Saltar para o conteúdo principal

In Pizzone darf man nicht hupen

Eine Erzählung

Was mich wütend machte, war nicht, dass das Kind in das Auto der Nonne gekotzt hatte. Oder dass die Nonne überstürzt an der ausgestorbenen Hauptstraße von Pizzone hatte halten müssen. Dass ich das Kind direkt neben dem heruntergekommenen Kinderspielplatz am Hang des Berges bis auf die Unterhose hatte ausziehen und in meinen Schal hatte wickeln müssen wie in eine römische Toga. Dass die Nonne derweil den Kindersitz, den Autositz, die Fußmatten, die hintere Seitentür und die Rückenlehne des Vordersitzes mit Küchentüchern aus dem Kofferraum hatte abwischen müssen. Dass die Nonne und ich jetzt auf einer morschen Bank auf dem Spielplatz von Pizzone saßen, während das Kind schaukelte. Nein, nichts davon hatte mich wütend gemacht.

Es war einer dieser Momente gewesen, die man nur mit Kindern erlebt. Warum darf man hier nicht Trompete spielen, hatte das Kind ausgerufen, als wir hinter dem Ortseingang von Pizzone an dem seltsamen Verkehrsschild vorbeirauschten. Der Gegenstand, der auf dem Schild abgebildet war, glich tatsächlich einer Trompete, und die Trompete war durchgestrichen. Ich hatte dem Kind zu erklären versucht, dass das auf dem Schild eine Hupe sei. In Pizzone dürfe man nicht hupen. Doch meine Worte wurden von dem unvermeidlichen Geräusch verdrängt, das ertönt, wenn ein Mensch, und sei er nur fünf Jahre alt, seinen Mageninhalt mit Nachdruck im Inneren eines gelben Cinquecento verteilt. Ja, ich war wütend. Aber nicht deshalb.

Meine Wut war schon älter, viel älter. Ich wusste nicht mehr, wann sie bei mir eingezogen war und wozu. Sie hatte sich heimlich eingeschlichen und immer mehr Platz für sich beansprucht. Mit ihr war es zu Hause eng geworden: der Mann, die drei Kinder, meine Wut und ich, das waren zu viele Bewohner für eine Berliner Dreizimmerwohnung.

Doch hier, im hintersten Winkel von Molise, derjenigen Region Italiens, die allein dafür bekannt ist, für nichts bekannt zu sein, hier hatte ich nur eines der Kinder dabei, und Platz war reichlich vorhanden. Im Kloster hatten die Nonnen mir und dem Kind eines ihrer vielen Gästezimmer zur Verfügung gestellt, und meine Wut machte sich seitdem ganz klein. Zu wohltuend, zu sanft war die Gastfreundschaft der Nonnen, zu köstlich schmeckte das Essen, zu friedlich war dieser Ort. Die Thunfischbuletten, die Fleischtomaten, der Büffelmozzarella, die selbstgemachten Gnocchi, das frische Pesto, die Zucchini aus dem Garten, der Rotwein, das Tiramisu. Jede Mahlzeit eine Umarmung.

Die Nonnen hatten uns schon einmal durchgefüttert, da hatten der Mann, die Kinder und ich in der Nähe Urlaub gemacht und waren alle krank geworden. Fieber, Schüttelfrost, das ganze Programm. Der Mann hatte sich an seine Schwester gewandt, die damals als junge, frische Nonne noch den weißen Schleier trug, und das Kloster hatte uns aufgenommen. Die Nonnen bekochten uns eine Woche lang. Die Kinder erholten sich nach wenigen Tagen, sie durften ihrer Tante bald in der Küche helfen – die beiden Großen, das Kleine war noch in meinem Bauch. Der Mann und ich hatten mit Fieber im Bett gelegen, jeder für sich, und meine Wut, die hatte auch damals schon an meinem Bett gesessen.

Später, zurück in Berlin, hatte sich meine Wut verzogen. Sie hatte die Freundlichkeit der Nonnen nicht ausgehalten, und ich trug diese Freundlichkeit eine ganze Weile wie einen Talisman mit mir herum, der mich beschützte. Eine Erinnerungsreliquie, die mit der Zeit ihre Aura verlor. Ich holte sie erst wieder hervor, als meine Wut zurückkehrte, wilder und unkontrollierbarer als zuvor.

Dass ich eine Auszeit bräuchte, warf ich dem Mann nach einer unserer fruchtlosen Diskussionen hin. Dass er das genauso sehe, antwortete er, sein Ton klang eine Spur zu scharf. Ich kaufte Tickets, für mich und das jüngste Kind und schrieb den Nonnen. Ich verabschiedete die beiden Großen, die zur Schule mussten, mit dumpfem Gefühl. In meinem Koffer lag ein extra schwerer Klumpen schlechten Gewissens. Ich bin eine schlech-te Mut-ta-ta-ta-ta, ratterte es in meinem Kopf, als der Zug in Berlin aus dem Bahnhof rollte. Ich war eine schlechte Mutter, als wir in München in den Nachtzug stiegen und als wir am nächsten Morgen in Rom ankamen. Ich war eine schlechte Mutter, als wir im Regionalzug ins italienische Hinterland saßen. Und ich war eine schlechte Mutter, als die Nonne am Bahnsteig das Kind in ihre Arme schloss, sodass es für einen Moment ganz unter ihrem wallenden schwarzen Gewand verschwand.

