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Lächel doch mal, Feminismus!

Der Begriff Feminismus hat ein bemerkenswertes Imageproblem. Die meisten Menschen befürworten gleiche Rechte, gleiche Chancen und gleichen Lohn. Trotzdem möchten sich viele nicht mit dem Begriff identifizieren. Selbst Frauen nicht, obwohl sie täglich von Rechten, die Feministinnen erkämpft haben, profitieren. Wie konnte aus einem Wort für Gleichberechtigung ein gesellschaftliches Feindbild werden? Eine Spurensuche zum Feminismus-Effekt zwischen Forschung, Propaganda und persönlichen Erfahrungen.

Wofür steht der Begriff Feminismus? Nun – in erster Linie natürlich für den Untergang der guten alten Ordnung.

Feminismus ist unbequem, überfordernd, penetrant und vor allem: Er stört. Er hinterfragt jahrhundertealte „Traditionen“, also jene Wahrheiten, nach denen Männer führen, entscheiden und erklären, während Frauen liebe- und verständnisvoll sind. Er greift das Wertesystem der guten traditionellen Gesellschaft an, jenes heilige Fundament familiärer Harmonie: Also die stillschweigende Übereinkunft, dass Männer führen, arbeiten und entscheiden – und Frauen dankbar dafür sind.

Feminismus problematisiert Dinge, die früher ganz normal waren: Rollenbilder, ein bisschen Sexismus hier und da, die unbezahlte Arbeit von Frauen, Abhängigkeiten, Gewalt,
wenn sie nötig erschien, und vieles mehr. Er macht aus Selbstverständlichkeiten Konflikte, aus Gewohnheiten Privilegien und aus männlichem Anspruch ein Diskussionsthema. Nichts darf einfach mehr „so sein“, alles wird zerlegt, analysiert und infrage gestellt.

Und Feministinnen? Schwierig. Laut. Anstrengend. Zu meinungsstark, zu unabhängig, zu wenig gefällig.
Meist auch nicht hübsch genug, weil sie sich nicht die Beine rasieren und nicht sexy kleiden. Sie lachen nicht über harmlose Witze, verstehen kleine Grenzüberschreitungen erstaunlich selten als charmant und weigern sich hartnäckig, ihre biologische Daseinsberechtigung aus Fürsorge, Mutterschaft und Anpassung zu ziehen. Und dann wollen sie auch noch Karriere machen und in Führungsrollen vordringen.

Statt ihre „natürliche Rolle“ zu erfüllen, bestehen sie auf Autonomie und Widerstand. Sie sind verbittert, weil sie sich nicht mit dem zufriedengeben, was für sie vorgesehen war: Kinder bekommen und für die Familie sorgen. Sie spielen das biologisch vorbestimmte Spiel einfach nicht mit.

Wer jetzt noch weiterliest: Respekt.
Wir atmen gemeinsam einmal durch.


Der vorangegangene Absatz hat natürlich nichts mit dem zu tun, wofür Feminismus steht. Und auch nichts mit Feministinnen. Das Wort Feminismus ist mittlerweile einfach kaputt geredet. Oder besser gesagt: kaputt geschimpft.


Backlash mit Energiepush


Der Begriff Feminismus bezeichnet ursprünglich einzig
eine politische und gesellschaftliche Bewegung für die Gleichstellung der Geschlechter und ist damit auch in
unserem Grundgesetzt verankert. Er ist nicht per Definition
an „negative Eigenschaften“ gebunden.

Kaum ein anderes Wort, das für eine soziale Bewegung oder Ideologie steht, ist mittlerweile so negativ in der Gesellschaft konnotiert. Vielleicht noch der Begriff „Energiewende“.

Dafür, also für den grundlegenden Umbau des Energiesystems, habe ich lange Zeit in meinem Agenturjob Kommunikationsstrategien entwickelt. Dabei fiel oft das Wort „Akzeptanzkommunikation“. Gerade bei Aufträgen für Stadtwerke in Sachsen oder ländlichen Regionen, die vorhatten das Netz zu modernisieren oder mehr Technologien für Erneuerbare Energien einzusetzen.

