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DIE TOTEN HOSEN

Die letzte Runde muss noch warten

Ox-Interview von Joachim Hiller

Doch, die Titel der beiden neuen Alben der Düsseldorfer haben das Potenzial, eine gewisse Abschiedsstimmung einzuläuten: „Trink aus! Wir müssen gehen“ heißt das „normale“ Studioalbum, „Alles muss raus!“ das fast schon zur Regel gewordene Coversong-Bonusalbum. Logisch, dass Gesprächsbedarf besteht und ich deshalb an einem Tag im April in Düsseldorf im Büro der hoseneigenen Plattenfirma JKP Michael „Breiti“ Breitkopf gegenübersitze, Jahrgang 1964, von Anfang an Gitarrist von DIE TOTEN HOSEN.

Breiti von den TOTEN HOSEN
Foto: Donata Wenders

An verschiedenen Stellen stieß ich immer wieder mal auf Hinweise zu Verbindungen eurer Band nach Solingen. Woher kommen die?

Das kommt daher, dass unser 2015 verstorbener Manager Jochen Hülder, der von Anfang an wie ein sechstes Bandmitglied gewesen ist, aus Solingen kam. Der kannte natürlich viele Leute in Solingen und es haben auch viele Leute dort eine Verbindung mit Düsseldorf. Und so sind über die Jahrzehnte enge Freundschaften entstanden. Früher war in Solingen auch eine Menge los – von Remscheid etwa weiß ich nichts. Ich habe null Verbindungen zu Remscheid, so viel weiter ist das auch nicht.

Ich habe hier ein T-Shirt, das meine Frau Uschi Anfang der 1980er bei euch bestellt hat, den handgeschriebenen Brief dazu gibt es auch noch. Ihr wart damals ihr Einstieg in den Punk, und das ging über sehr viele Jahre und Generationen hinweg zig anderen auch so. Ohne die Hosen wären viele heute nicht Punkrock. Wie erlebt ihr das?

Jede Generation hat ihren eigenen Einstieg zu einer bestimmten Art Musik. Es gibt auch viele Leute, die sind über die „Learning English“-Platte, die wir Anfang der 1990er Jahre gemacht haben, auf die ganzen Punkbands gekommen. UK SUBS, THE DAMNED und so, das war ja damals alles eigentlich vorbei und lange her. Solche Geschichten zu hören freut mich richtig, denn wir sind Teil einer musikalischen Evolution. Auch wir hatten unsere Vorbilder, das waren Bands, von denen wir begeistert waren und es bis auf den heutigen Tag sind, von denen wir totale Fans sind und die uns so angeregt haben, dass wir unbedingt selbst eine Band haben wollten. Über uns sind auch viele an diese Musik gekommen oder haben den Wunsch entwickelt, in einer Band zu spielen. Und so geht das immer weiter. Wenn wir auf einem Festival sind oder sonst irgendwo, wo viele Bands zusammenkommen, dann bereitet mir das Gefühl, ein Teil davon zu sein, totale Freude. Ich bin sehr glücklich darüber, in dieser Sparte gelandet zu sein und dass ich mein Leben mit Musik verbringen darf. Da bedanke ich mich bei allen, die diese Art Musik erfunden und entwickelt haben. Und dass auch Leute mit begrenztem Talent wie ich ihr Leben damit verbringen dürfen.

Ist die Punk-Szene da also anders?

Man hört schon, dass das in anderen musikalischen Bereichen und in anderen Berufen anscheinend nicht so ist. Auch dass die Leute so ein gutes Verhältnis untereinander haben. Klar, es gibt überall Animositäten oder innerhalb von Bands passieren tragische Geschichten, wo der eine mit dem anderen nicht klarkommt, aber die müssen trotzdem zusammen weitermachen. Aber dieses wechselseitige Interesse aneinander oder sich zu freuen über den Erfolg von jemand anderem, oder wenn da eine neue Band ist, zu sagen, die schaue ich mir jetzt mal an, oder dass man sich unbedingt mal zusammen besaufen will – das ist schon toll, also darüber freue ich mich immer wieder sehr.

Was du da beschreibst, das bleibt, das geht auch nicht weg. Auch wenn die eigene Band womöglich nicht mehr in der Intensität aktiv ist ...

