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Redensarten Nr. 27 - Götz-Zitat und schwäbischer Gruß (1)

Liebe Redensarten-Freundinnen und Freunde,

willkommen zu meinem siebenundzwanzigsten Newsletter.

Heute und in der nächsten Folge geht es um eine einzige Redensart und all die Redewendungen, Geschichten und Sprüche drumherum, die mit ihr zusammenhängen.

Dabei möchte ich gleich zu Anfang eine Warnung aussprechen - insbesondere für diejenigen unter Euch, für die Deutsch eine Fremdsprache ist: Ich empfehle Euch, die hier genannten Redewendungen nicht zu gebrauchen! Sie gelten als derb und anstößig, und in bestimmten Situationen kann Euer Gesprächspartner irritiert oder gar beleidigt sein, wenn Ihr sie aussprecht (Beleidigung ist in Deutschland ein Straftatbestand und kann empfindliche Strafen nach sich ziehen!). Trotzdem sind sie sehr oft zu hören.

Bevor es losgeht, noch ein paar Worte zu den folgenden Ausführungen. Viele werden dabei ins Schmunzeln kommen. Das ist okay! Bisweilen konnte ich mir auch nicht verkneifen, ein paar ironische Anspielungen unterzubringen. Dazu lädt diese Redensart ja geradezu ein. Es soll ja auch Spaß machen.

Wer das geschmacklos findet und sich auf den Schlips getreten (Abre numa nova janela) fühlt, der möge mir verzeihen. Das ist nicht meine Absicht.

Letztlich geht es mir nicht um zotigen Humor, sondern um Information über eine Redewendung, die in der Umgangssprache sehr verbreitet ist.

Aber der Reihe nach.

Ihr könnt mich…

... natürlich kritisieren und verurteilen und meinen, dass ich diese Redewendung nur deshalb behandle, um Klicks zu erzeugen und Aufmerksamkeit zu erregen. Und da muss ich sagen: Da habt Ihr natürlich vollkommen recht (Abre numa nova janela)!

Gleichwohl ist sie eine der häufigsten überhaupt und trotzdem in einschlägigen DaF-Lernbüchern nicht zu finden. Warum? Weil sie eben derb ist, und man will ja als Deutschlehrer seine Schüler nicht in peinliche Situationen bringen! Sie ist aber nun mal im Alltag oft zu hören und zudem hinsichtlich ihrer Bedeutungen und ihrer Herkunft derart interessant, dass man sie irgendwann einfach mal besprechen muss. Ich behaupte gar: Ohne diese Redensart sind oft verschwiegene, aber grundlegende Bestandteile der deutschen Kulturgeschichte und der deutschen Mentalität gar nicht zu verstehen! Ihr glaubt mir nicht? Dann lest selbst.

Ihr ahnt es schon.

Es geht um

"Leck mich am Arsch! (Abre numa nova janela)",

oder anders ausgedrückt

"Du kannst mich mal am Arsch lecken! (Abre numa nova janela)"

Kraftausdrücke

Bevor wir uns den Bedeutungen zuwenden, erst mal etwas Allgemeines zum Thema Kraftausdrücke, die ja deshalb so heißen, weil sie eine kräftige Wirkung entfalten können und sollen.

Unsere Redewendung ist seit dem 15. Jahrhundert bekannt - einer Zeit, in der das öffentliche Praktizieren von Ausscheidungen und das Reden darüber noch völlig normal war, wenn auch schon die Redensart selbst damals als Beleidigung zu verstehen ist. Erst im Lauf der Neuzeit hat sich unser heutiges Schamgefühl entwickelt, das an Konzepte wie Privatheit und Intimsphäre geknüpft ist.

Heute gelten derartige Ausdrücke als unanständig, und doch ist unsere Redensart gleichzeitig so beliebt wie kaum eine andere. Dabei scheint bei den Deutschen Kot und Hintern in Schimpfwörtern besonders beliebt zu sein: Mein Wörterbuch führt alleine für "Arsch" 82 Einträge (Abre numa nova janela) auf, die das Wort enthalten. Ein amerikanischer Wissenschaftler bescheinigte den Deutschen einmal gar einen ausgeprägten "Analcharakter" (Quelle (Abre numa nova janela)).

Woher kommt das? Möglicherweise hat das mit dem - behaupteten oder tatsächlichen - Hang der Deutschen zu Ordnung und Sauberkeit zu tun. Denn Schimpfwörter und Beleidigungen leben vom Tabubruch: Die Wirkung ist dann am stärksten, wenn man das anspricht und verunglimpft, was dem anderen besonders lieb und teuer (Abre numa nova janela) ist. Und das macht natürlich besonders Spaß, ja schimpfen und fluchen soll sogar gesund sein (Quelle (Abre numa nova janela)).

Und so finden wir unseren Ausdruck auch bei Persönlichkeiten, von denen wir es nicht erwarten würden.

Beispiel gefällig?

Posthumes Portrait von Wolfgang Amadeus Mozart, gemalt von Barbara Krafft 1819 (Abre numa nova janela)
Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791), einer der berühmtesten Komponisten der Welt, schrieb auch Kanons mit teilweise sehr derbem Inhalt, der an seine "Bäsle-Briefe" erinnert, die er an seine Cousine Maria Anna Thekla Mozart schrieb.

