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NUR IN BERLIN – LÜGEN WIE GEDRUCKT

TV-KRITIK (Abre numa nova janela)

Nachdem der Tatort der vergangenen Woche im Alten Land madig war (Abre numa nova janela), geht es an diesem Sonntag in dem teils Neuen Land Berlin wieder etwas bewusster und weniger ego-bezogen zu (Abre numa nova janela). In Erika Mustermann (rbb-Redaktion: Verena Veihl, Degeto-Redaktion: Birgit Titze) bekommen es die Kriminalhauptkommissar*innen Susanne Bonard (Corinna Harfouch) und Robert Karow (Mark Waschke) mit Fahrrad-Lieferdiensten, der Bundesdruckerei und sehr speziellen Arbeitsbedingungen zu tun. Sowie Mord und Lügen, aber die sind ja Tatort-Inventar... (Abre numa nova janela)

„'Einfach leben. Einfach leben - wie ihr!“ – presst einmal einer der venezolanischen Fahrradkuriere über seine Lippen. Ja, wir sehen sie natürlich im Stadtbild, all diese Biker. Aber man sieht ja kaum hin, sie bewegen sich wie Schatten, schnell, verletzlich, manchmal kaum wahrnehmbar. Studenten sind darunter, aber eben auch Menschen, die hierherkommen in der Hoffnung auf ein besseres Leben, die selbst hier weiter unter prekären Bedingungen leben und versuchen, sich teils ohne legale Absicherung durchzuschlagen. Die Recherche und die Begegnung mit den venezolanischen Schauspielern haben bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Wie sich ihre persönliche Verletzlichkeit mit der Härte einer Großstadt verbindet – wie sie jeden Tag neu bestehen müssen – das verändert auch heute noch jeden Tag meinen Blick auf die 'Fixie-Rider'“ - Tatort: Erika Mustermann-Regisseur Torsten C. Fischer

Was diesen Sonntagskrimi, den Teile von uns zur Premiere im Delphi Filmpalast sehen konnten, vom in Berlin lebenden Regisseur Torsten C. Fischer, der doch primär für (sehr starke) Tatorte aus Köln (etwa den kommenden mit dem Titel Die Schöpfung) und Dortmund verantwortlich zeichnet, ausmacht, ist, dass er in der Tat so wohl wirklich nur in Berlin spielen kann. Das fängt schon einmal damit an, dass „freiberufliche/selbstständige“ Fahrrad-Lieferanten nicht nur nicht mehr aus unserem Stadtbild wegzudenken zu sein scheinen, sondern wir eben jene sind, die sie als selbstverständlich sehen, ohne den Wert ihrer Arbeit zu würdigen. Oft erleichtern sie uns das Leben, helfen uns in der eigenen Bequemlichkeit und werden doch unter ferner fuhren wie Maschinen behandelt. Wir kaufen uns mit unserem Einkommen Teile ihrer Zeit und bedienen also die Maschinen, meinen wir. Dann schauen wir betroffen, wenn sie verunfallen, doch: Sie fahren ja auch so rasant! Wir ärgern uns mit ihnen, wenn die prekären Arbeitsverhältnisse, Wegfall von Arbeitsplätzen oder Streiks im rbb, der Tagesschau oder bei n-tv thematisiert werden, ein gefühliger Leitartikel in einer (über)regionalen Tageszeitung erscheint. Derweil wir unsere gelieferte Three-Healthy-Gods-Bowl für 27 Euro essen und dazu den Fine-White-Wine-Zero zu 11,50 Euro die 0,375-Liter-Flasche trinken.

https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/ed8256be-0ac1-4861-8ed2-e51210920f66 (Abre numa nova janela)

