Mia
Meine Coronainfektion war symptomtechnisch lame – ein bisschen Husten und Kopfschmerzen, abgefahren halluzinogene Träume – hatte aber den psychischen Effekt eines Reinigungszaubers. Für zehn Tage verschob ich alles, was ich sonst zu tun hatte, schloss mich mit einer gigantischen Lebensmittellieferung zuhause ein und schrieb jeden Tag, bis ich erschöpft war. Nach einer Woche hatte ich 11.000 neue Wörter und fühlte mich so sehr wie ich selbst wie seit Jahren nicht mehr. Das Schreiben bringt mich an den Ort, an den ich gehöre. Das Schreiben ist mein ruhiges, ewiges Zentrum, wo nichts weh tut und wo es keine Zweifel gibt.
Früher dachte ich immer, ich könnte das nicht für Geld machen, weil es sonst meine Liebe verderben würde. Was für ein Schwachsinn. Es interessiert das Schreiben Null, ob ich damit Geld verdiene oder nicht. Genausowenig wie den Wind das Windrad interessiert.
Früher dachte ich auch, ich müsste rauchen und trinken, um zu schreiben. Tatsache ist, ich bin ziemlich sicher so gut wie nie zuvor, aber hoffentlich schlechter als in zehn Jahren. Tage ohne Drinks: 1.697. Tage ohne Kippen: 13. (Keine Leidenschaft dieses Mal, ich dachte bloß, es wäre verschenktes Momentum, nach der Corona Pause wieder anzufangen. Und was gibt es besseres als Momentum?)
Mika
Gestern sage ich zu einem Bekannten, dass Arbeit gasförmig ist: Sie füllt einfach den Container, den du ihr gibst. Und wenn du nicht aufpasst, sie nicht begrenzt, nimmt sie irgendwann alles ein.
Derselbe Bekannte erzählt mir von einer „Bierwanderung“, die er ein bis zweimal im Jahr unternimmt. Ich sage, dass ich nicht trinke, weil ich mal abhängig war. Ich bin überrascht, wie natürlich diese Worte inzwischen aus mir herauskommen. Genauso überrascht bin ich, wie wenig ihn diese Aussage ins Straucheln bringt. Vielleicht ist er einfach nur ein ruhiger Typ oder meine Souveränität färbt auf ihn ab oder ein bisschen von beidem. Wir reden über Alkohol, die Gesellschaft und unser eigenes Trinken, über die Normalität und die Gedanken, die man sich macht. Ist das noch ok? Ist es zu viel? Sollte ich mal weniger?
Ich sage: Ich finde es krass, wie viel Headspace ich diesen Fragen gegeben habe – worüber ich alles nicht nachgedacht habe, weil ich über Alkohol nachgedacht habe.
Das ist einer meiner Lieblingssätze, weil er auch für helle Grauzonen-Trinker:innen so entwaffnend ist. Denn er fragt nicht, ob man zu viel trinkt (daran kann man sich bekanntlich ewig abarbeiten), sondern ob die Substanz Alkohol im eigenen Denken den Raum einnimmt, den man ihr nüchtern betrachtet geben möchte. Und ich glaube, auch bei meinem Bekannten sehe ich einen Funken des Erkennens aufblitzen.
Es ist, ganz nebenbei, auch eines meiner wichtigsten Argumente für die Abstinenz: Selbst wenn ich unter großer Kraftanstrengung und viel Disziplin und tausend Stunden Therapie in der Lage wäre, ab und zu ein Glas Alkohol zu trinken, ohne mein Leben gegen die Wand zu fahren – Der Headfuck wäre wieder da. Ich müsste wieder anfangen, ständig darüber nachzudenken, ob das alles noch okay wäre, ob ich heute etwas trinke oder erst wieder in zwei Wochen. Menschen wüssten, dass mein Nein kein kategorisches mehr wäre, und würden ihn mir anbieten oder nach meinen Gründen fragen: Wieso denn nicht?  würden sie fragen. Du hast doch letztens auch was getrunken?! Und ehe ich mich versähe, hätte Alkohol wieder eine Rolle in meinem Leben, die ich ihm nicht zugestehen will. Das hat Alkohol mit Arbeit gemeinsam: Er nimmt sich gerne mehr von dir, als ihm zusteht.
Mika im Me|sober Podcast
Alle fĂĽnf Frauen kamen letzte Woche mit ihren eigenen Themen ins Wendland. Vlada, Kathi und ich erzählen nacheinander von unseren Themen in der neuesten Folge vom Me|Sober Podcast. Falls ihr Bock habt, hört rein (Abre numa nova janela)!Â
Und hier ist nun der letzte Teil unserer 36 Fragen zum Verlieben:
bis bald đź’™
Mika + MiaÂ