Das Paradoxe dabei: Die meisten Menschen wünschen sich saubere Luft, eine stabile Energieversorgung und weniger Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Trotzdem polarisiert der Begriff Energiewende.

Nicht die Ziele erzeugen Widerstand. Sondern die Bilder, der Wahlkampf und politischen Auseinandersetzungen, die sich über Jahre an das Wort geheftet haben.

Akzeptanz, nur so am Rande, ist die Bereitschaft oder Fähigkeit, etwas anzuerkennen oder gelten zu lassen – auch wenn man es nicht unbedingt gutheißt oder oder mag.


Und genau hier liegt des Pudels Kern: Hinter der Diffamierung des Wortes, der zunächst einmal ganz neutral für die Gleichstellung der Geschlechter steht – und damit sogar in unserem Grundgesetz verankert ist –, wird jener Backlash sichtbar, den wir seit jeher gegenüber Frauen (und Männern) erleben, die sich für Gleichberechtigung einsetzen.

Vom Begriff zum Feindbild

Doch mit Wörtern ist das nie ganz leicht.
Sie sind nicht neutral, auch wenn man es mit nüchternen Definitionen und Herleitungen wie dieser hier versucht:

Etymologisch stammt Feminismus vom französischen Wort féminisme, das sich wiederum vom lateinischen femina ableitet. Femina bedeutet Frau.
Daraus entstand im Französischen féminin, also weiblich,
und schließlich féminisme: die Bewegung beziehungsweise
Lehre, die sich mit den Rechten und der gesellschaftlichen Stellung von Frauen beschäftigt.

Das Suffix „-ismus“ bezeichnet im Deutschen eine Idee, Lehre, Bewegung oder Weltanschauung – wie beim Liberalismus oder Sozialismus. Wörtlich könnte man Feminismus also als Frauenbewegung oder Lehre von den Frauenrechten verstehen.

Historisch wurde der Begriff im 19. Jahrhundert geprägt und entwickelte sich im Kontext der frühen Frauenrechtsbewegungen, etwa rund um das Frauenwahlrecht und die rechtliche Gleichstellung.

Wörter funktionieren nur leider nicht allein über Definitionen – schon gar nicht, wenn sie politisch aufgeladen sind. Es kommen Bilder hinzu.

Sie werden verzerrt und für die politische Inszenierung etwa durch konservative, populistische Medien missbraucht. Sie existieren bei Menschen nie losgelöst von Meinungen und persönlichen Empfindungen.

Und genau dort beginnt das kommunikationspsychologische Problem.

Das Wort Feminismus ruft bei vielen Menschen eben nicht automatisch Gedanken an Wahlrecht, Bildungsgerechtigkeit oder gleichen Lohn hervor.

Stattdessen aktiviert es jahrzehntelang aufgebaute kulturelle Erzählungen seiner Gegner:innen: die männerhassende Feministin, die humorlose Aktivistin, die überempfindliche Beschwerdeführerin.

Diese Bilder stammen nicht aus feministischen Bewegungen.
Sie stammen aus einer durch Emotionen geprägten gesellschaftlichen Karikatur.

Diese Emotionen hinter dem verbalen Backlash gegen das Wort sind leicht zu erklären – ebenso wie die Ängste, aus denen sie entstehen:

Für Männer, die sich gegen den Feminismus aussprechen, steht er häufig für Verlust: Einschränkung der eigenen Macht, Kontrolle, das Verschwinden der traditionellen Rollenbilder und von gesellschaftlichen Privilegien, die ihnen selbstverständlich erscheinen.

Zu dieser Anspruchshaltung schreibe ich auch im Text „Ode an John“ (Abre numa nova janela), insbesondere in dem Abschnitt über toxische Männlichkeit.


In der gefühlten Wahrnehmung wird Feminismus damit zu einem Angriff auf gewohnte Hierarchien. Vielen Männern fällt es zudem schwer, Kritik am Patriarchat zu reflektieren, weil sie diese Kritik als Angriff auf die eigene Person verstehen.