Die ersten Tage saß ich untätig im Klostergarten herum, auf einem Gartenstuhl, das Kind spielte mit seinen Pferden am Teich, ein paar Meter von mir entfernt. Ich starrte Stunde um Stunde auf die Berggipfel und beobachtete, wie sie sich im Laufe des Tages mit dem Licht der Sonne veränderten, wie sie manchmal in den Wolken verschwanden. Meine Wut lag neben mir im Gras und döste. Die Nonne schaute regelmäßig vorbei, brachte Cappuccino und Kekse und bot mir das Klosterauto für Ausflüge an. Ich antwortete mit dem immer gleichen Satz: Ich bin gekommen, um nichts zu tun.

Die Nonne sah sich meine Lethargie ein paar Tage an, dann informierte sie mich nach der siesta, unserer ausgedehnten Mittagspause, darüber, dass wir einen Ausflug machen würden, sie hätte den Nachmittag freibekommen. Wir stiegen in den Cinquecento, die Nonne saß am Steuer, ich auf dem Beifahrersitz, das Kind hinter mir auf der Rückbank. Ich bemerkte zu spät, dass meine Wut im Kofferraum mitfuhr.

Zunächst lief es gut. Eine ganze Weile fuhren wir im Zickzack durch das Tal, Richtung Berge. Die Straßen wurden kurviger, die Steigung zog an. Wir passierten ein paar Bergdörfer. Nicht mehr lange, sagte die Nonne, das ist das letzte Stück. Die Straße führte jetzt in Serpentinen den Berg hinauf, durch dichten Laubwald, der neben uns steil in die Höhe schoss und auf der anderen Seite schroff abfiel. Zwischen den dichtstehenden, herbstlich gefärbten Bäumen sahen wir riesige weiße Gesteinsbrocken. Wie gedankenlos hingeworfen lagen sie da und reflektierten das schräg einfallende Sonnenlicht. Die Schilder am Rand der brüchigen Straße zählten i tornanti, die Spitzkehren. Wir zählten mit.

Die Nonne fuhr umsichtig, mit hoher Drehzahl quälte sie den Fiat die Steigung hinauf, das Kind fing an, über Bauchschmerzen zu klagen. Ich wusste, was das heißt. Ich reichte dem Kind einen Gefrierbeutel nach hinten, den ich im Seitenfach meines Rucksacks gefunden hatte, und verrenkte mich vom Beifahrersitz aus, um dem Kind das Knie zu streicheln wie eine gute Mutter. Du machst das gut, dauert nicht mehr lange. Zwanzig Kurven hatten wir hinter uns gebracht, als die Steigung unvermittelt aufhörte. Die Straße führte jetzt gut einen Kilometer flach in den Wald hinein, bis die Bäume zur Seite traten und den Blick freigaben. Da lag sie: eine weite Ebene mit grünen, sanften Hügeln in wer weiß wie vielen Metern Höhe.

Was für ein Ort, dachte ich.

Die Straße führte schnurgerade in die Ebene hinein. Im Schritttempo fuhren wir an Kühen mit leuchtend weißem Fell und einer Gruppe muskulöser Pferde vorbei, die nur zwei Meter von uns entfernt friedlich auf der Wiese grasten, ohne Zaun, ohne Gatter, einfach so. Es war empfindlich kühl, als wir ausstiegen, ganz anders als im Tal, in dem an diesem späten Oktobertag noch fünfundzwanzig Grad herrschten. Ich warf meinen Herbstponcho über und wickelte mich fest darin ein, griff nach Schal und Jacke des Kindes, die ich auf Anraten der Nonne eingepackt hatte.

Ich schloss für einen Moment die Augen.

Das ist es, dachte ich. Das ist es, wofür ich hergekommen bin. Nur ein Molekül dieser Luft mit nach Berlin nehmen, dachte ich. Sich zwischen diese Kühe und Pferde legen und alles vergessen, dachte ich. Für einen Moment so stark und frei sein wie sie.

Die Jacke des Kindes landete auf dem Boden, das Kind hatte sie mir aus der Hand gerissen. Ich will diese Jacke nicht anziehen, schrie es und holte nach mir aus. Mir – ist – nicht – kalt.

Da bot sich meine Wut an. Und ich akzeptierte.

Mein Schrei war der Schrei eines Raubvogels, der unten im Feld Beute entdeckt und sich im Steilflug auf sie stürzt. Alle Farben verschwammen im Rausch der Geschwindigkeit, alle Details lösten sich in einem einzigen Strom auf, alles ringsum wurde weggeschwemmt, und nur der eine Punkt gewann an Schärfe, das eine Ziel, auf das sich alles konzentrierte. Jede Faser war aufs äußerste gespannt, mein Körper gehorchte einem einzigen Willen.

Was bist du nur für ein Kind, schrie ich. Du machst mich krank, schrie ich. Ich hab’s so satt, schrie ich, kannst du nicht einmal. Du – machst – mich – kaputt.

