BILDBAND-KRITIK (Abre numa nova janela)
Ist es ein Streit oder doch nur die Frage nach der persönlich geschätzten Methode? Analog oder digital? Wählscheibe oder Smartphone, VHS oder Stream, ...? Nein, wir denken gerade an Fotografie und sehen uns hier und da erstaunt, wenn die eine oder andere Methode verteufelt wird. Richard Kranzin etwa macht Analogfotografie zu einer besonderen Erfahrung, Daniel Harders lässt seine Fotografien rau, liebevoll, authentisch und nie selbstgefällig erscheinen und wie wohl Hervé Guibert heutzutage arbeiten würde, ist eine aufreizende Was-Wäre-Wenn-Frage.

Der mit analogen Verfahren vertraute Todd Paris hingegen schwört nicht zuletzt auf (reichlich) digitale Nachbearbeitung. Echauffiert sich dabei im Artist's Statement seines ersten Fotobandes DAY DREAMING – Visions of Youth and Beauty gar über den von ihm ausgemachten Trend, „Bildern einen rauen, unfertigen, scheinbar unbearbeiteten Look zu geben.“ Das irritiert ein wenig. Sollen Fotograf*innen ihre Bilder und Akt-Models doch inszenieren, wie es für alle Seiten stimmig scheint.
Wir nennen das Individualität, Vielseitigkeit und vor allem Freiheit der Kunst. Etwas, das Paris selber an anderer Stelle beschwört, schließlich könne mensch „angesichts der gegenwärtig tobenden Kulturkämpfe [...] nur hoffen, dass uns kein neues dunkles Zeitalter bevorsteht“, in dem „alles Fleisch sündhaft ist“ und der menschliche „Körper in seiner Nacktheit“ ganz wie im Mittelalter erneut „aus dem Kulturleben verbannt“ würde.

Nun hoffen wir einfach mal, dass es selbst in der u. a. von Giuliano Da Empoli ausgerufenen „Stunde der Raubtiere“ nicht so schnell so weit kommt. Wenn eine gewisse Autoritäts-Hörigkeit und Vorsicht nicht nur bei der Darstellung von Nacktheit, sondern auch sexueller Identität und Freiheit merklich ist, etwa wenn Netflix sich nun doch entscheidet, die feine Serie BOOTS nicht fortzusetzen. Doch wollen wir uns nun wenigstens kurz der veröffentlichten und somit im Grunde öffentlichen Inszenierung nackter, in diesem Falle junger männlicher Körper (Abre numa nova janela) zuwenden.

Dem im Sommer 2025 bei Salzgeber Buchverlage (gut sitzender Claim: „Art Books for Adults“) erschienenen Band ist die Liebe zum verfeinerten Detail ebenso anzumerken wie die Entschlossenheit, das (natürlich) Schöne mit dem Inszenierten und Komponierten zu verbinden:
„Mir ging es immer darum, meine Models bestmöglich in Szene zu setzen, alles soll kunstvoll sein und kunstvoll wirken – und keine falsche Natürlichkeit vorspiegeln. Ich arbeite meist in Farbe, weil ich es liebe, Filter zu mischen, mit vielfarbigem Licht zu malen, und verwende dunkle Hintergründe (und zuweilen Nebel), weil sich dadurch noch intensivere Farbwirkungen einstellen. Die Bilder werden bewegter, dramatischer – und damit sollte klar sein, welches Fach ich tatsächlich studiert habe.“

Die Mischung der Fotografien, die teils wahrlich wie fabulierende Fantasien wirken, kann sich im Sinne ihrer Vielseitigkeit, was Models und teils Posen wie Gesten angeht, absolut sehen lassen. Todd Paris setzt nicht auf den einen Typ Mann, nicht auf die eine ethnische Gruppe, nicht auf das eine Alleinstellungsmerkmal. Das dürften viele Betrachter*innen zu schätzen wissen, ist die Einseitigkeit mancher Fotografen bei aller Sexyness doch irgendwann ernsthaft erschöpfend.