Dass viele der Fahrer*innen nicht nur prekär arbeiten, sondern im Grunde kaum eine andere Option als Jobs dieser Art haben, die sich irgendwo im Graubereich bewegen und nicht selten untereinander aufgeteilt werden, da ihr Aufenthaltsstatus nicht geklärt ist oder sie bspw. als Wirtschaftsflüchtlinge keine Chance auf ein Aufenthaltsrecht in Deutschland haben, thematisiert auch das Drehbuch von Dagmar Gabler (zuletzt die zwei besonderen München-Tatorte Charlie und Hackl) gemeinsam mit Josefine Scheffler und Thomas André Szabó im Writer's Room. In einer Berliner Seitenstraße (so Höhe ehemaliger Busche, U Warschauer Straße) wird ein junger Lieferdienst-Fahrradfahrer von einem Auto überfahren. Der Verkehrsunfall entpuppt sich schnell als Mord. Susanne Bonard und Robert Karow suchen im Umfeld des Opfers nach Hinweisen: Der Tote Tomás Rey kam aus Venezuela und wohnte mit seinem Bruder Luís (Henry Morales) und einem Freund, Gabriel Rosales (Alberto Wolf), in einer wenig wohnlichen WG. Alle drei hatten keine gültigen Aufenthaltspapiere, lebten und arbeiteten unter falschem Namen in Berlin für den Lieferdienst „Cheetahs“ (toller Name!), nachdem Tomás eine Niere geopfert hatte, um das Geld für die Reise zusammenzubekommen.

Susanne Bonard (Corinna Harfouch, mitte) Robert Karow (Mark Waschke, li) suchen den Lieferdienst auf, für den der Tote als Fahrradkurier gearbeitet hat und treffen als erstes auf Mitarbeiterin Inke Traut (Leonie Krieg, re).

© rbb/Schiwago/Hardy Spitz
Susanne Bonard (Corinna Harfouch, mitte) Robert Karow (Mark Waschke, li) suchen den Lieferdienst auf, für den der Tote als Fahrradkurier gearbeitet hat und treffen als erstes auf Mitarbeiterin Inke Traut (Leonie Krieg, re) // © rbb/Schiwago/Hardy Spitz

Auf die Bundesdruckerei stoßen die Ermittelnden, da das Opfer ein Verhältnis mit der Sicherheitsmitarbeiterin Annika Haupt (stark: Annett Sawallisch) hatte. Sie vermuten einen Zusammenhang. Allerdings fehlt in der Bundesdruckerei nichts, wie Security-Chef Friedrich Richter (Andreas Schröders, Tatort: Dunkelheit) versichert. Zudem: Die strengen und protokollierten Sicherheitsvorkehrungen machen jeglichen Diebstahl unmöglich. Jedenfalls scheint es so. Doch nicht mit Bonard und Karow! Die schlauen Suppen-Füchs*innen wissen genau, wenn es etwas aufzudecken gibt.

„Das Thema Migration, gerade aufgrund der Schlupflöcher unseres Rechtssystems, ist durch die Verschärfung des Asylrechts in Deutschland zurzeit ein neuralgisches Thema. Ebenso neuralgisch wie die Anfälligkeit unserer immer digitaler werdenden Sicherheitssysteme gegenüber viralen Angriffen. Uns war also klar, dass wir bei der Herstellung möglichst realistischer Kulissen für unsere völlig frei erfundene Handlung in jeder Hinsicht sensibel agieren müssen: ethisch, authentisch und wirtschaftlich.“ - Produzent Martin Lehwald

Das Überraschende an dem so zeitgemäßen wie wohl zeitlosen Fall ist, dass er im Kern gar nicht so überraschend ist. Kleiner Spoiler, der so gut zu Wirtschafts- wie Umweltverbrechen passt: Hilflose Menschen, die womöglich vor Krieg und Kriminalität aus ihrer „alten Heimat“ geflohen sind, werden im „neuen Land“ zu Arbeit gezwungen, nicht selten selber in mindestens semi-kriminelle Unternehmungen gedrängt, immer mit dem Versprechen einer besseren Zukunft, Freiheit, Geld für die Familie. Organisiert, nun, vom organisierten Verbrechen, ominösen Strippenzieher*innen und mitgestaltet und begleitet von korrupten Kolleg*innen, genutzt von Opportunist*innen und verschwiegen von ängstlichen Mitläufer*innen.

Susanne Bonard (Corinna Harfouch, mitte) und Robert Karow (Mark Waschke, li) befragen Annika Haupt (Annett Sawallisch, re), die Geliebte des Toten // © rbb/Schiwago/Hardy Spitz
Susanne Bonard (Corinna Harfouch, mitte) und Robert Karow (Mark Waschke, li) befragen Annika Haupt (Annett Sawallisch, re), die Geliebte des Toten // © rbb/Schiwago/Hardy Spitz

