
Da es für mich ein erstaunlich persönliches Ereignis war, möchte ich es auch persönlich schildern. Denn was Admiral Hagari sagte, hatte eine überraschende Nähe zu meiner Tätigkeit.
Ich durfte einen kurzen Blick auf die andere Seite der Medaille werfen.
Um es gleich vorweg zu nehmen: es war gar kein persönliches Treffen von mir und Hagari. Hagari hat Vorträge in handverlesenem Kreis in Deutschland gehalten, wozu ich eingeladen war.
Aber ein bisschen geheim war es schon. Wegen der Sicherheit.
Der Titel ist auch kein Clickbait. Diejenigen, die U.M. lesen, werden es so oder so lesen. Viele bekommen es per Mail. Und viele Israelis und jüdische Deutsche auch. Für viele ist Hagari ein Held. Ich finde den Gedanken nur sehr lustig, dass diejenigen, die mich u.a. als „Hasbara-Opfer“ bezeichnen, schon bei der Überschrift an die Decke gehen, ohne zu lesen.
Spiel auf, Kapelle: tanzt meine Puppen, tanzt.
Fangen wir am Anfang an.
Der Hintergrund
Ich habe bereits seit längerer Zeit netten und inzwischen freundschaftlichen Kontakt zu Keren Hayesod. Zu seinem Bevollmächtigten, der die Leitung hier in Deutschland übernommen hat.
Nach Erlaubnis und langem Abwägen habe ich mich aus Sicherheitsgründen entschlossen, den Namen doch nicht zu veröffentlichen.
Dass ich paranoid bin, bedeutet nicht, dass keiner hinter mir her ist. Vermutlich nachrichtendienstlich vorgeschädigt.
Auf Wikipedia heißt es, Keren Hayesod sammele Spenden für Israel. Was ja irgendwie stimmt. Aber zu kurz gesprungen und uncharmant ist.
„Keren“ bedeutet so viel wie Fonds, „Hayesod“ ist die Grundlage oder das Fundament. Meist wird es mit „Gründungsfonds“ übersetzt.
Keren Hayesod wurde bereits 1956 durch ein Gesetz der Knesset, des israelischen Parlamentes, gegründet. Begründet wurde es schon 1920.
Es ist aber keine staatliche Organisation, in Deutschland ist er als „Keren Hayesod – Vereinigte Israel Aktion e.V.“ sogar als gemeinnützig anerkannt.
Die Grundidee war es, Juden weltweit eine Übersiedlung oder Flucht nach Israel zu ermöglichen. Denn was gerne vergessen wird: etwa 800.000 Jüdinnen und Juden wurden aus den muslimischen Staaten vertrieben. Und der kleine, junge Staat Israel musste sie irgendwie aufnehmen.
Inzwischen macht Keren Hayesod aber viel mehr. Er arbeitet über Projekte.
Beispielsweise hat er den Opfern des 10/7 innerhalb von 48 Stunden eine Soforthilfe von über 1000 Euro angeboten. Später mehr, damit die Familien zumindest irgendwie irgendwo unterkommen konnten. Keren Hayesod unterstützt Überlebende des Holocaust, Terroropfer, bietet Jugendlichen Therapien an, unterhält Jugenddörfer und vieles mehr.
Kurz nachdem wir Kontakt hatten, hat Keren Hayesod ein neues Projekt namens Shavim ins Leben gerufen. Das war aber eher ein „Ach hömma“ in einem Telefonat, als dass ich darüber informiert worden wäre.
Shavim bietet ehemaligen Wehrpflichtigen therapeutische Hilfe an, die traumatisiert sind.
Ich bin kein Aktivist und will keiner sein. Aber Shavim ist wie für mich gemacht. Wir haben auch schon einmal Geld eingesammelt (Wombat Army), was innerhalb weniger Tage zumindest einen Therapieplatz gesichert hat. Nur eine spontane Idee.

Aber bevor jetzt jemand seine Geldbörse zücken will: Bitte abwarten! Dazu kommt noch etwas. Inzwischen habe ich eine Art Patenschaft in Deutschland für das Projekt übernommen. Ich will etwas machen.
