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über Souveränität

Grenzen setzen, Nein sagen, mit Freundinnen Schluss machen

Dieser Text von Mia Gatow erschien zuerst im Newsletter Romanzen + Finanzen (Abre numa nova janela)

Ich erwachte neulich aus einem Souveränitätstraum. In dem Traum hatte ich eine Verknalltheit, die ich früher gehabt hatte, nicht mehr, und ich gab einer Bekannten Bargeld, das sie kurzfristig brauchte. Als ich aufwachte, fühlte ich mich stark, ruhig und unabhängig. Souverän. Mein Lieblingszustand! dachte ich entzückt.

Souveränität ist alles, was ich will. 

Ich bin sehr gut darin, Souveränität zu faken, wenn ich in Meetings träume und dann was gefragt werde, oder wenn ich auf einer Bühne bin. Wirklich souverän fühle ich mich aber wegen sehr sehr irdischer, weltlicher, eigentlich ein bisschen peinlicher Sachen. Als ich aus dem Traum aufwachte, schrieb ich sofort eine Liste von Sachen, die mir ein Gefühl von Souveränität geben: 

— Geld

— Das Gefühl, gut auszusehen

— Emotional nicht erpressbar zu sein

— Nicht mehr in jemanden verliebt zu sein

— Ruhiges Nervensystem

Wikipedia sagt zur Etymologie von souverän: »Das Wort stammt vom französischen Wort souverain und vom lateinischen superanus = „darüber befindlich, überlegen“. Super bedeutet im Lateinischen „oben, auf, darüber“. Das eng verwandte Wort Souveränität hat die gleiche mittellateinische Wurzel, leitet sich aber von frz. souveraineté ab.« 

Im Englischen ist es der:die Sove+reign (über+regieren)—Die Person, die die Regeln macht, eine Person, die bestimmt. Eine Person, die drüber steht. Das Geld an erster Stelle meiner Liste steht, ist irgendwie deprimierend, aber es ist auch unbestreitbar: Geld macht souverän wie sonst nichts. Wenn Leute sagen, Geld bringe das wahre Wesen zum Vorschein, stimmt das total, denn sobald man Geld hat, ist man nicht mehr auf die Freundlichkeit anderer Leute angewiesen. Man muss nicht mehr gefallen. Man muss nichts mehr erklären. 

Ich habe in den letzten beiden Jahren mit ein paar Freund:innen Schluss gemacht. Oder wenn nicht wirklich Schluss, so habe ich in ein paar Fällen darauf verzichtet, bestehende Konflikte aufzulösen. 

Einen Konflikt hatte ich mit einem männlichen Freund, der klug und sanftmütig ist, aber auch ein chronischer Mansplainer, der oft ungecheckte Takes aus der Manosphäre in Gespräche einstreute. Es waren Dinge, die vielen anderen Leuten nicht auffallen würden, mir aber wie ein Störgeräusch im Kopf piepsten:

Es gäbe in Wirklichkeit ja keine eindeutigen Belege für die Existenz einer Gender Pay Gap. 

The Rules sei ein ganz anständiges Buch. 

Ein Kumpel von ihm sei mit Mitte dreißig immer noch single, der könne einfach nicht erwachsen werden

Tom Brady und Gisele Bündchen hätten sich getrennt, weil er unter ihrer Fuchtel stand. 

(Dieser letzte Kommentar machte mich wahnsinniger als alle anderen zusammen. Selten hatte ich einen so komplett fertigen Rant in meinem Inneren, darüber, dass Gisele und Tom wirklich das perfekte Beispiel für einen doppelten Standard sind: Bei beiden ist der Körper das Kapital, beide hat ihr Körper stinkreich gemacht, in beiden Fällen ist ein Verfallsdatum auf dem Money Maker, in beiden Fällen muss man sich überlegen, wie lange man für die Familie zurückstecken kann, weil Zeit literally Geld ist, aber nur die Frau ist mal wieder diejenige, von der man das erwartet und wenn sie das Gleiche von ihrem Typen erwartet, nämlich, dass er sich mal kurz um seine eigenen scheiß Kinder kümmert, die sie aus ihren Knochen und Blut und Fleisch erschaffen hat, dann ist sie eine nervige Ziege.) 

Ich empfinde mich normalerweise als ziemlich moderat feministisch, in manchen Fällen sogar als konservativ (wenn ich unter Leuten bin, die nicht Frauen sagen, sondern FLINTA komme ich mir oft vor wie ein sehr müdes CSU-Mitglied) — neben ihm fühlte ich mich wie Shulamith Firestone. Das wirkliche Ende unserer Beziehung war allerdings erst erreicht, als er mich mal in einem Café shssste

Ich war immer bekannt für meine schier unerschöpfliche Toleranz.

Meine Toleranz war legendär. Wenn man meine Freunde fragte, was mich so charakterisierte, dann war Toleranz immer in den Top drei Eigenschaften. Vielleicht war das ein Restbestand meiner Cool Girl Jahre. Vielleicht war ich so tief in Kontakt mit meinem skorpionischen Schatten, dass die Schatten anderer mich nicht schockierten. Vielleicht wollte ich einfach keinen Stress. Vielleicht hatte ich aber auch einfach verinnerlicht, dass Wut nicht schick ist, sondern hysterisch. Denn souveräne Menschen—Sovereigns—bleiben cool. 

