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Der Suchtkongress Survival-Guide

2024 war ich zum ersten Mal auf dem Deutschen Suchtkongress. Seitdem war ich auf einigen dieser Veranstaltungen. Bei manchen war ich super unsicher, bei anderen habe ich mich pudelwohl gefühlt. Falls auch du dich für diese nerdige Freizeitgestaltung interessierst, findest du meinen Survival Guide für Kongress-Jungfrauen.

Aber zuerst: Nimm an der Befragung von Recovery Deutschland teil

Die zweite Befragungswelle unseres Recovery-Forschungsprojekts startet. Sie baut auf den Fragen vom Recovery Walk auf, geht aber weiter. Du kannst teilnehmen, egal ob du beim Walk dabei warst oder schon an der ersten Befragung teilgenommen hast. Ich würde mich sehr freuen.

Der Suchtkongress Survival-Guide

1. Du hast ein Recht, da zu sein

Solange du dir nicht mit der Brechstange Zutritt verschafft und ein Namensschild erschlichen hast, hast du jedes Recht, dort zu sein. Und selbst wenn: Wer Gesetze bricht, um sich freiwillig Vorträge über Leitlinien und quantitative Erhebungen anzuhören, bringt mindestens genauso viel Legitimation mit wie jeder Uniabsolvent.
Du darfst da sein – gerade als selbst betroffene Person.

2. Such dir eine Gang

Gemeinsam dumm beim Kaffee rumzustehen ist leichter als alleine. Es hilft enorm, ein oder zwei Menschen zu kennen, zu denen du dich einfach dazustellen kannst. Diese Personen sind Gold wert. Bring ihnen Kaffee, hör dir ihre Vorträge an, pass kurz auf ihre Tasche auf – und dann: Sei diese Person für andere.
Für mich war das Nathalie Stüben, durch die ich überhaupt erst auf die Idee gekommen bin, mir diese Kongress-Welt mal angucken.

3. Lerne, dumm rumzustehen

Vielleicht hast du noch keine Gang. Vielleicht sitzen deine Bezugspersonen gerade in einem todlangweiligen Symposium über synthetische Cannabinoide. Vielleicht melden sich alte Schulhofgefühle. Dann schau dich um: Du bist nie die Einzige, die verloren in der Gegend rumsteht. Guck einfach angestrengt in dein Kongressheft oder hol dir den fünften Kaffee.

4. Schwänzen gehört dazu

Ja, alles ist spannend. FOMO ist Teil der Kongresserfahrung. Aber manchmal ist ein Spaziergang, ein Gespräch oder einfach Ruhe wertvoller als der nächste Vortrag.
Meine Erfahrung: Mit netten Leuten zusammen Schwänzen ist oft das Beste am Kongress.

5. Mach dir keinen Stress mit dem Dresscode

Ich bin wirklich keine Modeinstanz (Kapuzepullover all the way, Baby), aber: Es ist den meisten egal, was du trägst. Saubere Hose reicht. Wenn du dich fancy fühlst, ein Sakko. Grobe Faustregel: Ärztinnen sind besser angezogen als Ärzte, Ärzte sind besser angezogen als Leute von der Uni. Die Sozialpsychiater sind meistens chillig drauf.

6. Ja, die deutsche Suchthilfe hat ein Kongressproblem

Wer sich die Sucht-Szene anschaut, fühlt sich schnell wie bei Das Leben des Brian: Die einen gehören zur Volksfront von Judäa, die anderen zur judäischen Volksfront und als Outsider ist nicht ersichtlich, was der Unterschied ist.
Es gibt unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin (DGS), die Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (DG-Sucht), die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) und die Deutsche Suchtgesellschaft (DSG). Hinzu kommen einzelne Institute für Therapieforschung und Suchtforschung, der gesamte Bereich der allgemeinen Psychiatrie sowie der Selbsthilfeverbände, die in der DHS organisiert sind. Die meisten haben eigene Kongresse. Ja, I know.

7. Wenn du dich nicht ernst genommen fühlst, liegst du damit richtig

Das Positive zuerst: Kritik wird immer höflich aufgenommen. Wer fies ist, könnte behaupten, dass sich einige Profis höchstens moralisch verpflichtet fühlen, dir zuzuhören, aber eben auch jahrelange Erfahrung damit haben, nervige Leute freundlich wegzunicken.

Meist folgt der pädagogische Dreiklang:

  1. Danke für den wichtigen Impuls / Ihr Engagement.

  2. Leider kein Geld / keine Zeit / nicht auf dem Schirm.

  3. Das müssen wir alle noch lernen.

Ob das ernst gemeint ist, merkt man. Ob sich jemand wirklich für deine Perspektive interessiert oder es aus professionellem Pflichtbewusstsein freundlich abnickt, kann man fühlen. Vertrau diesem Gefühl. Geh zu den Menschen, bei denen du dich wirklich gesehen fühlst. Es gibt sie.

8. Wenn deine Abstinenz noch wackelig ist: Lass die Gesellschaftsabende aus

Es wird sehr viel gesoffen.

9. Wenn du etwas nicht verstehst, liegt das nicht unbedingt an dir

Ja, manchmal sind die Vorträge wirklich komplex, an ein Fachpublikum gerichtet und deshalb sehr voraussetzungsreich. Es ist völlig normal, davon nicht alles zu verstehen. Trotzdem liegt es nicht immer an dir: Manche Leute halten auch einfach schlechte Vorträge. Achte auf die Form: Klingt das Gesagte klar? Passt es zur Folie?
Und wenn du am Ende noch Fragen hast: Du bist nie die Einzige, die etwas nicht verstanden hat.

10. Lobe gute Arbeit

Menschen freuen sich über ehrliches Lob. Sag, wenn dir ein Projekt wichtig erscheint, ein Vortrag geholfen hat oder eine Initiative dich beeindruckt. Das tut gut – und hilft ganz nebenbei beim Aufbau deiner eigenen Kongress-Gang.

11. Misch dich ein

Je länger ich Kongresse besuche, desto klarer wird mir: Unsere Perspektiven fehlen. Es geht nicht nur um uns, sondern um alle, die nach uns kommen. Forschung entscheidet darüber, welche Fragen gestellt werden, wie über Menschen gesprochen wird und wie Ergebnisse interpretiert werden.
Suchtforschung ist keine Thermodynamik. Es geht um Leben, Gefühle, Selbstbestimmung und Rechte. Und dafür braucht es unsere Stimmen.

Ein Anliegen von Recovery Deutschland e.V. ist, eine Brücke zwischen Suchterfahrenen und Wissenschaft zu bauen. Mach mit bei unserer Befragung!

Tópico Bi-Weekly

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