Ja, das geht wunderbar auch wenn man die derzeitige Regierung Israels ablehnt. Denn man stellt soziale Arbeit auch nicht ein, wenn einem die Regierung in Deutschland nicht passt.
Ich schreibe es sogar in einen Artikel, den die Leute von Keren Hayesod sicher lesen werden, Potzblitz.
Hier soll es um die Vorträge von Hagari gehen. Dieser Hintergrund dient nur der Transparenz.
Admiral Daniel Hagari
Irgendwann bekam ich die Information, dass Daniel „Dani“ Hagari in Deutschland sein würde.
Und dass er Vorträge halten würde, im kleinen Kreis.
Und dass ich gerne kommen könnte.
Und natürlich war ich sofort interessiert.
Das war zwar lange geplant. Mit dem beginnenden Krieg gegen den Iran aber nur möglich, weil Hagari sich eher zufällig außerhalb Israels aufhielt. Familienurlaub nach der Ablösung, ich glaube ich habe etwas von Finnland gehört.
Klar. Wäre ich in einer Wüste am Mittelmeer groß geworden, würde Finnland mich auch reizen. Schnee, Lappen, Horizont… Logisch.
Admiral Hagari stammt aus einem teilweise deutschen Elternhaus. Ich glaube die Mutter sprach mit der Großmutter immer deutsch, was er nebenbei erwähnte. Er spricht es selber aber nicht so gut.
Als ich ihm vorgestellt wurde, fragte er aber, woher ich komme. Seine Familie stammt ursprünglich aus Berlin.
1995 ging er zu den IDF (Israel Defense Forces) und wurde bei der Schajetet 13, den israelischen Kampfschwimmern, angenommen. Er machte nebenbei auch einen Bachelor in Philosophie und einen Master in Diplomatie.
Seine militärischen Stationen wären hier zu viel, letztendlich wurde er Kommandeur der Schajetet 13.

Mein Kontakt bezeichnete es als die zweit-gefährlichste Einheit Israels. Ich habe gefragt, was die gefährlichste sei. Er sagte Sajeret Matkal. Als ehemaliger Marinemann habe ich das mal so stehen lassen.
Dieser Narr.
Im Januar 2023 wurde Herzi Halevi neuer Generalstabschef der IDF. Und der rief dann Hagari an, er wollte ihn als Pressesprecher haben. Weil er jemanden brauchte, dem die Leute vertrauen.

Natürlich sind mir die Anfeindungen gegen Hagari aus Social Media bekannt. Und hier traf sich dann, was ich auch immer wieder versuche zu erklären. Wenn ich Hagaris Ausführungen vorwegnehmen darf.
Man wollte ja nicht jemanden, dem die Welt glaubt. Sondern dem Israelis vertrauen. Und das haben sie.
Das ist es, was ich immer wieder versuche zu erklären: Wenn Trump, Putin oder Netanjahu etwas äußern, greift die Weltpresse es auf. Aber adressiert ist es fast immer nur an die eigenen Leute. (Weshalb ich auch nur rückwirkend erfahre, wenn Trump mal wieder etwas gefaselt hat.)
Zu einiger Bekanntheit hat es auch Arye Sharuz Shalicar gebracht, der ehemalige deutsche Pressesprecher der IDF. Der inzwischen auch ein Buch veröffentlicht hat.
Denn nicht nur, dass die IDF für viele Sprachen einen eigenen Pressesprecher (und X Account) haben. (Persisch, Arabisch, Deutsch, Englisch, etc.) Die Einheit, die Hagari nun leiten sollte, umfasst 650 Soldaten. Vor allem Soldatinnen.
Mehr als das Bataillon meiner Grundausbildung. Zuständig u.a. auch für alle Pressebilder.
Die Rundreise
Am 25.03.2026 postete ich ein Foto der Zug-Anzeige am Bahnhof. Es ging los.
