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Tod, Platzregen, Patriarchat

Ich bin in Trauer, und das Schöne und vielleicht auch Politische daran könnte sein, dass ich mir in der Trauer meine Hilflosigkeit nicht mehr weglügen kann. Die beste Verdrängung von Hilflosigkeit aber, liebe Mitmenschen im Stuhlkreis, ist natürlich die Gewalt. Die Herstellung klarer Verhältnisse durch Gewalt.

Entschuldigung, das war jetzt vielleicht zu stark verdichtet. Ich fange nochmal von vorn an.

In den letzten Tagen meiner Hongkong-Reise ging es meiner Mutter in Deutschland schlecht, und sie kam für zwei Nächte zur Beobachtung ins Krankenhaus. In der zweiten Nacht ist sie noch einmal aufgestanden und umhergewandert, mit unbekanntem Ziel. Sie ist gestürzt und hat sich wieder hingelegt. Dann muss sie beschlossen haben, nicht mehr aufzustehen, etwas mehr als vier Monate vor ihrem 100. Geburtstag.

Bei der Beisetzung an der Ostsee schien die Sonne. Anschließend wurden wir in einem Café gut betreut, von einer herzlich irren Wirtin und den beiden traumatisierten Hunden, die einer meiner Cousins bei sich aufgenommen hat.

Nach Käsebroten und Sahnetorte kam ein Platzregen. Dann war wieder Sonne, und alles verschwamm auf selige Weise miteinander, wie es am Meer immer wieder miteinander verschwimmt, Sonne, Wolken, Land und Meer. Das Handyfoto gibt es nicht in seiner ganzen Herrlichkeit wieder.

Regennasses Pflaster einer Strandpromenade, dahinter Strand, dahinter Meer, über allem dunkelgraue und leuchtend weiße Wolken und ein Fleck blauer Himmel.

Ich war dann in dem Haus, in dem sie bis zum Schluss selbstständig gelebt hat. In diesem Haus bin ich aufgewachsen, und mit siebzehn Jahren bin ich geflüchtet. Jetzt habe ich dort sortiert und geordnet, und was ein Hygieneproblem hätte werden können, habe ich in Müllsäcke gestopft.

Danach saß ich müde im Garten, auf einem ihrer Rattanstühle. Vom kleinen Flughafen in der Nähe starteten Eurofighter zu Trainingsflügen für einen Krieg, von dem viele glauben, dass er kommen wird. Ein rothaariger Kater kam durch eine Lücke im Zaun, sah mich schlechtgelaunt an und schritt dann ungerührt sein Territorium ab.

Ich hatte geglaubt, in meiner Kindheitslandschaft noch etwas klären zu können, aber da war nichts mehr. Ich war ein Eindringling. Ich kann Haus und Garten dem Kater überlassen und den Firmen, die entrümpeln und immobilienmakeln.

Und vielleicht ist das ein guter Moment, das Versprechen des Newslettertitels einzulösen und endlich den besseren Weltuntergang zu bauen. Hier kommen jetzt ein paar Dinge, die ich mir konkret für die Weltuntergangsverbesserung vorstellen könnte.

Zum Beispiel wünsche ich mir so etwas wie „Humans Anonymous“. „Anonyme Menschen“. Ihr kennt die Anonymen Alkoholiker (AA), die in jeder zweiten Krimiserie vorkommen? Da steht dann immer dieser Stuhlkreis, und einer sagt: „Josh, möchtest du heute etwas sagen?“ Und dann sagt Josh: „Ich heiße Josh, ich bin Alkoholiker und bin schon drei Monate nüchtern“, und erzählt etwas aus seinem Leben. Und neben ihm sitzt ein alkoholkranker Detective und findet in Joshs Worten zufällig die Lösung für den Fall mit dem bestialischen Serienkiller.

