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Warum es sinnvoll wäre, einfach mal nichts zu tun 

Oder: Gartentherapie Nummer 2 

Ja, das ist er: Mein fast verwelkter Therapiestrauß. Er hatte viel zu sagen. Durch mich.

Als Anny mich fragte, ob ich bereit für Gartentherapie Teil 2 wäre, war ich sofort dabei. Nicht weil ich mich für so extrem therapiebedürftig halte, sondern weil man mit mit ihr Gedanken denkt, von denen man gar nicht wusste, dass man sie hatte. Dieses Mal sollte es allerdings kein Gang durch den Garten werden, sondern es lief völlig anders: 

Ich bekam Post. Ein riesiges Paket lag vor meiner Haustür und es sagte mir erstmal gar nichts. Dann stellte ich fest, dass es Blumen waren und fragte mich: Einer meiner Verlage? Oder ein Verehrer? Musste kurz über mich selbst lachen. An Post von Anny hatte ich gar nicht gedacht und dann steckte in der Box ein wunderbarer Strauß aus Schleierkraut, Rosen, Chrysanthemen, Bartnelken und Nelken. Und eine kleine Karte und es war glasklar: Dieses Mal haben wir ein florales Accessoire, das im Mittelpunkt steht. Die Anweisung machte mich dann umso stutziger: Bitte den Pflänzchen kein Wasser geben, in eine Vase stellen, wo ich sie täglich sehe, und lassen. Let them. Für einen Kontrollfreak schwer. Für jemanden, der zwar keinen grünen Daumen hat, aber Mitleid, noch schwerer. Selbst die Kinder fragten immer wieder: „Wollen wir sie echt verwelken lassen?“ Ich seufzte. Ja. Ich fragte sogar noch zwei Mal nach, ob Therapeutin Anny es auch so gemeint hatte. Ja, hatte sie.

Dann begann unsere Session eine Woche später und sie fragte mich: „Was hat der Strauß mit dir gemacht?“ Ich fand, er sah noch ziemlich gut aus, als könnte man ihm mit etwas Wasser jederzeit doch wieder Leben einhauchen. „Wie könntest du das auf dein Leben projizieren?“ war die nächste Frage. Ich war überrascht. Eigentlich stelle ich ja immer die Fragen. Dieses Mal war es andersrum. „Sind die Blumen so flexibel wie du?“ Ja, das passt, ich versuche immer das Beste aus allem zu machen, mit Situationen umzugehen. Und irgendwie alles zu drehen. Anders kann ich nicht leben. Welche Blume am besten zu mir passen würde, wollte sie auch wissen. Ich überlegte. Am Ende dann doch wohl die Rose, für Schleierkraut bin ich nicht schüchtern genug. Und etwas glänzen tue ich ja auch ganz gerne. Ich musste an meinen Brautstrauß aus erster Ehe denken, den ich nicht geworfen hatte, weil wir sehr klein geheiratet hatten. Am Ende war er geschimmelt. Seitdem bin ich kein Fan von Trockenblumen.

„Aber das Tolle ist: Die Blumen sind nicht kaputt, sie haben nur eine andere Form angenommen. Du könntest sie trocknen, du könntest sie auch auf den Kompost werfen und dann werden sie zu Erde, aus der neue Blumen wachsen. Es ist nichts verloren, denn alles ist ein Kreislauf. Und vielleicht gilt das auch für andere Dinge im Leben: Was, wenn du dich mal nicht kümmerst? Was passiert dann? Wenn du etwas stehen lässt, bis du Zeit hast, was passiert dann? Mal davon abgesehen: Verwelkt wären sie ja sowieso. Sind ja schon tot, wenn man sie abschneidet.“ 

Ich muss kurz an mein Grundschulkind denken und wie wir uns durch Hausaufgaben und Klassenarbeiten quälen und frage mich, was wäre, wenn wir die Schule mal links liegen lassen würden, bis wir Zeit haben? Gerade steht eine Mathearbeit an und obwohl ich nicht mit ihr lerne, sondern meine Teenietochter, bin ich mitgestresst und fühle den Druck. Wir alle. Was, wenn wir mal nicht mitspielen würden? Andererseits stellt man genau jetzt die Weichen in der dritten, vierten Klasse für die gesamte Zukunft. Deshalb beutelt es mich ja auch so.

