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Die dritte Transzendenz (1)

Gotthard Günther, der Philosoph der Kybernetik – eine grundlegende Untersuchung zur Frage der Reflexion und der Subjektivität, Teil 1

 

Ausgehend von der Philosophie Gotthard Günthers wird die Frage der zweiwertigen und dreiwertigen Logik behandelt. Das herkömmliche dualistische Weltbild ist zweiwertig und endet immer in unlösbaren Widersprüchen. Alle Subjektivität ist und bleibt für immer zweiwertig, aber es ist möglich, durch eine dreiwertige Logik zu einer dritten Transzendenz vorzustoßen, die in der Kategorie der Information lokalisiert ist. Zu Ich und Du gesellt sich das Es. Gerade die Kybernetik und mit ihr die Möglichkeit der denkenden Maschinen zeigen, dass es eine dritte Größe, die Information, geben muss, die nicht auf Subjektivität oder Objektivität zu reduzieren ist.

Editorische Anmerkung: Dieser Beitrag erschien zuerst 2002 in Tattva Viveka 17 unter dem Titel »Das Bewusstsein der Maschinen«, ist aber angesichts der aktuellen Entwicklung der KI aktueller denn je. Deswegen veröffentliche ich ihn hier erneut. Er erscheint in drei Teilen.

 

Gotthard Günthers 1963 erschienenes Buch »Das Bewusstsein der Maschinen. Eine Metaphysik der Kybernetik« gewinnt erst heute ihre Aktualität. Seine Abhandlung zielt auf eine neue Bewusstseinstheorie, die er kybernetisch-transzendental nennt. Er bezieht sich auf die Errungenschaften der westlichen Philosophie, wie sie, beginnend mit Platon, über Aristoteles, Kant und Hegel vorangeschritten ist, um dann anhand der neuartigen Erkenntnisse der Kybernetik tiefgreifende Veränderungen im metaphysischen Weltbild des Menschen aufzuzeigen. Die bisherige philosophische Theorie ebenso wie Religion und Kultur bewegten sich in einem Bereich der zweiwertigen Logik, den man landläufig auch als dualistisches Weltbild bezeichnet. Mit der Kybernetik wird eine neue dreiwertige – bzw. in der Konsequenz mehrwertige – Logik notwendig, die neben Sein und Ich als dritte Instanz die Information als »denkende Materie« einführt. Gotthard Günther blickt auf die Philosophie mit dem Instrumentarium der Logik und eröffnet uns ein erstaunliches Panorama auf die Denk- und Bewusstseinsgeschichte des Abendlandes. 

Ich – Du

Die erste und grundlegende Unterscheidung, von der alle reale logische Betrachtung ausgehen muss, ist die von Du und Ich. Bereits hier verwickelt sich das zweiwertige Denken in Widersprüche, da es das Du nicht als zweites, anderes Subjekt, sondern als Objekt denkt. Reflexion ohne Berücksichtigung des objektiven Du führt unweigerlich zu Dogmatismus, Ideologie und den daraus erwachsenden gesellschaftlichen Problemen, da das Du, welches im Widerspruch zum Ich steht, nicht existieren darf. Günther bringt die Ich-Du-Antithese mit seiner transklassischen Logik der Mehrwertigkeit in Beziehung. Der Leser erlebt in seinem Werk die Spurensuche eines neuen Bewusstseins, das erstaunlicherweise durch die Entwicklung der kybernetischen Maschinen hervorgebracht wird und den alten Dualismus von Subjekt und Objekt, von Geist und Materie, von Idealismus und Materialismus zugunsten einer neuen qualitativen Schau auf die Wirklichkeit hinter sich lässt.

Jenseits der Mechanik

Gotthard Günther geht in diesem Zusammenhang auch der Frage nach, ob der Mensch einer mit »voll-reflexivem Bewusstsein« begabten Maschine noch überlegen wäre. Im Zuge seiner Abhandlung und seiner logischen Analyse zeigt er, dass diese Frage falsch gestellt ist.