Im Stuhlkreis meiner Anonymen Menschen (AM) würde Josh vielleicht sagen: „Ich bin ein Mensch und war schon drei Monate lang nicht mehr böse.“

Alkoholiker*innen sind Suchtkranke, die wissen, dass ihr Leiden unheilbar ist, und die sich in der Gruppe gegenseitig vor Rückfällen schützen. Menschen sind Lebenskranke, weil sie wissen, dass sie sterben müssen, und in der Gruppe könnten sie sich gegenseitig vor Abstürzen schützen – in die Grausamkeit, in die Verachtung anderer Menschen, der Tiere, der Natur, in die Gewalt, in das lustvolle sich Eingliedern in Gewaltsysteme, die gebaut werden, um alles andere systematisch entrechten, abschlachten oder verrecken lassen zu können. Und die den Menschen als geschlossene Systeme große Klarheit und Erlösung von ihren Zweifeln und ihrer Todesangst bieten: Wer Gewalt ausübt, zweifelt nicht mehr und ist von allen Gefühlen der Hilflosigkeit befreit, so lautet das oberste Notstandsgesetz.

Religionsgründung fände ich grundsätzlich auch immer noch toll, mit Religion als Regelsystem, das Menschen aus der Gewalttätigkeit in die Sanftmütigkeit geleitet. Aber ich habe noch nicht verstanden, wie man eine Religion davon abhält, ihr eigenes fieses, Jahrtausende der Menschheitsgeschichte verfinsterndes Gewaltsystem zu errichten. Deshalb bin ich da im Moment noch skeptisch. Ein dezentrales System kleiner unaufgeregter Stuhlkreise, die sich nicht miteinander vernetzen und immer so klein bleiben, dass niemand Macht über die anderen ausüben will, kommt mir sicherer vor.

Der verständlichste Grund, die Stuhlkreise klein zu halten, wäre vielleicht die Scham. Man schämt sich nicht gern in großen Gruppen. Aber so, wie die Welt aussieht, sollten wir das vielleicht tun – uns schämen. Und vielleicht ist es ja gar nicht nur die Unfähigkeit zu trauern, die unsere Gesellschaften gerade auf so krasse Weise gewalttätig macht, sondern auch die Unfähigkeit, sich zu schämen.

Meine Vorschläge für die Weltuntergangsverbesserung wären also so etwas wie Scham und Demut im kleinen Kreis. Ich weiß, das sind alles Gefühlszustände, die das Konsumklima nicht verbessern werden. Sorry for being the Spaßbremse.

Eine Treppe aus Holz, darauf ein grob gewebter Läufer braun in braun, strenge Trockenblumen in einer gläsernen Vase, davor zwei kleine Bären aus Glas. Zum Abschluss Glasbausteine.

Meine Mutter hat ein bis zwei Putzfrauen beschäftigt, denen sie nie erlaubt hat, mehr zu putzen als einen eng umrissenen Kreis rund um sie herum. Sie hat ihre Grenzen streng gesetzt, am strengsten ihren Kindern gegenüber. Nichts wollte sie weniger als sich helfen lassen, und das von niemandem weniger als von ihren Söhnen. Nach rund sechzig Jahren in einer Ehe, aus der sie sich erst vom Tod meines Vaters befreien lassen hat, wollte sie Autonomie.

Bei unseren letzten Begegnungen hat sie mir erklärt, dass sie nur geheiratet habe, um eine eigene Wohnung zu bekommen, und dass sie lieber einen Beruf gehabt hätte als Kinder. Mutter zu werden – mich zu bekommen – war eine Kapitulation vor den Erwartungen der Gesellschaft an eine bürgerliche Frau. Ich verdanke mein Leben also einer Unterwerfung. Ich glaube, das hat sie mir nie verziehen.

Meine ersten siebzehn Jahre, bis zu meiner Flucht, waren ein Leben im Krieg. Da war ein cholerischer Mann, der die Versorgerrolle spielen musste, gebunden an eine Frau, die ihm intellektuell überlegen war und die ihre Hausfrauen- und Mutterrolle gehasst hat. Da war kein Platz, eine emotionale Beziehung zu den eigenen Kindern aufzubauen. Und beide waren schon durch einen ganzen Hitlerweltkrieg gegangen. Kriegsversehrte Seelen, die weiterkämpften.

