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StreetLetter #5: Vom Einzelbild zum Projekt – Angles Mortes

Mich beschäftigt ja schon länger etwas. Nämlich der Umstand, daß ich vom guten (möglichst: sehr guten) Einzelbild wegmöchte hin zu zusammenhängenden Projekten, die etwas Komplexeres erzählen. Natürlich dauert das dann viel länger und macht viel mehr Arbeit, aber ich glaube, das lohnt sich am Ende. Nichts gegen gute Einzelbilder, die braucht man ja trotzdem noch, um das Ganze zu stützen. Aber eben auch Bilder, die vielleicht nur dazu da sind, um einen von A nach B zu bringen. Das ist wie bei Romanen oder bei längeren Filmen: Es gibt die Superknallerszenen und die, die die Figur einfach nur irgendwo hinbringen oder jemanden vorstellen oder eine Rückblende, um etwas verständlicher zu machen.

Nun hat Achim Katzberg (Abre numa nova janela) aus unserem Frankfurter Kollektiv heimlich an einem längeren Projekt gearbeitet, was er mir erst irgendwann im Herbst verraten hat: Fernfahrer*innen, die Sonntags auf einem Rastplatz das Fahrverbot abwarten. Ganz andere Bilder sind das, als man sie sonst von ihm kennt. Auf seiner Homepage kann man das Buch “Angles mortes” auch bestellen (Abre numa nova janela). Wir haben uns in einem Café in Mainz getroffen und ich habe ihn ausgefragt, wie es eigentlich dazu gekommen ist.

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Achim: “Die originäre Idee war schon 2010 entstanden. Damals habe ich noch sehr viel Architektur pur fotografiert, also ohne Menschen, und sehr viele graphische Dinge. Die ersten fünf Bilder in dem Buch, die vorne vor dem Titel, sind tatsächlich auch noch von Anfang 2010. Im Herbst 2010 war ich dann auf einem Streetfotografie-Workshop bei Sebastian Schmidt (Abre numa nova janela), der auch das Vorwort zu dem Buch geschrieben hat, und habe das Genre kennengelernt. Da lag der Gedanke, Lkw-Grafiken zu fotografieren, erst einmal brach und für mich stand die Streetfotografie im Vordergrund.

Aber wenn man über die Autobahn fährt, dann sieht man ja immer wieder die Lkws da stehen, speziell am Sonntag. Ich habe den Gedanken nie aus dem Kopf verloren, da mal etwas draus zu machen. Ich hatte zwischendurch auch einmal den Arbeitstitel “Sonntagsfahrverbot”, weil mir aufgefallen ist, daß die armen Truckerfahrer Sonntags, wenn Fahrverbot ist, auf dem Rastplatz campieren und müssen. Das Thema ist dann über zehn Jahre in mir gegoren, und ich hatte ehrlich gesagt auch immer großen Respekt davor, da einmal hinzufahren. Mir war bewußt, daß die Truckerfahrer überwiegend aus dem osteuropäischen Raum kommen, ich kann ihre Sprache nicht, und meine Erwartung war, daß sie wenig oder kein Deutsch oder Englisch können. Und mir war auch klar, daß ich da nicht wie sonst auf der Straße ungefragt fotografieren kann, das würde nicht funktionieren.

Letztes Jahr im Frühjahr habe ich dann endlich mal den Mut gefaßt, und bin am Wochenende auf einen Rastplatz gefahren. Ich konnte immer noch die Sprache nicht und habe immer noch gedacht, wie mach ich das? Ich habe dann versucht, nonverbal zu kommunizieren, indem ich die Kamera gezeigt und draufgedeutet habe: Ist es okay, daß ich euch fotografiere? So habe ich mir die Zustimmung eingeholt. Und an diesem ersten Tag ist das Bild entstanden, dass du hier siehst.”

Ich: “Das in den Lkw hinein?”

Achim: “Nee, andersrum, das ist von innen nach außen. Das ist ja das coole. Das waren Spanier, mit denen ging das kommunikativ ein bißchen besser. Wir haben uns unterhalten, ob ich sie fotografieren darf. Und als das dann ein bißchen gelockert war, war ich ganz mutig und dachte, jetzt fragste mal, ob du auf die Ladefläche drauf darfst. Die Jungs haben sich so einen Tisch gebaut und machen da ihren Sonntagsbrunch. Nachdem das Bild entstanden ist, hab ich gedacht, okay, jetzt machste weiter. Da war der Bann gebrochen.”

Ich: “Und wie oft warst du dann da?”