Um es vorwegzunehmen: Eine Maschine, die von einem Kybernetiker oder Techniker erschaffen wird, erfordert zwei Sprachen: eine Metasprache und eine Maschinensprache. Die Metasprache ist die des Menschen, der die Maschine programmiert. In dieser Sprache gibt der Programmierer der Maschine ein bestimmtes System von Variablen und Kategorien, in denen dieses künstliche System dann operiert. Das maschinelle System ist der Metasprache logisch um eine Dimension untergeordnet. Deswegen kann das Maschinenbewusstsein niemals seinen eigenen Schöpfungsprozess hintersteigen. Gotthardt Günther zeigt, dass es sich bei diesem Verhältnis zwischen Mensch und Maschine analog um das gleiche Prinzip handelt wie zwischen Gott und Mensch.

Auch der Mensch kann seinen Schöpfungsprozess nicht verstehen und postuliert zwangsläufig eine transzendente (= unerreichbare) Instanz: Gott, den Schöpfer. Allein an diesem Sachverhalt, der nur eine von mehreren Argumentationslinien und Aspekten in Gotthard Günthers Werk darstellt, lässt sich schon erkennen, welche metaphysische Relevanz sich über formal-logische Erwägungen hinaus aus der Möglichkeit der kybernetischen Maschinen ergibt. Wenn moderne naturwissenschaftliche Konzepte wie die Relativitätstheorie und Quantentheorie bisher die moralische Essenz des Menschen bestenfalls am Rande berührten, liegen die Dinge in der Kybernetik etwas anders. Hier wird das Kernvermögen des Menschen, seine Intelligenz, sein Erinnerungsvermögen, seine Fähigkeit zu komplexen Prozessen, seine Reaktivität, schließlich seine Fähigkeit der Reflexion angefochten. Wie oben schon angesprochen, ist es ein Ding der Unmöglichkeit, dass intelligente künstliche Maschinen irgendwann die Menschheit beherrschen werden.

Gotthard Günther bemerkt ganz richtig, dass diese Ängste aus einem unzulänglichen Konzept dessen, was der Mensch ist, hervorgehen. Diese Ängste setzen nämlich voraus, dass der Mensch sich selbst als mechanisches Produkt begreift, und dann als solches von den intelligenten Maschinen übertroffen werden würde. Wie Gotthard Günther zeigt, ist jedoch der Mensch bewusstseinstheoretisch alles andere als mechanisch zu verstehen. Mit der selbstreflexiven, philosophischen Selbsterkenntnis des Menschen, die gewissermaßen durch die elektronische Revolution erzwungen wird, überwindet der Mensch endgültig die mechanistische Stufe und erwächst in eine neue Spiritualität.

Die Information

In diesem Sinne sagt Günther:

»Die bisherige Annahme der klassischen Metaphysik, dass sich das Wesen der Wirklichkeit und speziell der menschlichen Existenz aus zwei, und nur zwei, metaphysischen Realitätskomponenten, nämlich Materialität und Spiritualität, erklären lasse, beruht auf einem Irrtum. Denn, ganz gleichgültig, wie man jenen urphänomenalen Gegensatz auch interpretieren mag – etwa als Subjekt und Objekt, als Sein und Denken, als Tod und Leben, und so weiter –, stets bliebe ein, heute exakt definierbarer, Bereich von Phänomenen übrig, der sich weder auf der physisch-materiellen noch auf der subjektiv-spirituellen Seite unterbringen lasse. Jener nicht einzuordnender Restbestand wird heute in der Kybernetik gewöhnlich mit dem Wort ›Information‹ bezeichnet, worunter in solchen grundsätzlichen Erörterungen nicht nur das unmittelbare Faktum der Information, sondern auch der Kommunikationsprozess, durch den dieselbe übermittelt wird, zu verstehen ist.« (S. 21 f.)

