
Willkommen bei der zweiten Ausgabe des wiederbelebten Pause-Record-Play Newsletters.
Heute mit viel Text, mehrfachem Hamburg-Bezug (Alfred Hilsberg findet gleich 2x Erwähnung), der aber hoffentlich überregional interessant ist, den zehn letzte Woche noch fehlenden Album-Empfehlungen aus dem November, zwei toten Gitarristen, einer Jubilarin und einem historischen Avantgardisten, der 60. Todestag hat.
All das genügt, um hier zu Beginn keine großen Worte zu machen.
Zum Glück, den sonst wäre ich vielleicht der Versuchung erlegen, etwas zu Hannah Arendt zu schreiben, an deren 50. Todestag ich diesen Newsletter verschicke. Zu ihr schreiben aber besser andere, die dem Thema gewachsen sind.
Ich droppe hier dann zum Einstieg nur mal eins der vielen Arendt-Zitate, wobei ich keine genaue Quelle dazu gefunden habe. Allerdings scheint es bei diesem Ausspruch, im Gegensatz zu einigen anderen ihr zugeschriebenen, wohl keinen Verdacht zu geben, er könnte erfunden sein:
"In order to go on living one must try to escape the death involved in perfectionism."
(Hannah Arendt)
In diesem Sinne hier nun weiter im Text, diesmal mit diesen Mitschnitten:
"Alles Bleibt Gut: 45 Jahre Punk, Avantgarde NDW - Live Konzert und Photoausstellung"
Start des ByteFM Crowdfunding für ein neues Studio
Musik aus dem November im Langspielformat: Teil 2 der Album-Empfehlungen.
Plus: Zum 75.Geburtstag von Joan Armatrading; zum Tod von Steve Cropper und Phil Upchurch; der Avantgarde-Komponist Henry Cowell verstarb vor 60 Jahren.
Unhidden Bonus Track mit Überlänge: Review eines Nick Cave and the Bad Seeds Konzert im Oktober 2024 anläßlich der zugehörigen aktuellen Veröffentlichung von "Live God"
Fotoaustellung und diverse Live Acts am 12.12. in Hamburg:
240 Quadratmeter fotografierte Gegenkultur
„Alles Ist Gut“ hieß 1981 das bahnbrechende Album der Deutsch Amerikanischen Freundschaft, „Alles Wird Gut e.V.“ hieß in demselben Zeitraum der Verein, den die beiden Hamburger Nachtleben-Veranstalter Götz Achilles und Wolf von Waldenfels gegründet hatten, um Dinge zu tun, wie Off-Partys in Schwimmbädern zu veranstalten, bei denen Andreas Dorau am Anfang seiner Karriere auftrat, oder einen Nachclub in den Räumen einer ehemaligen Schlachterei im Eppendorfer Weg zu betreiben, wo man in Flugzeug-Sitzen lungernd oder anderswo im gekachelten Keller herumstehend neueste New-Wave-Musik hören und dazu die anderen Gäste, aus der Videothek geliehene Zombie-Filme („Die Nacht der reitenden Leichen“) oder obskure Filmkunst auf einem Fernseh-Monitor angucken konnte. Sowas war damals Cutting-Edge-Entertainment.
„Alles Bleibt Gut“ heißt nun die Ausstellung-plus-Event Veranstaltung, zu der der Fotograf Jan Riephoff mit Venue-Betreiber von Waldenfels am 12.12. in die Georg-Elser-Halle im Feldstrassen-Bunker einlädt.

Corona macht’s möglich: Per Lock-Down zur stationären Tätigkeit gezwungen, habe er Zeit gefunden, sich mit seinem Archiv zu beschäftigen. Einmal eingetaucht, fand Riephoff, der sich in den letzten Jahrzehnten einen Namen als Fotograf für Magazine wie Tempo, MAX, den Stern oder die GQ gemacht hat, jede Menge Bilder, die er fast vergessen hatte: Aufnahmen aus den 1980ern, als er, meist in Hamburg, nicht nur Hochglanz-Motive fotografierte, sondern auch im seinerzeit äußerst umtriebigen Nacht-, Kunst- und Musikleben der Stadt, in Clubs und Bars; vor Ort bei Menschen wie Jan Feddder oder Wau Holland; im Umfeld von Abwärts und den Einstürzende Neubauten; im Dunstkreis von Alfred Hilsbergs Zick Zack Label.
In der Georg-Elser-Halle, betrieben von Nachtleben-Veteran von Waldenfels (Gründer und Gastronom von Läden wie u.a. dem Fun Club, dem Powerhouse, dem Phonodrome oder dem Uebel&Gefährlich), stellt Riephoff nun über 70 seiner Bilder aus, großformatig und mit ebenso großem Begleit-Orchester: Gleich ein kleines Festival sei aus dem Line-Up geworden, das Riephoff für sein Event zusammen getrommelt hat. Auf der Bühne treffen verschiedene Stränge der damaligen Szene aufeinander, wie sie früher manchmal fast genauso vor dem Tresen des legendären Subito, sich vermutlich gegenseitig ignorierend (machte man damals so), herumgestanden sein könnten, und die allesamt bis heute aktiv sind, teilweise mit aktuellen Platten an die Feldstr. kommen: Der Experimental-Musiker N.U. Unruh von den Neubauten; Timo Blunck und Detlef Diederichsen als Die Zimmermänner; die Proto-Hamburger-Schule-Band Die Antwort (mit Bernd Begemann); Maxim Rad und schließlich Mona Mur, die zuletzt das Solo-Album von Xmal Deutschlands Anja Huwe co-produziert und -komponiert hat und am 12.12. mit ihrem musikalischen Langzeit-Partner En Esch (ehem. KMFDM, Pigface) auftritt.
Bleibt nur zu hoffen, dass der Performance-Auftritt von Pontor Vodox (ein Projekt des Künstlers Tommy Schmidt) nicht, wie seinerzeit bei einem Radio-Gig in Hamburg, dem Ganzen alle Sicherungen durchbrennt. Wäre schade um die Gelegenheit, bei diesem quasi Klassentreffen nochmal die legendären Gegenkulturzeiten der 1980er in Hamburg zu erinnern.