Faszinierend, wie viele direkt glaubten, das gäbe irgendeine Information wieder. Offenbar vergessend, dass da mehrere Züge standen, die ja zwischendurch auch noch hielten. (Und dass ich mir den Hut nicht mit dem Hammer aufziehe.)
Grob Richtung Norden war klar, aber… Na ja, für die geposteten Einladungen kann ich mich sicher im Norden wochenlang durchfuttern und Kaffeetrinken. Danke dafür.
Der erste Vortrag fand an der Schule für Feldjäger und Stabsdienst in der Hauptfeldwebel‑Lagenstein‑Kaserne in Hannover statt. Es hatte schon zwei andere Vorträge in Deutschland gegeben, ich wollte aber nur die zwei im Norden mitnehmen.
Hier hatte der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen gemeinsam mit der Konrad Adenauer Stiftung eingeladen. Unter den 300 Soldatinnen und Soldaten befanden sich auch einige Zivilisten.

Es war für mich natürlich irgendwie vertraut, aber irgendwie doch fremd. Kasernen sind ein Heim, keine Heimat. Der fehlende Wehrdienst ändert vieles. Zumindest wird noch alles gegrüßt, was sich bewegt, auch in zivil. Hatte ich auch nicht mit gerechnet.
Was mich nach wie vor verwirrt ist aber, dass auch in Hannover „Moin“ eine gängige Grußformel zu sein scheint.
In zehn Jahren Dienstzeit habe ich nicht ein solches Gemisch aus Truppengattungen gesehen. Sicherheitsmaßnahmen allemal, aber ein solches Gewirr nicht. Heer, Luftwaffe, Marine. Fallschirmspringer, Stabsdienstler, Sanis, Offiziersanwärter der Marine, einen Kampfschwimmer habe ich gesehen, Pioniere, und und und.
Nach dem Check an der Wache standen im Vorraum des kleinen Saales nochmals ein Zug bewaffneter Feldjäger. Und ich habe zivile Sicherheitsleute ausgemacht, zwei Teams. Also wirklich zivil zivil. Ich nehme an, die kamen vom BKA oder LKA. Weil der eine von denen der Einzige war, der seine Baseball Cap aufbehielt. Eigentlich war es der einzige überhaupt mit einem Baseball Cap.
Memo ans BKA: Mit Beule in der Jacke und Baseball Cap könnt Ihr Euch das mit dem Zivil in einer Kaserne dann auch sparen. Echt jetz.
Mit Hagari kam dann noch Personenschutz in schwarzen Anzügen, die während der Veranstaltung stehenblieben. Ich nehme an aus Israel.
Sämtliche elektronischen Geräte wie Handys und Smart Watches mussten abgegeben werden. Gut, dass ich mein Laptop in weiser Voraussicht nicht mitgenommen hatte. Sonst hätte ich dabei zusehen müssen, wie der Obergefreite sich fragt, wie er den in einen Umschlag bekommen soll.
Culture Clash
Ich war zu früh.
Also rief ich meinen Kontakt an und sagte ihm, dass ich mir 17:00h notiert hatte. In der Einladung nun aber 18:00h stünde. Ob er denn schon vor Ort sei (war er nicht) und wann es denn losginge.
Die Antwort des Israeli war sowas wie „Moaahhh, so 18:30 Uhr oder so.“
Ich dachte mir meinen Teil.
Um Punkt 18:00h betrat der deutsche General die Bühne.
Achtzehnhundert scharf.
Wir haben später geschmunzelt. Wenn Mediterran auf deutsches Militär trifft. Wundervoll.
Werde es ihm noch lange aufs Brot schmieren.
(Und der war mal Offizier!)
Nächste Etappe
Beruflich fahre ich ausschließlich erste Klasse. Bei Frühbuchern kostet das gar nicht so viel mehr.
Idiotischerweise hatte ich schlaues Kerlchen mir aber kurz vorher meine zweite Runde Covid eingefangen, ich war kein Frühbucher. Außerdem kam die Einladung erst kurz vorher.
