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Umkehr, Geschmack und Kliniken in Not

Der Sinnfragen-Newsletter vom 29.1.2026

Liebe Sinnfragen-Leserinnen und -Leser,

herzlich willkommen in meinem ersten Newsletter. Hier möchte ich Ihnen künftig Woche für Woche etwas über Glaubensgeschichten aus Sachsen erzählen, die mir in den letzten Tagen begegnet sind. Über Menschen, die Gott suchen und finden und sich bewegen lassen. Los geht`s.

Ihr Andreas Roth


Von einem Unternehmer, der umkehrt – und erfolgreich damit ist


Walter Stuber ist ein harter Mann, das sagt er selbst – und wir spürten es auch: Trotz tiefster Minusgrade und Eis fuhr er mit uns hinaus auf die verschneiten Felder hinter seiner Roßweiner Firma. Trotz seiner Gehbehinderung machte er sich auf den verschneiten Weg. Ein Kämpfer, der Härte auch gegen sich selbst in seiner Kindheit gelernt hatte – und die ihm auf dem Weg zum erfolgreichen Gerüstbau-Unternehmer (Abre numa nova janela)half. Ein bisschen cholerisch sei er gewesen, erzählte mir ein langjähriger Mitarbeiter, Richtung Tyrann.

Doch dann vor 13 Jahren der große Coup, eine riesige Brückenbaustelle über dem Rhein – und der Beinahe-Absturz. Walter Stubers Firma hatte sich verkalkuliert, die Pleite drohte. „Ich stand dann auf der Brücke und habe gesagt: Okay, jetzt spring ich da runter“, erzählte mir Walter Stuber. Gerettet hat ihn ein Bauarbeiter, der seine Not sah, der ihm von Jesus erzählte – Stubers lang verschütteter Kindheitsglaube. „Ihm die Probleme hinzuwerfen: Lös` du das für uns, ich kann das nicht allein lösen.“ Die Rettung kam in Gestalt von Mitarbeitern, Geschäftspartnern und Banken – sie halfen mit Verständnis und Geld. Und Walter Stuber lernte loszulassen, seinen Mitarbeitern zu vertrauen, dankbar zu sein, zu teilen. Als Unternehmer führte ihn dieser Weg zu einem ganz neuen, nachhaltigen Erfolg.

Walter Stubers Geschichte sehen Sie in unserem kleinen Film hier. (Abre numa nova janela)


Thomas Knittel, der Mode-Pfarrer


Gott hat ihnen `ne Lederjacke gemacht“


Vor Thomas Knittels Kleiderschrank kann man alles vergessen, was man bisher so über Geschmack und Kirche dachte: Über lieblos eingerümpelte Pfarrhäuser, protestantische Verachtung des Äußerlichen, diese ganz bestimmte Art frommer Sauertöpfischkeit. Der Annaberger Pfarrer steht einfach voller Freude vor der ganzen Pracht seiner über 60 Fliegen, seiner Jackets und Mützen, überlegt, wohin das Gefühl dieses Tages ihn heute tragen könnte – und entscheidet sich für eine gelbe Lederjacke, blaue Weste und eine Fliege aus glänzender Seide.

Gott will, dass Menschen Freude haben - da ist sicher Knittel sicher. „Und dass das Schmücken ein Ausdruck dafür ist: Ich bin ein Geschöpf Gottes, ich bin gewollt, wie ich bin.“ Als ich mit ihm durch Annaberg ging – mein Outfit fiel deutlich ab, so viel muss hier gesagt werden – spürte ich die Blicke auf der Straße: ein Leuchten, ein Augenzwinkern, dieser Pfarrer muss nicht viel über Freude und Liebe predigen. Und, klar, auch in dieser Geschichte hat alles mit Adam und Eva begonnen. In seiner Mode-Führung durch die St. Annenkirche zeigt Thomas Knittel auf die Bilder vom Paradies an den Emporen: „Gott hat ihnen `ne Lederjacke gemacht.“

Thomas Knittels Kleiderschrank öffnet sich in unserem Film hier. (Abre numa nova janela)


Kirchliche Krankenhäuser in Not


Zwei meiner drei Kinder erblickten im Dresdner Diakonissenkrankenhaus das Licht der Welt – auch, weil es dort etwas anders ist als in anderen Kliniken. Persönlicher, etwas wärmer, auch für die Seele. Zumal in Krisen. Christliche Krankenhäuser sind beliebt. Und christliche Fürsorge für Kranke ist ja ohnehin seit dem Mittelalter ein großes Anliegen der Kirchen. Doch wie die meisten Krankenhäuser deutschlandweit sind christliche Kliniken gerade selbst in Not. Das erfuhr ich bei meinem Besuch in Niesky und Rothenburg aus erster Hand.

