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Tillmanns Reise (1)

Kapitel 1

Bitter sweet Symphony.
The Verve.
Trying to make ends meet …



Montag. Fünf Uhr dreißig.

Alfred weckt Tillmann mit einem Titel einer seiner Playlists.

Tillmann bleibt die vollen sechs Minuten des Songs im Bett. Bei „Trying to make ends meet“ zieht er sich das Laken hoch über den Kopf. Am Ende, bei „Have you ever been down“, streckt er Hände und Füße in die Luft und wirft das Laken zur Seite. Er setzt sich auf, bändigt das Wuschelhaar mit gespreizten Fingern. Es bleibt beim Versuch.

Wort des Tages: Schicksalsstau.

Definition: Wenn deine Bestimmung im alltäglichen Lauf der Dinge stecken bleibt. Tillmann wird das später Alfred erzählen. So und vielleicht noch etwas ausführlicher, wie ihm dieses Wort nach dem Erwachen in den Sinn gekommen ist. Alfred kann sich das besser merken. Der hat ein Riesengedächtnis.

Auch heute wird der Tag keinen Schlag von der Seite kriegen. Die Welt um Tillmann gerät nicht ins Schlingern. So wie ein Radfahrer, den einer angerempelt. Oder der einfach nur besoffen ist.

Le mot du jour No. 2: Befreiungsschlag. Definition: Wenn die Welt dir eine Krise schenkt und du endlich eine Entscheidung treffen mußt. Auch das ein Gedanke für Alfred.

Im Badezimmer. Aus den Lautsprechern in der Decke tropft die Gutelaunestimme dieses Radio-Moderators. Der Typ glaubt, dass ihm die Sonne aus dem Arsch scheint.

Zähneputzen. Rasur. Der Moderator redet und redet. Er will die Leute irgendwie wach kriegen. Und dass die Hörer am Sender dranbleiben. Also beginnt er sein Thema des Tages. Es geht um den Durchschnitt. Speziell um den deutschen Durchschnittstypen:

Deutschland hat so um die 82 Millionen Einwohner. 42 Millionen davon sind weiblich. Ladys First. Die deutsche Frau ist 1,65 Meter groß und heißt Sabine oder Susanne. Sie wiegt 67,5 Kilo (BMI: 24,8). Ihren BH trägt sie in Körbchengröße 80c. Dazu passt sie in Kleidergröße 42 bis 44. Schuhe hat die Durchschnittsdeutsche 24 Paar im Schrank. Handtaschen sind fast genauso wichtig wie Schuhe. Dem entsprechend verbringen Frauen auch viel Zeit mit ihren Taschen. Insgesamt kramen sie im Schnitt 67 Tage ihres gesamten Lebens in der Handtasche. Dabei braucht die deutsche Frau im Durchschnitt nur etwa 28 Minuten im Badezimmer.

Echt jetzt? Wenn der Typ aus dem Radio das sagt, muss es wohl stimmen! Was schwätzt er weiter:

Sex hat die durchschnittliche Frau in ihrem Leben mit 6,7 verschiedenen Partnern. Sie kommt mit 30,5 Jahren unter die Haube. 86 Prozent der verheirateten Frauen haben Kinder. Jede Frau bekommt im Schnitt 1,37 davon. Bei der Geburt ihrer Kinder sind Frauen durchschnittlich 31 Jahre alt. Mädchen werden gerne Marie genannt. 82 Prozent der Teilzeitjobs werden von Frauen erledigt.

Der elektrische Rasierer raspelt unter Tillmanns linkem Ohr. Er versteht statt Teilzeitjobs erst Blowjobs und denkt über den Prozentsatz nach.

Jede Frau liest pro Woche vier Stunden und 27 Minuten, davon 57 Minuten in einem Buch.

Aha! Und worin lesen sie sonst noch? In Illustrierten und Bedienungsanleitungen für Trockenhauben, Vibratoren und die Kitchen Aid?