Meine Mutter war auch mit sich selbst im Kriegszustand. Sie hat sich nichts durchgehen lassen. Sie hat sich gnadenlos diszipliniert. Nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt, vor vielleicht zehn Jahren, hat ein Arzt einen leisen Verdacht auf eine geschickt maskierte beginnende Demenz geäußert, die sich mit Medikamenten verlangsamen ließe. Diese Androhung von Autonomieverlust hat bei ihr einen nicht enden wollenden Wutanfall ausgelöst, und an dieser Wut hat sie sich aufrecht gehalten. Vor lauter Wut hat sie bestimmt fünf Jahre länger gelebt, als oben eigentlich für sie vorgesehen war.

Ihre Hausärztin hat gesagt, so lange sie sie die Wollmütze nicht in den Kühlschrank lege, müssten wir uns keine Sorgen machen . Ganz am Ende, in ihren letzten Monaten, stand das Deo dann doch neben der Butterdose, und im Vogelfutter auf der Fensterbank lag eine tote Maus.

Vielleicht finde ich in meinem Elternhaus noch ein paar kleine Sachen, die ich mitnehmen möchte, bevor der Entrümpler kommt und mit Gewalt auflöst, was drinnen an Ordnung aufgebaut war und Jahrzehnte lang gegolten hat. Hoffentlich lässt der besitzhabende Kater mich hinein. Gab es da nicht eine kleine perlmuttglänzende Kugel auf drei dünnen goldenen Beinen? In der Kugel steckten sechs winzige goldene Degen, mit denen man Oliven aufspießen konnte; für besondere Anlässe, für wenn Besuch kam.

Vor den anderen Elternpaaren aus der Straße musste man performen, man musste glänzen und auch Zigaretten anbieten, “Lord extra”. Für die Zigaretten gab es eine Vorrichtung, in der sie wie ein Fächer im Kreis auseinanderfielen, wenn man sie an einem Griff anhob. Nachmittags wurden Filterkaffee und Torte aufgetragen, es gab Marzipan oder Schwarzwälder-Kirsch. Hochtoupierte Frisuren, Geruch nach Haarspray und Zucker. Welcher Fassbinder-Film ist das? Und wo ist die glänzende Kugel geblieben?

Die Fotoalben habe ich in ihrem Schrank gefunden. Die schönsten haben auf den milchigen Pergamentseiten zwischen dem Karton mit den kleinen eingeklebten Schwarz-Weiß-Abzügen ein Spinnwebmuster.

Alle Fotos, auf denen meine Mutter noch keine Kinder hat, haben Filmstar-Vibes, ein Leuchten und ein Strahlen, fast schon Glamour. Auf den Bildern mit Kinderwagen steckt sie dann in einem sackartigen Mantel, mit einem Topfhut auf dem Kopf. Hausfrau und Mutter wollte sie nicht sein. Man sieht diesen Bildern den Krampf an, der sie gepackt hat. Später werden daraus Depressionen und ein Aufenthalt in der Psychiatrie.

Politisch bin ich ganz auf ihrer Seite: Das Patriarchat, ohne das ich nie geboren worden wäre, ist ein Gewaltsystem, das alle Menschen unglücklich macht, die sich ihm unterwerfen. Auch die, die so tun, als würden sie von ihm profitieren. Ohne die Zwänge dieses Systems wäre ich nie geboren worden, und trotzdem würde ich es gern verrecken sehen. Auch auf die Gefahr hin, dass dieses Verrecken mich rückwirkend auslöscht.

Ansonsten glaube ich: Das Unglück der Vorfahren ist eine Verpflichtung zum Glück. Und aus der Verpflichtung zum Glück ergibt sich eine Verpflichtung zur Gewaltlosigkeit, also zum Stuhlkreis. Als Arbeit am Glück.

In den Vierzigerjahren hat eine ihrer Tanten ein Porträt von ihr gemalt, in Öl, das habe ich mitgenommen. Es hängt jetzt bei mir in einer Ecke.

Kleines Öl-Porträt einer jungen Frau mit blauen Augen und weichem Gesicht in einem Rahmen aus Holz an einer weißen Wand zwischen Bücherregalen.

Das Bild hängt nicht so, dass sie mich ständig ansieht, aber sie ist da. Ich tue nicht so, als könnte ich ihr entkommen.

Danke fürs Lesen, danke fürs Subscriben. Danke fürs Mitgliedschaft Abschließen, wenn das Geld reicht! Zum Thema Patriarchat habe ich diesmal schon weiter oben alles gesagt.

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