FILM-KRITIK (Abre numa nova janela)
Im Schuh und jüngst im Kanu des Manitu sind wir einem der denkwürdigsten Brüderpaare begegnet, das die deutsche Comedy-Szene hervorgebracht hat (Abre numa nova janela): Abahachi und Winnetouch, verkörpert vom Urgestein Michael „Bully“ Herbig. Ein weiteres Urgestein ist Christoph Maria Herbst, der uns als liebevoller Bösewicht nicht nur aus Stromberg bekannt ist, sondern auch etwa aus Sönke Wortmanns Namens-Trilogie.
Herbst brilliert in den Rollen, in denen er als böser, hintertriebener, oftmals raffgieriger Opportunist auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist und dabei sein Umfeld und seine Position gnadenlos ausnutzt – bis am Ende doch ein guter, weicher Kern hervortritt. Hier stellt sich die Frage: Hat der Mann nicht langsam genug davon, immer dieselbe Rolle mit leichten Anpassungen zu spielen? Irgendwann wird das doch bestimmt öde. Oder spielt der Mensch hier doch, was er am besten kann und kennt?!

Sei's drum, diese Rolle verkörpert Herbst in der neuen Komödie Ganzer halber Bruder von Hanno Ollerdissen (Regie) und Clemente Fernandez-Gil (Drehbuch) in der Person des Immobilienmaklers Thomas Bellmann. Dieser kommt direkt zu Beginn des Films auf Bewährung aus dem Gefängnis und wird mit der Nachricht konfrontiert, dass seine Mutter ihm ein Haus geschenkt hat. Moment – seine Mutter? Das kann nicht sein, denn Thomas ist ein Heimkind, wurde von seiner Mutter noch als Baby weggegeben. Wieso sollte eine fremde Frau mit in Teilen identischen Genen ihm nun, mehr als 50 Jahre später, auf einmal ein Haus überschreiben?
Die Antwort heißt nicht Schuldgefühl, sondern Roland (Nicolas Randel). Roland nämlich ist Thomas' Halbbruder und genießt laut mütterlicher Verfügung lebenslanges Wohnrecht. Außerdem hat Roland Trisomie-21, also das Down-Syndrom, ist somit auf fremde Hilfe angewiesen. Das Sozialamt möchte ihn laut seiner Betreuerin Yeşim (Sesede Terziyan) in ein Heim einweisen und Thomas käme das gelegen.

Er braucht nämlich Geld und dazu ließe sich das große Haus machen – nur eben ohne Bewohner. Auf mehr oder weniger perfide Art und Weise manipuliert er also Roland, damit die bürokratische Ordnung in diesem Land auch durchgesetzt wird. Allerdings – und wenig überraschend – nähern sich die beiden anfangs spinnefeinden Halbbrüder mit der Zeit einander doch mehr und mehr an.
Filme wie Ganzer halber Bruder haben immer einige Klippen zu umschiffen. Erstens ist es stets eine Herausforderung, Menschen und vor allem Rollen mit Behinderung so zu zeigen, dass daraus kein Moment-Mitleid erwächst oder schlicht Voyeurismus betrieben wird. Diese Klippe umschiffen Ollerdissen und Team allerdings effizient, wozu auch die starke Leistung von Nicolas Randel einen wesentlichen Beitrag leistet.

Zweitens – und dazu siehe die ersten Abschnitte – gerade die Konstellation mit einem liebevollen Antagonisten ist wohlbekannt (Abre numa nova janela) und Christoph Maria Herbst als netter Fiesling natürlich eine Bank. Die Frage ist allerdings, wie dann die Geschichte glaubwürdig erzählt wird und vor allem der Wandel vom Saulus zum Paulus vonstattengeht. Das ist an dieser Stelle leider trotz aller Empathie nur bedingt gelungen. Trotz der teils langatmigen Laufzeit von rund 100 Minuten kommen viele Lerneffekte und Charakterentwicklungen (Abre numa nova janela) doch irgendwie sehr abrupt. Hier hätten manche Entwicklungen etwas geschmeidiger erzählt werden können, teils vielleicht einfach dadurch, dass ein nachdenkender Thomas für ein paar Sekunden eingeschnitten wird.
Drittens: Thomas. Ja, die Annäherung von Thomas und Roland ist die Hauptgeschichte dieses Films, aber es wird am Ende doch nur eine Perspektive erzählt, nämlich die, wie der böse Thomas den vermeintlich hilfsbedürftigen Bruder mit Behinderung kennen und verstehen lernt. Das ist prinzipiell in Ordnung, Roland wird dadurch allerdings in gewisser Weise paternalisiert.

Die Story, die an dieser Stelle größtenteils fehlt, ist die von Thomas. Nur holzschnittartig wird angerissen, welches Leben der verstoßene Junge führte (Abre numa nova janela). Die Frage, wie es ihm nun geht, da er gegen Ende ihres Lebens mit einer alten Frau konfrontiert ist, die ihn einst gebar, wird kaum behandelt. Hätten die Macher*innen das getan, hätten wir noch mehr über den verletzlichen Thomas gelernt und vielleicht sogar das oben unter Punkt zwei angesprochene Problem etwas abgemildert.
So wird uns das – ebenso wie der nötige, aber einigermaßen abstruse Nebenhandlungsstrang um den korrupten Bewährungshelfer Giesser (herrlich schmierig: Michael Ostrowski) und den Hauskäufer – wie ein 115-Kilo-Gewicht vor die Füße geworfen und eine wichtige Charaktererzählung einfach ignoriert. Schade.
https://www.youtube.com/watch?v=XrNFP_WIBUg (Abre numa nova janela)Die Geschichte, die Ganzer halber Bruder erzählt, ist zwar einigermaßen einfühlsam und gerade was die Erzählung einer Geschichte einer Person mit Behinderung betrifft durchaus gut gelungen. Am Ende ist der Film jedoch fast holzschnittartig, austauschbar und wird den vermutlich selbst gesteckten Ansprüchen nicht ganz gerecht.
HMS
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GANZER HALBER BRUDER startete am 18. September 2025 im Kino; Laufzeit ca.: 102 Minuten; FSK: 12; der Film ist seit Anfang 2026 fürs Home Entertainment als DVD und BluRay sowie als VoD/Download verfügbar.