Steigende Löhne und Preise reißen gerade bei kleinen kirchlichen Kliniken wie das Nieskyer Emmaus-Krankenhaus in den letzten Jahren ein gewaltiges Defizit. „Da sind sie schnell mal im Bereich von einer halben Million unterwegs“, berichtete mir Matthias Schröter, der kaufmännische Vorstand der Dresdner Diakonissenanstalt, die das Nieskyer Haus vor elf Jahren übernommen hat. „Und da wir freigemeinnützige Träger sind und nicht aus Steuermitteln unterstützt werden, müssen wir in die Zukunft blicken und fragen: Wie lange können wir das tragen?“

Die Antwort: die Dreifaltigkeit der Wirtschaftlichkeit - Fusionen, Konzentration, Effizienz. Das Nieskyer Krankenhaus wird von der Diakoniestiftung in Sachsen mit deren Klinik im benachbarten Rothenburg zusammengeschlossen. Eine Rettung, ohne Entlassungen, sogar mit Ausbauplänen – gut für die Region. Die Diakoniestiftung (Abre numa nova janela)wird einmal mehr zum Auffangnetz für schlingernde kirchliche Sozialeinrichtungen mit mittlerweile gut 2000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in ganz Sachsen. Gemeinsame Verwaltung, IT, Einkauf, und das alles sehr sparsam – das ist das Rezept.

Das Diakomed-Krankenhaus in Hartmannsdorf wird gerade mit großer Mehrheit vom städtischen Klinikum Chemnitz übernommen nach Millionen-Verlusten (Abre numa nova janela) (hier suchte die Chemnitzer Stadtmission interessanterweise nicht das Dach der Diakoniestiftung – offenbar wirken alte Kontroversen nach), in Magdeburg gingen die Kliniken der traditionsreichen Pfeifferschen Stiftungen im letzten Jahr sogar in Insolvenz. Auch das Dresdner Diakonissenhaus geriet in finanzielle Probleme. „Mit schnellen Fusionen ist es nicht immer getan“, sagt dessen Vorstand Matthias Schröter. Diakoniestiftungs-Vorstand Roberto Schimana sagt: „Wir sind für alle Kooperationen immer offen.“

Zwei große Fragen wirft all das auf. Erstens: Wie christlich können christliche Kliniken unter diesen harten Marktbedingungen überhaupt noch sein? „Wir haben in jedem unserer Häuser seelsorgerliche Angebote, die wir natürlich finanzieren müssen und wo wir als großer Träger natürlich in der Lage sind, das zu tun“, sagte mir Diakoniestiftungs-Chef Roberto Schimana – und es war zu spüren, dass ihn dieses Thema umtreibt. „Aber es wird immer herausfordernder sein, das zu tun: Wo ziehen wir die Decke hin?“

Das führt zu zweiteren, noch härteren Frage: Kann sich Kirche eigene Krankenhäuser noch leisten – und muss sie das überhaupt? Was macht christliche Kliniken aus, wenn sie unter Kostendruck nicht mehr bieten können als andere Häuser auch? In Amsterdam hat die evangelische Kirche vor gut 30 Jahren einen radikalen Schnitt gewagt. Sie gab alle großen Einrichtungen – und konzentrierte sich auf die Felder und Menschen, denen sonst keiner hilft. Bescheiden, nur mit Spenden, klein – aber glaubwürdig.
Mehr über die diakonische Klinik-Rettung in der Lausitz sehen Sie hier (Abre numa nova janela)

Außerdem empfehle ich Ihnen meinen Sinnfragen-Podcast – zur Premiere mit Landesbischof Tobias Bilz.

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