Da ich also nicht wusste, wie die Deutscher Bahn performen würde (bei ICE liefert sie fast immer gut) und wie es mir auf der kleinen Rundreise gesundheitlich gehen würde, hatte ich mir für die Fahrt nach Berlin am nächsten Tag das Flex-Ticket gegönnt. Das sichert zumindest, dass man irgendwie ankommt und eine Reservierung hat.
Was ich als alter Bahn-Profi nie bedacht hatte war, dass man damit auch Zugang zur Lounge hat.
Da ich keinen Bock hatte bis Mittag in einem Billig-Hotel in Bahnhofsnähe mit einem Ambiente zwischen Jugendherberge und Fixer-Milieu rumzugammeln, vergammelte ich meine Zeit also in der Hannoveraner Lounge. Einfach mal ausprobieren.
Ernsthaft: Da kann man ohne Aufpreis essen. Und trinken. Wusste ich nicht. Echt mal jetzt, da könnte man sich an dem Tag schlicht die Peitsche quer durchs Gesicht ziehen mit frisch Gezapftem. Oder vollfressen. Oder beides. So macht der Preis auch Sinn.
Ich habe verstanden, Deutsche Bahn, ich habe verstanden.
Und bevor auch da wieder Unfug kommt: Nein, ich habe alles selber bezahlt.
Gerne sogar.
Underdressed in Bärlin
Das Treffen in Berlin fand in der PanAm Lounge statt.
Ich hatte ein Foto aus der Lounge gepostet und war überrascht, als der Ausblick von einigen erkannt wurde.
Sicherheitstechnisch war da eh fast alles durch. In die Lounge gelangte man nur, wenn man unten kontrolliert wurde, auf der Gästeliste stand und ein Security Mitarbeiter einen Schlüssel im Aufzug drehte.

Um auch das vorweg zu nehmen: Viel habe ich trotzdem auch am nächsten Tag nicht gepostet. Erstmal musste Hagari wieder aus Deutschland geschleust werden. Und danach war mein Kontakt noch bei einem BKA Debriefing.
Mir hatte niemand gesagt, was dort tatsächlich stattfinden würde. Etwas „intimer“ und „netter“. Im „kleinen Kreis“. Mehr wusste ich nicht.
Angesichts der etwa 30 eintreffenden Menschen, die eher nach Theaterabend aussahen und Sekt tranken, ist mein Auftreten mit Jeans mit Rockerkette, Schiebermütze und Green Bay Packers Pullover als „underdressed“ eher verharmlosend beschrieben. Allerdings versicherte mir ein lieber Mitarbeiter von Keren Hayesod (Gruß), dass es das Konzept „underdressed“ in Israel nicht gibt.
Eingeladen hatte diesmal Keren Hayesod selber. Um damit ein neues Projekt für traumatisierte Jugendliche vorzustellen.
Und nein, es wurde weder ein Hut herumgereicht noch ein Scheckbuch gezückt. Es war eine Veranstaltung, wie jeder Lobby-Verein sie veranstaltet. Und ich war auf einigen.
Es war tatsächlich klein und lauschig, die Lounge war kaum größer als eine Eckkneipe.
Anwesend waren auch die recht bekannte Sarah Maria Sander (Abre numa nova janela) und Alon David. Und einige andere, die ich bereits digital kennengelernt habe und nun persönlich treffen durfte.
Bei sowas halte ich mich gerne zurück, unabhängig von Schiebermütze und Pullover. Weshalb ich mich an das Eck-Ende der Bar verdrückt hatte.
Ich mag es, wenn man mich unterschätzt. Und wenn ich nicht erkannt werde.
Ich wusste, wer sie sind. Ich saß daneben. Sie kannten U.M., aber wussten nicht, wer ich bin. Was leider endete, als mein Ansprechpartner mit Admiral Hagari kam, mich irgendwann entdeckte und überschwänglich begrüßte. Eigentlich hat er mich nicht einmal begrüßt, ich hatte ihn ja einen Abend vorher in Hannover gesehen. Er hat gewunken und gleich allen erzählt, wer ich bin. Spielverderber.
