Wir sind mal wieder aus der Ägäis gekommen, wollten südlich der Peloponnes nach Westen in die Adria. Zuvor sollte aber ein Besuch Kalamatas eingelegt werden, jenes gut geschützten Hafens am Scheitelpunkt der großen Bucht Messina, benannt nach der griechischen Provinz Messenien im Südwesten der Peloponnes. Die altgriechischen Auswanderer haben den Namen mit nach Sizilien genommen, wo sie die Stadt Messina gründeten. Eine andere alte Geschichte.
Unseren letzter Ankerplatz bevor wir das Kap Taimaros, das Südende der Halbinsel Mani rundeten, hatten wir in Porto Kayo gefunden. Übrigens einer herrlichen Bucht fast vollständig von Bergen umgeben. Auf Tiefen von bis zu vierzehn Metern kann man dort sehr gut ankern vor allem, wenn der Wind aus Nordost über West bis Süd weht. Ich habe dort immer mindestens vierzig Meter Kette gesteckt und immer gut geschlafen.
Das habe ich auch in Gerolimenas, auf der anderen, der westlichen Seite von Mani. Die Bucht schneidet tief ins Land und wird im Nordwesten von einer hohen steil aufragenden Felswand beherrscht. Das führt dazu, dass in der Bucht meist Winde aus Ost oder Ostnordost zu finden sind, die an der Wand entlangstreichen.
Das Gute daran: Der Bug des Ankerliegers zeigt dann zum Land und das Heck zur offenen See. Immer eine gute Position. Aber die Wasserfläche ist relativ eng. Wenn dort schon drei Schiffe lagen, bin ich immer weitergefahren. Die Tiefen von bis zu zwölf Metern verlangen lange Ketten und damit einen weiten Schwoiraum. Weil zu viele Leute unterwegs sind, die zu wenig Kette stecken, meide ich das Risiko.
Aber an diesem Abend war die Situation perfekt. Der Kutter, der dort immer liegt, war an seiner Boje festgemacht und eine andere Segeljacht ankerte weiter drinnen. Ich fand auf sieben Meter einen schönen Fleck auf der südlichen Seite. Von hier aus war es mit dem Dinghi nicht allzu weit zu dem kurzen Felsanleger im Dorf, wo man das Dinghi an Eisenaugen festmachen kann. Es gibt einen kleinen Laden und drei oder vier Tavernen. In der größten davon haben wir mal ein Fußball-Weltmeisterschaftsspiel verfolgt. Lustiger Abend. Die Häuser sind im Mani-Stil gebaut: Kantige unverputzte Natursteingemäuer hoch wie kleine Burgen. Ich fühlte mich dort immer an den normannischen Stil erinnert.
Diesmal fiel der alte CQR also auf sieben Meter. Position 36°28'N 22°23'E. Beim üblichen Einfahren, also achteraus fahren, hielt er prompt. Es waren vierzig Meter Kette draußen. Maschine aus. Ich hakte den Ruckdämpfer in der Kette ein und setzte den Ankerball. Fertig. Ankerbier, Dinghi ins Wasser und landfein machen.
Nein, ein Frühaufsteher bin ich nicht gerade, vor allem, wenn das Schiff so schön ruhig und sicher liegt. Der Abend war nett und das Essen vorzüglich gewesen. Eine sehr leichte Brise zog durch die Bucht und das Wasser lud zum Baden. Danach den Außenborder verstauen und das Dinghi an Bord holen. So wurde es leicht Mittag bis zum Ankeraufmanöver. Die Maschine lief und die Ankerwinsch, eine Falkon von LOFRANS, spulte die blitzsaubere Kette in den Kasten. Bis zu den letzten sieben Metern. Dann war Schluss. Es ging nichts mehr. Die Kette war steif, fiel senkrecht ins Wasser.
Eigentlich kenne ich den Grund der Bucht als Kies eher locker als fest. Hat immer gut gehalten. Aber so fest?
Das Wasser war klar wie immer. Aber ich konnte von Bord aus den Anker nicht klar erkennen. Der Grund, soweit war das zu sehen, war hier kein Kies. Eine dunkle Fläche mit schwarzen Flecken. Und in einen dieser Flecken verschwand die Kette.
Erst mal bisschen tricksen. Über den Anker fahren, bis die Kette senkrecht stramm ist. Dann reichlich Kette stecken und langsam weiterfahren. Dadurch könnte der eingeklemmte Anker in die andere Richtung fallen und freikommen. Hat schon oft geklappt. Aber diesmal nicht. Es half nichts. Die Winde war stark, zog eher den Bug runter als den Anker hoch. Was tun Skipper?
Taucherbrille raus und rein ins Wasser. Sieh mal: Da liegt das Eisen wie ein Embryo im Mutterleib in einem kreisrunden Loch im Fels. Die ganze Gegend hier weist solche Löcher auf. Kreisrund, vielleicht achtzig Zentimeter bis einen Meter Durchmesser.
Geologisch interessant. Vielleicht waren das mal Blasen als der Fels noch flüssig gewesen war. Jedenfalls lag der Schaft genau da drin, quer und die Schaufel abgewinkelt mit beiden Flunken unter dem Felsrand. Gut sieben Meter tief.
Würde tauchen was helfen?
An der Kette runterhangeln und die verklemmte Schaufel anheben? Wäre eine Möglichkeit. Aber ich bin kein guter Taucher. Bis vier, fünf Meter okay. Zurück an Bord zum Nachdenken.
Da lag doch in der Leinenkiste so ein Hufeisen mit zwei Augen am Rand. In jedem Auge eine Leine. Eine rote und eine blaue. Wenn man das Hufeisen mit der blauen Leine am Scheitelpunkt auf die Stange zwischen den Ankerflunken runterließ und dann mit der roten an der Seite des Hufeisens anzieht, legt sich das Hufeisen wie ein Haken um die Stange. Dann muss man nur noch kräftig anziehen und die Schaufel kommt frei. Vielleicht.
Erst die Kette bisschen fieren, um den Druck wegzunehmen. Guter Plan. Also lange Leinen dranknoten. Die rote, die seitliche so lang, dass sie an Bord hoch reicht. Dort hält sie ein Crewmitglied oder ich lege sie mit viel Spiel um die Festmacherklampe. Dann ab ins Wasser. Mit Schnorchel und Taucherbrille über dem Anker schwimmend das Hufeisen runterlassen.
Dauerte bisschen, bis es die Stange zwischen den Ankerflunken traf. Die rote Seitenleine holen, kräftig holen und siehe da, die Schaufel kommt ganz locker frei. Vor Erleichterung fliege ich fast die Badeleiter hoch. Vor an den Bug zur Ankerwinsch.
Als wäre nichts gewesen spult sie die restlichen sieben Meter Kette in die Kiste.
Aber wie sieht denn der CQR aus? Das Ende der einen Flunke ist total verbogen. Wird an der Haltkraft nicht viel ändern ist aber eben heftig angewinkelt. Ob man das wieder hinkriegt? Erst mal Anker festlaschen, fertig. Kurs nach Kalamata.
Tatsächlich hat Steve, der Inoxschmied in Almerimar Monate später die Flunke wieder geradebiegen können.
Deine Reaktion auf diese Geschichte würde mich interessieren und sehr freuen. Vielen Dank!
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