Liebe Leser*innen,
an Tag 20 geht es um das Thema Zivilcourage.
Zivilcourage bedeutet, nicht wegzuschauen, wenn Menschen bedroht, beleidigt oder diskriminiert werden. Häufig erleben Betroffene aber genau das Gegenteil. Die rassistische Beleidigung im öffentlichen Raum bleibt unwidersprochen, sexistische Witze können ohne Probleme gemacht werden, nach einer antisemitischen Äußerung hören Betroffene, das sei doch alles nicht so gemeint gewesen.
Im Laborversuch (Abre numa nova janela) erhebt jede vierte Person Einspruch bei Unrecht. Unter realen Bedingungen sieht das vermutlich deutlich anders aus.
Trainiere deine Zivilcourage
Warum fällt es Menschen nun aber oft so schwer in kritischen Situationen einzuschreiten und prosoziales Verhalten zu zeigen? Sozialpsychologische Forschung zeigt: Fehlende Zivilcourage ist oft das Ergebnis sozialer Dynamiken, die in vielen Situationen zusammenwirken.
Zuerst muss ein Ereignis überhaupt a) bemerkt und dann b) als Notfall interpretiert werden. Das klingt vielleicht trivial, in der Realität ist das aber oft deutlich komplizierter. Oft entsteht in Situationen nämlich die sogenannte pluralistische Ignoranz: Menschen orientieren sich am Verhalten anderer. Wenn niemand reagiert, schließen viele daraus, dass die Situation offenbar „nicht so schlimm“ sei. Wenn aber klar ist, dass ein Einschreiten notwendig ist, muss in einem nächsten Schritt c) Verantwortung übernommen werden. Oft gehen Menschen aber unbewusst davon aus, dass jemand anders handeln würde (Diffusion von Verantwortung). Diese Mechanismen erklären, warum Diskriminierung oder Übergriffe selbst in der Öffentlichkeit oft unbeantwortet bleiben. Deswegen ist es so wichtig, diese Automatismen zu unterbrechen.
Generell kann Zivilcourage (Abre numa nova janela) auf unterschiedliche Weise gezeigt werden:
Direktes Eingreifen, wenn es sicher möglich ist, z. B. durch klares Benennen von Grenzüberschreitungen.
Lautes Widersprechen, das soziale Normen sichtbar macht („Das ist nicht okay.“).
Ablenkung, um eine Situation zu entschärfen.
Hilfe holen, etwa andere Personen gezielt anzusprechen oder professionelle Unterstützung zu rufen.
Unterstützung der Betroffenen im Nachhinein, z. B. durch Solidarität, Zuhören oder Begleitung.
Forschung zu sozialen Normen (Abre numa nova janela) zeigt zudem: Schon eine einzelne Person, die widerspricht, kann die Wahrnehmung von anderen verändern. Zivilcourage wirkt damit nicht nur unmittelbar, sondern auch langfristig normsetzend: Sie signalisiert, welches Verhalten in einer Gesellschaft akzeptabel ist – und welches nicht.
Couragiert im Alltag aufzutreten, wurde vielen von uns als Kindern nicht vorgelebt: Zivilcourage heißt, genau diese unsichtbare Ordnung zu stören. Und Stören gilt in unserer Gesellschaft nicht als Tugend. Es bremst, hält auf, irritiert, ist unangenehm. Wer sich einmischt, geht das Risiko ein, auf Ablehnung zu stoßen, Ärger zu provozieren oder gar in Gefahr zu geraten. Doch was heißt das für eine Gesellschaft, wenn Schweigen die Norm ist?
Zivilcourage ist daher auch ein kollektiver Lernprozess. Solidarische Resilienz entsteht genau an diesem Punkt: wenn Menschen sich gegenseitig darin stärken, hinzuschauen – und nicht allein zu bleiben, wenn sie handeln.
🦖 Deine Übung für Heute
Nimm Dir einen Moment Zeit, komme zur Ruhe. Mach Dir vielleicht eine Tasse Tee oder dein Lieblingssnack - und mache folgende Übung:
Recherchiere zu verschiedenen Möglichkeiten Zivilcourage zu zeigen.
✏️ Schreibe auf, welche Möglichkeiten es gibt, in einer solchen Situation zu helfen.
Überlege Dir: Welche Handlung fällt dir am leichtesten, welche am schwersten? Was könntest du üben, damit du in Zukunft mutiger und sicher handeln kannst?