Sie haben das Gefühl, Feminismus kritisiere Männer grundsätzlich und nehme ihnen Räume weg, die früher ihnen gehörten. Dadurch erscheint ihnen alles anklagend und kompromisslos – als etwas, das Schuld verteilt, Autorität untergräbt und Erwartungen umkehrt. Es fehlt an Reflexion.

Das analysiere ich ausführlicher in einem meiner ersten Beiträge
„Die Stille der ‘guten’ Männer“. (Abre numa nova janela)

Was früher als normal galt, wird durch den „bösen Feminismus“ plötzlich problematisiert. Und genau dieser Verlust von Regeln macht Angst. Es erzeugt das Gefühl, etwas zu verlieren, auf das man geglaubt hat, einen Anspruch zu haben. Und daraus entsteht die Abwehr gegen das Wort.


Gleichberechtigung ja. Feminismus nein.

 

Der Begriff Feminismus beschäftigt Gesellschaftsforscher:innen seit Jahren. Fragt man Menschen, ob Frauen und Männer die gleichen Chancen, die gleichen Rechte und die gleiche Bezahlung erhalten sollten, antwortet die große Mehrheit mit Ja. Fragt man dieselben Menschen jedoch, ob sie sich selbst als Feminist:in bezeichnen würden, fällt die Zustimmung negativer aus.

Die wenigsten Menschen denken bei Feminismus zuerst an Frauenwahlrecht, Bildungsgerechtigkeit oder gleichen Lohn. Stattdessen erscheinen vor dem inneren Auge Figuren, die über Jahrzehnte kulturell aufgebaut wurden: die männerhassende Feministin, die humorlose Aktivistin, die überempfindliche Beschwerdeführerin.

Dieser Widerspruch ist spannend und erschreckend zugleich. Denn offensichtlich stößt nicht die Idee der Gleichberechtigung auf Ablehnung. Es ist das beschimpfte Etikett, das nicht gewollt wird.

Auch die australische Philosophin Kate Manne, die ich immer wieder gerne in meinen Texten bemühe, beschreibt in ihren Arbeiten, dass Widerstand gegen Feminismus häufig weniger aus der Ablehnung von Gleichberechtigung entsteht als aus den Gefühlen, die mit dem Begriff verbunden werden.

*Mehr zu allen Insights und Studien wie immer am Ende des Beitrags


Feminismus wird nicht als Forderung nach gleichen Rechten wahrgenommen, sondern als Angriff auf bestehende Machtverhältnisse. Und wer Machtverhältnisse sichtbar macht, wird selten als angenehm empfunden. Wer sie verändern möchte, meist noch weniger.

Zu ähnlichen Beobachtungen kommt die britische Soziologin Rosalind Gill. Sie beschreibt Feminismus als einen Begriff in
einer sehr paradoxen Position:
Viele seiner Forderungen wurden gesellschaftlich längst übernommen, gleichzeitig gilt die politische Bewegung
dahinter vielen als zu radikal, überholt oder unangenehm.

Und die amerikanische Autorin bell hooks bringt es auf nüchtern den Punkt: Feminismus, schrieb sie, sei nichts anderes als eine Bewegung zur Beendigung von Sexismus, sexistischer Ausbeutung und Unterdrückung.

Diese Definition zeigt besonders anschaulich, wie weit man sich von der öffentlichen Wahrnehmung des Begriffs entfernen muss, um den Inhalt deutlich und gleichzeitig annehmbar zu machen.

Die falsche Feministin


Ich habe mich zum ersten Mal in meinen späten Zwanzigern als Feministin bezeichnet. Das war ungefähr zu der Zeit, als ich beim Falter Verlag anfing.

Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich das erste Mal diesen legendären Wiener Verlag betrat. Kurz zuvor hatte ich einen Artikel über Panikattacken geschrieben, die mich nach meiner
Zeit in New York begleiteten.