Aber die Nüchternheit hatte mich emotional empfindsamer und meine Wut heißer gemacht, und cool bleiben war ohne externe Mittel manchmal einfach nicht mehr drin.

Leider machte ich nicht sofort mit diesem Freund Schluss oder suchte in einer ruhigen Minute das Gespräch, um ihm ruhig und gesammelt und erwachsen zu erklären, wie er mich behandeln musste, sondern leitete meine Wut vornehm nach Innen, nur um dann ein paar Wochen später wegen einer Banalität auszuflippen. Ich bin da nicht stolz drauf. Aber die Geschichte war eine wertvolle Lehre: Ich muss meine Wut ernst nehmen, nicht erst, wenn sie unkontrollierbar wird.

Die andere Freundin, mit der ich Schluss machte, war eine Freundin, die mir passenderweise mehrfach vorwarf, ich sei zu wütend. Wenn man als Frau wütend ist, dann wird man gnadenlos gegaslightet. Man überreagiert. Man ist nicht locker. Man lässt die Leute nicht sein, wie sie nunmal sind. Man macht sich unglaubwürdig. Man macht sich lächerlich. Man ist unprofessionell, zu emotional, man macht die Stimmung kaputt. Egal, was man zu hören bekommt: Man ist auf jeden Fall im Unrecht.

Diese Freundin, die mich so wütend machte, war eine, die ihren Alkoholkonsum nicht im Griff hatte. Und das leugnete. Wenn sie verkatert war, schwor sie, nie wieder zu trinken, wenn der Kater nachließ, verhandelte sie mit sich selbst, warum sie doch wieder trinken darf. Sie hatte eine ganze Reihe dieser Probleme, die man so hat, wenn man jahrelang unangenehmen Gefühlen aus dem Weg geht, und suchte die Lösungen für diese Probleme konsequent außerhalb von sich selbst. Wenn sie vom Trinken Panikanfälle bekam, ging sie shoppen. Wenn sie wegen trinken depressiv war, zog sie in eine neue Stadt. Wie man das eben so macht, wenn man süchtig ist. 

Diese Freundin beanspruchte mich als Ratgeberin, als Priester, als Therapeutin, als eine, die ihr Absolution geben kann wenn sie high ist, und die liebevolles Verständnis hat, wenn sie low ist. Ich sagte ihr, was ich dachte, aber sie wollte es nicht hören. Sie änderte nichts an ihrer Situation und ich wurde immer müder, immer, immer wütender. Sie kann nichts dafür, rationalisierte ich. Ich bin selbst so drauf gewesen, sagte ich mir. Es ist ja ihr Leben.

Loyalität ist wichtig für mich, und ich zögerte lange, ob ich mit dieser Freundin Schluss machen soll, aber es wurde sehr deutlich, dass ich auf Dauer keine aktiven Suchtdynamiken in meinem engen Umfeld managen will. Die Wut hatte begonnen, sich in Groll zu verwandeln. Die Care-Energie, die ich in die Beziehung kippte (zuhören, trösten, verstehen, ratgeben) hält bloß die Dynamik am Laufen. Es gibt auch Leute, die wollen sich wirklich helfen. Aber der Unterschied ist deutlich spürbar. Die Energie von Leuten, die verzweifelt, aber ehrlich sind, fühlt sich nicht erschöpfend an. 

Ein weiterer Grund, aus dem ich so lange da blieb, war dass ich die Stärkere war. Ich hatte ja meine Sucht schon hinter mir. Ich war ja schon auf der anderen Seite. Ich hatte Energie und Erkenntnissse, die meine Freundin noch nicht hatte. Als die Stärkere hatte ich doch die Pflicht, nachsichtig zu sein und mich zu kümmern?

In einer der letzten Folgen haben wir die Kommunikationsberaterin Dana Buchzik für den SodaKlub interviewed, die ein sehr gutes Buch über das Neinsagen (Abre numa nova janela) geschrieben hat. Sie sagte: Gerade weil ich die Sache schon durchgemacht hatte, muss ich mich dagegen abgrenzen. Gerade weil ich die Sucht kenne, muss ich sie auf Abstand halten. Das hat mir sehr geholfen.

In emotional unsouveräneren Zeiten hätte ich mich selbst betäubt, um den Groll über die Suchtdynamik meiner Freundin auszuhalten. Ich hätte sexistische Kommentare meines Freundes ausgehalten, weil ich es wichtig gefunden hätte, dass er mich für chill hält. 

Aber, und das ist fast das beste am Älterwerden: Jetzt kann ich es aushalten, wenn Leute mich scheiße finden. Ich kann es aushalten, missverstanden zu werden. Ich kann es aushalten, dass Leute mich zu wütend oder laut oder arrogant oder hysterisch finden. Ich muss nichts mehr unternehmen, um ihre Meinung zu ändern. Ich brauche nichts von ihnen. Das fühlt sich an wie ein Haufen Geld auf dem Konto. 

SodaKlub Live

9. August — München | OAMN-Sommerkongress (Abre numa nova janela)

27 September — Leipzig | Recovery Walk (Abre numa nova janela)

Mia Gatow Live

11.08 — Bad Aibling | Lesung Buchladen momo & frieda (Abre numa nova janela), 19:00

21.08. — Zwickau | Lesung Alois Fußballkneipe, 19:00

25.09. — Alsdorf | Lesung Stadtbücherei, 19:30

13.11. — Lübeck | Talk Aktionstag Suchtberatung, Hansemuseum

Tópico Bi-Weekly

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