
Am Dienstag war ich mit einem Freund (Grüße!) und Daniel auf einem Konzert. Eine kleine, feine Location mit familiärem Ambiente, mitten in Kreuzberg. Wir kamen spät, der Raum vor der Bühne war bereits voll mit Menschen.
Ich bin 1,54 m groß bzw. klein, was bedeutet, dass es für mich sehr ungünstig ist, hinten zu stehen. Ich sehe nichts, und die Menschen vor mir drücken mir ihre Rücken ins Gesicht. Nicht so nice.
Als wir unsere Mäntel an der Garderobe abgaben, bemerkten wir, dass man auch direkt neben der Bühne stehen konnte. Dort war noch alles frei. Und so kam es, dass wir in der ersten Reihe direkt an der Bühne standen – seitlich eben.
Die Band trat auf, und wir versanken in der Musik.
Von meinem Platz an der Seite konnte ich direkt in die Gesichter des restlichen Publikums sehen, das vorne an der Bühne stand. Was sah ich? Entspannung, Begeisterung, Rührung, Ekstase, Freude, Respekt, Gelöstheit.
Ich frage mich, wann wir im Alltag diese Mischung an Gefühlen erleben.
Wozu brauchen wir Kunst in schwierigen Zeiten?
Im letzten Newsletter ging es ungewohnt finster zu. Ich habe über die neuen KI-Entwicklungen und die Ausbreitung des Überwachungskapitalismus geschrieben und darüber, was das für uns alle und für Künstler im Speziellen bedeutet.
Die Kurzform: eher nichts Gutes.
Die Langform: kannst du hier nachlesen – “Big Tech und der große Sumpf”. (Abre numa nova janela)
Wenn wir uns die Weltlage so ansehen, die Krisen und Konflikte, alles, was mit dem Klima zu tun hat, was politisch gerade so los ist etc., dann liegt der Schluss nahe, dass es gerade nicht die Zeit für Kunst ist. Wir betrachten Kunst als Deko. Nett, aber nicht notwendig. Sie kann unser Leben aufhübschen, ein bisschen heller machen wie eine Lichterkette. Sie riecht gut und ist schön anzusehen. Wir fühlen uns bei ihr wohl. Aber in Zeiten wie diesen ist sie fatale Weltflucht, eine Ablenkung, die uns von den wirklich wichtigen Dingen, die gerade zu tun wären, fernhält.
Ehrlich gesagt, finde ich diese Einstellung fatal.
(Ich ertappe mich selber oft genug dabei.)
Natürlich können wir uns mit Kunst berieseln. Tagelang Netflix-bingen, um zu vergessen, was da draußen los ist. Viel Geld in ein Gemälde stecken, um unseren gesellschaftlichen Status aufzubessern oder das Ambiente unseres Wohnzimmers zu optimieren. Im Supermarkt fröhliche Musik laufen lassen, um Kunden in Kauflaune zu bringen.
Ja, das sind vielleicht nicht die besten Arten, sich mit Kunst zu beschäftigen.
Aber ich meine etwas anderes.
Gerade in Zeiten, in denen um uns herum der Sturm tobt, gibt Kunst uns ein Zuhause.
Kunst ist nicht die Lichterkette am Gartenzaun. Sie ist das Lagerfeuer, an dem wir uns wärmen und als Menschen zusammenkommen.
Wir leben in fordernden Zeiten, in vielerlei Hinsicht. Und wir neigen dazu, dabei zu vergessen, was wirklich zählt. Wir vergessen unsere Menschlichkeit.
Wir schielen auf Produktivität, auf unser Vorankommen, auf unseren gesellschaftlichen Status. Wir suchen Ablenkung und Betäubung. Wir fühlen uns überrannt, werden von Ängsten überschwemmt. Wir investieren viel, um diese Gefühle nicht wirklich wahrzunehmen. Wir suchen nach Orientierung und haben dann wieder keine Zeit dafür. Wir hetzen von Termin zu Termin. Und dann, in ruhigen Momenten, steigt die Einsamkeit auf, die wir mit digitalem Input bekämpfen. Wir schimpfen auf die Regierung und die Afd und vergessen unserer Freundin zu erzählen, dass wir gerade eine schwere Zeit durchmachen. Wir finden keine Zeit, unsere 90-jährige Oma anzurufen.
Und dann gehen wir ins Konzert und hören dieses eine Lied.
Sitzen mit dem Buch auf dem Sofa und lesen diesen einen Satz.
Sehen an der Wand im U-Bahntunnel diesen einen Schriftzug.
Und plötzlich wird etwas ganz ruhig in uns. Oder ganz aufgewühlt. Emotionen steigen auf. Du verstehst etwas, tief in dir drinnen. Du fühlst dich verstanden. In diesem einen Augenblick ist der Zeitstrom für dich unterbrochen. Du bist im Hier und Jetzt, ganz bei dir. Du spürst. Du erahnst. Du erkennst. Und du verstehst, dass du nicht allein bist. Jemand hat dich verstanden. Jemand hat es aufgeschrieben. Jemand hat ein Lied daraus gemacht. Jemand hat es an die Wand gesprayt.
Es gibt Dinge, die verbinden uns alle. Und Kunst erinnert uns daran.
Und genau das ist der Grund, warum ich Kunst machen möchte.
(Der zweite Grund ist, dass ich sonst ersticken würde.)
Tu dir einen Gefallen, und lass Kunst in dein Leben. Suche sie auf wie eine gute Freundin. Pflege diese Beziehung. Organisiere Dates mit ihr. Und unterstütze die Menschen, die diese Kunst unter schweren Umständen zur Welt gebracht haben. Denn wir brauchen sie.
Alles Liebe
Miriam
❤️
Dieser TEDx-Talk hat mich letzte Woche sehr inspiriert
Amie McNee, Künstlerin, Autorin und kreative Inspiratorin (schönes Wort) für viele, viele Menschen geht in ihrem TEDx-Talk The case for making art when the world is on fire von einer ähnlichen Frage aus: Sollten wir überhaupt noch Kunst machen, wenn es in der Welt gerade viel drängendere Probleme gibt?
Schau rein und lass dich inspirieren:
(Abre numa nova janela)Und für alle, die neugierig sind, auf was für einem Konzert ich war…
Dieses Video sollte euch einen guten Eindruck verschaffen. 😊 (Abre numa nova janela)
Nimm dir fünf Minuten Zeit, lass alles andere stehen – und genieße.
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