Später standen wir irgendwo auf der Weide. Ich schüttelte den Kopf, als das Kind mir eine abgeknickte Blume reichte, auf ein Pferd deutete. Ich schaute in die andere Richtung, als die Nonne das Kind an der Hand nahm, um die Tiere aus der Nähe zu betrachten. Dann stiegen wir wieder ins Auto, brachten die zwanzig Kurven hinter uns, und dann, mitten in Pizzone, kurz nach dem Trompetenschild, kotzte das Kind plötzlich, aus vollem Hals und ohne Vorwarnung.

Da saßen wir also, die Nonne und ich. Die morsche Bank unter uns ächzte heiser, wenn eine von uns sich bewegte. Die Schaukel, auf der das Kind saß, schickte uns ein monotones Knietsch Knartsch in Dauerschleife herüber. Erlaubte Geräusche in Pizzone.

Ich sagte: Hast du jemals bereut, Nonne zu werden. Ich sagte: Ist doch heftig, wenn man jeden Tag funktionieren muss. Ich sagte: Da ist immer diese Struktur, und du musst dich anpassen. Ich sagte: Was machst du, wenn du merkst, dass es nicht passt. Ich sagte: Man denkt, man hat sich das gut überlegt und dann ist es komplett anders. Ich sagte: Ist doch krass, wenn man nicht einfach gehen kann.

Ich sagte: Dieser Moment, wenn man checkt, dass man nicht zurückkann. Ich sagte: Wenn einem klar wird, dass man alles aufgegeben hat und es nie wieder wie vorher wird. Ich sagte: Dass man abgebogen ist, und es war die falsche Straße. Dass man jetzt in einem Tunnel steckt und dass der Tunnel immer enger wird, und am Ende ist kein Licht. Ich sagte, dass man dann nur noch schreien kann. Dass ich nur noch schreien will.

Knietsch knartsch, sagte die Schaukel.

Ich fragte leise: Kennst du das.

Die Schaukel schwieg. Das Kind stapfte zu uns herüber.

Ich weiß, du wirst jetzt sauer. Ich hab in den Schal gepinkelt.

Ich sah in seinem Gesicht, wie es die Wut erwartete. Ich erwartete sie auch. Doch sie kam nicht. In mir war nur Erschöpfung.

Kennst du das, flüsterte ich.

Die Nonne schenkte mir einen langen Blick, den ich nicht deuten konnte. Wir erhoben uns, das Kind lief zum Auto vor und schleifte seine Toga über den Boden hinter sich her.

Ich stand einen Moment unschlüssig. Die Nonne sah mich an, dann griff sie entschlossen nach meiner Hand und zog mich an sich. Der Stoff ihres Habits legte sich um mich, das gefaltete Gewand fächerte sich für mich auf. Ich verschwand in den großen Fledermausärmeln. Ihre Umarmung war fest, der Habit wie eine große warme Decke, für einen Moment löste ich mich darin auf. Jede Frau hat ihre Wut, flüsterte sie. Ich spürte, wie ihre Wut meiner die Hand reichte, wie meine Wut für einen Moment zu ihrer wurde und ihre zu meiner. Wie die Trennung zwischen uns durchlässig wurde, für einen klitzekleinen, winzigen Moment.

Sie löste die Umarmung, und ich nickte.

Was machen wir jetzt, wollen wir hupen?, fragte die Nonne, als wir alle im Auto saßen. Ich sah ihre Augen im Rückspiegel blitzen. Ich saß neben meiner Tochter auf dem Rücksitz und hielt ihre kleine, speckige Hand, bis wir im Tal waren.

Die Autorin

Hi, ich bin Miriam Schaan. Literaturwissenschaftlerin, 3-fach-Mama, und angehende Romanautorin. Ich schreibe über Mutterschaft, weibliche Perspektiven und die besondere Verbindung, die entsteht, wenn Frauen einander wirklich begegnen. Und ich setze mich für die Sichtbarkeit von Frauen in Kunst und Literatur ein.

Wenn du meiner Arbeit folgen möchtest,

lade ich dich herzlich zu meinem Newsletter women & arts ein. Dort schreibe ich sehr persönlich über alles, was mich bewegt: über mein Schreiben, über empfehlenswerte Lektüren, über Frauen, die mich inspirieren. Konkret, kreativ, mit Herz. Ich freue mich, wenn du dabei bist!

Hat dich diese Geschichte berührt?

Dann freue ich mich, wenn du sie weiterempfiehlst! Leite diese Seite an eine Freundin, einen Freund, deine Oma, deinen Onkel, deine Nachbarin weiter! Sie werden sich sicher freuen.

Herzlichen Dank dafür!

❤️

Bitte beachte: Diese Geschichte ist urheberrechtlich geschützt.

© 2025, Miriam Schaan. Alle Rechte vorbehalten.

Tópico diary of a writing woman

0 comentários

Gostaria de ser o primeiro a escrever um comentário?
Torne-se membro de WOMEN & ARTS | VON MIRIAM SCHAAN e comece a conversa.
Torne-se membro