
Liebe Freundinnen und Freunde von Übermedien,
vergangene Woche habe ich viele Reaktionen auf meinen Newsletter bekommen. Eigentlich ist das etwas, worüber ich mich immer sehr freue – nur dieses Mal lag es blöderweise daran, dass ich Recep Tayyip Erdoğan zum russischen Präsidenten gemacht hatte. Aber er ist natürlich der türkische Präsident! Danke an alle, die mich darauf aufmerksam gemacht haben, und sorry für den Fehler. Es war wohl einfach zu heiß.
Diese Woche geht es um einen mysteriösen Autor namens Lukas Richter. Er schreibt allerhand Artikel, unter anderem für das Online-Angebot der „Frankfurter Rundschau“. Allein vorletzte Woche erschienen bei fr.de (Abre numa nova janela) ganze 30 Artikel von ihm! Das ist schon merkwürdig. Mein Kollege Boris Rosenkranz hat sich deshalb gefragt: Wie macht er das, der Lukas?
Darum geht’s: Newsportale schreiben ab
Die „Frankfurter Rundschau“, für die Lukas Richter so fleißig produziert, gehört zum Verlag Ippen Media. Das ist wohl schon mal ein Indiz dafür, wieso er so fleißig sein kann. Denn Ippen ist für eine fragwürdige Methode sehr bekannt: „kuratierenden“ Journalismus. Das ist eine nette Umschreibung für die schlichte Medienstrategie, Artikel ab- und umzuschreiben, die anderswo schon veröffentlicht wurden. Ich persönlich würde das ja eher „klauenden“ Journalismus nennen, aber gut.
Auch Lukas Richter bedient sich für seine Artikel oft bei anderen Medien. Aber schreibt er das selbst ab? Eher nicht. Denn Ippen ist noch für etwas anderes bekannt: für seinen munter ausufernden Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Ippen-Chefredakteur Markus Knall ist ein bekennender KI-Enthusiast und überzeugt, dass KI die Qualität im Journalismus steigern werde. Für ihn sind die Journalisten der Zukunft „KI-Komponisten“, die nicht mehr selber tippen, sondern, naja, „tippen“ lassen.
Das Problem: Mit KI wird der Kuratier-Klau zum Fließbandjournalismus
Schon vor KI war der „kuratierende“ Journalismus nicht unbedingt fair. So genannte Reichweitenportale machen auf diese Weise Klicks (und Umsatz) mit Inhalten, die sie nicht selbst recherchiert haben. Mithilfe von KI erreicht das nun noch mal ganz andere Ausmaße: Kein armer Abschreib-Redakteur muss sich hinsetzen und Texte umformulieren. Das macht KI in Sekundenschnelle. Wie praktisch!
Die Frage ist also: Ist auch Lukas Richter ein „KI-Komponist“? Das ist gar nicht so leicht herauszufinden. Denn über Lukas Richter gibt es keine öffentlichen Informationen: kein Profilfoto, keine Biografie und keine E-Mail-Adresse. Laut den Leitlinien von Ippen müsste das aber eigentlich so sein. Boris hat also bei Ippen (mehrfach) nachgefragt – erhielt aber keine Antwort.
Nach weiterer Suche wird klar: Lukas Richter ist Teil einer undurchsichtigen News-Kooperation mit „News in Five“, einem kleinen Nachrichtenportal aus Bayern, über das auch Autoren namens Lisa Weegner, Henrik Henke oder C. Peters Texte für Ippen-Portale Texte liefern. Sie ahnen es schon: Auch zu diesen Autoren findet man weder auf der Webseite des Portals, noch bei Ippen, noch über Google Informationen. Und fragt man dazu beim „News in Five“-Betreiber nach, antwortet der nur:
„Unser Team besteht aus echten Journalistinnen und Journalisten. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns zu Details unserer Teamstruktur, internen Abläufen oder Standorten nicht öffentlich äußern.“
Auch zur Kooperation mit Ippen Media möchte er sich nicht äußern, schließlich seien das vertragliche Details.
Tja, und wer ist jetzt dieser Lukas Richter? Und wer sind seine Kolleginnen und Kollegen? Oder anders gefragt: Existieren sie überhaupt? Boris schreibt in seinem Text:
„Das News-Fließband läuft weiter auf Hochtouren: Unter dem Namen Lukas Richter erschienen bei fr.de (Abre numa nova janela) in den vergangenen zwei Wochen mehr als 50 Beiträge. Und weil einem das niemand beantwortet, darf man sich als Leser weiter fragen, wie er das genau macht, der Lukas. Und ob er überhaupt eine existierende Person ist – oder eine KI, von irgendwem gesteuert.“
So geht’s besser: Transparenz wäre schön
Nicht nur, wenn es um KI geht, ist Transparenz immer gut, um für Vertrauen beim Publikum zu sorgen. In diesem Fall aber gab es seitens des Ippen-Verlags gar keine Reaktion, was wiederum Zweifel weckt und Fragen aufwirft. Sonst ist Ippen-Chefredakteur Markus Knall ja immer sehr auskunftsfreudig, wenn er nach KI und der Zukunft des Journalismus gefragt wird. Hier aber sind sie bei Ippen plötzlich still. Warum?
Bei der Diskussion um KI und wer sie im Journalismus so nutzt, geht es bisher immer um echte Menschen, die dahinterstehen – und die sich im Zweifel für ihren KI-Einsatz verantworten müssen. Hier aber hat man den Verdacht, dass die Namen der Autoren, etwa Lukas Richter, womöglich einfach ausgedacht sind. Dass den Lesern also nur vorgegaukelt wird, dass da ein Mensch schreibt. Und dem könnte man ja leicht etwas entgegensetzen – etwa ein ausgefülltes Autorenprofil.
Wenn Sie mehr über das Portal „News in Five“ und die komische Kooperation mit Ippen Media erfahren wollen, erfahren Sie das im Artikel von Boris Rosenkranz.
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An dieser Stelle also noch mal die Empfehlung, sich die Recherchen der Kolleginnen anzusehen: Hier (Abre numa nova janela) geht es zur Playlist mit allen Filmen dazu. Und hier zu dem Interview (Abre numa nova janela), das meine Kollegin Annika Schneider vor einem Jahr mit den Journalistinnen geführt hat.
Kommen Sie gut ins Wochenende und viel Spaß mit Übermedien!
Ihre Johanna Bernklau
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