Und noch einmal Hamburg, noch einmal Bunker Feldstrasse (d.h. bald nicht mehr), wobei, mit Relevanz für mindestens den ganzen deutschsprachigen Raum:
ByteFM braucht ein neues Studio
ByteFM zieht um, will am neuen Standort-technisch/Studioseitig noch ein Schippe drauflegen und startet diese Woche eine Crowdfunding-Kampagne mit diversen „Dankeschöns“.
https://www.startnext.com/bytefm (Abre numa nova janela)Zum Hintergrund: Der Sender, bei dem ich seit 2009 Radio machen darf, ist damals, ein Jahr zuvor, mit einem, wie man in England sagen würde, Schnürsenkel-Budget gestartet. Wenig Geld, viel Enthusiasmus, eine Einrichtung Marke Eigenbau und ein paar glückliche Second Hand Deals bzgl. Technik reichten, um erstmal ein sendefähiges Studio einzurichten. Später wurde etwas auf- und umgerüstet, noch ein kleines zweites Studio für Vorproduktionen eingerichtet und ansonsten seither auf mittlerweile engstem Raum die Arbeit der Redaktion, des Senders, des Unterstützervereins etc. abgewickelt.
Damit ist jetzt Schluss und die neuen Räume umweit der alten Adresse bieten sogar die Möglichkeit, ein professionelleres, größeres Studio einzurichten. Dafür braucht es aber ein paar Schnürsenkel mehr.
Wer sich unterstützend beteiligen will, sollte am besten direkt mal bei der oben verlinkten Funding-Kampagne gucken, ob was dabei ist, was zum Spenden animiert, einige der Belohnungen sind sonst vielleicht schon weg.
Ich sage schon mal Danke und verweise ansonsten natürlich auf meine aktuelle „Canteen“-Sendung .
Die heißt diese Woche „Dandy Hooligan“ (Abre numa nova janela) (den Titel habe ich beim neuen Babyshambles Track geborgt), läuft nochmal am Sonntag um 15:00 Uhr und ist für Mitglieder im ByteFM Freundeskreis (Abre numa nova janela) jederzeit abrufbar im Archiv.
10 von 16 empfohlenen Alben aus dem November
Hier wie versprochen, die im letzen Newsletter fehlenden 10 Empfehlungen aus dem November.
Ehrlich gesagt hätten es 19 Empfehlungen sein können, aber De La Souls "Cabin In The Sky" und Rosalías "Lux" gibt es nicht bei Bandcamp, das hätte vom Format nicht gepasst. Beide sind aber auch ans Herz gelegt. Und das 19. Album hab ich einfach nicht mehr geschafft, sorry, bringe ich irgendwann anders noch unter.
Prestige Rap Nachschlag
Armand Hammer & The Alchemist - Mercy
https://armandhammer.bandcamp.com/album/mercy (Abre numa nova janela)Auch wenn "Mercy" gegenüber dem Billy Woods Album "Gollywog" aus dem Mai dieses Jahres im direkten Vergleich keine Chance hat, ist dieses von Woods und Elucid unter dem Armand Hammer Namen veröffentlichte Album immer noch einer der herausragenden Abstract Hip-Hop Releases des Jahres. Der vielbeschäftige Alchemist (dieses Jahr u.a. Langspiel-Produktionen mit Freddie Gibbs, Hit-Boy und Larry June), mit dem Armand Hammer bereits 2021 das Album "Haram" produziert hatten, liefert gewohnt komplexe Beats und Musik und Gäste wie Pink Siifu, Earl Sweatshirt und Quelle Chris lassen grüßen. Mehr vom Guten, nie verkehrt.
Spacige Instrumentals vom Pianisten
Johannes Arzberger - Rebirth
https://johannesarzberger.bandcamp.com/album/rebirth (Abre numa nova janela)Wo der LoFi Hip-Hop aufhört, fangen die Nu-Jazz Klänge an: Fein zusammen geschürtes Paket von Instrumentals zwischen 90s Trip Hop/Downbeat, Soundtrack-Blaupausen und stimmungsvollen Skizzen des Künstlers aus Braunschweig, der als Session-und Live-Musiker u.a. schon bei Acts wie Clueso, Samy Deluxe oder Jan Delay die Tasten bedient hat. Auf zwei Tracks ist der Hamburger Drummer Silvan Strauss dabei, mit dem Arzberger bereits 2020 auf seinem Debüt-Album gearbeitet hat, und einmal tut er sich mit dem Berliner Produzenten 7apes zusammen. Meistens fummelt Johannes Arzberger seine Musik aber allein zusammen. Seine Herkunft gibt er international mit dem englischsprachigen Namen der Stadt als Brunswick an und klingt dann gleich, wie seine Musik, viel weltläufiger, nach Library-Music, Old School Funky Beats und zeitlos.
Bass-Music-Produzentin in Pop-Transformation
Ikonika - SAD
https://ikonika.bandcamp.com/album/sad (Abre numa nova janela)"Sad and Sexy" sei das Album, heißt es im Info zur Platte und, "SAD" sei als Bezeichnung akuter Traurigkeit oder als Kürzel für die "Seasonal Affective Disorder", eine Form der Depression zu lesen. Die wird im Deutschen "Winterdepression" genannt, das passt ja gerade gut. Wer anfällig ist für diese Diagnose, kann zur Platte der neuerdings auch singenden Ikonika greifen, deren Genuss nicht zuletzt einen gewissen Bewegungsdrang auslöst. Der ist dem innewohnenden Einfluss von Clubsounds zwischen Amapiano und House geschuldet. Wie der Londoner Dancefloor-Poet Joshua Idehen neulich ein Internet-Meme zitierte: Depression can't hit a moving target. "SAD" ist eine Platte für und über Selbstwahrnehmung, körperlich, seelisch und auf hypnotische Art beinahe in ein Out-Of--Body-Erlebnis versetzend.