Der 11. September 2001, den ich vor Ort miterlebte, hatte mein Sicherheitsgefühl gemeinsam mit den Twin Towers in sich einstürzen lassen und mir eine lästige Angststörung im Alltag beschert.

Ich verließ New York und landete in Wien – passenderweise in
der Stadt für Psychotherapie.

Ich schrieb also einen Artikel über diese hinterhältigen Panikattacken, lange bevor das Buzzword Burnout seinen Weg in das gesellschaftliche Vokabular gefunden hatte. Der Beitrag verschaffte mir Aufmerksamkeit.


Nicht nur in den österreichischen Medien, sondern auch beim Falter Verlag, der Institution für investigativen Journalismus in Österreich.

Armin Thurnher (Abre numa nova janela), eine der prägenden Figuren des österreichischen Investigativ- und linksliberalen Meinungsjournalismus, war damals Chefredakteur. Florian Klenk (Abre numa nova janela) arbeitete zu dieser Zeit
noch bei der ZEIT in Hamburg, bevor er wenig später nach Wien zurückkehrte und den Falter bunt machte.

Für den Falter – niveautechnisch bei ZEIT und Süddeutscher Zeitung – schrieben einige der klügsten Köpfe des Landes, brillante Karikaturist:innen und publizistische Koryphäen.
Ingrid Brodnig (Abre numa nova janela) war nur eine von ihnen.

Und ich? Ich wurde relativ schnell als Chefredakteurin eines Stadtmagazins und eines österreichweiten Gesellschaftsmagazins angestellt, das damals ebenso vom Falter Verlag herausgegeben wurde und auf eine Auflage von rund 620.000 gedruckten Exemplaren kam.

Eine Wahnsinnschance. Ich war sehr glücklich. Und trotzdem wollte ich den publizistischen Adelsschlag und für die Wochenzeitung Falter schreiben.

Also nervte ich die Redaktion (zusätzlich zu meinem ohnehin zeitintensiven Chefredakteurin Dasein) regelmäßig mit neuen Story-Ideen. Und meistens waren es feministische Themen, die mich umtrieben.

Die Abtreibungsgegner:innen im Ersten Bezirk.
Eine Reportage über weibliche Obdachlose. Ein Interview mit der Leiterin von Sophie Beratung, einer Organisation, die bis heute Sexarbeiterinnen unterstützt und Bildungsangebote für sie schafft.

Gute Ideen, nehmen wir, lautete das Feedback. Geschrieben wurden die Geschichten allerdings von anderen. Für mein eigenes Magazin konnte ich umgekehrt einige der Falter-Journalist:innen gewinnen. Nur ich schrieb nicht für den Falter.

Und dann stand ich eines Tages am Drucker. Der schlaksige Textchef in seinen ausgetragenen Chucks stellte sich hinter mir an. Ich nutzte die Gelegenheit für den Elevator Pitch meiner neuesten Idee. Es sollte um das Gendern gehen.

„Was hältst du davon?”, fragte ich. „Ich habe Zeit.
Wenn du das heute noch in die Redaktionssitzung mitnehmen möchtest, kann ich sofort anfangen zu recherchieren.“

Er schaute mich an, überlegte länger und sagte dann, dass die Themenplanung für die nächste Ausgabe eigentlich schon voll sei.

„Ich kann es auch später schreiben. Ist ja kein akutes Thema“, erwiderte ich.

Dann reagierte er hastig, weil die ersten bereits an uns vorbei in Richtung Redaktionssitzung liefen: „Yvonne, warum willst du eigentlich immer feministische Geschichten schreiben?“

Ich war verdutzt. Mit der Frage hatte ich nicht gerechnet. Er schnaufte kurz.

„Du bist immer fesch angezogen, trägst hohe Schuhe und schminkst dir rote Lippen. Das passt einfach nicht wirklich zu den Ideen, die du bringst. Und auch nicht zum Falter.“

Ich war still. Nicht nur an diesem Tag. Sondern noch lange danach.

Das saß.

Offenbar fiel ich optisch aus der feministischen Theorie heraus. Ich sah nicht aus wie eine Frau, die gesellschaftskritische Themen denken, recherchieren und schreiben konnte.

