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Kyrylo Marsak: „Meine Familie ist unglaublich stolz auf mich“

Kyrylo Marsak wird bei den Olympischen Spielen in Mailand der einzige ukrainische Vertreter im Eiskunstlaufen sein. Der 21-Jährige, der seit Beginn des Krieges in Finnland lebt und trainiert, hat in dieser Saison einen großen sportlichen Durchbruch geschafft. Bei der EM in Sheffield belegte er den achten Platz, gekrönt von zwei persönlichen Bestleistungen. Nach diesem Erfolg trafen wir ihn zum Interview.

Herzlichen Glückwunsch zu dem Erfolg bei der EM. Wie reflektieren Sie diese gute Woche?

Ich bin sehr stolz auf mich. Ich habe nicht erwartet, in die Top 10 oder sogar in die Top 8 zu kommen. Unser Ziel war es, einfach das Beste zu geben und zu schauen, was dabei herauskommt. Das Ergebnis ist besser als alles, was ich mir hätte erträumen können. Die EM war eher als Training für die Olympischen Spiele gedacht. Natürlich haben wir darauf gehofft, Ranglistenpunkte zu erzielen und eine so gute Leistung wie möglich zu zeigen.

Sie strahlen diese Saison deutlich mehr Selbstbewusstsein aus.

Ich denke, dieses Selbstbewusstsein habe ich mir seit Anfang der Saison erarbeitet. Die Saison ging sehr gut los bei der Lombardia Trophy. Das war ein sehr wichtiger Wettkampf für mich und die Grundlage für alles, was danach kam. …

Nachdem ich den Startplatz für die Olympischen Spiele in Peking erlaufen habe, konnte ich am Anfang überhaupt gar nicht richtig realisieren, was geschehen war. Erst nach ungefähr einem Monat ist es ganz zu mir durchgedrungen. Es ist vielleicht eine einmalige Chance im Leben und es bedeutet wirklich, dass wir etwas richtig machen.

Wenn Sie „wir“ sagen, meinen Sie wahrscheinlich Ihr Trainerteam um Alina Mayer-Virtanen und Valtter Virtanen in Finnland. Was bedeuten die beiden für Sie?

Sie sind wie meine zweite finnische Familie. Liia, die Tochter der beiden, nennt mich „großen Bruder“ – auf Deutsch. Wir feiern alle Feiertage zusammen, Weihnachten, Neujahr und alles andere. Wir verstehen uns gegenseitig wie eine Familie, und das hilft uns auch, besser zusammenzuarbeiten. Wir kennen die Grenzen des jeweils anderen und sind ideal aufeinander eingestellt und das hilft beim Training. Seit Februar 2024 habe ich meine eigene Wohnung, was mir sehr gefällt. Ich habe bei Alina und Valtter auch ein bisschen Deutsch gelernt. Ich verstehe so gut wie alles und kann es auch ein bisschen sprechen. Mit Liia spreche ich immer Deutsch.

Ihre eigentliche Familie lebt in der Ukraine. Wie ist der Kontakt mit ihnen?

Wir versuchen, uns jeden Tag anzurufen. Mit meiner Mutter spreche ich jeden Tag, und auch meinen Vater versuche ich, wenn möglich, täglich zu erreichen. Er ist im Krieg an der Front. Die Situation ist nicht einfach, und teilweise hat er kein Internet und keinen Strom. Jeden Tag schreiben wir uns „Guten Morgen“ und „Gute Nacht“, um zu wissen, dass alles okay ist. Meine Mutter lebt in Kyjiw und arbeitet dort. Meine Großeltern und viele Freunde von mir leben in Kherson. Auch mit ihnen versuche ich, regelmäßig in Kontakt zu sein.

Ihr Kurzprogramm zu „Fall on Me“ ist Ihrem Vater gewidmet.

Das Programm erzählt die Geschichte, dass wir, auch wenn wir uns nicht jeden Tag sehen können, immer verbunden sind und immer füreinander da sind. Das letzte Mal habe ich meinen Vater im April gesehen, bei den Ukrainischen Meisterschaften. Diese Meisterschaften haben das Leben meines Vaters gerettet, da viele seiner Kameraden während dieser Zeit an der Front getötet wurden. Das war ein sehr erschreckendes und prägendes Erlebnis. Meine Choreografin hat mir das Konzept für das KP vorgeschlagen, es als Widmung für meinen Vater zu machen, und ich dachte, es ist eine fantastische Idee, besonders für die olympische Saison. Ich fühle dieses Programm und kann meine Emotionen zeigen. Meine Familie ist unglaublich stolz auf mich und unglaublich glücklich. Sie haben sehr viel für mich aufgegeben und sich immer für mich eingesetzt, damit ich Eislaufen kann und meine Karriere verfolgen kann. 2018 sind wir nach Kyjiw gezogen, und die Familie musste sich dadurch teilweise trennen. Nun zeigt sich, dass es das alles wert war.

Ihr großes Vorbild ist Nathan Chen. Was fasziniert Sie an ihm?

Ich wurde Nathans Fan bei den Olympischen Spielen 2018, als er nach dem katastrophalen KP die Kür gewann. Zunächst mag ich wirklich seinen Eislaufstil und auch seinen Sprungstil. Ich finde, es gibt ein paar Ähnlichkeiten in unserer Sprungtechnik, und manchmal, wenn mir etwas nicht richtig gelingt, schaue ich mir Nathans Videos an. Das hilft mir, die Technik besser zu verstehen. Ich bewundere an ihm, dass er neben seiner Eislaufkarriere studiert hat, und genau das versuche ich jetzt auch. Ich sage mir immer: Wenn er das geschafft hat, dann schaffe ich das auch.

Was studieren Sie und wie sieht Ihr Alltag aus?

Ich studiere seit diesem Semester Business IT Game Development. Das Studium ist komplett auf Englisch und ein normales Vollzeitstudium in Jyväskylä, Finnland. Zum Glück ist alles relativ nah beieinander, meine Trainingshalle und die Universität. Entweder fahre ich morgens zuerst zum Training, dann zur Uni und anschließend nach Hause, oder andersherum. Es funktioniert gut. Meine Lehrer sind sehr verständnisvoll und erlauben mir, manche Abgabefristen wegen Wettbewerben zu verschieben. Es ist wirklich schön, neue Leute zu treffen und etwas anderes im Kopf zu haben als immer nur das Eislaufen. Das hilft mir sehr. An dem Studium finde ich interessant zu lernen, wie Spiele entwickelt werden. Ich bin nicht so sehr auf der Programmiererseite, sondern mehr auf der künstlerischen Seite der Spiele. Ich habe Kompositionen entwickelt und Musik für Spiele. In dieser Richtung sehe ich mich.

Worauf freuen Sie sich am meisten bei den Olympischen Spielen?

Ich kann es nicht genau sagen, aber ich bin einfach unglaublich aufgeregt und freue mich auf die gesamte Erfahrung, zum Beispiel auf die Eröffnungsfeier. Vielleicht sind es meine einzigen Olympischen Spiele. Ich möchte es einfach genießen, dass ich mein Land dort vertreten kann und eine gute Zeit haben. Ich bin total gespannt auf die Organisation, darauf, andere Sportler zu treffen und, wenn es möglich ist, natürlich auch andere Sportarten zu sehen. Aber ich lasse mich überraschen.

Interview: Judith Dombrowski
Photos: Judith Dombrowski, Tatjana Flade

Tópico Interview/Portrait

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