Organische Party
Me And My Friends
https://m-a-m-f.bandcamp.com/album/bring-summer (Abre numa nova janela)Eigentlich sollte mir das nicht gefallen: Eine Handvoll britischer Musiker*innen vermengt Folk und Jazz mit außereuropäischen Einflüssen wie Highlife, Gnawa oder Cumbia und erzeugt Gute-Laune-Musik mit Cello, Klarinette und bunten Gewändern, lustigen Overalls und sowas. So weit so Hippie, mit Verdacht auf Selbstbedienungs-Mentalität im weltmusikalischen Bioladen. Und dann noch "Bring Summer". Im November. Aber irgendetwas macht das Quintett Me And My Friends dabei richtig, denn nie fühlt sich die Musik auf „Bring Summer“ nach karnevalesker Selbsterfahrung an, nie nach geborgtem Lebensgefühl. Seit 15 Jahren musizieren die Briten und haben offenbar immer noch Spass daran. Wie ansteckend.
Homegrown Apocalypso aus Großbritannien
Elijah Minnelli - Clams As A Main Meal
https://breadminster.bandcamp.com/album/clams-as-a-main-meal (Abre numa nova janela)Spleeniger, karibisch/südamerikanisch eingefärbter Roots-Folk-Reggae Crossover aus der englischen Provinz. Elijah Minelli, zuletzt vom Alien Dub Orchestra, dem bajuwarischen The Notwist/G.Rag Gemeinschaftsprojekt auf Albumlänge gecovert, mit seinem aktuellen Werk. Musik aus dem schönen (?) Breadminster, einem imaginären Ort, von wo aus Minnelli per monatlicher Sendung beim Londoner Online-Sender Soho Radio seine eigenwillige Mischung aus Dub und Folklore darbringt. Perkussion, Synthies, Blasinstrumente und irgendeine Art von dronigem Harmonium oder Akkordeon oder sowas schaffen klangliche Wärme. Die musikalischen Ideen und Mischungen stiften Verwirrung. Produzenten-Legende Dennis Bovell (Lovers-Rock-Pionier und Produzent u.a. von klassischen Alben von Linton Kwesi Johnson und The Slits) singt die Gospel im schönsten 2-Tone Modus, Carwyn Ellis steuert walisische Folklore bei: Alles schön und immer etwas verschroben.
Indie Alt.-Meister
The Mountain Goats - Through This Fire Across From Peter Balkan
https://themountaingoats.bandcamp.com/album/through-this-fire-across-from-peter-balkan (Abre numa nova janela)Das ist ja gerade nochmal gut gegangen: Unter Umständen wäre das 23. Album von The Mountain Goats nämlich tatsächlich ein Musical geworden. Die voll-orchestrierten Arrangements und Background-Vocals von „Hamilton“-Komponist/Texter Lin-Manuel Miranda verweisen darauf, dass das vermutlich sogar mehr als nur ein Promo-Narrativ ist, um die mal wieder literarisch-konzeptionelle Seite der neuen Song-Sammlung der Band zu charakterisieren. Aber letztendlich ist nun doch ein Album daraus enstanden und niemand muss Sitzplatz-Reservierungen vornehmen oder gar übersetzte Lied-Texte überstehen, um das neue Werk des Indie-Folkrock-Veteranen John Darnielle und seiner Band zu goutieren. Musikalisch hat "Through This Fire..." einen manchmal an klassischen US-Rock, manchmal an proggigere britische Traditionen erinnernden, "satten", überaus opulent produzierten Sound, der Dad-Rock-Fans und Alt-Rock Anhänger gleichermassen abholt. Ob die Geschichte von den drei gestrandeten Seeleuten, die Darnielles Songs hierbei diesmal zugrunde liegt, zu seinen besten zählt, lässt sich ggf. anhand des neuen Buchs "This Year: 365 Songs Annotated - A Book Of Days" überprüfen, in dem der mittlerweile in North Carolina residierende Musiker und Romanautor Texte und Anmerkungen zu diesen aus seiner über 30-jährigen Songwriter Karriere veröffentlicht hat.
Indonesisch-niederländischer Psych-Rock
Nusantara Beat - Nusantara Beat
https://nusantarabeat.bandcamp.com/album/nusantara-beat (Abre numa nova janela)Die Ausstellung „Revolusi! Unabhängiges Indonesien“ im Amsterdamer Rijksmuseum lieferte 2022 eine eindrucksvolle Erinnerung an den 4-jährigen blutigen Freiheitskampf Indonesiens nach 1945, als sich das Land nach 300 Jahren aus der niederländischer Kolonialisierung löste. Zu den Folgen der gemeinsamen Geschichte beider Länder gehören viele Menschen mit sowohl indonesischer als auch niederländischer Familiengeschichte. Aus solchen ist das ebenfalls 2022 gegründete Projekt Nusantara Beat zusammengesetzt, deren Musik sich auf ihrem jetzt veröffentlichten Debüt-Album sehr eingängig mit den Schnittmengen aus westlicher Popeinflüssen, primär der 1960er und 1970er, und indonesischen Musiktraditionen auseinandersetzt. Im psychedelischen Retro-Sound ähnlich den Anadolu-Rock-Bands Wie Altin Gün (deren ehemaliger Perkussionist Gino Groeneveld ist hier dabei) bedienen Nusantara Beat den Hunger nach mehr mild-exotischer Pop-Kost und öffnen dabei Ohren für außereuropäische Klangelemente. Im Fall des viert-bevölkerungsreichsten Landes der Welt sind die dortigen Musiktraditionen umfangreich genug für einen ganz eigenen Kanon, aber erstmal seien hier Nusantara Beat empfohlen.