Achim: “Vierzehn Monate, regelmäßig unregelmäßig. Also ein gutes Jahr lang so alle vier, sechs Wochen einmal. Über Winter eigentlich so gut wie nicht, da waren die Jungs alle immer im Auto. Und ich hab mich nicht getraut zu fragen, ob ich auch mal ins Führerhaus darf.”

Ich: “Hier ist ein herbstlicheres Bild wie er da sitzt mit seinen Kartoffeln.”

Achim: “Ich hab dann auch gedacht, ich muß da nicht hinfahren, um verschlossene Führerhäuser zu sehen, in denen die Heizung läuft.”

Ich: “Wie bist du das Thema sonst angegangen? Was waren da ästhetische Hintergedanken? Hast du für dich Themen abgehakt: Ich hab Leute, ich hab Details, ich hab Essen?”

Achim: “Ehrlich gesagt bin ich hingegangen und hab nicht gewußt was mich erwartet. Ich war überwiegend an einem Rastplatz auf der einen und anderen Autobahnseite in der Nähe von Mainz, weil das dann mit der Fahrerei nicht so aufwendig war. Ich wußte also nicht, was mich erwartet, und auch der Titel ist über das Fotografieren entstanden. Ich habe immer wieder diese Aufkleber mit dem “Angles morts” gesehen und dachte, hey, das ist dein Titel, nicht Sonntagsfahrverbot. Dein Titel ist der tote Winkel, den wir alle in irgendeiner Form haben. Ich war dann einmal auch unterwegs und wollte mehr grafische Sachen machen, aber die sind jetzt gar nicht im Buch drin. Das gehörte nicht rein. ”

Ich: “Ist das eigentlich dein erstes konzeptionelles, dokumentarisches Projekt? Oder hast du sowas schonmal gemacht?”

Achim: “Rein dokumentarisch würde ich sagen: ja. Mein Buch “Iso 2020” (Abre numa nova janela) über die Isolation während Corona ist ein bißchen eine Kombi, weil es auch immer wieder diese erzählerischen Stränge drin hat, aber zwischendrin auch wieder Bilder, die könnten sonstwann entstanden sein. Ich versuche ja auch sonst, Menschen zu isolieren, damit ich sie alleine im Bild habe. Der dokumentarische Strang geht etwas in die Richtung, wobei da wenig Menschen drin sind, eher Markierungen auf dem Boden oder Schaufensterpuppen mit Masken.”

Ich: “Wenn die Lastwagenfahrer da in ihren Grüppchen saßen, bist du dann einfach hingegangen?”

Achim: “Ja, ich bin nicht mal sehr nahe hin, ich hab auf die Kamera gezeigt, draufgedeutet und gefragt, ist das ok? Meistens wollten die posen, aber ich hab dann gesagt, neenee, macht einfach weiter. Das hat auch großteils geklappt. Der Typ hier wollte sich aber fotografieren lassen und hat mich zu sich gewunken, als ich die Kolonne fotografieren wollte. Er hat auch gepost, aber ich fand das dann ganz gut mit dem Spiegelungen. Weil die Spiegel ja versuchen sollen, den toten Winkel auszugleichen.”

Ich: “Du mischst auch quer durcheinander Farbe und Schwarzweiß.”

Achim: “Ja, das ist ungefähr halbe-halbe. Aber da war kein Ziel dahinter, das so zu machen. Es gab Bilder, die fand ich in Schwarzweiß besser. Und es gab Bilder, da gehörte die Farbe mit rein. So mache ich das eigentlich ganz grundsätzlich. Wobei ich merke, daß ich im Moment wieder einen Schlenker Richtung Schwarzweiß habe. Lange habe ich gesagt, meine Bilder sind hauptsächlich Farbbilder, und nur dort, wo es wirklich einen Mehrwert generiert, mache ich das Schwarzweiß. Auf der letzten Messe in Frankfurt war dann meine Hauptwand eine Schwarzweiß-Wand. Da war ich selbst überrascht. Aber es gibt Bilder, die funktionieren besser in Schwarzweiß. Und bei der Doppelseite, die du da hast, da gehört die Farbe rein.”

Ich: “Ein gelber Hocker, eine gelbe Plane.”

Achim: “Das geht nur in Farbe.”

Achim erzählt dann noch, dass es leider nicht geklappt hat, einen Umschlag aus Lkw-Plane zu fertigen, das wäre einfach viel zu teuer geworden. Aber der offene Rücken mit dem signalgelben Faden ist auch sehr hübsch.

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(Ich mußte echt so lachen über diese Giraffe, die offenbar aus dem gleichen Zoo stammt wie Matt Stuarts Container-Pfau (Abre numa nova janela).)

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