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Portugal-Tagebuch III + 3 Fragen an Vlada

Mia Mittwoch 13 Uhr

Wir hängen den ganzen Tag am Pool rum. Wir reden über die Arbeit, über Projekte, an denen wir gerade arbeiten, was die Pläne für die Zukunft sind und was man kollaborativ realisieren könnte. Buchideen fliegen umher. Vlada erklärt, dass man alles aus der Hand geben muss, rauf aufs Visionboard und dann vergessen und die kosmischen Kräfte wirken lassen. Titilayo ist pragmatischer und glaubt an die Wirksamkeit von menschgemachter Akquise.

Drei Fragen an Vlada

Mika Mittwoch 14 Uhr

Ich gebe mich den Perfektionsfantasien hin, die Mia und ich in die Pausen hinein fabulieren. Meine eigene Trennung verarbeiten, zu der ich noch nicht viel sagen will. Konzentration auf das Wesentliche, schreiben, morgens meditieren und dann meinen persönlichen Style finden, Frieden mit meinem Körper schließen, Vision-Boards machen, meinen Fernseher verkaufen, mich transformieren in eine hellere Version meiner selbst. Vielleicht eine, die leichter glauben kann und sich nicht von ihrer eigenen Identität zurückhalten lässt. Ich weiß, dass die Vision der mühelosen Reinheit eine Lüge ist. Aber manchmal bin ich müde von dem ganzen Prozess, von den Schritten nach vorn und dem Fallen zurück.

Manchmal denke ich diesen Satz, den Russell Brand mal in einem Podcast gesagt hat: Isn’t it amazing? All this shit that we do – just to be „ok“

Mia Mittwoch 17 Uhr

Irgendwann brauchen wir seichtere Themen. Wir liegen im Gras und spielen Bumble durch. Die Typen hier in der Gegend haben deutlich häufiger das idiotische Checker-Bild von sich selbst mit Fliegerbrille hinterm Steuer. Ich sortiere alle aus, die nur ein Bild oder nur Bilder mit Sonnenbrille haben, alle, die Rechtschreibfehler machen und alle, die zu gut aussehen. Vlada sagt, es geht gar nicht, wenn einer raucht oder trinkt oder ein anderes Sternzeichen hat als Löwe, Widder oder Waage. Mika findet es einen Deal Breaker, wenn einer in sein Profil schreibt wie groß er ist mit dem Hinweis »weil Frauen das hier anscheinend wichtig finden« und wenn einer zu nah an der Kamera steht und Titilayo kann Fußbilder nicht ertragen.

Wir diskutieren, wie man mein Zölibat branden könnte, so dass keinen Sex haben ein Trend wird. Für Vladas Erleuchtung hat es ja auch Wunder gewirkt, warum sollte man es nicht zu einer Bewegung machen? Mika entwirft schon mal eine Wortmarke. Wir diskutieren, ob wir es »Zøli« oder »Zōli« oder »Zoly« schreiben sollten, was überhaupt die Regeln sind und ob man nur keinen Sex haben und nicht daten darf und was genau eigentlich als Daten zählt. Jedenfalls wollen alle schonmal Zölibat-Tshirts.

Ich bin sowieso emotional tot, sage ich. Ist es dann überhaupt eine Leistung, nicht zu daten?

Mika Mittwoch 21:45

Ich werde ungehalten, weil ich das Gefühl habe, Mia will sich aus ihrem zōli rausreden oder einfach, weil ich müde bin. Ich habe Tinder heute deinstalliert und einem Mann Bescheid gesagt, mit dem ich schon einen Messenger-Dienst weitergezogen war (elegant als „Tinder“ in meinem Telefon eingespeichert). Er sagt mir, er hätte sowieso nur Interesse an dem intellektuellen Austausch gehabt. Ich ärgere mich, ihm überhaupt Zeilen und Gedanken zu widmen – genau das soll aufhören, beschließe ich. Meinungen über Menschen zu haben, die konsequenzlos für mich sind (sowohl die Meinungen als auch die Menschen).

Mia Donnerstag 9 Uhr

Ich ermorde eine Mücke in meinem Schlafzimmer und sie hinterlässt einen dicken Blutfleck auf der Fensterbank. Vielleicht habe ich irgendwo einen Energiestau. Ich bekomme Rückenschmerzen und heule morgens wegen Gefühlen, die ich schon tausend mal durchgefühlt habe und habe langweilige, schmerzhafte Gedanken, die ich schon tausend mal gedacht habe und ich frage mich wirklich, wozu das eigentlich gut sein soll; soll es mir so viel Angst vor einer Beziehung machen, dass ich es einfach nie wieder versuche? Was ist der evolutionsbiologische Sinn dahinter, dass man nach einer Trennung noch monatelang die gleichen langweiligen Gefühle immer wieder fühlt, obwohl doch alles schon lange vorbei ist? Wäre es nicht viel besser für den Fortbestand unserer Art, wenn man sich sofort danach wieder frisch und unvoreingenommen verknallen könnte wie ein Teenager?

Mika Donnerstag 14 Uhr

Für meinen neuen Style mache ich ein Moodboard. Aber irgendwie wird das ganze mehr Mood als irgendwas anderes. Ich brauche eine Sonnenbrille und Sneaker und anthrazitfarbenen Nagellack, der nie abblättert. Ich schiele auf meine Fingernägel, von denen immer mindestens einer bis unten abgebrochen ist. Mein neuer Style beinhaltet also ein Nagelpflegeset. Ich hab jetzt schon keine Lust mehr, aber mache weiter, schließlich ist der Sommer bald zu Ende. Im Herbst trage ich Wolljacken, deren Ärmel mir etwas über die Armgelenke hängen und ein schlaues Buch, das ich auch wirklich lese. Wer mich ansieht, verspürt sofort den Drang, in Irland Schafe zu hüten oder Ende der 60er Jahre in Prag zu studieren (vor der russischen Besetzung). In meinem Kopf höre ich Mia sagen, dass ich vielleicht zu viel will, aber das glaube ich nicht. Falls die fiktive Mia recht hat, schraube ich meine Ansprüche runter: Ich werde nur noch Strumpfhosen besitzen, die nicht rutschen und sehe einfach sehr intelligent aus.

Mia Donnerstag 16 Uhr

Jedes Gespräch hat das Potenzial, zu einer Therapie Session zu werden. Wir diskutieren unsere Eltern, unsere Vergangenheit, unsere Nüchternheit und mit welchen Werkzeugen wir uns auskennen. Mika plant ein Style-Makeover. Lena geht jeden morgen in den Wald.

Wir sind alle ganz schön erschöpft von der permanenten Bespiegelung unserer Seelen und haben deswegen wenig Lust, die Welt jenseits der Poolzone zu erforschen. Wir haben ja auch alles schon. Frisches Gemüse, schwarzen Kaffee, Wasser und Honigkuchen, große Pläne und laufende Projekte.

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