Digitale Sound-Therapie
Oneohtrix Point Never - Tranquilizer
https://oneohtrixpointnever.bandcamp.com/album/tranquilizer (Abre numa nova janela)Knietief in den Wunderwelten alter Klangbibliotheken, zwischen cineastischem Panorama und psychedelischer Parallel-Realität, zwischen Informations-Flut und einsamen Fundstücken im Klangkosmos: Daniel Lopatins neuestes Album als Oneohtrix Point Never basiert auf Sample-Cds der 1990er und frühen 2000er, die er benutzt, um aus eigentlich für Chill-Out und derlei intendierten Klangmustern und Versatzstücken ein Pastiche zu erstellen, das gleichzeitig Materialschlacht mit ADHS-Cut-Up-Ereignisdichte und kontemplative Meta-Ebene bietet. Popkonsum als ästhetisches Multitasking, das dem Titel gemäß irgendwie beruhigend und Angst-lösend wirkt, wenn man sich darauf einlässt. Was bei diesem neuen Oneohtrix Point Never Album besser denn je klappt. Niemand kann der Welt des digitalen Klangdatenmülls schönere Seiten abgewinnen.
Elektronisch-Noisige Romantik-Reste
Mariusz Szypura - Chopin Residue
https://mariuszszypura.bandcamp.com/album/chopin-residue (Abre numa nova janela)Die Verbindung klassischer Musik, wie hier womöglich vom Kaliber Frédéric Chopins, mit modernen Ansätzen aus dem nicht-klassischen Umfeld verläuft in vielen Fällen unbefriedigend, ähnlich den meisten Versuchen, Pop- oder elektronische Musik-Klassiker in sinfonisches Gewand zu kleiden. Manch vermeintlich re-komponierter, re-imaginierter oder sonstwie nochmal neu in Angriff genommener Gassenhauer verkommt dann zum Melodie- und Harmonie/Tonsetzungs-Motive vorgebenden Edel-Rohstoff für die x-te Streicher-plus-Beats Renommier-Pos(s)e ohne Mehrwert aber mit Fremdscham-Potential. Nicht so bei Mariusz Szypuras "Chopin Residue". Dessen Chopin-Projekt durchlief vier Phasen: In Phase Eins liess der polnische Musiker, Game Designer und Künstler eine Handvoll befreundeter Musiker*innen Stücke aus dem Katalog des romantischen Komponisten-Stars "dekonstruieren": Viel bleibt nicht über von den Preludes, Etudes, Berceuses und Nocturnes in den Händen so eigenwilliger Menschen wie Lee Ranaldo, John Stanier, Adrian Utley, David Pajo, Joey Waronker, Carolina Eyck, John McEntire, Zoh Amba oder Mathew Herbert. In Phase Zwei wurden diese Aufnahmen von weiteren Musiker*innen "reworked": Die Bearbeitungen von Christian Fennesz, Benoît Pioulard, Christine Ott, Sean O'Hagan, Jim O'Rourke und anderen mündeten in Versionen, die man laut Szypura nun alleine oder simultan zu den Dekonstuktionen hören kann. Um ein Simuultan-Abspielen analog zu ermöglichen, wurde die Musik als Doppelalbum auf Vinyl gepresst. Für Phase Drei von Szypuras Projekt entstanden aus den beim Prozess des Schallplatten-Produzieren abfallenden Schnittresten großen kreisförmige Objekte, die Anfang November aus Anlass von Phase Vier, einem Live Gig mit einigen der am Projekt beteiligten Musiker*innen, in einer New Yorker Galerie ausgestellt wurden. Für uns Nicht-New Yorker bleibt vermutlich primär die Musik, die sich aber auch als Einzeltracks ohne Galerie-Besuch ganz wunderbar macht.
Ambientöser Jazz-Funk von 1969-1985
Various Artists - Endless: Universal Cosmic Sounds
https://favoriterecordings.bandcamp.com/album/endless-universal-cosmic-sounds (Abre numa nova janela)An der Schnittstelle von analoger Synthesizer-Technologie und Pop kam in den 1970ern und frühen 1980ern bekanntlich nicht nur Synth-Pop der britisch-unterkühlten Human-League-Sorte heraus. Die "Endless..." Compilation des Pariser Labels Favorite Recordings holt warm gelaufene Oszillatoren aus dem internationalen Archiv-Schrank, die damals Funk, Soul Disco und verwandte, gern etwas esoterischere Tracks mit dem nötigen Schuss Klang-Moderne versehen haben, um sie heute in die grobe Kategorie des Retro-Futurismus zu stecken. Seit bald 20 Jahren macht sich der Franzose Pascal Rioux unter dem Künstlernamen Charles Maurice als Labelbetreiber, Compiler und Produzent um spannende Projekte verdient, diese Zusammenstellung ist ein willkommener aktueller Baustein seines Werks.
Und sonst?
Am 09.12. wird Joan Armatrading 75 Jahre alt. In einer Zeit, als Disco und Punk/New Wave die Entertainment-Welt für frische Konzepte öffneten, weniger auf tradierte Rock-Macho-Posen als vielmehr auf Individualität und Neuheit fixiert, gelang es Joan Armatrading, die eigentlich aus einer eher folkigen Singer/Songwriter Tradition kommt und u.a. eine virtuose Gitarristin ist, für einen weiblichen Act dazu noch für eine Afro-Britin (Armatrading ist in Saint Christopher and Nevis, einer ehemaligen britischen Kolonie in der Karibik geboren), mit dann noch irgendwie androgyner Erscheinung (weil ungeschminkt und in Unisex-Kleidung, die, damals noch verdeckt, auf ihre queere Identität hinwies), bis dahin unerhörte Erfolge zu erlangen. Vom 1975er „Back To The Night“ Album bis zu „The Key“ von 1983 gehörten sie, ihre Alben und Singles zum Standard-Repertoire, das von Publikum und Musikmedien viel beachtet wurde (in Deutschland u.a. mit Rockpalast Auftritt 1980 etc..). Mitte der 1980er flachte die Erfolgskurve der sich selbst produzierenden Künstlerin (auch das damals noch sehr ungewöhnlich) ab. Insbesondere der US-amerikanische Markt schien nicht bereit für eine schwarze Künstlerin, die „weiße Musik“ macht, schrieb die amerikanische Popkultur-Autorin Gillian Gaar 1992.