22 Prozent der Frauen greifen regelmäßig zur Zigarette. Frauen müssen vorwiegend wegen Herzproblemen in die Klinik. Mädchen von 6 bis 12 bekommen im Schnitt 22 Euro Taschengeld im Monat. 549.625 Frauen sind Mitglied in einem Reitclub. Und wie lange lebt die deutsche Frau? Nach etwa 81,3 Jahren ist Schluss.

Nach etwas Musik geht es weiter mit dem deutschen Durchschnittsmann. Der Moderator sagt erstmal den nächsten Titel an. Heinrich von Handzahm singt sein Lied über den Durchschnitt. Noch nie gehört, denkt Tillmann, steigt dazu in die Dusche und dreht das Wasser auf kochend. Er dehnt und streckt seinen Körper, füllt ihn im aufsteigenden Dampf mit Energie. Dann legt er den Mischhebel auf Kalt. Ein erster Strahl trifft zwischen die Oberschenkel und fördert dort die Durchblutung.

Wieder vor dem Spiegel kämmt sich Tillmann das Haar. Eine der spießigsten Kulturhandlung, mit denen ein Mann sein Leben in der freien Wildbahn verrät und sich an die Zivilisation verkauft.

Die Musik endet. Der Moderator wechselt zum anderen Geschlecht:

Der deutsche Durchschnittsmann heißt Thomas oder Michael und braucht vier Minuten bis zum Orgasmus. Frauen übrigens elf. Er ist 42 Jahre alt, 1,79 Meter groß, dunkelblond, 82 Kilo schwer (BMI: 26,1). Er heiratet im Alter von 33 Jahren, wird mit rund 35 Jahren Vater und lässt sich mit 44,5 Jahren scheiden. Er hat Hochschulreife, verdient monatlich 3.430 Euro brutto und arbeitet 34 Minuten täglich im Haushalt. Bei Frauen sind das 62 Minuten.

Tillmann fasst zusammen. Orgasmusvorlaufdauer 4 zu 11. Haushaltsplackerei 34 zu 62. Was lässt sich daraus ableiten? Vielleicht: Je länger Frauen bis zum Orgasmus brauchen, desto erschöpfter sind ihre Männer. Da bleibt kaum mehr Kraft für die Hausarbeit durch den Mann. Es kann auch anders sein: Ein Mann, der zu schnell kommt, hat ein schlechtes gewissen gegenüber seiner Partnerin. Also hilft er mehr im Haushalt mit. Wie dem auch sei. Frauen, macht das beste daraus.

Der Moderator macht inzwischen weiter.

Thomas, der Durchschnittsdeutsche, sagt zwischen 4.000 und 12.000 Wörter pro Tag. Zum Vergleich: Frauen kommen auf bis zu 23.000. Thomas kauft zwei Paar Schuhe pro Jahr, hat im Schnitt zwölf Paar Schuhe in Größe 44 bereits im Schrank, isst pro Jahr 60 Kilogramm Fleisch, hat elf Erektionen am Tag und dreizehn Sexpartnerinnen in seinem Leben. Ferner ist jedem zwanzigsten Mann beim Sex schon mal die Partnerin eingeschlafen.

Klar. Wir denken an die Sache mit der Hausarbeit. Wer macht doch da gleich den größten Teil und fällt erschöpft ins Bett?

Jeder vierte Mann hat schon mal versucht, Oralsex mit sich selbst zu haben. Für Tillmann ist das plausibel. Das sind diejenigen Männer, die im Haushalt nicht mithelfen und denen die Frau unter den Lenden wegpennt.

Acht Prozent der Männer schlafen täglich mit ihrer Partnerin. Rechnerisch hat der Durchschnittsdeutsche etwa fünf Monate seines Lebens durchgehend Sex. Neun Monate verbringt er auf dem Klo. Jeder dritte Mann behauptet von sich, er könne viermal pro Nacht Liebe machen. Ebenfalls bei jedem dritten Mann dauert der Toilettengang zehn Minuten und länger.