Das heutige Modewort »Informationszeitalter« kann brisanter nicht gedacht sein. Dreiwertige Logik bedeutet, dass es einen dritten Wert geben muss. Dieser dritte Wert ist die Information, respektive die Kommunikation, die nicht auf subjektive oder objektive Faktoren reduziert werden kann. Die Information ist also eine dritte logische Instanz, die die Subjekt-Objekt-Spaltung, unter der nicht nur die regionalen Hochreligionen, sondern auch die politischen Systeme leiden, aufzulösen vermag. Dies jedoch nicht in Richtung eines Monismus, der eine unzulässige Reduktion des Verschiedenen auf das Gleiche bedeuten würde, sondern hin zu einer polykontexturalen Konzeption der Welt. Das bedeutet, es gibt mehr als richtig und falsch, oder gut und schlecht. Information und Kommunikation als grundlegende Bedürfnisse des Menschen werden hier erstmals philosophisch und theoretisch erfasst und in einen transzendental-logischen Zusammenhang eingereiht. Diese unterliegen fortan nicht mehr dem Verdacht, falsch zu sein.

Information und Kommunikation sind weder Geist noch Materie

Norbert Wiener, der Verfasser des Buches »Cybernetics« (1948) macht die Aussage: »Information is information, not matter or energy.« (Günther, S. 22) Gerade die Unterscheidung zwischen Information einerseits und Energie andererseits scheint bis heute in manchen Kreisen noch nicht genau geklärt. Der Unterschied kann jedoch gewaltiger kaum sein. Das Verhältnis von Energie und Materie wurde von Albert Einstein gezeigt. Energie ist eine andere Erscheinungsform von Materie. Information jedoch ist eine eigene Qualität, die von Materie und Energie zu unterscheiden ist, sie ist nicht ohne Rest in Materie zu überführen, die eigentliche Information eines Buches geht über die Beschaffenheit des Papiers hinaus. Dass der Kommunikationsprozess andererseits in den Bereich der materiellen Phänomene gehöre, wonach dann allmählich der gesamte Bestand der seelischen Daten des subjektiven und ichhaften Bewusstseins in der Konstruktion elektronischer Gehirne einzubinden wäre, ist ebenso falsch.

»So wie die Informationstheorie sich auf das Schärfste gegen den reinen Objektbereich und gegen dessen Gesetzlichkeit abgrenzt, so zieht sie auf der anderen Seite einen ebenso unerbittlichen Trennungsstrich zwischen sich und dem völlig informations-transzendenten Subjekt. In anderen Worten: Die Kybernetik macht erstens die metaphysische Annahme, dass es Objekte gibt. Alle Technik tut das qua Technik. Zweitens aber setzt sie die metaphysische Prämisse, dass Subjektivität und Selbstbewusstsein ebenfalls als ›existente‹ Größen vorausgesetzt werden müssen, wenn kybernetische Theorien möglich sein sollen.« (S. 22)

Warum muss es das Subjekt geben?

Die herkömmliche Philosophie beschreibt das Subjekt als das Immanente und das Objekt als das Transzendente. Immanent bedeutet innerlich: das Ich, das im innersten tiefsten Grunde wohnt. Dieses Ich ist nur mir zugänglich, es ist nicht objektivierbar. Gotthard Günther nennt es auch introszendent, um es sprachlich mit dem Begriff transzendent in Beziehung zu setzen. Der Begriff ›transzendent‹ wiederum bedeutet das mir äußerlich Seiende, Unerreichbare. In der klassischen Metaphysik ist das eigentliche Transzendente Gott. Gott ist uns unerreichbar, er ist transzendent zu uns. Des Weiteren muss das Du als transzendent zum Ich betrachtet werden, weil es nicht ohne Rest in das Ich überführbar ist. Schließlich und endlich muss auch die objektive Außenwelt sowie die feste Materie dem Ich gegenüber als transzendent eingestuft werden. Das Ding an sich, wie es von Kant und Hegel beschrieben wurde, ist mit sich selbst identisch, aber nicht mit dem Ich.

Warum muss es aber ein Subjekt geben? Es könnte doch sein, dass bisher für rein subjektiv, psychisch oder spirituell gehaltene Vorgänge als objektive Mechanismen entlarvt werden würden. Man hätte also einen Mechanismus missinterpretiert und gesagt, dies sei ein subjektiver Vorgang. Aber selbst, wenn diese Interpretation falsch gewesen sein sollte, muss doch ein subjektives, ichhaftes Bewusstsein vorhanden gewesen sein, das diese falsche Interpretation vorgenommen hat. Oder man mag mich überzeugen, dass mein Erlebnis ein Traum war. Vielleicht ist die Deutung dieser Bewusstseinsinhalte falsch, das Subjekt dieser Deutung wird davon jedoch nicht infrage gestellt. Tatsächlich ist das Wissen vom Subjekt vorrangig vor allen anderen Formen des Wissens.