„Und die Blumen können auch für etwas anderes stehen. Sie sind nicht nur schön, man muss sich auch drum kümmern. Denken wir. Oft kommen aber die Dinge, die man wirklich braucht, zu einem. Manchmal kann man auch einfach nichts tun, Kontrolle abgeben, die Dinge laufen lassen und vertrauen, dass es schon gut wird. Wir glauben oft, dass wir ganz viele Sachen machen müssen. Ist das wirklich so?“ Ich denke nach und fühle mich ertappt. Mich verfolgt ohnehin ein ewig schlechtes Gewissen, das eigentlich auf nichts fußt. Kommt mein Kind jetzt morgen nach Hause und Mathe lief nicht, ist das einfach Pech. Denn geübt haben wir ja. Wer hat trotzdem ein schlechtes Gewissen? Ich! Und das ist falsch. Väter hätten keins. Die haken es ab. Muss ich lernen.

Anny grätscht rein und sagt: „Und was das Elternsein angeht, habe ich für mich den Satz entwickelt: Ich kann mich so sehr anstrengen, wie ich will, ich werde Fehler machen. Das muss ich akzeptieren. Ich kann nur das Beste geben. Wir sind immer für sie da, wenn sie uns brauchen.“ Es klingt so einfach und klar.

Und so kommen wir vom Elternsein und dem schlechten Gewissen zum Elternabend des Grauens, von dem ich erzähle. Der war nämlich gestern, alle Mütter hatten sich vorgenommen, Tacheles zu reden und am Ende war ich die Einzige, die so richtig den Mund aufgemacht hat und dass ich mich darüber ärgerte, dass mir nur eine Mutter etwas beistand, denn eigentlich bin ich nicht der Typ, der Alarm macht am Elternabend. In dem Fall war es aber auch einfach zu viel Unterrichtsausfall, der mit Schulhofspielen und zu wenig Lehrplan kompensiert worden war. Anny sieht das völlig anders: „Du hast für dich eingestanden. Damit hast du etwas in der Welt und den anderen bewegt. Vielleicht auch erst danach. Vielleicht dachten die alle: Ich wünschte, ich hätte so viel Power, so viele Ideen, könnte diese Energie in den Raum bringen.“

Irgendwann höre ich mich noch sagen, dass das Leben manchmal schneller ist als die Seele. Ich bin noch gar nicht bereit, Mutter von großen Kindern zu sein. Die Vierziger fordern sehr viel mehr von einem ab als die Dreißiger. Große Kinder, dazu kleine Kinder, die groß werden, und die Perimenopause on top finde ich schon echt viel. Dazu noch der übliche Alltagswahnsinn. Und vielleicht ist genau das der Punkt: Gemeinsam Perspektiven austauschen, Impulse geben, merken, dass die neue Generation andere Ideen und Sichtweisen hat. Dass man sogar von seinen Kindern lernen kann. Und dass man sich vielleicht eben doch nicht um jeden Blumenstrauß kümmern muss. Nicht alles und jeden retten und nicht auf alles eine Antwort haben muss. Vielleicht reicht es manchmal auch einfach, die Dinge anzuschauen, sie ein bisschen verwelken zu lassen und darauf zu vertrauen, dass trotzdem nichts verloren geht.

Auch Interesse an remote Gartentherapie? Dann bitte hier Anny kontaktieren:

Instagram: @SailingGarden


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Tópico MINDSET & PERSPEKTIVE

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