntelange Fokus auf das ORF-Online-Flaggschiff ist für beide Seiten ein Problem. Nicht nur weil Textverbote für öffentlich-rechtliche Online-Angebote (Abre numa nova janela) völlig aus der digitalen Zeit gefallen (Abre numa nova janela) sind und Russmedia mit VOL.at (Abre numa nova janela) im zweitkleinsten Bundesland bewiesen hat, dass die Online-Marktführerschaft von ORF.at kein Naturgesetz ist. 

Vermaledeite Verbotsliste 

Im Versuch, die blaue Seite und deren starke Position trotz Lobbydruck der privaten Presseverleger aufrechtzuerhalten, hat man an anderer Stelle immer wieder Zugeständnisse gemacht. So wurden das erfolgreiche Digitalnachrichtenportal Futurezone zwangsprivatisiert, vielgenutzte Foren auf ORF.at und fm4.orf.at (Abre numa nova janela) zugesperrt und die Verbotsliste in § 4f Abs 2 ORF-Gesetz immer länger.

Screenshot der Verbotsliste § 4f Abs. 2 ORF-Gesetz
Verbotsliste § 4f Abs 2 ORF-Gesetz (Screenshot)

Angesichts des tiefgreifenden, von digitalen Plattformen vorangetriebenen Wandels der demokratischen Öffentlichkeit stellt sich mittlerweile die Frage, ob die Fixierung auf die blaue Seite weiterhin die richtige strategische Priorität ist. 

Ein zeitgemäßes Online-Angebot des ORF ohne Suchdienste (Ziffer 17 in § 4f Abs 2 ORF-Gesetz), ohne “Foren, Chats und sonstige Angebote zur Veröffentlichung von Inhalten durch Nutzer” (Ziffer 23), ohne “Verlinkungen, die nicht der Ergänzung, Vertiefung oder Erläuterung eines Eigeninhalts […] dienen” (Ziffer 24), ohne “soziale Netzwerke” (Ziffer 25) und ohne “eigens für mobile Endgeräte gestaltete Angebote” (Ziffer 26) ist unmöglich. 

Hinzu kommen völlig anachronistische Längen- und Verweildauerbeschränkungen für Inhalte in der ORF-Mediathek ORF ON (Abre numa nova janela), weitgehende Einschränkungen von Online-only-Angeboten sowie Beschränkungen bei der Produktion von Inhalten für Drittplattformen ohne Ausstrahlung im linearen Programm. Schließlich sorgen oft langwierige Genehmigungsverfahren für neue Online-Angebote bei der Aufsichtsbehörde KommAustria dafür, dass es selbst jenseits all der Verbote und Einschränkungen kaum möglich ist, mit innovativen Angeboten  zu experimentieren.

Falsche Fixierung auf die ‘blaue Seite’

Zusammengefasst erlaubt das geltende ORF-Gesetz dem ORF zwar den Status-quo aufrechtzuerhalten, verhindert aber die Entwicklung zeitgemäßer Digital- und Online-Angebote. Auf Perspektive wird daran auch die Marktführerschaft der ‘blauen Seite’ nichts ändern - im Gegenteil, bei den unter 30jährigen ist die Nutzung jetzt schon niedriger als bei älteren Internetnutzer:innen. 

Ironischerweise ist das nicht einmal für die klassischen Medienhäuser eine gute Nachricht. Denn auch sie leiden primär unter der Dominanz der großen Big-Tech-Plattformen, die nicht nur Werbegelder absaugen sondern auch ihren Inhalten kaum eine Bühne bieten. Gerade auch private Medien sollten deshalb ein Interesse daran haben, dass der ORF in zeitgemäße Digitalinfrastruktur und -angebote investieren darf. 

Erst ein digital handlungsfähiger ORF könnte Angebote bereitstellen, die der gesamte Medienstandort braucht, wie gemeinsame Social-Media-Infrastruktur auf Basis offener Protokolle (Abre numa nova janela), konversationsbasierte KI-Suchmaschinen für journalistische Archive von ORF und privaten Medien oder ein Jugendangebot wie Funk (Abre numa nova janela) in Deutschland als Talenteschmiede für den gesamten Sektor. Nur so machen die immer wieder angeregten Kooperationsstrategien (Abre numa nova janela) zwischen ORF und Privaten überhaupt Sinn.

Voraussetzung dafür ist aber, dass beide Seiten, der ORF und die privaten Medienhäuser, sich endlich von ihrer Fixierung auf die ‘blaue Seite’ lösen. Sie ist nicht entscheidend für die digitale Zukunft des österreichischen Medienstandorts - weder für den ORF noch für die private Konkurrenz. 

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Zwei kurze Hinweise:

Sebastian Loudon und Christina Pausackl haben mit mir für den DATUM Studio Podcast über den ORF gesprochen (Abre numa nova janela), die ‘blaue Seite’ war auch am Rande Thema.

Die FALTER Arena (Abre numa nova janela) am 26. Mai im Stadtsaal Wien widmet sich ebenfalls dem ORF. Zum Thema “Parteipolitik, Machtkämpfe, MeToo: Die Krise des ORF und seine Zukunft” werde ich u.a. mit FALTER-Herausgeber Armin Thurnher, Medienrechtsanwältin Maria Windhager, Medienmanager Markus Breitenecker sowie der Leiterin des FALTER-Medienressorts, Barbara Tóth diskutieren. Für Tickets hier entlang (Abre numa nova janela).

Tópico ORF