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Der Krimi: Von Dartmouth bis Milford Haven

Ein Freitag im April. Am folgenden Samstag sollte ich die DAISY in Dartmouth, Cornwall, übernehmen, um am frühen Sonntagmorgen mit dem Ebbstrom auszulaufen.

Drei Seglerinnen und drei Segler wollten sich mir anvertrauen: Angela, Heike, Silvia, Bernd, Hartmut und Walter. Alle gut über vierzig. Bernd hatte sich telefonisch angemeldet, persönlich kannte den Zahnarzt aus Oberhausen niemand. Seinen Angaben nach ein erfahrener Segler, sei schon mal in Schottland gesegelt. Klang nach Co-Skipper.

Treffpunkt Airport London-Heathrow. Zwei Autos anmieten für die One-way-Fahrt nach Plymouth. Dort gab es einen Stützpunkt des Car-Rentals, wo man sie wieder loswerden konnte.

Wir gedachten am späteren Nachmittag in Dartmouth anzukommen. Reine Theorie. Niemand von uns war jemals am Wochenende in Cornwall unterwegs gewesen. Hatte ich irgendeine Nachricht überhört? Hatte man irgendeine Katastrophe angesagt?

Der Motorway ist voll, als flüchtete die halbe oder vermutlich dreiviertel der Einwohnerschaft Londons nach Cornwall. Alle nach Cornwall!

Dort, runter vom Motorway, werden die Straßen enger, der Linksverkehr linker. Mit der Dunkelheit kommt der Regen. Typisch Englandkrimi. Arthur Conan Doyle, Agatha Christie oder sowas. Die Sicht auf die Wegweiser verschwamm immer wieder. Navigeräte für Autos waren noch Sciencefiction.

Mit einem Mal geht es sehr kurvig und krass bergab. Im Scheinwerferlicht verschwindet die asphaltierte Straße in den Fluten. Ist wohl der Dart-River. Nein, sie ist nicht überschwemmt. Es handelt sich vermutlich um die verlassene Landestelle einer früheren Autofähre.

Abzweigung verpasst.

Immerhin gibt es schon Funktelefonie. Der Eigner der Yacht will uns in Dartmouth an Bord erwarten. Ich teile ihm mit, dass wir uns verspäten würden und frage, ob er irgendwo noch so etwas wie ein Dinner besorgen könnte. Er will es versuchen.

Gegen 23 Uhr erreichen wir die Dart-Haven-Marina auf dem Kingswear-Ufer des Dart-Rivers. So früh im Jahr liegen noch nicht viele Boote an den Stegen. Die DAISY ist kaum zu übersehen, selbst unter den Hafenfunzeln nicht: Weißer Rumpf, achtzehn Meter lang, zwei Masten, blankblitzender Targabügel über dem Mittelcockpit.

Der Salon hell erleuchtet von gut einem Dutzend Halogenlampen in der Decke. Der Eigner lehnt lässig neben dem weißen Kühlschrank an der Küchenzeile. Nein, was Essbares habe er leider nicht mehr auftreiben können. Die DAISY ist bis auf ein paar Gewürze leergefressen. Die Proviantbeschaffung steht für nächsten Tag im Plan.

An diesem Abend fand sich doch noch eine Kneipe, die diverse Toasts servierte. Und Ale. Wenigstens etwas.

Ein Frühstückskommando besorgt am nächsten Morgen das Nötigste. Wir nutzen die Autos zur Verproviantierung. Danach müssen wir sie loswerden. Bernd und ich hatten uns von vornherein als Fahrer eingeteilt. Fünfundvierzig Kilometer nach Plymouth.

Die Rückfahrt im ersten Stock des Doppeldeckerbusses wird für uns beide zu einem verbindenden Erlebnis. Ein energischer Kumpel. Hat Einiges aus Schottland zu erzählen. Klaro: Der Co-Skipper. Leider hat er nur zwei Wochen Zeit. Weite Blicke über die rapsgelben Felder und grünen Wiesen. Zauberhaftes Cornwall.

Zurück an Bord empfängt uns eine eigenartige Stimmung. Der Eigner-Skipper kramt seine Sachen zusammen.  Für diesmal sind es seine letzten Stunden an Bord. Der Gezeit wegen sollten wir am nächsten Morgen kurz vor fünf Uhr ablegen. Heike, Hartmut, Walter, Sylvia und Angela finden sich nach und nach auch wieder an Bord ein, verziehen sich aber wortkarg in die Kabinen.  

Endlich ist Zeit für die Einführung in das Schiff. Der Eigner hat ein paar bittere Wahrheiten auf Lager. Trotz einer Reparaturwoche nach Ankunft der DAISY aus den USA funktioniere der Autopilot nicht. War zu verschmerzen, wir hatten genug Steuerleute.

