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„Wenn andere aus dem Takt geraten, werde ich meist ganz ruhig“

Der Musiker, Autor und Ritualexperte Jan Simowitsch beantwortet den Taktvoll-Fragebogen.

Ein mittelalter Mann mit braunen Haaren, schwarzem Pullover und blauer Lederjacke lehnt an einer Steinmauer.
Foto: Johanna Degenstein
🎼

Jan Simowitsch studierte Klavier an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock und arbeitete danach als Kirchenmusiker mit Schwerpunkt Popularmusik im norddeutschen Bad Segeberg.

Von 2016 bis 2024 leitete er das Popinstitut der Nordkirche und prägte dadurch die musikalische und liturgische Entwicklung in der Evangelischen Kirche mit. Für den Schlussgottesdienst vom Kirchentag in Hannover 2025 übernahm er mit Sarina Lal die musikalische Gesamtleitung.

Neben seiner hauptamtlichen Arbeit beschäftigt sich Jan Simowitsch viel mit Wort und Musik. Als Ritualexperte gestaltet er Inhalt und Form verschiedener Anlässe. Auf seinem Instagram-Kanal (Abre numa nova janela) schreibt er regelmäßig über alles, was ihn bewegt. In seinen Konzerten spielt er Klaviermusik (Abre numa nova janela), die er selbst komponiert hat, und liest Texte.

Darüber hinaus mischt er sich in die aktuellen Debatten ein, engagiert sich politisch für Menschenrechte und Umweltschutz.

Nach dem Ende eines wichtige beruflichen Lebensabschnitts schwang sich Jan Simowitsch auf sein Fahrrad und bereiste die Färöer Inseln. Die Erlebnisse und Gedanken auf der „Reise zur Selbstfindung“ verpackte er in seinem Buch „Und der Wal spuckt mich aus“, in dem die biblische Geschichte von Jona und dem Wal eine Rolle spielt.

Im Buch, das im September 2025 erschien, geht es unter anderem um Fragen wie: „Mit wem bin ich unterwegs, wen möchte ich im Umfeld haben, wer tut mir gut und wer tut mir nicht gut? Wie kann ich mich öffnen für das Unbekannte, wie kann ich werden, wer ich noch nicht bin?” (Simowitsch im Interview mit dem NDR (Abre numa nova janela))

1.     Lerche oder Eule?

Beides leider. Insofern wird ein guter Tagesrhythmus von einer Mittagsruhe gekrönt.

2.     Was gehört für Sie unbedingt zu einem guten Start in den Tag?

Viel Zeit! Zum Aufwachen und Ankommen, für Tee und Yogamatte, für warme Brötchen und eine analoge Zeitung.

3.     Pflegen Sie eine spirituelle Praxis?

Wenn ich ganz alleine für mich Klavier spiele ist das für mich oft auch spirituell, gerade dann, wenn ich eine offene Kirche mit einem Flügel am späten Nachmittag in der Winterdämmerung finde. Ansonsten praktiziere ich weniger, das haben mir die Etüden aus der Jugend ausgetrieben. Ich lasse mich lieber überraschen.

4.     Wie bereiten Sie sich auf ein besonderes Ereignis vor (einen Wettkampf, ein Konzert, ein schwieriges Gespräch ..)?

Ich brauche immer möglichst viel Zeit vorher zum Ankommen, so dass ich bestenfalls eine Stunde vor Start alles fertig habe und entscheiden kann, ob ich noch mal eine Runde alleine raus in die Natur gehe oder mich in einem kleinen Zimmer auf eine Yogamatte packe und ein wenig vor mich hindöse.

5.     Was bringt Sie aus dem Takt?

Relativ wenig. Wenn andere aus dem Takt geraten, werde ich meistens ganz ruhig. Jedoch zu viele Tage ohne Zeit für mich kosten mich Kraft, vielleicht ja auch einen Teil meines groß angelegten Ruhepolsters, so dass auch ich irgendwann meinen Ruhepuls 60 verliere.

6.     Welche Jahreszeit mögen Sie besonders? Warum?

Den Winter, wenn die Seen zufrieren und der Schnee schön leuchtet. Den Herbst auch, wenn es denn ein stürmischer ist und ich oft am Meer stehen und den Wellen zuschauen kann. Auch den Frühling, wo nicht nur die Menschen aufblühen und die Bäume grün-bunt werden. Ich mag einfach die Kraft der Jahreszeiten.

7.     Schreiben Sie Tagebuch?

Ja, nur für mich, seit gut 25 Jahren. Nicht täglich, sondern so wie es passt. Und für alle, die es überlegen zu tun der Tipp: Fangt an, macht es, mindestens zwei Jahre lang. Und dann, in der Rückschau der alten Texte, werdet ihr den Wert für euch erkennen.

8.     Welche Rituale ihrer Kindheit praktizieren Sie heute noch, evtl. jetzt mit den eigenen Kindern?

Nach einem Spiel, ganz gleich ob Tischtennis oder Mensch ärgere dich nicht, heißt es, es wird einander gratuliert und sich für das faire Spiel bedankt. Außerdem versuche ich es hinzukriegen, dass es nach jeder ordentlichen Mahlzeit auch einen kleinen Nachtisch gibt, ganz gleich ob Fruchtkompott oder Pudding.