Tillmann erinnert sich: Der Durchschnittsthomas braucht vier Minuten bis zum Orgasmus, sie elf Minuten. Würde er sich da mal so viel Zeit lassen wie fürs Kacken!

Viele Männer lesen auf der Toilette Zeitung, achtzehn Prozent lesen Gebrauchsanweisungen. Jeder Mann sitzt pro Woche 14 Stunden und elf Minuten vor dem Fernseher. 32 Prozent der Männer rauchen. Ins Krankenhaus kommen Männer meistens, weil sie zu viel trinken.

5,45 Millionen Männer sind in einem Fußballverein. Siebzig Prozent der Männer empfinden Humor bei Frauen als unsexy. Sie stehen aber drauf, wenn Frauen über ihre Witze lachen. Sex mit mehreren Frauen steht auf der Hitliste der erotischen Männerfantasien an erster Stelle.

Ein gut rasierter Durchschnittsmann entfernt sich im Laufe seines Lebens 3,5 Kilo Barthaare. 22 Prozent der Männer empfinden es als blöd, wenn ein Film kein Happy End hat. Frauen, die glauben, Sex sei der größte Liebesbeweis für einen Mann, liegen vollkommen falsch. Jeder dritte Mann freut sich mehr über sein Leibgericht als über seine Lieblingsstellung. Die durchschnittliche Penislänge beträgt 14,48 Zentimeter im erigierten Zustand.

Der Lieblingsname für Jungs ist Leon. Jungs im Alter von 6 bis 12 bekommen im Schnitt 23 Euro Taschengeld im Monat. Heute geborene Jungs haben eine Lebenserwartung von 77 Jahren.

Endlich fordert der Moderator dazu auf, anzurufen und sich als Durchschnitt zu outen.

Im Schlafzimmer. Tillmann verstaut seine Körpermitte in frischen Shorts, schnappt sich Jeans, Hemd, Schuhe und seine Umhängetasche. In der Küche braut er sich Kaffee mit Kapseln aus Kunststoff. Da sind schädliche Weichmacher drin. Weichmacher sammeln sich im Gewebe und lassen es erschlaffen. So entsteht Orangenhaut, ein schlaffer Po, Hängetitten und Impotenz. Tillmann schnuppert in die Tasse. Der Kaffee ist wie er sein muss. Schwarz, heiß, stark. Er trinkt. Locker an die Küchenwand gelehnt, denkt es sich am besten in den Tag hinein.

Begegnungen mit Durchschnittstypen wie Sabine, Susanne, Thomas und Michael lassen sich kaum vermeiden. Wenn die mal nur nicht auf ihn abfärben! Tillmann, ein Durchschnittstyp? Nein, Danke!

Tillmann schlüpfe in Jeans, Hemd und Chucks. Während er die schnürt, denkt er an die Worte des Tages: Schicksalsstau. Befreiungsschlag. Im Zug muss er Alfred davon erzählen. Wird er schon nicht vergessen. Ist tägliches Ritual. Inzwischen.

Tillmann erwische den Zug. Kaum sitzt er, kommt ein Traum zurück. Dass auf seinem Bett zwei Katzenschwestern und eine Hündin liegen. Eine der Katzen kuschelt sich an seine Füsse. Die andere Katze drängt an den Hundepopo. Tillmann wacht auf. Also, im Traum wacht er auf. Die Hündin und die beiden Katzen schlummern noch im Bett. Tillmann streunt wie ein wildes Tier durch das Haus. In der Nacht. Es begegnen ihm keine Haustiere. Und auch nichts, dass auf Haustiere hindeutet. Keine Futternäpfe, keine Wasserschüsseln, kein Hunde- oder Katzengeruch. Davon abgesehen hat Tillmann keine Ahnung, wie Hunde- oder Katzengeruch geht. Da müsste auch eine Hundeleine über der Stuhllehne hängen, oder? Und wo ist der von Hundesabber aufgeweichte Kauknochen? Auch keine von Katzentatzen zerkratzten Tapeten. Zurück im Schlafzimmer sind da keine Katzen und kein Hund mehr. War das nur ein Traum? Nur? Als habe ein Traum keinen Wert! Dieser Traum hat bestimmt einen Wert! Sein Wert besteht in seiner Bedeutung! Aber welche sollte das sein?

