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März 2026

Einmal im Monat schicken wir diesen Newsletter in die Welt. Der Fragebogen bleibt – diesmal ausgefüllt von Dominik Stawski, dem neuen Leiter der Nannen-Schule. Auch wie gehabt – wie hältst du es mit KI? Das erzählt Marc Neller vom „stern“. Neu ist das Vorwort: Ab sofort schreiben hier Köpfe aus unserem Verein, diesmal ist Jens Radü vom „Spiegel“ dran.

Hallo zusammen,

Als ich heute Vormittag mit ungesund krummem Konzentrationsrücken am SPIEGEL-Newsdesk stand, lachte mich diese Schlagzeile aus Reuters an: »Studie: Deutsche Online-Medien werden immer schwerer verständlich«.

Well. Sehen wir großzügig über die holprige Zeile (»schwerer verständlich«) hinweg. Und auch darüber, dass die »Studie« von dem Unternehmen Wortliga stammt, das mit KI Texte redigieren und damit Geld verdienen will. Was steht drin?

Bild.de (Abre numa nova janela), so heißt es, liegt in der Verständlichkeit weit vorne. Schlusslicht: faz.de (Abre numa nova janela). Während stern.de (Abre numa nova janela), zeit.de (Abre numa nova janela) und ​sueddeutsche.de (Abre numa nova janela) sich verbessern konnten.

Die Zahl, die mich verblüfft, steht im vorletzten Absatz: Der durchschnittliche Satz bei bild.de (Abre numa nova janela) hat 11,5 Wörter. Bei der FAZ sind es 15,9 Wörter pro Satz.

Aber macht Kürze wirklich alles besser? Dieser Satz hier zum Beispiel hat jetzt genau zehn Wörter. Und mindestens drei hättet Ihr mir rausredigiert. Dieser hingegen hat nur fünf. Der gerade einmal vier. Oder zwei (ihr merkt schon, ich versuche, meinen Verständlichkeits-Score in die Höhe zu treiben).

Schreiben mit Taschenrechner? Wenn ich Texte redigiere, geht es mir nicht nur um die Länge. Sondern vor allem um den Rhythmus. Kurze Sätze sind gut. Aber es darf eben auch nicht zum Staccato werden. Am besten also wie in einem guten Song: Kurzer Hook, langer Chorus mit unwiderstehlicher Melodie. (Folgt mir für mehr schiefe Sprachbilder). Oder wie seht Ihr das?

Liebe Grüße und einen schönen Frühlingsstart,

Jens Radü und alle anderen vom Reporter:innen-Forums-Team 

Wie arbeitest Du, Dominik Stawski?

Jahrgang 1984, Rheinländer. Ging zum Wehrdienst in die Allgäuer Berge, zum Studium in die bayerische Provinz, zum Volo zur Süddeutschen Zeitung. Anschließend wurde er Reporter im Gesellschaftsressort des stern, leitete später das Auslandsressort, wechselte dann in den Podcast-Bereich. Seit Oktober 2025 Leiter der Henri-Nannen-Schule.

Du bist seit Kurzem Leiter der Nannen-Schule. Warum dieser zumindest teilweise Schritt raus aus dem aktiven Journalismus?
Weil ich die Nannen-Schule und die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern so sehr mag. Ich war ja vorher schon Dozent hier und wusste, wie wertvoll diese Schule ist. Ich würde zwar auch gerne weiter Podcast-Serien produzieren, aber es geht halt nicht immer alles gleichzeitig.

Was hat dich bei den Bewerbungsreportagen am meisten überrascht?
Überrascht haben mich vor allem jene Texte, die an einem Ort spielten, an den man nicht so leicht kommt. Oder in denen es um einen Menschen ging, der schwer zu kriegen war. Aber viele Bewerberinnen und Bewerber machen es sich zu einfach, nutzen ihre privaten Kontakte, scheuen sich, etwas Fremdes zu suchen. So hat man vielleicht einen Vertrauensvorschuss gegenüber einem Protagonisten, aber oft keine starke Geschichte. Und man zeigt auch nicht, dass man recherchieren kann.

Wie geht die Schule damit um, dass Geschichten heute auch Abos bringen müssen?
Das ist ein Ansporn. Wir wollen hier Leute ausbilden, die mit relevantem und tiefgründigem Journalismus ihr Publikum erreichen. Ich bin der festen Überzeugung, dass das funktionieren kann. Aber es reicht heute nicht mehr, eine grandios erzählte 500-Zeilen-Reportage abzuliefern. Es braucht exklusive und besondere Recherchen, und man muss sie mit anderen Mitteln erzählen als früher.

Deine Dramaturgie-Tricks, um Hörer:innen bei Podcasts zu fesseln?
Die Kraft eines Podcasts entsteht durch die Stimmen der Menschen. Und damit meine ich nicht nur den Host. Wenn das Skript lahmt, wenn zu viel Hintergrund, Aufblase und Kontext zu hören ist, dann schalten die Hörerinnen und Hörer weg. Du brauchst Menschen, die die Geschichte treiben. Von ihnen und von Rechercheszenen, in die du die Hörer mitnimmst, kann man nicht genug bekommen.

Was kann Reportage heute besser als vor 15 Jahren?
Ich persönlich habe den Eindruck, dass die Recherche und im Ergebnis der Inhalt heute mehr zählen als die perfekte Schreibe. Und das finde ich gut.