Eine Idee, die sich mir bis heute nicht erschließt. Immerhin kam ich gerade aus Manhattan. Dort saßen perfekt gestylte Frauen in Zwölf-Zentimeter-High-Heels in Führungsetagen und kämpften lange vor #MeToo gegen genau solche reaktionären Vorstellungen.

Ich hörte jedenfalls nicht auf, mich zu schminken. Und ich schrieb den Artikel für mein eigenes Magazin, das ohnehin mehr Menschen erreichte als der Falter. Das war 2005.


*Hinweis: Die knapp 7 Jahren beim Falter Verlag waren mit die besten und spannendsten meiner beruflichen Zeit. Ich war und bin auch heute noch Fan des Falter, der für mich zu einem der wichtigsten Medien in der europäischen Demokratie zählt. Inhaltlich habe ich größten Respekt vor den Journalist:innen, die dort arbeiten und ich bin nach wie vor noch mit einigen Ex-Kolleg:innen befreundet.


How to look like a Feminist


Feminismus war früher auch ein visuelles Label. Birkenstock statt Pumps. Natürlichkeit statt Glamour. Keine Schminke, keine sexy Garderobe.

Feministinnen mussten unsexy anmuten, genau wie das Wort Feminismus selbst.

Alles andere, so die Erzählung, machten Frauen schließlich nur
für Männer. Nicht für sich selbst. Nicht aus Freude.
Nicht wegen Mode.

Mein Vater war Modedesigner. Hätte ich also auf etwas verzichten sollen, das mir Spaß machte, nur um als intellektuell genug zu gelten, um über feministische Themen schreiben zu dürfen?

Zum Glück ist Feminismus heute deutlich vielfältiger geworden, sein Look & Feel hat sich verändert.

Der Begriff erlebt seit einigen Jahren gewissermaßen eine optische Emanzipation. Das Ideal hat sich vielerorts verschoben: weg von der Ablehnung normativer Weiblichkeit, hin zu der Idee, dass Weiblichkeit komplett frei gelebt werden kann.

Frühere prominente Feministinnen wie Alice Schwarzer standen stark für den Feminismus der zweiten Welle: rechtliche Gleichstellung, Abtreibungsrechte, wirtschaftliche Unabhängigkeit und die Kritik traditioneller Geschlechterrollen. Äußerlich war damit häufig auch ein bewusster Bruch mit klassischen Weiblichkeitsnormen verbunden – weniger als Modefrage, sondern als politisches Statement.

Heute ist Feminismus pluraler.

Viele jüngere Feministinnen verbinden politische Haltung mit einer anderen Sicht auf Weiblichkeit. Schminke, Mode, High Heels oder Sexualität gelten nicht mehr automatisch als Anpassung an patriarchale Erwartungen, sondern sind ebenso Ausdruck von Selbstbestimmung.

Man muss nicht unweiblich wirken oder sich unsexy stylen, um feministisch zu sein.

Eine Feministin kann heute im Minirock auftreten, in hohen Schuhen, glamourös gestylt sein – und trotzdem (oder gerade deswegen) feministische Positionen vertreten.

Das stereotype Bild der verbissenen, schmucklosen Feministin ist historisch geprägt. Für die feministische Realität von heute ist es längst zu eng geworden.
Zum Glück!

Wir sind alle Feministinnen


Egal also wie wir uns kleiden, Feminismus kann in jeder Frau stecken. Und was noch viel wichtigster ist:
Hinter jeder einzelnen Frau steht (oder stand) eine Feministin.

Faktisch profitieren heute alle Frauen in Deutschland von Errungenschaften feministischer Bewegungen, bzw. von Feministinnen.

Frauenwahlrecht, der Zugang zu Hochschulen, das Recht auf Erwerbsarbeit ohne Zustimmung des Ehemanns, das eigene Bankkonto, Reformen im Familienrecht, Schutzgesetze gegen sexuelle Belästigung, Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsregelungen, Elternzeitmodelle oder die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe - nichts davon ist einfach so vom Himmel gefallen!