Das Subjekt ist introszendent, das heißt, es ist unserem objektives Wissen erzeugenden Erkenntnisapparat nicht zugänglich, nicht jedoch, weil dieses Wissen außerhalb des Subjekts läge – denn dann wäre es transzendent –, sondern weil es so tief in uns liegt und wir es nie ganz erreichen und verstehen werden. Dieser Umstand wurde von vielen Philosophen beschrieben. Sobald man denkt, man habe das Ich erreicht, weicht es zurück und verschwindet im Nebel. Dieser Umstand ist in der Funktionsweise unseres Denkens begründet, das, gleich wie die oben beschriebene Maschine, die ihren eigenen Schöpfungsprozess nicht hinterfragen kann, immer an die Grenze stößt, wo ihm Wesen und Grund der eigenen Existenz nicht erfassbar sind. Es ist die Frage nach der Schöpfung, die in allen Kulturen letztendlich die Idee des Göttlichen impliziert, das uns geschaffen hat.

Die geistige Tradition des Abendlandes

Die griechische Philosophie der Antike spricht von dem »absoluten Sein«. Dieses absolute Sein ist der Ursprung zweier metaphysischer Realitätskomponenten, nämlich von objektivhaft Seiendem und subjekthafter Reflexion oder Denken. Im Absoluten, in Gott, fallen diese Komponenten zusammen und sind miteinander identisch. Dies ist die göttliche Einheit der Gegensätze (coincidentia oppositorum des Nikolaus von Cusanus). In unserer empirischen Welt jedoch, im Diesseits, treten diese als scheinbar unversöhnliche Gegensätze auseinander. Erst der Zusammenklang dieser gegenseitigen Komponenten bildet das vollständige Sein, dessen Erreichung somit zur Aufgabe wird. Alle Philosophie und Spiritualität präsentieren sich als der Versuch dieser Verbindung.

Bemerkenswert an dieser Weltsicht sind zwei Dinge: Erstens schließt sie aus, dass an dem Aufbau der Wirklichkeit mehr als zwei transzendentale Komponenten beteiligt sein können. Zweitens müssen diese beiden Komponenten jederzeit genau identifizierbar sein. Aus dieser Weltanschauung erwächst sodann die Forderung nach einem eindeutigen logischen Schnitt zwischen diesen Gegensätzen von Welt und Ich, Sein und Denken, Reflexion und Gegenstand der Reflexion. »Dieser einzige und urphänomenale Schnitt, der durch das ganze Universum unsere Erfahrung geht, ist so gelegt, dass Subjekt und Objekt zwar nicht empirisch, wohl aber metaphysisch zur genauen Deckung kommen müssen. Das ist die klassische Dualitätstheorie des Absoluten« (S. 25), wie sie von Aristoteles begründet wurde.

Logik

Um die späteren Ausführungen der vorliegenden Abhandlung nachvollziehen zu können, muss hier ein Abschnitt zur Logik eingeflochten werden. Die Axiomatik unserer traditionellen Logik korrespondiert mit dieser Dualitätstheorie des Absoluten. In den drei Sätzen von »der sich selbst gleichen Identität, dem verbotenen Widerspruch und dem ausgeschlossenen Dritten« spiegelt sich diese Realitätswahrnehmung wider.

Erstens muss der Gegenstand der Reflexion mit sich selbst identisch sein, um sich kraft dieser sich gleichbleibenden Identität von der Bewegung des subjektiven Reflexionsprozesses eindeutig abzuheben. Zweitens: Wenn einer solchen Identität ein positives Prädikat zugeordnet ist, kann die Negation dieses Prädikats diese Identität nicht betreffen, sondern sie fällt in den Bereich der denkenden Reflexion. Drittens: Wenn die beiden gegensätzlichen Prädikate dem Gegenstand sowie der Reflexion zugeordnet sind, ist ein drittes Prädikat unbedingt und absolut ausgeschlossen. »Diese Logik beherrscht auch heute noch unser rationales Denken. Mit ihr steht und fällt der gesamte Bestand unseres bisherigen theoretischen Wissens.« (S. 25) Versucht man eines dieser Axiome aufzugeben, fällt das ganze System in sich zusammen.