Ein Recherchetrick?
Ich versuche meine wichtigsten Protagonisten vom Sinn meiner Geschichte und ihrer Beteiligung zu überzeugen. Dafür investiere ich viel Zeit, öffne mich sehr, gebe auch alte Texte raus. Mein Ziel ist es, maximales Vertrauen zu gewinnen, um dann etwa auch Zitate nicht autorisieren zu müssen. Die Autorisierung hätte einige meiner Reportagen kaputtgemacht. Viele wären wohl zurückgeschreckt, hätten sie ihr mehr oder weniger isoliertes Zitat gesehen. Als sie aber nach dem Erscheinen den gesamten Text gelesen haben, war es fast immer okay, und sie haben auch Passagen akzeptiert, die vielleicht wehtaten.

Ein Schreibtick?
Immer wieder laut lesen. Und ich verteidige das Präteritum, über das viele sagen, dass es unlebendig sei. Oft erleichtert es die Orientierung bei verschiedenen Zeitebenen.

Auf welchen deiner Texte bist du heute stolz?
Auf eine Reportage über eine Kinderintensivstation, die ich gemeinsam mit Nico Schnurr vom stern recherchiert habe. Das Thema liegt mir sehr am Herzen.

Gutes Redigieren heißt für dich?
Es trägt für mich einen Namen: Arne Daniels. Er ist Ex-Textchef des stern. Vor allem, weil Arne dank seiner Empathie unbedingt die Menschen verstehen will, die beschrieben werden. Seine Nachfragen führen ausnahmslos immer zu besseren Texten.

Welchen Text einer anderen Autor:in hättest du gern selbst geschrieben?
Das Gefühl habe ich fast immer, wenn ich Geschichten von Jan Christoph Wiechmann lese. Ich kenne keinen anderen Reporter, der auf solch hohem Niveau so konstant und viel schreibt.

Geheimtipp, der jeden Text besser macht?
Einmal in die Wolf-Schneider-KI geben, ein paar gute Vorschläge stecken immer drin.

Ein Buch, das dich journalistisch geprägt hat (und warum)?
Als ich in die Oberstufe kam und eigentlich anderes im Kopf hatte, schenkten mir meine Eltern das Buch mit Reportagen, die für den Kisch-Preis nominiert waren. Die Texte haben mich fasziniert und sind einer der Gründe, warum ich mich für diesen Beruf entschieden habe.

Haben sich deine Erwartungen erfüllt, als du den Kisch-Preis dann gewonnen hast?
Ich habe ihn im Coronajahr 2020 gewonnen. Die Verleihung war remote, meine Erwartungen lagen also niedrig. Und dann war auch noch unsere Türklingel kaputt, was wir nicht wussten, weswegen ich den Überraschungsbesuch von Moderator Michel Abdollahi während der Verleihung verpasst habe. Michel stand unten verzweifelt vor der Tür und drehte nach einigen Minuten wieder ab. Wir haben uns später kaputtgelacht darüber. Über den Preis habe ich mich jedenfalls riesig gefreut. 

Dein Lieblings-Buch aus dem Bereich des erzählerischen Journalisums?
Gerade lese ich fast nur Kinderbücher. „Herr Rumpelpumpel fliegt weg“, kann ich sehr empfehlen. Toll geschrieben! Aber darf ich noch zwei Podcasts nennen? „The Missing Cryptoqueen“ von der BBC und „Bear Brook“, Staffel 1, vom New Hampshire Public Radio. 

KI und ich

… von Marc Neller.

Je komplexer Künstliche Intelligenz wird, desto menschenähnlicher wird sie. Aber uns im Recherche-Ressort des stern interessiert an KI vor allem, was Menschen vermutlich nie können werden.

Gesichtserkennungs-Programme zum Beispiel. Die scannen in Sekundenschnelle das Netz nach Personen ab. Zeigen an, wo und in welchen Zusammenhängen Fotos aufgetaucht sind. Solche Abfragen sind für uns in einigen Recherchen Standard. Wenn wir es mit Personen zu tun haben, die wir kaum kennen. Wenn wir möglichst schnell Informationen brauchen.

Wir nutzen Transkriptions-Software, digitale Übersetzer. Unsere IT-Sicherheitsexperten waschen uns Wasserzeichen aus hochvertraulichen Dokumenten. Aber wir überlegen uns in jedem Fall neu, wie wir das machen.

Der Schutz von Informanten und vertraulichen Dokumenten ist eine unserer wichtigsten Aufgaben. Wer brisante Akten aus einer Militärdiktatur wie Ägypten, die das Regime fast wie ein Staatsgeheimnis behandelt, zur Übersetzung mal eben in die KI wirft, gefährdet seine Quellen. Womöglich ihr Leben. 

Wir hatten kürzlich solch eine Akte aus Ägypten, rund 600 Seiten, fast alles auf Arabisch. Unsere IT-Leute haben uns eine sichere Umgebung für einen KI-Übersetzer gebaut, aus der keine Daten abfließen. Die Übersetzung war absurd schlecht. Also haben wir einen Übersetzer engagiert, den wir später ohnehin gebraucht hätten, um unsere Recherchen gerichtsfest zu machen.  

Wir freuen uns über Möglichkeiten, die KI uns bietet. Aber unsere journalistische Verantwortung überlassen wir ihr sicher nicht.  

Marc Neller leitet beim stern das Ressort Recherche, Report & Crime. 

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