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Was heilt und was trennt

Der Sinnfragen-Newsletter vom 9. April 2026

Liebe Sinnfragen-Leserinnen und -Leser,

herzlich willkommen zu meinem neuen Newsletter über frische Glaubensgeschichten aus Sachsen. Heute geht es um eine ziemlich alte und ziemlich harte Geschichte, die selbst kirchenferne Menschen in eine Kirche lockt und berührt – gerade in schweren Zeiten. Und um die Frage, wie Gläubige und Kirchgemeinden mit der AfD umgehen – auch das: eine Geschichte voller Spannungen. Aber lesen Sie selbst!

Probe zum Passionsmusical in der Chemnitzer Markuskirche

Weil Singen heilt“

Es war ein paar Tage vor Ostern in der Chemnitzer Markuskirche. Probe für eine ganz ungewöhnliche Passion: mit Pop und großen Melodien und rund 800 Sängerinnen und Sängern. „7 Worte vom Kreuz“ heißt das am Gründonnerstag in der Chemnitzer Messehalle aufgeführte „Passionsmusical“. Was ich erwartet hat: Beseelte Menschen aus dem innersten Zirkeln einer schrumpfenden Kirche. Wen ich traf: Menschen wie Anke Hütter. Menschen, die mit Kirche sonst kaum etwas zu tun haben. Und die ausgerechnet diese harte Geschichte vom Leiden und Tod Jesu angezogen hatte.

„Weil Singen gut tut und Singen heilt“, sagte mir die Dresdnerin Anke Hütter. So einfach, so tief. Vor über viereinhalb Jahren hat sie ihren Sohn verloren. Erst konnte sie nicht mehr, später fand sie zu einem christlichen Chor-Projekt. „Ich merke einfach, wie die christlichen Texte mich wieder ein Stück näher an Gott führen und mich auch in eine Versöhnung reinführen“, sagt sie.

Auch in der biblischen Geschichte vom Leiden Jesu geht es um eine Mutter, die ihren Sohn verliert: Sie heißt Maria und steht unter dem Kreuz. Für Anke Hütter ist es ein geheimnisvoller Trost. „Hier ist es so, dass man merkt: Es gibt noch was Höheres, es gibt noch was Anderes – und egal, was ich tue, ich finde Vergebung, es wird mir verziehen. Das finde ich sehr heilsam.“

Die Energie, die in dieser Passion lag, kam nicht nur aus der zweifellos starken Musik und der Begeisterung der Mitwirkenden. Sie kam aus der alten Geschichte vom Kreuz: Dass es etwas gibt, das größer ist als das Scheitern, der Schmerz, das Verschwinden. Man kann es schlecht in Worte fassen (und sollte es vielleicht auch nicht, damit es nicht verfliegt) – aber man kann sich ihm aussetzen. Und spüren, ob es trägt.

Meinen kleinen Film darüber sehen Sie hier. (Abre numa nova janela)


Zwischen Glauben und Grenze

Was passiert, wenn politische Überzeugungen und christliches Selbstverständnis aufeinanderprallen – nicht abstrakt, sondern mitten im Gemeindeleben? In vielen sächsischen Regionen ist das längst Realität. Dort, wo ein erheblicher Teil der Bevölkerung die AfD wählt, sitzen diese Spannungen auch sonntags in den Kirchenbänken.

Die offiziellen Stellungnahmen der Kirchen sind klar: Völkischer Nationalismus widerspricht dem christlichen Menschenbild. Doch an der Basis wird es kompliziert. Denn hier geht es nicht um Positionen auf Papier, sondern um konkrete Menschen – Nachbarn, Ehrenamtliche, vielleicht Freunde. Menschen wie Jakob Garten, Görlitzer Rechtsanwalt, Christ – und AfD-Politiker.

Seine Geschichte zeigt diese Zerreißprobe: Ein engagierter Katholik kandidiert politisch für die AfD und gleichzeitig für den Kirchenvorstand. Für ihn kein Widerspruch. Seine Werte – Familie, Heimat, Tradition – versteht er als zutiefst christlich. Für seinen Pfarrer hingegen stellt sich eine andere Frage: Welches Menschenbild prägt das Handeln? Gilt die gleiche Würde in den Augen der AfD wirklich für alle – unabhängig von Herkunft?

Der eine betont Verantwortung und Gerechtigkeit, der andere universale Nächstenliebe. Beide berufen sich auf das Evangelium – und kommen doch zu gegensätzlichen Schlussfolgerungen.

Manche Gemeinden suchen Wege aus der Sprachlosigkeit. In Sebnitz schuf die evangelische Gemeinde Gesprächsformate, in denen Menschen einander zuhören, ohne sofort zu urteilen. Dabei zeigt sich: Hinter klaren Fronten verbergen sich oft differenzierte Haltungen – und auch gemeinsame Sorgen.

Und doch bleiben Risse. Wenn politische Überzeugungen Menschen ausgrenzen oder Angst erzeugen, wird es für Kirche zur Herausforderung, beides zu halten: Klarheit in der Haltung und Offenheit für den Einzelnen.

Das schafft Spannungen, auch innere – keine Frage. Und die Gefahr, Fehler zu machen, ist nicht klein. Aber vielleicht können Christinnen und Christen gerade im Aushalten dieser Spannung der Gesellschaft heute eine großen Dienst erweisen. Und zeigen, was sie glauben – viel glaubwürdiger als mit frommen Worten.

Meine Radio-Reportage darüber hören Sie hier. (Abre numa nova janela)

Außerdem empfehle ich Ihnen, falls Sie ihn noch nicht gehört haben, meinen Sinnfragen-Podcast mit der erzgebirgischen Gemeindeschwester Johanna Meyer: „Was einen Wirbelwind antreibt“

(Abre numa nova janela)


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Ihr Andreas Roth