Der Moment, in dem sich alles gelohnt hat
Am frühen Abend des 17.10.2023 detonierte etwas auf dem Parkplatz des Al Ahli Krankenhauses in Gaza-Stadt. In den ersten Tagen des Krieges.
Bereits in der Nacht begann die Propaganda der Hamas: Israel habe das Krankenhaus beschossen. Bis zu 500 Tote und mehr wurden gemeldet. Und alle Medien weltweit stiegen darauf ein.
In den frühen Morgenstunden kam ich an Fotos dieses Parkplatzes. Von den Palästinensern selber gemacht, veröffentlicht bei Stock-Anbietern, die auch die großen Medien für ihr Bildmaterial aus Kriegsgebieten nutzen.
Für mich waren es Wirkungsbilder, wie man militärisch sagt. Und ich konnte zeigen, dass eben keine israelische Rakete oder Bombe eingeschlagen hatte. Tatsächlich war nicht einmal etwas explodiert.
Meine Auswertung (Abre numa nova janela) ging auf Facebook einigermaßen rum. Damals noch ohne Twitter.
Später mussten viele Medien revidieren. Die ersten Meldungen sind aber nach wie vor online.
Es handelte sich um eine abgeschmierte Rakete des islamischen Dschihads der Palästinenser. Abgefeuert von einem Friedhof gleich neben dem Krankenhaus.
Das ging nicht nur auf meinem Account herum. Das war der erste größere Auftritt des frisch gebackenen Pressesprechers Hagari vor der Weltöffentlichkeit. Der ins kalte Wasser geworfen worden war.
Und nun stand dieser Admiral Hagari wenige Meter vor mir und schilderte diese Stunden aus seiner Sicht. Vor sehr kleinem Publikum, fast privat. Das alleine war ungeheuer faszinierend.
Zunächst hatte Hagari versucht, Informationen der Einheit bzw. des Kommandos zu bekommen, die zu dem Zeitpunkt überhaupt Bomben oder Raketen auf den Gazastreifen gefeuert haben könnte. Es fand ja noch gar keine Bodenoffensive statt.
Der zuständige Kommandeur sagte ihm dann auch noch, dass sie an dem Abend eine Rakete „verloren“ hätten. Das ist nachvollziehbar, denn eine Rakete, die abschmiert oder abgefangen wird, verschwindet ja einfach vom Monitor. Man weiß also erstmal gar nicht so recht, was passiert ist.
Also wollte der Kommandeur dann wiederum Itelligence fragen.
Militärisch ist „Intelligence“ erstmal schlicht und ergreifend „Aufklärung“. Im Deutschen spricht man auch von „Militärischem Nachrichtenwesen“ (MilNW), wozu auch ich gehört habe.
Das kann in einer solchen Situation aber alles sein. Hagari hat grundsätzlich keine Namen oder Einheiten genannt, was auch sehr typisch und normal ist. Persönlich gehe ich davon aus, dass damit der Inlandsgeheimdienst Shin Bet gemeint ist. Denn der ist für den Gazastreifen und das Westjordanland zuständig. Die rein militärische Intelligence ist eher klein, das wird vom Mossad und Shin Bet mit berädert. Der militärische Nachrichtendienst Aman kümmert sich eher um Analyse und Gefechtsaufklärung.
Hagari dachte schon verzweifelt, dass das Tage dauern würde. Doch nach wenigen Stunden kam bereits die Antwort. Man hatte ein Gespräch im Gazastreifen abgehört, in dem genau diese abgeschmierte Rakete von einem Palästinenser zum anderen erklärt wurde.
Hagari hielt eine Pressekonferenz, bei der natürlich Nachfragen kamen. Er nannte eine Journalistin namentlich. Er präsentierte die Aufnahmen und Videos und schlussendlich musste die New York Times eine Editors Note, eine Klarstellung, veröffentlichen.
Und ich wiederum konnte mich daran erinnern, wie diese Informationen dann kamen, als ich an dem Morgen an meinem Rechner saß.