Dualistische Erlebniswelten

Nach dieser Konzeption muss sich die Wirklichkeit ohne Restbestand (ausgeschlossenes Drittes) in Objekt und Subjekt, also in Gedachtes und Denken, aufspalten lassen. Was nicht das Eine ist, ist unvermeidlich das Andere. Innen-außen, materiell-spirituell, Form-Inhalt, Geist-Materie sind die Dualitäten, die unser Denken bestimmen. Sie können als zweiwertige Logik definiert werden. Dieses Denken versucht, herauszufinden, inwiefern es sich bei einem Phänomen um objektives Sein oder um den subjektiven Reflexionsprozess eines beliebigen Ich handelt – und es steht immer vor dem Abgrund, den eine Unbeantwortbarkeit dieser Frage aufspannt. Wir sehen hier die Ursache der allgemeinen Verunsicherung des westlichen Denkens, das sich im Verlaufe seiner historischen Entwicklung immer mehr von dieser Sicherheit der Erkenntnis entfernte, bis es schließlich heute in den zersetzenden Theorien des Positivismus und Konstruktivismus mündete.

Die logische Stringenz dieses Denkens führt Gotthard Günther weiter bis zu einem äußerst delikaten Gegensatzpaar, dem von Leben und Tod: »Es kann für dieses Denken niemals ein Zweifel daran bestehen, was totes Ding und was lebendiges Subjekt ist. (…) Derjenige, der der Auffassung huldigt, dass sich die metaphysische Schranke zwischen Ding und Subjektivität, respektive Geist, in dieser Welt verwischen lässt, ist im tiefsten Sinne abergläubisch, denn er glaubt an Gespenster. Ist doch das Gespenst die im Diesseits zum Dinge herabgesunkene Seele.« (S. 26 f.) An dieser Stelle mag vorausgeschickt werden, dass hier nicht nur die Frage nach der beseelten Natur angesprochen ist, sondern auch die Frage, inwiefern es überhaupt etwas Totes in dieser Welt gibt.

Auf dem zweiwertigen Schema beruht also unsere ganze bisherige Tradition, die Struktur unserer Kultur, die Klassifikation unserer Wissenschaften und der volle Umfang der abendländischen Technik. Die kybernetischen Theorien lassen sich jedoch in diesem dualistischen Weltbild nirgends einordnen. Mit dem Informations- und Kommunikationsprozess ist eine neue metaphysische Komponente entdeckt, die sich weder ganz auf reine Objektivität noch ganz auf reine Subjektivität reduzieren lässt und der man auch dadurch nicht beikommen kann, dass man sie aufspaltet und partiell auf Subjekt und Objekt verteilt.

Zeit, Information und Syntropie

Erstaunlicherweise weist die Kybernetik darauf hin, dass in einem Kommunikationsprozess die Richtung der Zeit einsinnig ist. Kommunikation bewegt sich in der Zeit vorwärts und ist aufbauend. Damit unterscheidet sie sich von materiellen Systemen, die das Merkmal der Entropie aufweisen. »Die temporale Struktur eines Informations- und Kommunikationsprozesses ist, selbst wenn man ihn aus dem lebenden, bewussten Subjekt in einen kybernetischen Mechanismus projiziert hat, immer noch die eines Organismus.« (S. 31) Es besteht also ein Zusammenhang zwischen Information und Syntropie (Negentropie). Information ist, obwohl sie auf materielle Mechanismen übertragbar ist, in ihren Eigenschaften denen des lebenden Organismus ähnlich, sie ist syntropisch.