Diese Rechte wurden über Jahrhunderte erkämpft. Gegen das Patriarchat. Oft gegen erheblichen gesellschaftlichen Widerstand. Und das von Frauen, die damals als übertrieben, hysterisch, radikal oder schlicht unangenehm galten.

Bevor Feminismus zum Reizwort wurde, war es die Emanzipation. Und bevor Feministinnen als „woke“ galten, waren sie „Emanzen“.

Die Begriffe wechseln. Die Abwehr bleibt konstant.

Kaum fordert eine Frauenbewegung gesellschaftliche Veränderungen ein, beginnt gleichzeitig die Arbeit an ihrer Karikatur.

Es gibt nicht wenige Frauen, die den Feminismus ablehnen und die gleichzeitig von seinen Erfolgen profitieren.

Kaum eine von ihnen bedankt sich heute beim Feminismus dafür, wählen zu dürfen, ein eigenes Konto eröffnen zu können oder ohne Zustimmung eines Ehemanns arbeiten zu gehen.
Die meisten Frauen halten diese Rechte für selbstverständlich.

Frauen, die sich heute nicht als Feministin bezeichnen, blenden das alles aus.

Paradox? Ja. Aber es gibt eine Erklärung: Feminismus ist nicht nur eine politische Haltung. Im Patriarchat ist sie auch eine soziale Positionierung.

Wer sich als Feministin bezeichnet, riskiert auch heute noch bei Männern als unbequem, humorlos, aggressiv oder anstrengend wahrgenommen zu werden.

Und genau das kollidiert mit etwas, das viele Frauen von klein an eingetrichtert bekommen: Es ist sehr vielen Frauen wichtig gemocht zu werden.

Hinzu kommt, dass Feminismus nicht nur Männer herausfordert.
Er fordert auch uns Frauen heraus. Wer sich ernsthaft mit feministischen Themen beschäftigt, muss irgendwann
die eigenen Rollenbilder hinterfragen, die eigenen Anpassungsstrategien, die eigenen Vorurteile gegenüber
anderen Frauen. Und Selbstreflexion ist selten bequem.


Passen dazu auch mein Journal, das ich für Frauen herausgegeben habe
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Sich als Feministin zu bezeichnen hat also auch einen sozialen Preis: Wer sich als Feministin „outet“ erlebt sehr oft auch heute noch Gegenwind.

Und nicht jede Frau möchte im Freundeskreis, in der Familie oder gerade auch am Arbeitsplatz diejenige sein, die auf Ungleichheiten hinweist. Die Frau sein, die die Stimmung verdirbt. Die Frau sein, die widerspricht. Einige Beispiele von Frauen, die sich nicht als Feministin bezeichnen haben daher sogar sehr erfolgreiche Karrieren. Sie könnten also auch einiges verlieren, wenn sie „die Seiten wechseln“.


Muss Feminismus mehr lächeln?

Oder anders: Brauchen wir noch den unbequemen
Feminismus, den so viele Männer und Frauen „fürchten“?
Oder könnte der Feminismus jetzt nach all den aufgezählten Errungenschaften etwas weicher werden und ein bisschen
mehr lächeln?

Ich gehe zur Begründung jetzt nicht auf die täglichen News zu Femiziden, Netzwerken von sexualisierter Gewalt, Deepfakes, Studien dazu, dass sich Frauen im Dauerstress befinden und der ganzen brutalen Realität allein in unserem Land, ein. Denn das macht sofort klar, dass wir den unbequemen Feminismus für Gleichstellung, Schutz, Gesetze und Aufklärung brauchen.

Bleiben wir aber einmal bei dem vorherigen Thema, also dabei, dass eine Frau bis heute an Sympathie verliert, sobald sie sich als Feministin bezeichnet.

bell hooks schrieb einmal sinngemäß, dass viele Frauen feministische Überzeugungen teilen, sich aber nicht Feministinnen nennen wollen, weil sie gelernt haben,
dass Feministinnen unbeliebt seien.