Persönliche Geschichten
In einer anderen Geschichte erzählte Hagari, dass eine der Geiseln ihm gesagt hatte, dass sie manchmal Fernsehen durfte. Und das Hagari dadurch für ihn zum Gesicht der Hoffnung wurde. Der inzwischen täglich Videobotschaften veröffentlichte.
Ab dem Zeitpunkt fing Hagari an, die Geiseln direkt zu adressieren. Ihnen direkt Mut zuzusprechen.
Aufgrund der zeitlichen Einordnung gehe ich davon aus, dass es sich dabei um eine der im Juni 2024 befreiten Geiseln handelte (Abre numa nova janela).
Berührend war, dass eine Mutter unbedingt wissen wollte, wo ihr Kind, das als Geisel gehalten worden war, getötet wurde. Sie wollte sehen, wo ihr Kind sterben musste. Hagari erklärte ihr, dass dies noch Kampfzone sei und dass sie unmöglich dorthin könne.
Er hatte aber versprochen, er werde dort hingehen und Fotos machen lassen und es ihr erklären.

Auch hier ist die Einordnung recht leicht, ohne dass Hagari dies so erklärte.
Ende August 2024 wurden Hersh Goldberg-Polin, Carmel Gat, Eden Yerushalmi, Almog Sarusi, Ori Danino und Alexander Lobanov in einem Tunnel unter Rafah erschossen. Kurz bevor die israelischen Truppen sie erreichen konnten. Die Meldung ging durch die Medien.
Hagari stieg in den Tunnel, wo nach wie vor Blutlachen zu sehen waren. Während oben weiterhin gekämpft wurde. Er ließ ein Bild machen, dass er nun auch bei seinem Vortrag zeigte.
In dem Moment verstand er selber: Er konnte die Panzer zwanzig Meter über ihm hören. Deshalb waren die Geiseln erschossen worden. Sicher hatten sie die Panzer ebenso gehört, wie ihre Entführer.
Als er wieder an die Oberfläche kam, nahm ihn der Kommandierende der eingesetzten Truppen in die Arme und weinte. Ein Druse, zutiefst überzeugt davon, dass es ihr Fehler gewesen war. Sie hatten ihre Leute nicht rechtzeitig erreicht.
Wenige Wochen später starb dieser drusische Kommandeur durch eine Sprengfalle.
Ich bin recht sicher, dabei handelte es sich um Ehsan Daxa, der am 20.10.2024 getötet wurde.
Irgendwann sagte ein Untergebener Hagari, dass Al Jazeera seine Briefings sendet. Alles im Programm wurde unterbrochen, um seine Veröffentlichungen live zu senden. Der Admiral fragte perplex, wie die das übersetzen. Denn die konnten ja alles erzählen, kaum ein Araber versteht Hebräisch.
Durch Voice Over, ein Dolmetscher sprach live mit. Er war skeptisch, doch ihm wurde versichert, dass die Übersetzung akkurat war.
Nicht, weil der Propaganda-Kanal in Katar plötzlich die Wahrheit für sich entdeckt hatte. Sondern weil er damit so tun wollte, als ob er neutral berichten würde. Hinterfragt wurde natürlich trotzdem alles, was von der IDF und Hagari kam.
Das Grundproblem
Es ist leicht, die Streitkräfte für ihre Öffentlichkeitsarbeit zu kritisieren.
Das ist aber ein grundsätzliches Problem. Dessen sich viele innerhalb aller Streitkräfte auch absolut bewusst sind. Außerhalb nicht.
Nehmen wir nur den angeblichen Luftschlag gegen eine Mädchenschule durch die USA im Iran.
Die Streitkräfte arbeiten Ziele ab. Und selbstverständlich ist geheim, wer wann wie was geschossen hat.
Erst durch OSINT kam heraus, dass es sich um ein Gebäude einer Kaserne handelte, von dem die USA wohl nicht wussten, dass es seit einigen Jahren als Schule gedient hat. Und dass nicht alleine getroffen wurde, sondern das mit-getroffen wurde, mit jedem anderen Gebäude der Kaserne.