So verfasste Wolfgang Amadeus Mozart Musikstücke, die Titel wie "Leck mich im Arsch" (Quelle (Abre numa nova janela)) oder (vermutlich) “Leck mir den Arsch fein recht schön sauber“ trugen (Quelle (Abre numa nova janela)). Das war lange Zeit nicht bekannt - schließlich wollte man die zarte Jugend nicht mit derartigen Ausdrücken verderben! Und so wurden sie umgeschrieben - aus "Leck mich im Arsch" wurde "Lasst froh uns sein", aus "Beim Arsch ist’s finster (Abre numa nova janela)" wurde "Die Nacht ist finster" (Quelle (Abre numa nova janela)).

Bedeutung

Unsere Redewendung stellt natürlich keine Aufforderung oder gar Einladung im herkömmlichen Sinn dar, allein schon aus praktischen, rechtlichen und hygienischen Gründen! Sie drückt vielmehr Überdruss und Genervtheit aus. Wer sie verwendet, will eine als Zumutung empfundene Bitte zurückweisen und der anderen Person klarmachen, dass er nicht im Geringsten bereit ist, auf ihre Wünsche und Forderungen einzugehen. Er möchte einfach in Ruhe gelassen werden. Gleichzeitig drückt neben der Geste selbst das derbe Wort "Arsch" eine gewisse Verachtung aus, weshalb die Redensart als beleidigend gilt.

Dann gibt es noch eine weitere Bedeutung, die allerdings im Norden des deutschen Sprachraums unüblich ist: Mit "Leck mich am Arsch (Abre numa nova janela)" kann man seinem Erstaunen oder seiner Überraschung Ausdruck verleihen oder seine Freude über ein unvermutetes Wiedersehen zum Ausdruck bringen:

  • Boah, was für ein Tor von Müller. Leck mich am Arsch, war das geil!

  • Jetzt leck mich am Arsch, wo kommst du denn her?

Es ist klar, dass die Verwendung in dieser Bedeutung keine Beleidigung sein kann, vielmehr gehört es in der saloppen Umgangssprache zum normalen Sprachgebrauch. Ein schwäbisches Gericht hat einmal entschieden, dass dieser "schwäbische Gruß" nicht beleidigend sei, weil er gebraucht werde, um

  • an ein Gespräch anzuknüpfen

  • eine ins Stocken geratene Unterhaltung wieder in Fluss zu bringen

  • einem Gespräch eine neue Wendung zu geben

  • ein Gespräch endgültig abzubrechen

Man kann also sagen, dass unser Ausdruck in Norddeutschland als glatte Beleidigung gilt, während er im Süden im Alltag so häufig verwendet wird, dass er nur ein würziger Kraftausdruck und nicht zwingend beleidigend ist, zumindest außerhalb der Gegenwart von Respektspersonen (Vorgesetzte, Polizisten, Amtsträger usw.).

Götz-Zitat und schwäbischer Gruß

Die Redensart ist untrennbar mit Götz von Berlichingen (1480-1562) verknüpft, einem Reichsritter aus schwäbischem Adel, weshalb sie verhüllend auch als "Götz-Zitat" oder "schwäbischer Gruß" bezeichnet wird.

Götz von Berlichingen (Abre numa nova janela)
Portrait des Götz von Berlichingen, Kupferstich, Kölnisches Stadtmuseum (Quelle: https://commons.wikimedia.org)

Götz ist auch als "Ritter mit der eisernen Hand" bekannt, weil er als Söldner 1504 durch einen Kanonenschuss seine rechte Hand verlor, die er sich durch eine eiserne Prothese ersetzen ließ. In einer Zeit, in der das Rittertum im Niedergang begriffen war, beanspruchte er das alte Recht der freien Ritter, Fehden auszutragen, weiterhin für sich und verdiente seinen Lebensunterhalt mit Menschenraub, Erpressung und Überfällen gegen Provision. Als er 1515 auf Burg Krautheim Geld eintreiben will, ruft er - laut seiner eigenen Biografie - dem in der Burg sitzenden Kurmainzer Amtmann zu, "er soldt mich hinden leckhenn" (Quelle (Abre numa nova janela)).

Insofern weicht das originale Götz-Zitat gegenüber unserer Formulierung ab und ist weniger derb, da der Kraftausdruck "Arsch" mit "hinten" umschrieben wird. Eine kurze, gut gemachte Doku über Götz findet ihr übrigens in der ZDF-Mediathek (Abre numa nova janela) (nur viereinhalb Minuten).

Die heutige Formulierung verdanken wir ausgerechnet Goethe,

Johann Wolfgang von Goethe, Portrait von Joseph Karl Stieler (1828) (Abre numa nova janela)
Johann Wolfgang von Goethe, Portrait von Joseph Karl Stieler (1828), Neue Pinakothek (München) (Quelle: https://commons.wikimedia.org)

der dem Reichsritter 1773 mit seinem Theaterstück (Abre numa nova janela) ein literarisches Denkmal setzte. Goethe legte ihm folgende Worte in den Mund: "Sag deinem Hauptmann: Vor Ihro Kayserliche Majestät habe ich, wie immer, schuldigen Respekt. Er aber, sag’s ihm, kann mich im Arsch lecken!" In einigen Ausgaben wurde die Stelle durch Bindestriche oder durch "kann ... zum Teufel fahren" ersetzt.

Soweit zu dieser Redensart für heute. Im nächsten und letzten Teil gehen wir noch etwas tiefer und lernen ein paar Varianten kennen. Und wir erfahren, dass die Redensart weder von Goethe noch von Götz stammt, dass sie ihren Ursprung im alten Volksglauben hat, und was sie mit einer bestimmten Lebenseinstellung zu tun hat.

Viele Grüße,

euer Peter vom Redensarten-Index

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