Wir sehen herausfordernde junge Männer, Träumer und echte Poser. Glitter und Funkeln (die Kontaktlinsen und/oder nachbearbeiteten Augen nerven hingegen ein wenig), Fuck-Off-Attitude und anschmiegsame Boys oder einen „High Judge“ der eher wie ein „High Priest“ wirkt. „Adoration“ hält eine*n gefangen, die „Curls“ sind so anziehend wie „24 Carat“ Versprechen und Verführung eint. Brother Nature ist pure Kunst. Alex, Camden, Chance, Eric und Holden scheinen nicht nur dem Namen nach direkt aus einer der 2000/10er MTV-/CW-Serien wie Teen Wolf, Gossip Girl und Co. entsprungen. [Es ergibt Sinn, sind die Fotos doch zwischen 2014 und 2025 entstanden.]

Ein Model bleibt auch durch eigentümliche Beinbehaarung in Erinnerung, ein anderes dadurch, auf jedem Foto wie ein komplett anderer Mensch auszusehen. Einen kurzen, kalten Schauer jagte mir „Rub a Dub“ den Rücken hinunter: Das Bild ist creepy, wirkt deplatziert und ich mag gar nicht all die möglichen Assoziationen benennen. Dann lieber doch eine andere Art Schwamm (Abre numa nova janela).

Dass bei all der ausgefeilten Künstlichkeit (Abre numa nova janela) (wir denken hier und da gar an eine Art Bidgood-DREAMLANDS-Hommage, mehr dazu in Kürze) eine sehr ansprechende Fotografie ausgerechnet „Raw“ heißt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Was insofern fein ist, als dass (schwule Foto-)Kunst, die sich allzu ernst nimmt und jedes Augenzwinkern vermissen lässt, ohnehin ermüdend wirkt. Allerdings scheint Paris, so entnehmen wir es seinem zitierten Artist's Statement, seine Arbeit nicht nur ernst zu nehmen, sondern gar als eine Art gesellschaftlichen Auftrag mit Verantwortung, nicht nur gegenüber den Models, zu verstehen.

Nun müssen wir nicht alles ins Politische ziehen (...) und können uns genauso gut einfach diverser sehr feiner (runder) Ärsche, powerhafter Point of Views, schöner „Scham“behaarungen, sehr unterschiedlicher, teils großer Schwänze an mitunter sehr schmalen Körpern erfreuen und die Lust am Entdecken entdecken. Denn ganz persönlich sei gesagt, dass einige der abgelichteten Kerle definitiv nicht zu jenen gehören, denen ich nachschauen würde. Doch hier ist beinahe jedes Bild ein Hingucker. Wenn auch selten ein real greifbarer.
JW
PS: „Luckily“ mit „[F]reundlicherweise“ statt „[G]lücklicherweise“ zu übersetzen, scheint mir vor allem im Kontext der Akzeptanz von abgebildeter Nacktheit eine etwas eigenwillige Entscheidung.

PPS: Ja, es werden noch Bilder ohne Rosa Punkt eingearbeitet. Freut euch auf den Januar!
IN EIGENER SACHE: Da unser reguläres Online-Magazin noch immer nicht wieder am Start ist, veröffentlichen wir vorerst hier. Mehr dazu lest ihr in unserem Instagram-Post (Abre numa nova janela) oder auf Facebook (Abre numa nova janela). Außerdem freuen wir uns immer, wenn ihr uns einen Kaffee spendieren wollt (Abre numa nova janela), durch unseren Merch stöbert (Abre numa nova janela) oder uns direkt via PayPal (Mail: info_at_thelittlequeerreview.de) unterstützen mögt.

Todd Paris: DAY DREAMING – Visions of Youth and Beauty (Abre numa nova janela); August 2025; Design: Björn Koll, Wolfgang Schüler, Johann Peter Werth; 160 Seiten, 103 Fotografien, Papier: MultiArt Silk; Format: 24,0 × 32,0 cm; ISBN: 978-3-95985-714-7; Salzgeber Buchverlage; 59,00 €
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/656be43c-e075-49ad-a0e5-39187a603b94 (Abre numa nova janela)