Ich habe einige Postings dazu veröffentlich, fand es aber aufgrund Covid nicht wichtig genug, dazu einen Artikel zu schreiben.
Die Erklärung dafür wurde ganz nach oben durchgereicht. Irgendwann sagte das Weiße Haus dann, es untersuche den Vorfall.
Und das entspricht nicht der Erwartungshaltung des Netz 2.0, in dem jeder sofort alles veröffentlichen, alles behaupten kann und alle sofort dabei sind. Alles erscheint ganz nah und ohrenbetäubend laut. Selbst wenn die Informationen die meisten Schlussfolgerungen nicht rechtfertigen.
Und in der Erregungsbereitschaft des Netz 2.0 wird das immer mehr ignoriert. Auch von Politikern, gerade von den Rändern.
Bis heute grassiert der Vorwurf, Israel würde keine unabhängigen Journalisten in den Gazastreifen lassen. Dass seit dem Vietnamkrieg kein Militär der Welt irgendwelche Zivilisten in aktive Kampfzonen lässt wird ebenso ignoriert, wie die Möglichkeit, dass die Hamas gar keine unabhängigen Journalisten dahaben will. Vor dem Krieg wollte sie es zumindest nicht, was die Medienhäuser auch wissen müssen.
Die Aufgabe des Militärs ist nicht Öffentlichkeitsarbeit, sondern Krieg.
Und selbst jemand wie der Kampfschwimmer Admiral Daniel Hagari bekommt als Pressesprecher nicht sofort alle Informationen auf den Tisch.
Unser aller Verantwortung
Admiral Hagaris Schlusspunkt in Berlin war erstaunlich weitsichtig. Ich nehme mir die Freiheit, es in meinen Worten wiederzugeben.
Chat-KI „denkt“ nicht wirklich selber. Die KI sucht sich etwas aus anderen Quellen zusammen. Und was häufiger kommt oder in höher bewerteten Quellen auftaucht, wird bevorzugt.
Wenn in zehn Jahren ein Schüler für eine Hausaufgabe „07.10.2023“ in die KI eingibt, kann da stehen, dass radikalisierte Gaza-Palästinenser gewaltsam die Grenze zu Israel überwunden haben und über 1200 Menschen zum Teil bestialisch abgeschlachtet haben. Mit Vergewaltigungen, dem Töten von Kindern und dem bestialischen Überfall auf ein Musik-Festival, das ausgerechnet Frieden als Motto hatte. Weil ihr Ziel war und ist, Israel zu vernichten.
Oder da könnte stehen, dass palästinensische Widerstandskämpfer in einer Operation gerechterweise jüdische Besatzer bekämpft haben. Und deshalb von angeblichen Kolonisatoren mit einem Krieg überzogen wurden, der in einem Genozid endete.
Es ist die Verantwortung von jedem von uns, was dort stehen wird. Unsere Klicks und unsere Postings entscheiden darüber.
Die Diktaturen dieser Welt haben es längst verstanden. Weil genau das ihrer Kommunikation entspricht, ihrer Propaganda. Wir erlauben uns den Luxus darüber hinweg zu scrollen, weil wir uns unserer selbst so sicher sind, dass wir es nicht verstehen. Oder weil wir merkwürdigen Moralvorstellungen anhängen, in denen wir uns selbstkasteiend als Täter definieren und selbst Diktaturen als Freiheit erkennen wollen.
Und genau deshalb habe ich mir erlaubt, meine kleine Reise persönlich zu schildern.
Nicht nur, weil ich die andere Seite der Medaille zu sehen bekam. Sondern, weil meine ganze Tätigkeit damit eine zutiefst befriedigende Erklärung fand. Dass ich vielleicht doch einen ganz kleinen Unterschied machen kann. Für Menschen weit weg, die ich niemals treffen werde.
Und deshalb war es dann eben irgendwie doch mein ganz persönliches Treffen mit Admiral Daniel Hagari.
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