Erst mal: Wir haben nicht gesagt, dass wir aufhören. Aber uns ist ins Bewusstsein gerutscht, dass die Dinge auch für uns endlich sind. Eigentlich war uns das schon immer klar. Seit 25 Jahren fragen uns die Leute: „Wie lange wollt ihr das eigentlich noch machen?“ Unsere Antwort war immer: „Keine Ahnung.“ Wir machen jetzt erst mal Pläne für die nächsten ein, zwei Jahre, aber auch da wissen wir ja schon nicht, was nächste Woche ist. Wir haben schon immer in dem Bewusstsein gelebt, dass es irgendwann ein Ende geben wird. Aber wir haben keine Ahnung, wann das ist. Das wurde uns bewusst, als uns letztes Jahr jemand sagte, das letzte Album sei neun Jahre her. Wenn das jetzt wieder neun Jahre dauern sollte, warum auch immer, dann wären wir über 70. Keine Ahnung, ob wir das dann noch mal hinkriegen, ob wir noch was zu sagen haben, ob wir das überhaupt machen wollen. Deswegen sagen wir lieber, das hier ist unser letztes Studioalbum. Und dann schauen wir mal, was passiert und was das auslöst.

Euren Fans in Argentinien habt ihr für Oktober 2026 Abschiedskonzerte angekündigt.

Das mit unseren Konzerten in Argentinien ist eine Wahnsinnsgeschichte, das hat eine unheimliche Intensität, da sind ganz tolle Freundschaften entstanden, dort haben wir viele unserer denkwürdigsten Konzerte gespielt. Wir wollen das zu einem guten Ende bringen und uns da würdevoll verabschieden. Vielleicht fahren wir da in den nächsten Jahren noch mal hin, vielleicht auch gar nicht mehr – was weiß ich, was passiert. Es wäre doof, wenn das einfach so versanden würde, und deshalb wollen wir lieber einen richtigen Schlusspunkt setzen. Und um noch mal auf deine Frage von vorhin zu antworten: Unsere ganzen Verbindungen in der Musik, unser Interesse für Musik, das wird mit den Jahren eher noch mehr – egal, ob wir jetzt eine weitere Platte machen oder nicht oder wie viele Tourneen wir noch spielen. Das wird hoffentlich nie aufhören.

Gab es diesen einen Moment, dass etwa jemand zur Probe kam und sagte: „Wir müssen mal reden, ich will das geklärt haben, was denkt ihr dazu?“

Derjenige bei uns, der gut Gefühle in Worte fassen kann, ist Campino, deswegen schreibt er die Texte. Er hat das Talent, etwas in wenigen Zeilen zusammenzufassen. Also formuliert er oft so was. Das ist nichts, worüber wir lange diskutieren. Wir müssen da nichts ausdiskutieren oder analysieren, entweder trifft es das Gefühl von allen oder die anderen sagen: „Hä, wieso, was soll das denn? Das ist doch totaler Quatsch.“ Aber so war es jetzt nicht. Das Gefühl haben wir alle gleichermaßen. Und wir sagen auch bewusst: Wir setzen uns kein Ende für die Band, denn da sind wir noch nicht. Wir glauben, dass wir noch eine gute Tournee hinkriegen und die Konzerte, die wir uns vorgenommen haben, mit der Energie spielen können, die unserem Selbstverständnis entspricht. Und diese Akustik-Tournee, die wir wegen Corona absagen mussten, wo schon alles geplant war, die würden wir sehr gerne noch nachholen. Das Erlebnis, mit diesen anderen Musikern zu spielen und noch mal einen anderen Zugang zur Musik zu finden, vermissen wir. Letztlich wurde daraus bisher nur das „Unplugged“-Album. Was danach kommt? Das weiß vielleicht nicht mal der liebe Gott und wir schon gar nicht.

Charlie Harper ist die Ikone der Ü80-Punks. Du trägst einen Kapu von RUTS D.C., die ein paar Jahre älter sind als ihr und Ü60 noch mal richtig losgelegt haben. Und auf dem Bonusalbum covert ihr THE OUTCASTS, die überhaupt erst wieder richtig aktiv sind, seit sie im bürgerlichen Leben in Rente gingen. Das Alter hält Punks nicht unbedingt davon ab, was zu tun. Oder definiert man seine Pläne in eurem Fall eher nach den Erfordernissen einer 40 Shows umfassenden Tour mit der massiven Intensität eurer Auftritte?

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