Die dritte Sphäre

Dass Information nicht materiell ist, kann leicht eingesehen werden. Man kann sie nicht mit Händen greifen. Dennoch ist sie aber auch nicht geistig. Obwohl die kybernetischen Maschinen, die Computer, geistige Eigenschaften wie Erinnerung, intelligente Lenkung und Beeinflussung von Realitätszusammenhängen durch informative Daten, logische Strukturen und abstrakte Motive, sowie Reaktionsfähigkeit auf Signale und Intelligenz besitzen, können diese Eigenschaften nicht unbedingt als Manifestation von Geist und Spiritualität angesehen werden, da sie sich mechanisch darstellen und wiederholen lassen. Information stellt aufgrund ihrer Eigenschaften eine dritte Qualität neben Subjektivität und Objektivität dar.

Bemerkt sei noch, dass die oben genannten geistigen Eigenschaften nicht vollständig in den Mechanismus eingehen können. Insbesondere die introszendenten metaphysischen Tiefenperspektiven können überhaupt nicht übernommen werden. In den kybernetischen Bereich können nur statistisch oder logisch-mathematisch bearbeitbare Inhalte übernommen werden. Wie wir noch sehen werden, entzieht sich das seelische Wesen des Menschen ohnehin der Logik und zeigt sich dort nur in Form von Paradoxien und Widersprüchen. Nur ein Teil der subjektiven Eigenschaften lässt sich im Informationsprozess darstellen. Dass diese bisher zur subjektiven Seite gezählt wurden, unterlag dem Fehler einer falsch verstandenen Spiritualität, die der zweiwertigen Logik unterworfen war. Ebenfalls Produkt der zweiwertigen Logik wäre jedoch der Umkehrschluss, diese Bestände dem intelligenzlosen, natürlichen Gegenstandsbereich im Sinne einer Objektivität an sich zuzuordnen. Für sie wird, wie zuvor erwähnt, eine dritte Sphäre proklamiert.

Das mittlere Jenseits

Die Unzulänglichkeit des dualistischen Weltbildes zeigt sich darin, dass Reflexion nie ganz Objektivität werden und andererseits das mechanische Gehirn nie ganz den Charakter eines Ichs annehmen kann. Andererseits aber besteht weder für den Objektivationsprozess der Reflexion noch für den Subjektivationsprozess des Mechanismus irgendeine endliche Grenze. Sie bewegen sich gegenläufig gleich zweier Hyperbeln, die sich an einer mittleren Achse aufrichten, aufeinander zu, ohne sich je zu berühren. Dazwischen befindet sich das »mittlere Jenseits«, der Informationsprozess, der eine eigene Art der Transzendenz besitzt (s. Abb. 1). Wir haben somit drei Unerreichbarkeiten (Transzendenzen): 1. die objektive Unerreichbarkeit des Ansich; 2. die subjektive Unerreichbarkeit der Innerlichkeit des Für-sich; 3. die Unerreichbarkeit, die uns lehrt, dass Subjekt und Objekt einander auch in der Mitte nicht voll und ganz begegnen können.

Die dritte Transzendenz zwischen Subjekt und Objekt
Abb. 1: Die dritte Transzendenz zwischen Subjekt und Objekt

Gotthard Günther erinnert an dieser Stelle daran, dass die dritte Region der Realität durch Abtrennung von den subjektiven Phänomenen gewonnen wurde. Nur der Begriff des Subjekts wird verändert, nicht der des Objekts. Die klassische Idee von Objekt und Objektivität bleibt unberührt. Wenn auch auf der Basis der neu gefundenen dritten Region eine dreiwertige oder sogar generelle mehrwertige Metaphysik eingeführt werden kann, so bleibt doch auch die klassische zweiwertige Logik intakt. Sie bleibt gültig, soweit rein objektive Strukturen allein zur Diskussion stehen, in denen keine subjektiven oder an das Ich gebundenen Reflexionen eine Rolle spielen.

Wird fortgesetzt

Quellen:

Tattva Viveka Nr. 17 (Abre numa nova janela)

Tattva Viveka 17 (Abre numa nova janela)

Ronald Engert: Der absolute Ort, Band 1, Berlin 2014 (Abre numa nova janela)

Bildnachweis: Foto von Steve Johnson (Abre numa nova janela) auf Unsplash (Abre numa nova janela)

 

 

 

 

 

 

Tópico Philosophie

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