Bevor sich Tillmann in Deutungsfragen verliert, beginnt er mit dem Schreiben. Keine langen Geschichten. Die sind nicht sein Ding. Lange Geschichten sind niemandes Ding. Wer hat heute noch Zeit für lange Geschichten? Weder Sabine, Susanne, Thomas noch Michael oder wie sonst diese Durchschnittstypen heißen. Für die ist Lesen Lückenfüllerei. Die brauchen etwas tragbares und verstehbares für unterwegs. Leicht verdauliche Zwischenmahlzeiten. Keine schwere Koste. Nur keine Literatur!

Tillmann bietet Text-Häppchen, Schnittchen, Wort-Sushi, Text-Tappas. Für deren Zubereitung gebraucht er nur sein allgegenwärtiges Smartphone. Er tippt oder diktiert. Auf dem Bahnsteig, im Zug, an der roten Ampel, in der Küche. Tillmann nutzt jede Gelegenheit.

Die so zubereitete Kost serviert er dem mobilen Publikum wiederum auf dessen mobilen Endgeräten. Das ist, was Tillmann tut. davon lebt er. Das ist sein Lebensinhalt. Ja. Inhalt ist ein gutes Stichwort! Tillmann macht Inhalt. Und damit füllt er Lücken. Es gibt so viele davon. Im Leben der Menschen sind sie heute so zahlreich, wie noch nie. Und dass diese Lücken keiner entdeck, dafür sorgt Tillmann. Und wenn er erfolgreich seine Arbeit macht, dann behaupten die Menschen, sie hätten keine Zeit.

Denn es gibt sie, die Zeit im Überfluss. Sie versteckt sich gut zwischen den ach so wichtigen Terminen im Leben der Menschen. Fünf Minuten hier, zehn Minuten da. Drei Minuten dort.

Nur: sie sehen sie nicht. Und dass das so bleibt, dafür sorgt Tillmann. Der belegt die Lücken mit Inhalt. Zeug, das die Menschen in sich aufsaugen wie ein leerer ausgetrockneter Schwamm. Und schon gehört deren Zeit ihm, dem Tillmann und Tillmanns Kunden.

Tillmann braucht dazu nur sein Smartphone. Das ist sein Schweizer Messer. Er meidet inzwischen Regionen, die nicht hinreichend ausgestrahlt sind. „Kein Netz“ heißt nichts anderes als „Du verlässt die Zivilisation, sei dir der Konsequenzen bewusst! Ich habe dich gewarnt!“. Ja, auch sein leben wird wie das der Anderen von einem Smartphone bestimmt. Nur, dass er dabei Zeit gewinnt, während er sie den Anderen wegnimmt. 


Es heißt übrigens Alfred. Tillmanns Smartphone heißt Onkel Alfred.

Tillmann holt Onkel Alfred aus seiner Tasche und diktiert: Alle Träume haben einen Wert. Der liegt in ihrer Bedeutung. Welche Bedeutung hat dieser Traum? Will später die KI fragen.

Tillmann behält Alfred in seiner Hand in ständiger Bereitschaft. Das wird fast den ganzen Tag so bleiben. Im Zug, auf dem Bahnsteig und quer über den Bahnhofsvorplatz, den sie den Platz der deutschen Einheit nennen. Und auch jetzt im Café an der Straßenecke.