Auch die Warmwasserheizung sei unbrauchbar. Könnte in Schottland unangenehm werden.

»Ach ja, der Drehzahlmesser der Hauptmaschine, der ist übrigens auch ausgefallen.«

Okay, dann nutzen wir die Maschine eben nach Gehör.

»Brot backen müsst Ihr ja nicht unbedingt, oder? Der Backofen des Gasherds ist leider außer Betrieb.«

»Noch was?«

»Nein, sonst funktioniert alles.«

Er legt ein Übergabeprotokoll auf den Tisch. Die Ausfälle waren aufgelistet. Ich unterschreibe den Wisch. Er macht sich daran, seine restlichen Sachen aus der Skipperkabine im Achterschiff zu räumen. Die letzte Nacht würde er im Salon verbringen.

Mit meiner Crew war vereinbart, in Dartmouth drüben in der Bahnhofskneipe ein Dinner einzunehmen. Man setzt dazu mit der kleinen Autofähre über, die quasi im Zehn-Minuten-Takt verkehrt.

Als wir unter uns sind, wird die miese Stimmung klar: Der Eigner-Skipper habe sie aufgefordert, mit kleinen Bürstchen den Rost an der Fußreling der DAISY zu beseitigen. Sie haben das Ansinnen nicht besonders ernst genommen und sich stattdessen mit der Einrichtung ihrer Kabinen und Kojen befasst, bzw. die malerische Umgebung erkundet.

Der Typ hatte sich mir als promovierter Sportmediziner vorgestellt auf dem Weg zur Habilitation. Zahlende Crew zum Rostklopfen zu verdonnern, schien mir schon etwas dreist. Als wir zurückkehren, schlummert er bereits.

Am nächsten Morgen: Grau bedeckter Himmel, dünnes Nieseln. Gegen halb fünf schafft er wortlos sich und sein Gepäck auf den Steg. Die Crew zaubert ein kleines Frühstück.

»Wir sind nicht da, um das Schiff zu entrosten.«

»Ja aber bisschen Pflege…«

»Mach‘s gut, komm gut heim.«

Das Boot ist zwischen vier Pfählen festgemacht. Mein Plan: Achterausfahrt gegen die Gezeiten- und Fluss-Strömung, in der Gasse zwischen den Stegen, Ruder hart steuerbord kräftig Gas geben mit Schraube auf Vorausfahrt. Wie lange es dauern wird, bis der Propeller und die 130 PS der Maschine in Vorwärtsfahrt umsetzen würde, weiß ich noch nicht. Muss schnell gehen, der Strom wartet nicht.

Erst mal Segelpersennings von Groß- und Besansegel abnehmen und verstauen. Crew in das Ablegemanöver einweisen.

Motorstart. Dumpfes, sattes Brummen des Sechszylinders. Das Kühlwasser plätschert stoßweise steuerbords am Heck in den Dart. Die Damen und Herren befinden sich an Deck, zwei nehmen vorn die Bugleinen weg, zwei die Heckleinen, drei stehen mittschiffs an der Reling bereit und Walter, unser Senior, sitzt im Mittelcockpit unter der geschlossenen Sprayhood.

Angela sitzt im Achtercockpit für die Kupplung. Das Aus- und Einkuppeln funktioniert elektrisch. Der Knopf dafür befindet sich am Armaturenbrett im Steuercockpit, vom Steuerrad aus unerreichbar. Direkt neben dem Rad sind die Hebel für Schraubensteuerung und Drehzahl montiert und zwischen ihnen eine Lampe. Wenn die rot leuchtet ist eingekuppelt. Hochmodern!

»Einkuppeln!«

Den Hebel der Schraubensteuerung langsam hochziehen auf Achterausfahrt. Noch Standgas. Nun die Drehzahl bisschen erhöhen.

Die dreißig Tonnen setzen sich langsam in Bewegung nach achteraus, raus aus der Box, gegen den Strom. Bevor wir an den nächsten Dalben kommen, dreh ich das Ruder bis zum Anschlag steuerbord, drücke den Hebel der Schraubensteuerung nach unten und schiebe den Gashebel weit nach vorn.

Mein Puls wird deutlich schneller, die Maschine laut. Sie schiebt heftig an. Das Schiff dreht fast auf der Stelle. Der Bug schwenkt aus der Gasse. Aber der Strom drückt. Noch mehr Gas. Der Sechszylinder dröhnt los und das Schiff dreht deutlich schneller.

Der Eigner auf dem Steg und sieht dem Manöver zu. Ruder gerade und das Boot schießt in den River hinaus.  Huch, es hat geklappt. DAISY ist im Dartriver draußen. Fender und Leinen einsammeln.