Anfang der 1990er brachte ein „Very Best Of…“ Album Joan Armatrading nochmal in die britischen Album-Charts, ein Comeback-Versuch Mitte der 1990er misslang. Ironischerweise sei die PR für Tracy Chapmans erfolgreiches Debüt 1988, diese sei „die neue Joan Armatrading“ der Höhepunkt der Bekanntheit der Britin in den USA gewesen, so Gaar.
In den 2000ern war Armatradings Zeit als Major-Label -Act vorbei (sie war 20 Jahre lang bei A&M Records gesignt) vorbei und seither veröffentlicht sie auf ihrem eigenen Label und musiziert primär für eine treue Fanschaft. Als autarke Künstlerin ist Armatrading immer schon ein Role-Model und eine Pionierin gewesen, ihr zu Ehren hier ein paar Ausschnitte aus ihrer Karriere:
„Stepping Out“ live bei der TV-Sendung „Old Grey Whistle Test“, 1977
https://youtu.be/dg6preKIiQM?si=lwtrpy35_g-X2GfE (Abre numa nova janela)Der „Sight & Sound“ Mitschnitt eines Konzerts im Hammersmith Odeon 1977 (als Band Quitman Dennis (sax, fl, voc), Red Young (key, voc, thusmb piano), der ehemalige Fotheringay Musiker Jerry Donahue (git, voc), Bryan Garofalo (bass) und David Kemper (drums).
https://youtu.be/YJsGYMNnyMA?si=7W9466cOsKjB28md (Abre numa nova janela)In der Essener Grugahalle beim Rockpalast 1980 mit Rick Hirsch und Richard Belke (beide git), Dick Sims (keys), Bill Bodine (bass) und Richie Hayward von Little Feat (drums.)
https://youtu.be/yTEMPDKaSGY?si=ALvSbyM0LfCrvd-8 (Abre numa nova janela)Und aktueller: „Loving What You Hate“ in einer Studio Session von 2018
https://youtu.be/4kCakTCTJdI?si=LNnQAZZbBfoUHXIN (Abre numa nova janela)Abschließend noch ein Feature von Stephanie Phillips über Joan Armatrading aus dem Jahr 2020
https://sheshreds.com/joan-armatrading/ (Abre numa nova janela)-------
Am 04.12. verstarben gleich zwei der einflussreichsten Gitarristen der Soul Geschichte, beides Legenden, die ich hier in der Kürze der Zeit nicht angemessen würdigen kann. Das tun aber derzeit schon viele andere, ihr findet sicher komplett durch-recherchierte Nachrufe. Aber natürlich gibt es ein paar Links zum Booker T. & the M.G.'s und Stax Records Studio-Gitarristen Steve Cropper und zum Chesss Records Studio-Gitarristen und Session-Musiker Phil Upchurch (u.a. auf Platten und als Live Musiker bei Curtis Mayfield, Donny Hathaway und Minnie Riperton).
Steve Cropper mit Booker T. & the M.G.'s als Backing Band der Stax/Volt Revue u.a. mit Otis Redding und Sam&Dave im April 1967 in Oslo (Hier der Link zu einer vollständgeren Fassung des Mitschnitts auf Daily Motion (Abre numa nova janela), deswegen nicht zum Einbetten geeignet)
https://youtu.be/kUk1WTAReyE?si=Cb8Yw8s4VJSqhsSq (Abre numa nova janela)Steve Cropper mit mit Booker T. & the M.G.'s im Studio 1969
https://youtu.be/hgPz_a3VHoQ?si=UfsbYfK8e5tLDFK1 (Abre numa nova janela)Phil Upchurchs erster Hit von 1961
https://youtu.be/WdXISHqSV5w?si=QXPeKwE1ojQSt1jM (Abre numa nova janela)Einer meiner Phil Upchurch Favoriten: Seine Marvin-Gaye-Cover-Version aus dem Jahr 1972
https://youtu.be/_uRNRO5Cznk?si=aI58fnCXWVTpuozX (Abre numa nova janela)-------
Am 10.12. 1965 verstarb Henry Cowell, einer der einflussreichsten Komponisten neuer Musik in den USA. Bevor John Cage sein "Prepared Piano" vorstellte, hatte Cowell bereits für Skandale bis hin zu einer Massen-Schlägerei auf der Bühne zwischen Fans und Feinden im Leipziger Gewandhaus 1923 gesorgt. Zu radikal war seine Spieltechnik mit Ellenbogen und Unterarmen, zu extrem waren die Klänge, die der Avantgardist aufführte. Musik mit den Saiten des Klaviers direkt erzeugt, Klang-Cluster, grafische Notation, Aleatorik: Henry Cowells Innovationen, Ideen und Inspirationen würden Schule machen. 1936 wurde Cowell wegen "moralischer Vergehen" als Homosexueller in Kalifornien festgenommen und letztendlich für vier Jahre ins Gefängnis gesteckt. Arrest und Gefängnis traumatisierten den Musiker, der fortan zurückgezogen lebte und weniger radikale Musik schrieb. Cowell starb 1965 im Alter von 68 Jahren an Krebs.
Hier eine Aufnahme seines Stückes "The Banshee" von 1925, damals das erste Klavierstück, das gespielt wurde, ohne die Tastatur des Instruments zu benutzen, sondern nur mit den Händen (und Fingernägeln), die direkt die Klaviersaiten manipulieren. Hier dargebracht von der koreanischen Musikerin Lee Rumi.
https://youtu.be/n8CAWa-WsSc?si=YmmEGYJqODrp42fz (Abre numa nova janela)-----
Und nun wie angedroht ein Long Read zum Schluß:
Zum neuen Album „Live God“
Into His Arms: In der Arena bei Nick Cave

Diese Woche erscheint „Live God“, das Album zur letztjährigen Tour von Nick Cave And The Bad Seeds.
Als ich im Herbst 2024 konkreter die Idee für diesen Newsletter entwickelte, hatte ich längere Zeit außer launigen Sendungstexten und nerdigen Scripts für meine Radioshows sowie gelegentlichen Social Media Posts nichts mehr geschrieben.
