Du liest Wie du nicht den Verstand verlierst – der Newsletter gegen mentalen Dauerlärm. Heute: Wessen Erwartungen leben wir eigentlich?
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„Ich würde sagen, du schöpfst bisher ungefähr 20 Prozent deines Potenzials aus.“ Diesen Satz sagte mir vor ein paar Jahren ein älterer Kollege. Wir saßen gerade in einem vietnamesischen Restaurant. Ich löffelte meine Pho und wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Gut fühlte es sich nicht an.
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Seitdem habe ich immer wieder an diesen Satz gedacht. Mich nervt, dass er mir so nahegeht. Und dabei völlig egal ist, ob er stimmt. Ich habe bisher keinen Nobelpreis bekommen. Aber ich habe immerhin sieben Bücher geschrieben, darunter einen Roman, der verfilmt wurde. Ich habe jahrelang für große Medien gearbeitet und ein unabhängiges Online-Magazin (Abre numa nova janela) mitgegründet, mit dem bis dahin größten Crowdfunding für Journalismus in Deutschland. Das Magazin habe ich anschließend drei Jahre lang als Chefredakteurin geleitet. Vielleicht erwartete der Kollege Leistungen von mir wie ein angeheirateter Verwandter, der mal meinte, ich sollte doch mal eine Pressekonferenz im Schloss Charlottenburg geben oder meine Bücher in China verlegen. Klar doch.
Warum begabte Menschen sich besonders häufig unzureichend fühlen
Ich lache darüber, aber Sprüche wie dieser erwischen mich oft mehr, als ich gerne zugebe. Weil ich, wie viele andere, daran gewöhnt bin, mich an anderen zu messen. Und ihrer Meinung über mich oft mehr Gewicht beimesse als meinem eigenen Urteil. Die Psychologin Ellen Hendriksen schreibt in ihrem Newsletter, (Abre numa nova janela) dass sie in ihrer Praxis sehr häufig Sätze hört wie „Ich habe mehr von mir erwartet” oder „Ich schöpfe mein Potenzial nicht aus“. Dabei ist es egal, wie viel eine Person im Leben erreicht hat. Begabte und erfolgreiche Menschen sagen solche Sätze sogar besonders oft. Es geht gar nicht darum, was man tatsächlich im Leben erreicht hat. Erfolg ist nicht das Thema, sondern ein innerer Widerspruch: zwischen dem, was man von sich erwartet, und dem, was man tatsächlich lebt.
Ein Begriff wie „Potenzial” tut dabei so, als wäre er ein objektiver Maßstab, an dem man sich messen kann. Als hätte der Kollege damals beim Vietnamesen eine feste Vorgabe beschrieben, die ich offensichtlich nicht ganz ausfüllte. Als wäre ich 1,80 m groß, und würde darauf bestehen, Jeans zu tragen, die mir viel zu kurz sind. Das ist natürlich Quatsch. Was wir „Potenzial“ nennen, ist oft das, was andere aus uns machen wollten.
Das fällt oft gar nicht auf. Denn die Idee, dass wir unser Potenzial ausschöpfen müssen, entspricht dem Zeitgeist so selbstverständlich wie die Überzeugung, dass man genug Wasser trinken muss. Und sie ist noch überzeugender, wenn man sie früh im Leben gelernt hat. „Wer als Kind als ‚schlau‘, ‚talentiert‘ oder ‚begabt‘ galt – oder einfach in den 90ern und 2000ern aufgewachsen ist –, wurde mit ziemlicher Sicherheit mit einer Botschaft überschüttet: Du kannst alles erreichen, wenn du es wirklich willst”, so Hendriksen. Bei vielen Menschen führe dies dazu, dass sie sich als Erwachsene ständig unzureichend fühlen.
Das Internet hat für dieses Gefühl sogar einen eigenen Namen gefunden: „Gifted Kid Burnout“. Gemeint sind damit nicht nur Kinder, die offiziell als hochbegabt eingestuft wurden. Sondern alle, die früh gelernt haben, dass ihr Potenzial nicht eine Möglichkeit ist, sondern eine Verpflichtung.
Was wir wirklich bereuen
Der Konzertpianist Jonathan Biss beschreibt in einem Artikel (Abre numa nova janela), wie er am Morgen nach einem perfekten Konzert nicht voller Freude aufwacht, sondern mit einem Angstknoten im Magen. Er fragt sich: Wie kriege ich das beim nächsten Mal wieder so gut hin? Dann schreibt der Kollege, der am Abend vorher mit ihm gespielt hat, ihm eine Nachricht. Und Biss entspannt sich endlich. In der Nachricht steht: „Last night was special. We have to find the truth of tomorrow.” Weniger poetisch übersetzt: Nicht wiederholen, was gestern gut war. Sondern offenbleiben für das, was heute möglich ist.
Ich wünschte, ich könnte mal mit diesem Musiker eine Pho essen gehen. Stattdessen habe ich auf einem anderen Weg herausgefunden, warum wir so oft denken, dass wir im Leben nicht genug zustande kriegen.