Die Frau mit dem zierlichen Gesicht neben Tillmann am Tresen trägt ein großes, schwarzes Brillenmonstrum. Ihre Stimme trägt kaum bis zum Barista. Er muss nachfragen. Sie wiederholt. Es bleibt bei einem simplen Americano.

Jazz tröpfelt aus den Deckenlautsprechern. Von der Rösterei hinter dem Café strömen frische Röstaromen und wecken Koffeingelüste. Tillmann bestellt einen Cappuccino und ein Croissant. Tasse und Teller trägt er an seinen Tisch beim Fenster. Eine vollbeladene Straßenbahn rumpelt in der Kure vorüber. Tillmann ist süchtig nach diesem Ritual. Er nimmt den ersten Schluck Kaffee für heute. Das Kapselzeug aus seiner Küche zählt nicht. Ein Bissen vom Croissant und nebenbei, mit der linken Hand, tippt er eine Szene aus dem Zug in Alfreds digitalen Körper.

In der Szene steht Tillmann im Gang zwischen drei Dutzend Mitreisenden, bereit zum Ausstieg. Neben ihm eine Trenntür aus Glas. Dahinter eine Frau. Ganz sein Geschmack. Sein Blick schweift durchs Fenster über die Morgenlandschaft und gelegentlich zu ihr. Sie lehnte mit dem Rücken an einem der Fenster und betrachtet ihr Spiegelbild in der Abteiltür gegenüber. Sie hebt ihr Kinn, legt den Kopf leicht zur Seite. Sie ist zufrieden mit sich. Zum Ausstieg dreht sich Tilmann geschickt an ihr vorüber. Sie bleibt im Zug. Beide tauschen ein Lächeln.

Tillmann spricht zu Alfred: Man achte darauf, dass das Leben nicht zu einer Sammlung verpasster Gelegenheiten wird.

Neben seiner Hauptgeldquelle als Content Manager übt Tillmann auch das aus, was er seine Lohnzettelexistenz nennt. Die lässt ihn teilhaben am Leben der Konsumenten seiner Inhalte. Damit schließt sich ein Kreislauf. Tillmann kriegt von den Leuten, denen er Zeugs über die Sozialen Medien impft gleich wieder den Rohstoff für neue Inhalte, also für neues Zeugs, geliefert. Und dafür muss er nicht einmal zahlen. Im Gegenteil! Man gibt ihm noch Geld dazu! Tilmann findet das zudem sehr amüsant. Er schöpft ab, andere im Alltag absondern. Dann flippt er es um, macht konjugierbare Inhalte daraus und setzt es ihnen und anderen wieder vor.

Neben dem, dass dieser Nebenjob Tillmanns eigentliche Berufung fördert, beruhigt dieses Doppelleben sein Gewissen. Denn ganz nebenbei führt er ein sozialversicherungspflichtiges Dasein. Seinen Vater würde das beruhigen. Der möge nach fünfundvierzig Jahren Berufsleben und sechzehn Jahren Rente endlich in Frieden ruhen.

Über Tillmanns Arbeit nur soviel. Nach wenigen Wochen im Unternehmen ist klar, dass die Arbeit hier nicht vollständig seiner Seelenbestimmung entspricht. Es ist dies eher ein Zirkus, wo Tillmann doch lieber in die Oper geht. Also sage er sich: Die Oper ist kostspielig, dieser Zirkus hingegen ist umsonst und die Clowns zahlen sogar noch einen Lohn. Die einzige Arbeit besteht darin, gelegentlich kräftig zu applaudieren. Das nennt sich in Clownssprache Engagement. Und dass man selbst dabei zum Clown wird, das nennen sie Identifikation mit dem Zirkus, den sie wiederum Firma nennen. Die Menschen in der Firma haben Pausen. In den Pausen dürfen sie machen, was sie wollen. So sagt es ein Gesetz. Die Menschen in der Firma halten es für ihr gutes Recht, eine halbe Stunde lang am Arbeitstag machen zu dürfen, was sie wollen. Das ist für sie eine Errungenschaft. Auch wenn jeder Affe im Wald rund um die Uhr machen kann, was er will. Die Menschen in der Firma brauchen dafür ein Gesetz, das ihnen erlaubt „Mahlzeit“ zueinander zu sagen. Dann gehen sie in die Werkskantine. Dort wählen sie zwischen Hähnchenbrust in Sesamkruste mit Currysauce und Reis oder Schinkennudeln.

