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WAS IST NEU?

Seit Jahren bin ich Fan der amerikanischen Late Night Shows. Vor allem den Anfangsmonolog von Stephen Colbert schaue ich mir sehr gern an. Einmal, 2019, saß ich bei einer Aufzeichnung der Late Show sogar im Publikum. Und was mir besonders auffiel: Wie alle - die Menschen auf der Bühne, die Menschen im Publikum, die Band, die Leute hinter den Kulissen (die man bei der Aufzeichnung endlich mal sah) - Spaß an der Sache hatten. Ich bekam eine Ahnung davon, was es bedeutete etwas zu erschaffen, was man wirklich wollte, was einem ausfüllte, über das man selbst gerne lachte, das aber gleichzeitig auch eine wichtige Aufgabe erfüllte: Sich über die Mächtigen lustig zu machen und dabei zu zeigen, dass es eben keine unfehlbaren Könige sind, sondern gewählte Vertreter*innen auf Zeit, die von uns kontrolliert werden.

Und das mögen die Diktatoren und Monarchen gar nicht: Wenn man sie als lächerliche Typen (ich benutze hier mit Absicht nur die männliche Form…) darstellt. Putin verbot schnell nach seinem Amtsantritt eine politische Satire-Sendung, die sich über ihn lustig machte. Trump lernt ja ohnehin viel von seinem russischen Freund. Zuerst wurde also die Late Show von Stephen Colbert gecancelt. Jetzt auch die Late Night Show von Jimmy Kimmel. In beiden Fällen stehen mächtige Firmen hinter den Sendern, die Interesse haben, die von Trump kontrollierte Medienaufsicht nicht zu verärgern. Weil die großen Deals zustimmen muss, von denen natürlich die CEOs dieser Firmen profitieren. Es geht also um Geld. Genauer: Um mehr Geld für ohnehin unverschämt reiche Menschen.

Deswegen müssen jetzt also die unbequemen Witzemacher weichen. So weit ist es in Deutschland noch nicht. Aber schaut man sich an, wovon die AFDler raunen, dann muss man vom Schlimmsten ausgehen, sollten sie irgendwann an die Macht kommen. Werde ich dann ein Held, weil ich mal Alice Weidel im Öffentlichen Rechtlichen Rundfunk beleidigt habe? Einerseits schön, meine Mutter wäre stolz auf mich. Außerdem gibt es so viel berühmtere Helden, die die AFD mundtot machen wird. Sad.

Wenn die Chefs von Disney und Paramount wirklich glauben, dass sie nur ein paar Witzeerzähler opfern müssen, um Trump zu beschwichtigen, sind sie wirklich naiv. Bald wird es den MAGA-Fanatikern nicht mehr reichen, die Comedians zu zensieren. Ganze Sender werden dran glauben müssen, Zeitungen und Verlage. All das fordern seine Leute und er selbst ganz offen. Es ist ein angekündigter Angriff auf die Pressefreiheit und damit natürlich auf die Demokratie.

Keine Pointe.

DAS TELEFONAT

Meine Mutter ruft aus meiner Heimatstadt Freiburg an.

„Sebastian, weißt du noch, damals in den 90ern, warst du Fan von diesen Proll-Brüdern.“

„Wovon redest du, Mama?“

„Diese Musiker mit dem Krach. Wie hießen die nochmal? Irgendwas mit Wüste.“

„Oasis?“

„Genau. Der Sohn von Frau Schmidt hat Karten für ein Konzert von denen in London übrig.“

„Wirklich? Die Tickets waren heiß umkämpft. Das ist aber nett, dass ihr die für mich besorgt habt.“

„Die Karten sind leider schon vergeben“, sagt meine Mutter. „Dein Vater und ich gehen hin.“

„Was soll denn das?“

„Ich mochte die immer. Vor allem dieses eine Lied mit dem Wunderwald.“

„Wonderwall.“

„Und das andere Lied: ‚Lemon Tree‘“, ruft mein Vater von hinten.

„Das ist nicht von Oasis.“

„Wir waren schon so lange auf keinem Konzert mehr. Das war in den 80ern bei dieser einen Gesangsgruppe“, sagt meine Mutter. „Wie hießen die nochmal? Irgendwas mit Delphinen.“

„Die Flippers?“, frage ich. „Ich kaufe Euch die Oasis-Tickets ab. 200 Euro pro Ticket. Ich will da hin!“

„Wir auch.“

„500 Euro.“

„Wir mögen die so gern...“

„1000!“

„Deal! Immer schön, mit dir Geschäfte zu machen, Sohn.“

„Ähm, könnt ihr mir vielleicht 2000 Euro leihen?“, frage ich dann.

Aber meine Mutter hat schon aufgelegt.

EMPFEHLUNG

Fran Lebowitz

Gestern konnte ich mal wieder dem guten Amerika zuschauen und zuhören. Man vergisst das ja immer: Die Menschen in der USA haben so viele tolle Bücher und Filme und Serien hervorgebracht - aber jetzt scheint es nur noch Trump zu geben. Ich war bei einer Veranstaltung - keine Lesung, kein Theaterstück, vielleicht könnte man es Talk nennen - mit der New Yorkerin Fran Lebowitz. Vor 40 Jahren hat sie mal Essays geschrieben, aber seitdem befindet sie sich nach Selbstaussage in einer massiven Schreibblockade. Also tritt sie einfach auf und unterhält sich mit einem Interviewer und vor allem mit dem Publikum. Es ist eine Mischung aus Comedy, Anekdotenerzählung, politischer Rede - keine Ahnung. Vor allem ist es sehr, sehr lustig. Und oft auch sehr wahr und hellsichtig. Lebowitz ist inzwischen 74 Jahre alt, kennt unglaublich viele berühmte Leute und lebt seit 50 Jahren in New York. Davon erzählt sie hauptsächlich. Sie ist das, was ich mir unter einer New Yorker Intellektuellen vorstelle.

Das hier ist keine Buchempfehlung, weil Lebowitz schon Jahre keins mehr geschrieben hat. Am besten ihr schaut euch Videos von ihren Auftritten im Internet an. Und natürlich die wunderbare Miniserie von ihrem Freund Martin Scorcese: “Pretend it’s a City” (auf Netflix). Ist auch schon von 2021. Wenn ihr es noch nicht gesehen habt, sofort machen. Unfassbar lustig und unfassbar schlau. Das gute Amerika. Noch gibt’s das.

WAS STAND AN?

Ich durfte dabei sein, wie ein neues Format ausprobiert wurde. Als Schreiber im Hintergrund. Das hat sehr viel Spaß gemacht. Es hat auch mit Late Night zu tun und drei tolle Moderator*innen standen dafür vor der Kamera. Schaut es euch an: HIER (Abre numa nova janela)

VIELEN DANK FÜRS LESEN.

Bis nächste Woche. Dein Sebastian.

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