Das grüne Tal des Dartriver in grauer Morgendämmerung und Nieselregen. Rechts der Ort Dartmouth mit der mächtigen Marine-Kaserne auf dem Hügel und gegenüber Kingswear, mit seinen den Hang hinauf gestaffelten Häuserzeilen. Voraus verschwindet das Fahrwasser hinter einem Kap, ein Felsen mit trutziger Burganlage drauf. Der Fluss schlängelt sich zwischen den grünen Bergen hinaus ins Meer.

Immer schön in der Mitte bleiben. Ebbstrom samt Flussstrom nehmen das Schiff mit. Bald liegt die letzte Biegung achteraus und der Blick nach draußen tut sich auf.

Das Meer. Der Englische Kanal. Die verkehrsreichste Wasserstraße der Welt. Es weht ein munterer Nordwest und wirft ordentliche Schaumkronen auf. Kein Schiff zu sehen. Wir wollen nach Westen, nach Falmouth aber der Kurs führt erst mal nach Südwest um Start Point herum. Das passt gut zum Wind.

»Klar zum Setzen des Großsegels und des Besansegels!«

Bernd, der Co-Skipper übernimmt das Ruder und ich gehe zum Großmast. Der Steuermann dreht das Schiff in den Wind. Ich schäkle das Fall in den Segelkopf und kurble zum ersten Mal auf der DAISY das Großsegel hoch. Ich will den Kraftaufwand kennenlernen. Es geht leichter als gedacht. Die beiden durchgelatteten Tücher knattern im Wind. Also Fahrt voraus aufnehmen und den Bug vom Wind wegdrehen. Schon füllen sich die Segel und die DAISY legt sich leicht nach Lee.

»Genua ausrollen und dicht holen!«

Augenblicklich greift der Wind in das riesige Tuch. DAISY neigt sich weiter und nimmt deutlich Fahrt auf.

War es ein Omen für die Reise?

Bernd am Steuer ruft plötzlich aufgeregt: »Das Ruder blockiert! Keine Ruderwirkung!«

Ach du Sch…

Ich renn nach achtern. Das Boot fährt eine Halse. »Holt die Segel dicht!«

Das chromblitzende Steuerrad lässt sich nicht bewegen. Weit über den Heckkorb nach außenbords gebeugt, versuche ich das Ruderblatt zu beäugen. Hängt doch tatsächlich eine Stange zwischen dem oberen Rand des Ruderblattes und dem Rumpf.

»Wo kommt das Trumm denn her?«

Der Bootshaken hilft, das Teil in Griffweite zu bekommen. Ein gut zwei Meter langes stabiles Schilfrohr, Treibgut. Ich schleudere es zurück ins Meer. »Vielen Dank auch. Behalt den Krempl.«

»Jetzt dreh mal!«

»Läuft frei, alles gut!«

Schiff wieder auf Kurs bringen. Die Bugwelle fängt an, gleichmäßig zu rauschen. Maschine aus! Das heißt bei diesem Schiff erst Leerlauf, dann Schraubenverstellung auf extrem, so daß die drei Propellerblätter horizontal zu stehen kommen und kaum noch Widerstand im Wasser leisten. Auskuppeln, Maschine stopp.

Das ist er, der Moment der Ruhe! Still gleitet die Ketsch durch die See. Nur das Zerplatzen der Wellenkämme am Bug ist zu hören. DAISY zieht eine schäumende Spur durch das Meer. Die Segelschiffszeit wird fühlbar.

Der Nieselregen bleibt zurück in Cornwall, der Himmel reißt auf und die Frühlingssonne trocknet das Deck.

Bis Falmouth liegen vierundsechzig Seemeilen vor uns. Direkt gemessen. Nach der Passage von »Start Point« würde der Kurs nach Westen weisen. Wird einige Kreuzschläge erfordern gegen den Wind und die Strecke beträchtlich verlängern.

Der Name »Start Point« kommt nicht von ungefähr. Nach Westen muss von diesem Kap an gekreuzt werden. Immer schon in allen Epochen der Segelschiffzeit.

Mein Platz ist jetzt am Kartentisch. Das Display des GPS zeigt es schwarz auf weiß: 6,4 bis 7,8 Knoten Fahrt über Grund. Kurs 192° Südsüdwest.

»Super. Raumschots,« murmle ich für mich. Ich klettere den Niedergang hoch und erzähle die Daten dem Co-Skipper.

»Wie lang bleiben wir auf dem Kurs?«

Bernd hat Spaß am Ruder. Nicht viel zu tun: Die Ketsch läuft gut getrimmt von allein geradeaus. Da der Kurs dicht unter Land verläuft, gibt es keine große Welle. Der Wind fällt über die flachen Hügel Cornwalls aufs Meer.