Schweigen oder der Gedanke, doch irgendwie das Richtige zu tun, sind auch in diesem Krimi für manche Antrieb und für Bonard und Karow mitunter die schwierigsten Gegner. Dafür gehen die beiden erstaunlich zurückhaltend und freundlich mit vielen und vor allem miteinander um. Andererseits sind sie mittlerweile recht „dicke“ miteinander, vor allem wohl nach den Ereignissen aus Vier Leben. Dass beide nicht unsensibel sind, ist ohnehin bekannt. Genauso wie bekannt ist, dass „wir“ bei Wirtschaftsflüchtlingen immer an Steuerflüchtige in spe denken. Nein, nein, es geht dabei nicht wirklich um west-/nordeuropäische Menschen, die Schlupflöcher ausnutzen und auf der Yacht eines „Freundes“ Ruinart schlürfen. Sondern solche, die in Venezuela mit einer Staatsverschuldung von etwa im Jahr 2024 auf 164,3 % zu leben hatten. Das ist die vierthöchste der Welt!

Susanne Bonard (Corinna Harfouch, re) kann den Fahrradkurier Nil Kumara (Ajay Paul, li), der den Toten kannte, dazu bringen, mit ihr zu sprechen // © rbb/Schiwago/Hardy Spitz
Susanne Bonard (Corinna Harfouch, re) kann den Fahrradkurier Nil Kumara (Ajay Paul, li), der den Toten kannte, dazu bringen, mit ihr zu sprechen // © rbb/Schiwago/Hardy Spitz

Neben allem Menschlichen, das Erika Mustermann erzählt, kommen auch die Spannung, manch ein Trick aus dem Ärmel – vor allem dank Dr. rer. nat. Carsten Goth (Ben Hartmann), von allen nur „Gott“ genannt, dem IT-Spezialisten im LKA – sowie die Faszination für die abgeschottete Welt der Bundesdruckerei nicht zu kurz. In dem Gebäude dieses undurchdringbaren Hochsicherheitsapparats (Hey, Franz K. (Abre numa nova janela)!) darf natürlich nicht gedreht werden, doch Produzent Martin Lehwald sowie Bildgestalterin Julia Daschner und deren Teams durften einige der Spielszenen vor der Bundesdruckerei drehen. Eine große Aufgabe blieb es für das Szenenbild-Department laut Lehwald bis zum Schluss „die Innenräume der Bundesdruckerei fiktional nachzuempfinden, die möglichst realistisch aussehen sollten, denn natürlich durften wir keine aktuellen Sicherheitstechniken sehen oder verwenden.“

https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/b8ea5b34-d68b-41eb-acfa-2d3d9a848fc8 (Abre numa nova janela)

Nah an der Realität wirkt dieser sonst doch total fiktionale Tatort in jedem Fall. Dabei unterhält und wirkt er vor allem nicht wie ein Mitleid heischendes Stück, das am Ende entweder nur einen Messias-Komplex bedient oder uns derb manipulieren soll. Er passt in seiner geschmeidigen Härte, sensiblen Offenheit und kargen Differenziertheit sehr gut in diese Reihe – und unsere Stadt.

AS/HMS

PS: Erika Mustermann ist die fünfte von insgesamt sechs Tatort-Episoden mit Corinna Harfouch als Susanne Bonard. Schauen wir doch mal, wie ihr Abschied gestaltet wird (bitte, bitte nicht schon wieder ein Ermittlerinnen-Tod!) oder ob sie doch noch bleibt. Was also wird mit Berlin, Karow und Co.? Wir werden sehen.

PPS: Schauspieler Henry Morales stammt aus Venezuela und Alberto Wolf aus Mexiko - dies als kleine Anmerkung zum Zitat von Torsten C. Fischer bzgl. der “Begegnung mit den venezolanischen Schauspielern”.

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Am Set vom TATORT: ERIKA MUSTERMANN (v. li. n. re.): Regisseur Torsten C. Fischer, Corinna Harfouch, Mark Waschke, Kamerafrau Julia Daschner, Produzent Martin Lehwald // © rbb/Hardy Spitz
Am Set vom TATORT: ERIKA MUSTERMANN (v. li. n. re.): Regisseur Torsten C. Fischer, Corinna Harfouch, Mark Waschke, Kamerafrau Julia Daschner, Produzent Martin Lehwald // © rbb/Hardy Spitz

Das Erste zeigt den Tatort: Erika Mustermann am Sonntag, 2. November 2025, um 20:15 Uhr, one um 21:45 Uhr; anschließend ist der Film für zwölf Monate in der ARD-Mediathek verfügbar.

https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/63d95b20-7e84-4955-88ca-b953f36ad983 (Abre numa nova janela)
Tópico Film & Serie

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