Und genau hier liegt meines Erachtens die Antwort auf die Frage “Sollte Feminismus mehr lächeln"?”: Nein.

Denn Frauen werden nach wie vor über soziale Akzeptanz bewertet. Gemocht zu werden, sympathisch zu wirken, beliebt zu sein – all das ist bis heute für die meisten Frauen ein wichtiger Teil weiblicher Sozialisation.

Und so lange das aufrecht erhalten wird, also das Lächeln und Funktionieren und Nicht-Anecken – also so lange Frauen das System mittragen, es entschuldigen, es weglächeln und sich deshalb nicht als Feministin bezeichnen wollen, so lange wird
es sich nicht verändern.

Feminismus ist die Anti-Strategie des Gefallens.
Das weiß jede Frau, die sich schon einmal in einem Business-Meeting vor männlichen Vorgesetzten als Feministin
bezeichnet hat.

Feminismus steht, wie zu Beginn definiert, für Veränderung.
Und Veränderung ist selten populär.

Sobald mehr Rechte, mehr Schutz, mehr Freiheit für Frauen von Frauen eingefordert werden, wird in einer patriarchalen Gesellschaft nicht nur über die Forderungen diskutiert, sondern auch über den Tonfall der Frau, über ihr Aussehen, ihre Sympathiewerte und ihre Berechtigung, überhaupt zu sprechen.

Beliebt sein hat den Preis von Ungleichheit.

Und wenn der Feminismus jetzt beginnt zu lächeln, dann werden Frauen nie wirklich Gleichheit erfahren.   

The End.

Aufmacher: Foto von lesha tuman (Abre numa nova janela) 


*Hinweis der Autorin: Wenn dir meine Texte etwas geben – Klarheit, Einordnung oder das Gefühl, nicht allein zu sein – freue ich mich über deine Unterstützung. Ich starte gerade in die freie Arbeit: Abonniere gern meinen Newsletter oder werde Mitglied. Dort teile ich wöchentlich exklusive Inhalte mit feministischem Blick und Erfahrungen aus meinem Arbeitsleben.

Ich freue mich auf dein Feedback dazu – hier oder auf Instagram @storyheldin oder via Mail: hello@storyheldin.de (Abre numa nova janela).

Forschung & Fachliteratur zum Text

Aktuelle Studien:

1. Friedrich-Ebert-Stiftung – Mitte-Studien

Die Mitte-Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigen seit Jahren, dass Gleichberechtigung grundsätzlich hohe Zustimmung erfährt, gleichzeitig aber antifeministische Einstellungen weit verbreitet bleiben. In der Mitte-Studie 2023 fanden die Forschenden:

  • Rund ein Drittel der Befragten stimmt antifeministischen Aussagen zu.

  • Besonders stark sind die Zustimmungswerte bei Aussagen, die Feminismus als Bedrohung männlicher Positionen darstellen.

  • Antifeminismus wird inzwischen als eigenständige Ideologie betrachtet, ähnlich wie Rassismus oder andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.


2. Plan International Deutschland (2023)

Die Studie „Spannungsfeld Männlichkeit“ zeigte:

  • Ein erheblicher Teil junger Männer empfindet Gleichstellungspolitik als Benachteiligung von Männern.

  • Viele junge Männer sehen Feminismus kritisch, obwohl sie einzelnen Gleichstellungszielen zustimmen.

  • Besonders stark ist die Ablehnung dort, wo Feminismus als Einschränkung traditioneller männlicher Rollen wahrgenommen wird.


3. Allensbach-Umfragen zu Feminismus

Das Institut für Demoskopie Allensbach untersucht seit Jahrzehnten die Wahrnehmung von Feminismus. Dabei zeigt sich immer wieder ein ähnliches Muster:

  • Die Mehrheit befürwortet Gleichberechtigung.

  • Deutlich weniger Menschen bezeichnen sich als Feminist:innen.

  • Viele Frauen unterstützen feministische Forderungen, lehnen aber das Label ab.

