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Warum wir Weihnachten feiern

Ein Versuch, den Sinn nicht auszulagern.

Man sagt, Weihnachten sei das Fest der Geburt Jesu.

Für viele ist das wahr. Für andere ist es ein Familienfest, ein kulturelles Ritual, ein Datum im Kalender, das man „halt so begeht“.

Ich bin Atheist.

Und trotzdem feiere ich Weihnachten.

Nicht, weil ich an etwas Höheres glaube.

Sondern weil ich an etwas Näheres glaube.

Weihnachten ist für mich kein Erinnern an ein göttliches Ereignis, sondern ein menschliches.

Ein Innehalten in einer Welt, die sonst kaum Pausen kennt.

Ein leiser Moment, in dem wir, wenigstens für einen Augenblick – aufhören, nach mehr zu greifen.

Es ist die Einladung, das zu sehen, was ohnehin da ist.

Ein warmes Licht im Raum.

Eine vertraute Stimme.

Ein ehrliches „Schön, dass du da bist“.

Oder dieses flüchtige, fast unscheinbare Lächeln an der Kasse, das nichts kostet – und doch etwas verändert.

Vielleicht ist das Unbequeme an Weihnachten nicht, dass es zu viel Konsum gibt.

Sondern dass es uns einmal im Jahr zwingt, uns zu fragen, ob das, was wir haben, eigentlich genug sein dürfte.

Wir haben gelernt, Sinn auszulagern.

An Ideologien.

An Systeme.

An höhere Mächte oder große Erzählungen.

Das entlastet.

Aber es macht auch blind.

Denn wenn Sinn immer woanders entsteht, dann übersehen wir ihn dort, wo er greifbar wäre:

im Alltag, im Zwischenmenschlichen, im Kleinen.

Weihnachten – so verstanden – ist kein religiöses Fest.

Es ist eine Übung.

Eine Übung in Dankbarkeit, ohne Schuldgefühl.

In Wertschätzung, ohne Pathos.

In Nähe, ohne Versprechen auf Erlösung.

Nicht alles muss „mehr“ werden.

Manches darf einfach gesehen werden.

Vielleicht feiern wir Weihnachten, weil wir sonst vergessen würden, dass Sinn nichts ist, das man findet, sondern etwas, das man lebt.

Und vielleicht reicht das.

Was in deinem Leben ist so selbstverständlich geworden, dass du es kaum noch siehst – obwohl es einmal alles für dich war?

Bianka Seredinski-Holzner

Zwischenraumtexte 2025

Tópico Philosophisches Essay