Sozusagen als Schreibübung entstand damals der Textentwurf eines Konzertberichts über den Cave&Co. Auftritt in Hamburg. Nicht wirklich zu Ende gebracht und bislang unveröffentlicht, eigentlich zu lang, viel zu lang, für das Newsletter Format.
Aber Emails sind geduldig, darum hier am Ende dieses Newsletters der jetzt schnell fertig geschriebene Text, dank der Album-zur-Tour-Veröffentlichung gerade wieder aktuell:
Es gab eine Zeit, in der die Ansetzung eines Konzertes in der Alsterdorfer Sporthalle in Hamburg abseits von Open Airs das Maximum an Besucher-Kapazität markierte; wer mehr Publikum als die dort versammelbaren 6.000 Menschen versorgen wollte, musste in andere Städte ausweichen.
Seit 2002 freut sich das Veranstaltungswesen der Stadt über die bis zu 16.000 Menschen fassende Arena nahe des HSV- Fußballstadions, zwei Orte, die in den vergangenen Jahren ihre Namen je nach Sponsoren-Deal mehrfach veränderten. Momentan sorgt Problem-Milliardär Klaus-Michael Kühne bei den Fußballern für die Original-Namensgebung Volksparkstadion, während eine britische Bank ihr Kreditwesen per Barclay-Card-Arena-Name-Sponsoring bewirbt.
So weit so austauschbar mit vielen anderen Städten, die mithin ganze Straßen und Plätze den Namens-Sponsoren widmen, die solche Event-Orte mitfinanzieren.
Betreiber der Halle (wie auch der Uber Arena und der Uber Eats Music Hall in Berlin z.B.) ist die Anschutz Entertainment Group (AEG), weltgrößter Betreiber von Sport-Teams und Sport-Events und weltweite Nummer 2 in Sachen Live Entertainment hinter der ebenfalls amerikanischen Firma Live Nation Entertainment.
Die beiden Konzerne stehen für eine Marktkonzentration im globalen Veranstaltungsgeschäft, die die Welt der Fast Moving Consumer Goods (FMCG) (vulgo: Konsumgüter) als beinahe freies Spiel der Kräfte wirken lässt. Da streiten sich immerhin noch mehr als zehn Konzerne wie Nestlé, Coca-Cola , Kraft Heinz oder Procter&Gamble um die Plätze in Kühl- und andere Regalen der Supermärkte der Welt.
In der Barclay Card Arena gibt es im Herbst/Winter 2024 HSV Handball, Eishockey, Dua Lipa, Apache 207, Holiday On Ice und heute Nick Cave and the Bad Seeds.
Der 2024er Termin liegt über 42 Jahre nach Caves erstem Hamburg Auftritt im Juni 1982. Damals trat er mit seiner Band The Birthday Party vor einer Handvoll Menschen im legendären Versuchsfeld von Klaus Maeck und Alfred Hilsberg auf, einer kurzlebigen aber einflussreichen Off-Location in Bahrenfeld, gar nicht so weit entfernt vom Hellgrundweg, wie die amüsante Adresse der Barclay Card Arena lautet, wenn auch kulturell einige Lichtjahre davon entfernt.
Mit den Bad Seeds war Cave im Mai 1984 erstmals in Hamburg, damals immerhin schon in der Markthalle, die allerdings seinerzeit nicht übermässig voll wurde. Auch in der Barclay Card Arena wäre heute noch Platz für mehr Publikum gewesen, aber die gefühlten 8.000 Peoples füllen Unterränge, Innenraum und die nur teilweise geöffneten Oberränge ausreichend für ein kuscheliges Kollektiv-Erlebnis.
Nach ökologisch korrekter Anreise per S-Bahn und Shuttle-Bus und dem Privileg, über die Gästeliste an der langen Einlass-Schlange vorbei VIP-mässig direkt zum Hallen-Inneren zu gelangen, entfaltet sich hier der ganze Multifunktions-Chic moderner Event-Locations: Wurst- und Burger-Bratbuden, Fischbrötchen, sogenannte Pizza und irgendwo wohl auch ein veganer Imbiss; Pfandbecher, tageshelle Ausleuchtung, Bistro-Stehtische, ausgewiesene Raucher-Zone und Geltungskonsum-Angebote einschlägiger Champagner- und Bier-Marken als Gastro-Upgrade-Optionen in stil-unechtem Plastik.
Der Publikums-Altersschnitt ist ü-50, aber trotz der omnipräsenten sensiblen Schuhe erscheinen Nick Caves Fans mit gelegentlichem Rest von Indie-Coolness-Stilbemühen. Und wenn es Band T-Shirts sind (Bowie, Motörhead, egal).
Auffällig ist das scheinbare Gender-Verhältnis, das wohl bei 50/50 liegen dürfte, wenn mein Eindruck nicht trügt; alles andere als selbstverständlich bei „Legacy-Rock-Acts“, denn machen wir uns nichts vor, so einer ist Nick Cave inzwischen auch, bei aller Alternativität im Vergleich zu sagen wir Bryan Adams.
Die Halle füllt sich langsam. Im Vorprogramm spielt in Hamburg die britische Band Dry Cleaning, die musikalisch mit trockenem Sprechgesang versetzten Goth-Rock ca. 1985 anbieten, aber deren Musik gegenwärtig Post-Punk genannt wird. Florence Shaws kunstvoll indifferent vorgetragene Texte versteht niemand, als Soundeffekt gehen sie dabei gut durch, passend zu ihrem eigenwilligen Minenspiel auf der s/w gefilmten Leinwand.