9.     Tanzen Sie?

Super gerne, wenn ich denn die Schüchternheit überwinde. Das kostet mich manchmal über eine Stunde Zeit, doch dann spüre ich ein Kribbeln langsam von den Füßen aufsteigen bis ich es nicht mehr aushalten kann, aufspringe und mir einen Platz auf der Tanzfläche erobere.

10.  Sie kommen nach einem anstrengenden Tag nach Hause, welche Musik hören Sie?

Je nach Stimmung ganz verschieden. In letzter Zeit oft den Färöischen Sänger Teitur (Abre numa nova janela), manchmal Chormusik. Und irgendein Notwist-Album geht immer.

11.  Ein freier Tag liegt vor Ihnen, was machen Sie am liebsten?

Momentan am liebsten nichts. Richtig viel nichts. Bloß keine spontanen Pläne, Überraschungen dagegen nehme ich immer an. Aber zwei Stunden auf der Couch chillen und nichts tun, nicht mal ein Buch anfassen, ist auch eine gewonnene Zeit. Für die Seele und den Körper.

12.  Welche Rhythmen in der Natur begeistern Sie?

Als Ostseekind natürlich die Wellen des Meeres. Da kann ich mich nicht satt sehen. Ich bewundere aber auch das abwechselnde Auf- und Eingehen der Minze auf meinem Balkon und die Sicherheit der Zugvögel, wann sie in welche Richtung fliegen müssen. Beeindruckend.

13.  Wie sehen kleine Atempausen in Ihrem Alltag aus?

Augen zu und auf den Fußboden legen, egal ob Holzparkett oder das Fahrradabteil im ICE. Am besten noch mit 2 Tennisbällen ausgestattet, um ein bisschen Massagewirkung zu haben.

14.  Zeitung lesen: Papier oder digital?

Leider meistens digital, aber irgendwann hole ich mir das Abo der SÜDDEUTSCHEN zurück.

15.  Urlaub: immer das gleiche Ziel oder jedes Mal Neues entdecken?

Ich mag es schon, über die Jahre immer wieder auch in die gleiche Region zu fahren, um tiefer in die Kultur einzusteigen. Gerne auch zu verschiedenen Jahreszeiten. Das ist meist sehr erhellend beziehungsweise nach der ersten Ernüchterung, dass man das erste Mal in der Primetime da war, stellt man irgendwann fest, was für Reize die Gegend sonst noch hat.

16.  Wie wichtig sind Ihnen gemeinsame Mahlzeiten mit dem Partner/Partnerin, der Familie?

Eine gemeinsame Mahlzeit am Tag ist mir grundsätzlich wichtig, also nicht nur der Anfang, sondern auch das Ende. Leider ist das momentan nur begrenzt gut umzusetzen.

17.  Partnerschaft, Ihre Erfahrung: „Gegensätze ziehen sich an“ oder „Gleich und gleich gesellt sich gern?“

Menschen lieben Menschen. Die Gegensätze und Gemeinsamkeiten zeigen sich ja mitunter erst mit der Zeit. Da hat beides mal mit Entdeckungsfreude und mal mit Arbeit zu tun.

18.  Lesen Sie vor dem Einschlafen? Welches Buch liegt gerade auf Ihrem Nachttisch?

So oft ich spät abends noch Kraft dazu habe, lese ich sehr gerne. Gerade liegt da Eric-Emmanuel Schmitts „Das Kind von Noah“.

19.  Gibt es eine Zahl, die eine besondere Bedeutung in Ihrem Leben hat?

1.000. Aus Prinzip, als Chiffre. So wie im Altertum die Zahl 40 viel und die 80 nahezu unendlich oder göttlich waren, nutze ich immer die 1.000.

20.  Welche Rituale oder Rhythmen sind Ihnen unangenehm?

Der Friedensgruß in den Kirchen mit „allen die Hand geben, bitte“. Und alles, was mit Lautstärke zu tun hat. Sei es der mannschaftliche Kreis mit dem Teamspruch oder das Zuprosten mit tollen Sprüchen in der Kneipe. Ebenso die Kennenlernrunden in vielen Gruppen, wo ich mich immer mal wieder bloßgestellt fühle.  

21.  Was fällt Ihnen zum Begriff „taktvoll“ ein?

Mein Vater, der nur nicht mit Taktgefühl gesegnet ist, man könnte auch positiv sagen, er ist mit einer förmlichkeitsbrechenden Naivität begabt, Dinge unverblümt und zügig anzusprechen, ging eines Tages mit meiner Schwester zur Tanzschule. Ihm wurde bescheinigt, dass er auch hierfür nicht allzu viel Taktgefühl habe.

Und dann natürlich noch die große Kunstfertigkeit, Musik zu machen. Hier spielt sich ja immer alles in einem vorgegebenen Takt ab. Noten regeln die Timeline sehr genau. Und darin Freiheit zu finden, neben einem durchgehenden, einem mitunter echt strengen Puls rhythmisch frei zu phrasieren, das zeichnet große Kunst aus.

Danke 💚
https://steady.page/de/taktvoll/posts/8154d2e2-29d5-477b-8df8-c294b857a779 (Abre numa nova janela)https://steady.page/de/taktvoll/posts/7808f482-1ff1-413b-9003-0a89737b88e9 (Abre numa nova janela)https://steady.page/de/taktvoll/posts/2e612b31-49a4-459f-8701-ebbdb62cfeb0 (Abre numa nova janela)

Tópico Kultur + Rhythmus

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