Ein klassischer Befund aus verschiedenen Allensbach-Erhebungen lautet sinngemäß: Die Ziele finden mehr Zustimmung als der Begriff.


4. Bundesstiftung Gleichstellung (2023/2024)

Die Bundesstiftung Gleichstellung hat mehrere Untersuchungen zur öffentlichen Wahrnehmung von Gleichstellungspolitik veröffentlicht. Ein zentrales Ergebnis:

Begriffe wie Gleichberechtigung, Chancengleichheit, Fairness

werden deutlich positiver bewertet als Feminismus und feministische Politik.

Kommunikationswissenschaftler:innen sprechen hier teilweise von einem Framing-Problem.


5. Leipziger Autoritarismus-Studie

Auch hier taucht Antifeminismus inzwischen als eigenes Untersuchungsfeld auf. Die Forschenden argumentieren:

Antifeminismus richte sich oft weniger gegen konkrete politische Forderungen als gegen die symbolische Bedeutung des Feminismus. Anders gesagt:

Menschen reagieren auf das Bild, das sie von Feminismus haben – nicht auf die Definition.

*Ein wichtiger HINWEIS - der Unterschied zwischen Feminismuskritik und Antifeminismus:

Feminismuskritik: Jemand kritisiert bestimmte feministische Positionen oder Strömungen, unterstützt aber grundsätzlich die Gleichberechtigung von Frauen und Männern.

Antifeminismus: Jemand lehnt feministische Bewegungen oder deren Ziele grundsätzlich ab und betrachtet Feminismus als Problem, Gefahr oder Bedrohung.


Kate Manne – Wenn Gleichberechtigung als Bedrohung empfunden wird

Die australische Philosophin Kate Manne beschäftigt sich mit Misogynie, männlicher Anspruchshaltung (male entitlement) und den Mechanismen, mit denen gesellschaftliche Machtverhältnisse aufrechterhalten werden. In ihren Arbeiten beschreibt sie, warum Forderungen nach Gleichberechtigung häufig nicht als Forderungen nach Fairness wahrgenommen werden, sondern als Angriff auf bestehende Privilegien.

Lesetipp: Entitled: How Male Privilege Hurts Women (2020)


Rosalind Gill – Warum Feminismus gleichzeitig akzeptiert und abgelehnt wird

Die britische Soziologin Rosalind Gill untersucht seit Jahren postfeministische Gesellschaften. Sie beschreibt das Paradox, dass viele feministische Forderungen heute gesellschaftlich akzeptiert sind, während Feminismus als politische Bewegung gleichzeitig häufig als radikal, überholt oder unangenehm gilt.

Lesetipp: Gender and the Media (2007) & Postfeminism, Neoliberalism and Subjectivity (2017)


Angela McRobbie – Die Frau darf emanzipiert sein. Die Feministin lieber nicht.

Die britische Kulturwissenschaftlerin Angela McRobbie prägte den Begriff des „postfeministischen Vertrags“. Frauen dürfen heute erfolgreich, unabhängig und selbstbewusst sein – solange sie nicht zu deutlich auf die politischen Kämpfe hinweisen, die diese Freiheit erst ermöglicht haben.

Lesetipp: The Aftermath of Feminism (2009)


bell hooks – Die wahrscheinlich einfachste Definition von Feminismus

Die amerikanische Autorin und Gesellschaftskritikerin bell hooks formulierte eine der bekanntesten Definitionen des Begriffs:

„Feminismus ist eine Bewegung zur Beendigung von Sexismus, sexistischer Ausbeutung und Unterdrückung.“

Lesetipp: Feminism Is for Everybody (2000)


Sara Ahmed – Die feministische Spaßbremse

Die britisch-australische Kulturwissenschaftlerin Sara Ahmed beschreibt die Figur der feminist killjoy – der feministischen Spaßbremse. Gemeint ist die Frau, die auf Sexismus aufmerksam macht und dadurch vermeintlich die Stimmung verdirbt. Nicht die Diskriminierung wird dann zum Problem, sondern die Frau, die sie benennt.

Lesetipp: Living a Feminist Life (2017)




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