Tillmann folgt ihnen und nimmt die Schinkennudeln. Schinkennudeln gehen immer. Am Nachbartisch sitzen zwei kraftstrotzende Handwerkertypen mit gewiss enormem Kalorienverbrauch. Auch die wissen was gut ist und beginnen direkt nach dem Servieren mit dem Upload ihrer Schinkennudeln in die Mäuler. Gabel folgt auf Gabel zur Ladekante, der Unterlippe.

Tillmann beobachtet unauffällig. Er nimmt wahr. Er redet selten. Er gibt sich als mitleidender Zeitgenosse. Er stehe gerne am Feldrand und betrachte das Spiel seiner Mitmenschen. Selbst folgt er keiner Spur, noch hinterläßt er eine solche. Seine Mitmenschen hingegen trampeln gerne und wiederholt bekannte und bewährte Pfade aus. Sie folgen ihren Vorgängern. Neue und eigene Wege gehen sie selten und wenn, dann mit gemischten Gefühlen. Sie reden viel, strampeln gerne mit ihren Füßchen an der Oberfläche im Meer der Belanglosigkeit. Dieser Menschentyp ist gut darin, die Ziele anderer zu verwirklichen. Es sind dies die Ziele der Väter, Mütter, Kinder, Chefs oder irgend welcher Vorbilder. 


Tillmann spricht zu Alfred: Reihe dich nicht ein in die Schlange der Fremdzielerfüller, deren fortwährende Ausrede es ist, in der Arbeit für Andere auch ihre eigenen Ziele zu verfolgen. Verfolgen vielleicht. Aber bekommen sie ihre Ziele am Ende auch zu fassen? Ihr Lohn wird Dank und Anerkennung bleiben, nicht aber Erfüllung. Am Ende haben sie nichts für sich erreicht.

Am Ende eines Tages bei den Firmenmenschen geht Tillmann kopfschüttelnd davon. Die Hände hält er auf dem Rücken unter seiner Tasche gefaltet. Ein Ziel verfolge er nicht. Weder an einen bestimmten Ort, noch zu einem geplanten Erfolg. Ihm ist stets der Weg bedeutender als jeder Zielpunkt. Genau so kommt er voran. In dem er sich auf das gehen konzentriert, nicht auf den Horizont. Irgendwann hebt er seinen Blick und sieht zu seiner Überraschung: Wie schön ist es hier! Der Weg hat sich gelohnt!

Tillmann diktiert in Alfreds elektrisches Gehör: Missachte das Ziel. Achte den Weg. Dann: Ziele nicht auf etwas ab. Verschwende keine Kraft auf das Zielen. Sei ziellos. Oder: Sei dir dein eigenes Ziel.

Auf dem Rückweg aus der Firma kauft Tillmann Kaffeebohnen und eine Mühle mit Kurbel. Die Kaffee-Kapseln schmeisst er später in den Müll. Über die Tonne gebeugt erinnert er sich an die Frau mit dem Brillenmonstrum. Es geht um ihre Nase. Sie hat eine übergroße Nase. Eine Monsterbrille läßt die Monsternase schrumpfen. Und sie trinkt einen Americano, also einen gestreckten Espresso. Eine kleine Espresso-Tasse würde ihre Nase monströs erscheinen lassen.

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