Die Texte als Untertitel wären vielleicht gut gewesen, doch Dry Cleaning leben natürlich von der latenten Publikums- und Selbst-Verachtung, die in ihrer Ästhetik verankert sind, da wäre zu viel Erklärung Mythos-störend. Wobei sich Bassist Lewis Maynard immerhin einen Tracy-Pew-Gedächtnis-Cowboyhut aufgesetzt hat. Wer will, kann hier eine Birthday-Party-Hommage sehen. Die mittelgescheitelte aber gescheit wirkende Florence Shaw steht während der ca. 40 minütigen Show quasi unbewegt im bodenlangen Rock und Band-Merch-Sweatshirt am Mikro, während Lewis gelegentlich beim groovy Bass-Spielen vielleicht etwas zu neckisch mit dem in schwarzes Leder gekleideten Hintern wackelt und Gitarrist Tom Dowse seine dynamisch imposanten Gitarren-Effekte gern ausholend gestisch untermalt wie weiland tausend andere Rock-Gitarreros vor ihm. Zusammengehalten wird das Ganze von Drummer Nick Buxton, der trocken durchknüppelt, was das Sound-Zeug hält und das hält für eine Vorband erstaunlich viel.
Es scheint, als seien Dry Cleaning selber ein wenig überrascht, dass dies nicht der brutale Ritt durchs Feindesland ist, den Support Acts oft antreten müssen. Tatsächlich gibt es eigentlich eine reguläre Live Show dieser Band inklusive guter Klang-Qualität. Wobei Dry Cleaning sicher in einem Club ihre Wirkung besser entfalten, wo der krasse Kontrast zwischen noisigem Rock und unterkühlter Ansprache mehr Griff erzeugen kann.
Das Nick-Cave-Publikum nimmt das Vorprogramm altersmilde höflich aber überwiegend desinteressiert auf. Dass von Dry Cleaning ein Sound geboten wird, der an Nick Caves Anfangstage bzw. den Kontext der frühen Birthday Party und Bad Seeds erinnert, ist wohl für kaum jemanden relevant. Hier sind die meisten wegen Nick Cave gekommen, wie er in den 1990ern entstanden ist, als Figur des überlebensgroßen Indie-Predigers. Hier wollen die meisten ihre Götzenhämmerung vom Schmerzensmann der Herzen und Hirne. Die eigentliche Musik wird da fast zur Nebensache.

Aber erstmal ist ohnehin Pause und es leuchtet wieder das scheußliche Licht diverser durchwechselnder Banner der Dauerwerbesendung auf den Rund-Um-LED-Laufbändern der Halle.
Um mich herum Männer, die zu laut reden, Frauen, die nach Handcreme riechen (Bio, mit Kräutern) und verschiedene Eltern/Kind Konstellationen im Mehrgenerationen-Musik-Geschmack vereint, den Cave nunmal bedient. Vermutlich ist es im Innenraum heute amüsanter als im Unterrang 17.
Ich gehe nochmal aus der Halle hinaus. Der Merchandise-Stand gleich beim Eingang hat Outlet-Anmutung, stapelweise liegen die diversen T- und Sweat-Shirts zur Tour bereit. Es gibt Tote Bags (die Nachfahren der Jutebeutel von einst) und natürlich Vinyl. Nicht wenige sichern sich bereits vor Konzert-Beginn ihre Beutestücke und tragen sie den Rest des Abends mit sich herum. Superfans, das Zeug aus dem Musiker-Einkünfte gemacht werden.
Nick Cave 2024, da findet hin, wer in den letzten 40 Jahren in seinen Bann gezogen wurde, sei es vom radikalen exil-australischen Mock-Gothic Kaputnik-Papst der frühen Jahre oder vom Elvis-Presley-Untoten im Heroin-Chic der mittleren 1980er zwischen London und West Berlin (njcht zuletzt ausgestellt im Wim Wenders Film „Der Himmel über Berlin“). Später dann gab es Cave als morbiden Mörder-Balladeer (mit Kylie Minogue und PJ Harvey als Cave-Girls) und den Bariton des Bad Seeds Frontmanns als Verdunklungs-Klangfarbe in diversen Filmen von “Batman Forever“ über die ersten drei Teile der „Scream“ Filmreihe bis zu „Hell Boy“ und „Harry Potter“.
Nochmal neue Fans dürften sich durch den als Soundtrack-Song ohnehin schon oft genutzten Titel „Red Right Hand“ gefunden haben, seit dieser 2013 zum Titelsong und Leitmotiv der Serie „Peaky Blinders“ wurde, wo ihn inzwischen unter anderem die Arctic Monkeys und Anna Calvi coverten. Andere prominente Cave-Cover wurden von Jonny Cash und Metallica eingespielt.
Mit den Bad Seeds hat Cave inzwischen 18 Studio Alben veröffentlicht, zwischendrin noch zwei weitere mit dem Seitenprojekt Grindermann, sowie ein Solo-Album und diverse Soundtracks, überwiegend mit Warren Ellis, der seit 2005 fester musikalischer Partner von Cave geworden ist.
Seit den 1990er gibt es von Cave ruhige Balladen und lärmende Rockmusik, an Kitsch-Grenzendes und tief Bewegendes. Eigenwillige Musik, die bei Wikipedia mehr oder weniger treffende Genre-Zuschreibungen erfährt wie Dark Cabaret, Punk Blues, Post Punk, Gothic Rock, Alternative Rock, Gospel Rock, Garage Rock, Southern Gothic, Art Rock und seit einiger Zeit sogar Ambient und Electronic, geschuldet den beiden Alben “Skeleton Tree“ (2015) und „Ghosteen“ (2019).
2024 erschien, nach einer kurzen Klavier-Solophase von Cave, das Nachfolge Album „Wild God“, mit dem Nick Cave and the Bad Seeds wieder als Wie-du-es-auch-nennen-magst-Rock Act erkennbar sind.
Die letzten Jahre der Karriere von Nick Cave waren nicht zuletzt durch den Tod gleich zweier seiner Söhne geprägt, die 2015 respektive 2021 verstarben. Trauer und Trauerarbeit als Grundthema fügten sich als Elemente in Caves künstlerisches Werk dabei auf geradezu perfide passende Art ein. Schließlich arbeitet sich Cave seit Beginn seiner Karriere an biblischen Themen, an Spiritualität, Schuld, Sühne, religiöser Symbolik, Liebe und Tod ab. Inhalte, die seine Songs zur hochgehandelten Kunst und ihn zu einem der angesehensten Songwriter seiner Generation gemacht haben. Nick Caves Musik ist eine der Quellen, aus denen sich Menschen den Soundtrack ihrer Beerdigung zusammenstellen.