»Mal sehen, wie es hinter dem Kap ausschaut. Wenn wir viel anluven können, vielleicht noch acht Stunden.«

Die Damen und Herren verteilen sich auf Mittelcockpit und Achtercockpit. Es klappert in der Pantry. Sylvia! Ein zweites Frühstück ist allen willkommen.

An Start Point vorbei bewegt sich das Schiff heftiger, die Bugwelle wird lauter, Wellenkämme knallen gegen die Bordwand in luv. Gischt weht über das Vorschiff. Bernd kann ein paar Grad anluven, also höher an den Wind gehen, aber die Südkomponente bleibt doch noch heftig.

»Holt die Schoten von Groß und Besan bissl dichter!«

Hartmut und Heike kurbeln kurz an den Winschen.

»Wenn ich noch höher geh, werden wir zu langsam.«

»Passt schon. Lass sie rennen. Wir sollten nur nicht zu weit südlich von Lizard kommen. Da wird es mehr Welle geben.«

»Wieviel Meilen?«

»Vierzig schätz ich. Oder wir wenden früher. Kommt auf den Seegang an. Wir kommen sonst zu weit in den Kanal hinaus. Ich schau mal in die Navi.«

Am Kartentisch zeigt das GPS jetzt einen Speed über Grund von 5,5 bis 6,2 Knoten. Ich geh davon aus, dass der wahre Wind ungefähr aus zweihundertachtzig bis zweihundertneunzig Grad kommt. Westnordwest. Eine exakte Windanzeige gibt es nicht auf der DAISY. Nur den Windpfeil im Besantopp. Als Kurs zeigt das GPS-Display 246° bis 250° an. Da kommt ein Wert von etwa vierzig Grad gegen den Wind raus. Nicht schlecht Herr Specht.

Wären also an die zehn Stunden. Dann eine Wende nach Nord, wenn wir einen Wendewinkel von hundert Grad hinkriegen, Nordnordwest. Direkt in die Mündung des River Fal. Nochmal drei Stunden.

Warten wir es ab. In jedem Fall wird die Ankunft spät in der Nacht liegen.

Die Ketsch prescht gelassen durch die grün-blauen Fluten, ohne dass der Rumpf irgendein Geräusch vernehmen lässt. Anders als auf den knarzenden, scheppernden Plastikschiffen. Nur das Rauschen der Burgwelle, das Zerplatzen der Wellenkämme an der hohen Luvbordwand und das Singen des Windes in den Wanten begleiten uns.

Die Segel funktionieren hervorragend. Das Groß haben wir so weit dicht geholt, dass in den ersten dreißig Zentimetern am Mast noch ein wenig Spiel zu erkennen ist. Der Rest des Tuches steht glatt und leistet besten Vortrieb. Beim Spiel mit dem Besansegel lerne ich seine Wirkung auf Speed und Kurs. Nur nicht zu dicht holen!

Bernd will abgelöst werden.

»Hartmut, wie schauts aus?«

»Ja gern. Wo geht’s hin?«

»Fahr einfach gradaus weiter.«

»Geht‘s vielleicht bissl genauer?«

»So um die zweihundertfünfundfünfzig Grad am Kompass. Wenn‘s geht, bissl mehr.«

»Was heißt mehr?«

»Ja halt zweihundertsechzig vielleicht oder zweihundertsiebzig.«

»Hä? Das wär genau nach Westen!«

»Wäre ideal. Wird aber nicht klappen, solang der Wind nicht dreht.«  

»Schau ma mal.«

Das zweite Frühstück ist längst vergessen. Sylvia und Angela zaubern einen Lunch. Der wird im windgeschützten Mittelcockpit eingenommen. Dort gibt es einen Tisch aus massivem Teakholz.

Viel höher als 255° schafft es auch Hartmut nicht. Dazu werden auch noch die Wellen höher. Am Kartentisch sehe ich, dass wir die Breite von The Lizard nach Süden überschreiten.

»Leute, wir sollten eine Wende fahren.«

Heike und Hans-Peter besetzen die Winschen.

»Klar zur Wende!«

»Ree!«

Hartmut dreht das Rad. Das Schiff schwenkt rauschend auf den neuen Bug. Die Segel knattern, flappen auf die andere Seite. Heike kurbelt die Schot dicht. Die Besanschot hol ich selbst.  

Mit dem neuen Kurs schaffen wir es nicht direkt in die Mündung des River Fal. Bald kommen wir wieder in ruhigeres Wasser. Noch zwei Wenden werden nötig. Die zweite schon in der Abenddämmerung. Im Dunkeln blitzten dann die Leuchtfeuer auf an der Mündung des Flusses auf.

»Was ist das für ein weißer Blitz?«

Tópico Komm an Bord!

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