Der Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt e.V. (VBRG) hat die Broschüre “Was tun nach einem rechten, rassistischen oder antisemitischen Angriff? (Abre numa nova janela) erstellt mit Handlungsmöglichkeiten und Hilfe für Betroffene, Angehörige und Zeug*innen.
Ich wünsche Dir viel Spaß mit dem Kalender,
Pia Lamberty
Hintergrund: Was ist ein Resilienz-Adventskalender für belastende Zeiten?
Die Welt ist im Wandel – und das in einer Geschwindigkeit, die viele Menschen überfordert. Gewohnte Sicherheiten brechen weg, die psychischen Belastungen nehmen zu. Verschiedene Studien zeigen, dass globale Krisen erhebliche psychische Auswirkungen haben und viele an ihre Belastungsgrenze bringen.
Viele Menschen fühlen sich aufgrund der Krisenpermanenz und zunehmenden Bedrohungslage machtlos – doch sie sind es nicht. Menschen können die Welt verändern und haben mehr Einflussmöglichkeiten als ihnen bewusst wird. Um sich zu engagieren, benötigt es aber mentale Kapazitäten und Skills, um mit Stress umzugehen. Denn: Wer keine Ressourcen übrig hat, wird sich wahrscheinlich weniger einbringen können.
Anleitung: Wie funktioniert der Adventskalender?
Dieser Adventskalender hat 24 kleine Übungen, damit Du deine Resilienz jeden Tag ein bisschen stärken kannst. Jeden Tag geht es um ein anderes Thema, um besser durch turbulente Zeiten zu navigieren.
Du kannst die Ergebnisse deiner Übungen gerne aufschreiben und immer wieder mal anschauen. Das funktioniert in der Notizen-App in deinem Handy. Oder du bastelst dir ein kleines Resilienz-Tagebuch. Jede Übung dauert nicht mehr als 15 Minuten.
Es ist auch nicht schlimm, wenn Du nicht alles schaffst oder Du Übungen nicht magst. Das Ganze soll dich stärken und kein weiterer Stresspunkt werden.
Wenn Du aktuell in Psychotherapie bist, besprich vorher mit deinem bzw. deiner Therapeut*in, ob Du aktuell solche Übungen machen solltest.
Ist Resilienz nicht nur so ein komischer Internet-Trend?
Jein. Der Begriff wird gerade auf Social Media oder bei manchen Feel-Good-Seiten ganz schön überstrapaziert und oft sehr individualistisch betrachtet. Trotzdem beschreibt er eine reale Fähigkeit: gut mit Belastungen umgehen zu können. Und diese Kompetenz brauchen wir leider gerade recht häufig. Resilienz hat natürlich auch seine Grenzen. Es ist keine Superkraft, die plötzlich alles gut macht. Dennoch ist es wichtig, um belastende Phasen besser zu überstehen.
Falls Du mich noch nicht kennst:
Ich bin Dr. Pia Lamberty und Psychologin. Mein Studium der Psychologie habe ich an der FernUniversität Hagen und der Universität Köln (Schwerpunkt Social Cognition und Medienpsychologie) absolviert. An verschiedenen Universitäten – in Köln, Mainz, Brüssel und Beer Sheva – habe ich mich intensiv mit Verschwörungsglauben beschäftigt. Darüber hinaus habe ich auch zu Erinnerungskultur, Antisemitismus und allgemeinen Vorurteilen geforscht. Wer sich für meine Forschung interessiert, kann gerne bei Google Scholar (Abre numa nova janela) vorbei schauen.
Im Jahr 2020 habe ich gemeinsam mit Katharina Nocun mein erstes Buch veröffentlich - “Fake Facts - Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen” -, das in der Coronapandemie zum Bestellter wurde. Ein Jahr später, 2021, erschien dann “True Facts - Was gegen Verschwörungserzählungen wirklich hilft” und 2023 der nächste Besteller: “Gefährlicher Glaube - Die radikale Welt der Esoterik”. Im Jahr 2021 habe ich mit anderen dann CeMAS (Abre numa nova janela)- Center für Monitoring, Analayse und Strategie gegründet und war dort bis Oktober 2025 aktiv.
Promoviert habe ich an der Sozial- und Rechtspsychologie der Universität Mainz - zur Rolle von Verschwörungserzählungen im Kontext von Gesundheitsthemen. Daneben habe ich mich durch die Deutsche Psychologenakademie zur Notfallpsychologin (Abre numa nova janela)weiterbilden lassen.
Mehr über mich findest Du auf meiner neuen Homepage.