Neben Songs hat Cave mehrere Bücher und Drehbücher verfasst und bereits jetzt einen kreativen Fußabdruck hinterlassen, der ihn als einen der ganz Großen der Popgeschichte ausmacht.
Mit „Wild God“, dem aktuellen Album, spendet Cave nun auch noch Trost, schafft eine irgendwie optimistische Form von Melancholie, die heute Abend einen Großteil der Fans abholt und das Konzert für viele zu einem persönlich tief berührenden Erlebnis erhebt. Doch auch wer wie ich seine Gefühlswelt nicht unbedingt in einer Multifunktionshalle öffnen mag, durfte etwas mitnehmen, denn der Auftritt vom bestens aufgelegten Nick Cave und den Bad Seeds schafft einen seltenen Moment von gleichzeitig authentischem Ausdruck und großformatigem Entertainment.

Normalerweise braucht es eine Menge Spektakel und Überwältigungs-Dramaturgie, um eine Halle der Größe der Barclay-Card-Arena zu rocken. Doch bei Nick Cave gibt es zwar eine einigermassen große musikalische Besetzung und State-of-the-art-Videoleinwände links und rechts der Bühne, Textbotschaften in Großformat sowie eine klassische Licht-Kathedralen Light-Show, aber was wir sehen, ist ein eher stoisches Ensemble, das sich überwiegend auf das Charisma seines Frontmanns verlassen kann und die seltsame Musik handwerklich souverän, voll-live und sehr gut eingespielt aufführt.
Musical Director ist Warren Ellis, der sich an Violine, Gitarren und Keyboards betätigt, unterstützt von Radiohead-Bassist Colin Greenwood, Drummer Larry Mullins, Gitarrist George Vjestica, Keyboarderin Carly Paradis und von No Wave Urgestein Jim Sclavunos, der mal auf einem Xylophon klöppelt oder auch mal auf Röhrenglocken eindrischt.
Fast alle Band-Mitglieder übernehmen Backing Vocals, aber mit Wendi Rose, Janet „Cookie“ Remus, Subrina McCalla und T Jae Cole hat Cave zusätzlich seinen eigenen kleinen Gospel Chor dabei, der eher an David Bowies „Young Americans“ als an Elvis in Las Vegas denken lässt. Wobei die Gospel, die heute gegeben wird, ausschließlich aus dem Buch Nick Cave kommt. Da kommt kein genre-fluider Soul-Crossover-Verdacht auf, was wir hören ist ganz aus dem Bad Seeds Universum erwachsen, das inzwischen auch die Fake-Blues Anklänge der frühen Jahre hinter sich gelassen hat. Nick Cave ist längst sein eigenes musikalisches Erbe und auf die Verwaltung davon freuen sich die 8.000 Anwesenden.
Wo manche Acts ihre Arena-Shows mit Budenzauber, Choreographie und technischen Effekten aufrüsten, verlassen sich andere ganz auf die Mitsing-Qualitäten einer live dargebotenen Best-Of-Setlist und die Textsicherheit ihrer Fans. Nick Cave and the Bad Seeds gehen einen anderen Weg. Wobei Cave sein Publikum gelegentlich zum Mitsingen auffordert, aber die Hits des Mannes bringen seine Fans eher zum Weinen als zum Gröhlen. Ergriffenheit statt Hysterie, bei Nick Cave geht es ans emotional Eingemachte. Die Bad Seeds geben heute quasi das komplette 2024er „Wild God“ Album und drapieren ihr Set mit Songs aus der gesamten Diskographie des Frontmanns, vom Titelstück des 1984er Bad-Seeds-Erstlings „From Her To Eternity“, über „Tupelo“ von 1985 („The Firstborn Is Dead“ Album) „The Mercy Seat“ („The Tender Prey“, 1988), „Papa Won’t Leave You, Henry“ („Henry’s Dream“, 1992), „O Children“ („Push The Sky“, 2013), „I Need You“ („Skeleton Tree“, 2016). Zum Ende gibt es die “Red Right Hand“ („Let Love In“, 1994), 1990s „Weeping Song“ und natürlich „Into My Ams“, ursprünglich 1997 auf dem Album „Boatman’s Call“ erschienen.
Mit dem Album „Live God“ erscheint nun eine Show aus Paris dokumentiert mit so gut wie identischer, etwas gekürzter Setlist, aber natürlich ohne die Präsenz von Nick Cave im Raum. Dessen leibhaftiger Auftritt als zentrales Objekt der Publikums-Begierde prägt natürlich das Erlebnis. Mal am Piano sitzend, meist aber rastlos über die Bühne tigernd oder die extra-breit angelegte Laufbahn vorne quer zur ersten Reihe des Publikums abwandernd oder ablaufend. Da, ganz vorne, stehen die Fans, die es auf physischen Kontakt zum Sänger angelegt haben. Und der lässt sich anfassen, fasst selber an, ist da für seine Fans, irgendwie ganz ohne schmieriges Gehabe, alles seltsam anrührend und mit einer Energie, die sich seine zu diesem Zeitpunkt 67 Lebensjahre nicht anmerken lassen.
Die Live Band, die unter Warren Ellis' Ägide auf der "Wild God" Tour spielte (und noch weiter spielt), bringt das Material natürlich quasi perfekt zu Gehör und "Live God" ist eine knapp 100-minütige Sause, das “amtliche” Produkt zum Erlebnis. Die Überdosis Charisma des Frontmanns der Bad Seeds ist in Europa 2026 bei einigen Open Air Shows nochmal zu erleben: Vermutlich keine schlechte Idee, sich entsprechende Tickets, wenn dann überhaupt noch zu haben, ggf. schnell zu sichern. Kann man ja z.B. in einigen Tagen ganz gut verschenken.

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